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137 Milliarden Euro für Forschung – und trotzdem nicht genug? Deutschlands F&E-Ausgaben im Realitätscheck

Die Forschungsausgaben in Deutschland sind 2024 auf den Rekordwert von 137,1 Milliarden Euro gestiegen, der BIP-Anteil erreicht mit 3,17 Prozent einen historischen Höchststand. Doch hinter den Schlagzeilen verbirgt sich ein differenzierteres Bild: Das nationale 3,5-Prozent-Ziel bleibt verfehlt, und das Wachstum der Unternehmensausgaben bewegt sich nur auf Inflationsniveau.

AKTUELL
137 Milliarden Euro für Forschung – und trotzdem nicht genug? Deutschlands F&E-Ausgaben im Realitätscheck

Rekordwert mit Einschränkungen

Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland sind im Jahr 2024 um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 137,1 Milliarden Euro gestiegen1Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024. Laut Statistischem Bundesamt erreichte der Anteil am Bruttoinlandsprodukt damit 3,17 Prozent – den höchsten Wert seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 19951Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024. Deutschland übertrifft damit erneut das EU-Ziel der Wachstumsstrategie „Europa 2020", das mindestens drei Prozent vorsieht.

Die Zahl klingt nach einer klaren Erfolgsmeldung. Sie verdient allerdings eine genauere Betrachtung – denn weder die Zusammensetzung des Wachstums noch der internationale Vergleich stützen die Interpretation, dass Deutschlands Forschungslandschaft auf ungebremsten Erfolgskurs sei.

Wirtschaft: Wachstum auf Inflationsniveau

Der mit Abstand größte Posten entfällt auf die Wirtschaft. Die Unternehmen steigerten ihre F&E-Ausgaben 2024 um 2,3 Prozent auf 92,5 Milliarden Euro1Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024 – und trugen damit weiterhin mehr als zwei Drittel der Gesamtausgaben. Doch wie der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft einordnete, entspricht dieses Plus in etwa der Inflationsrate2Stifterverband: Wachstum der Wirtschaftsausgaben für Forschung und Entwicklung auf Inflationsniveau. Real betrachtet stagnieren die unternehmerischen Forschungsinvestitionen also weitgehend.

Das ist bemerkenswert in einem Jahr, in dem die industrielle Produktion in Deutschland insgesamt unter Druck stand. Es zeigt einerseits, dass Unternehmen an ihren Forschungsbudgets festhalten – auch in konjunkturell schwierigen Zeiten ein positives Signal. Andererseits fehlt der dynamische Aufwuchs, den eine Volkswirtschaft bräuchte, die erklärtermaßen durch Innovation aus der Wachstumsschwäche herausfinden will.

Die Branchenstruktur der unternehmerischen F&E-Ausgaben bleibt dabei hochkonzentriert. Die Automobilindustrie ist mit 31,3 Milliarden Euro weiterhin die forschungsstärkste Branche, mit einem Plus von 3,3 Prozent2Stifterverband: Wachstum der Wirtschaftsausgaben für Forschung und Entwicklung auf Inflationsniveau. Überdurchschnittlich wuchs die Informations- und Kommunikationswirtschaft. Für viele Mittelständler bleibt der Zugang zu substantieller F&E-Kapazität hingegen eine Herausforderung – sowohl finanziell als auch personell.

Außeruniversitäre Forschung: Starker Sprung durch Großprojekte

Deutlich dynamischer entwickelten sich die beiden anderen Sektoren. Die Hochschulen steigerten ihre F&E-Ausgaben um 4,7 Prozent auf 24,1 Milliarden Euro1Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024. Noch stärker legten die außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu: Sie wendeten 20,4 Milliarden Euro auf – ein Plus von 10,1 Prozent1Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024.

Der Zuwachs bei den außeruniversitären Einrichtungen bedarf allerdings einer Relativierung. Allein im Wissenschaftszweig Naturwissenschaften und Mathematik stiegen die Ausgaben um 22,8 Prozent auf 8,2 Milliarden Euro, wesentlich getrieben durch Physik und Astronomie mit einem Plus von 46,2 Prozent1Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024. Destatis führt diesen Sprung auf hohe Investitionen bei einer nicht näher genannten Großforschungseinrichtung zurück – mutmaßlich eine Großinvestition im Bereich Teilchenphysik oder Fusionsforschung.

Für die produzierende Industrie hat das nur begrenzte direkte Relevanz. Stärker ins Gewicht fällt der Befund, dass die rund 300 gemeinsam von Bund und Ländern geförderten Einrichtungen – darunter die Institute der Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft – ihre Ausgaben um 4,6 Prozent auf 14,5 Milliarden Euro steigerten1Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024. Gerade die Fraunhofer-Gesellschaft mit ihrem anwendungsorientierten Profil ist ein wichtiger Transferpartner für industrielle F&E.

Das 3,5-Prozent-Ziel: Strukturell verfehlt

Die zentrale Schwäche der deutschen F&E-Bilanz bleibt das nationale Ziel, bis 2025 eine Quote von 3,5 Prozent des BIP zu erreichen. Mit 3,17 Prozent liegt Deutschland 0,33 Prozentpunkte darunter. Das klingt nach einer kleinen Differenz – bedeutet aber bei einem BIP von rund 4,3 Billionen Euro eine Lücke von gut 14 Milliarden Euro.

Es ist mittlerweile absehbar, dass dieses Ziel auch 2025 nicht erreicht wird. Die Gründe sind struktureller Natur: Die unternehmerischen F&E-Ausgaben wachsen real kaum, und die öffentliche Hand müsste ihre Investitionen massiv hochfahren, um die Lücke zu schließen. In einem Umfeld angespannter Staatshaushalte erscheint das unrealistisch.

Internationaler Kontext: Die Spitze entfernt sich

Im EU-Vergleich steht Deutschland mit seiner F&E-Quote weiterhin gut da. Doch der relevante Vergleich für eine exportorientierte Industrienation führt über die EU hinaus. Israel und Südkorea investieren mit rund sechs beziehungsweise fünf Prozent des BIP deutlich mehr in Forschung und Entwicklung3Pharmazeutische Zeitung: Forschungsstandort Deutschland im Blick – internationaler Vergleich. Auch die USA und Japan liegen über der Drei-Prozent-Marke, wobei die USA in absoluten Zahlen ein Vielfaches der deutschen Aufwendungen stemmen.

Für die deutsche Industrie ist vor allem der Vergleich mit Ländern relevant, in denen die nächste Generation von Schlüsseltechnologien entsteht: Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, fortgeschrittene Halbleiterfertigung, Biotechnologie. In diesen Feldern werden die Investitionsniveaus in den USA, China und Südkorea durch massive staatliche Programme getrieben, die in ihrer Dimension über das hinausgehen, was Deutschland allein oder im EU-Rahmen mobilisiert.

Personal: Langsamer Aufwuchs, anhaltende Disparitäten

Die Personalsituation in der Forschung verbessert sich zwar, aber ohne disruptive Dynamik. Das wissenschaftliche Personal in außeruniversitären Einrichtungen stieg um 2,1 Prozent auf 67.200 Vollzeitäquivalente1Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024. Der Frauenanteil liegt bei 36,7 Prozent – ein Anstieg um 0,7 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.

Für Industrieunternehmen ist die Personalfrage oft entscheidender als das Budget. Der Mangel an qualifizierten Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Datenwissenschaftlern begrenzt die F&E-Kapazität vieler Betriebe stärker als finanzielle Restriktionen. Die moderate Personalentwicklung in der Forschungslandschaft deutet nicht darauf hin, dass sich dieser Engpass kurzfristig auflöst.

Was die Zahlen für die Industrie bedeuten

Die Destatis-Daten sind ein Aggregat, das viele Einzelentwicklungen verdeckt. Für Entscheider in der produzierenden Industrie lassen sich dennoch drei zentrale Schlüsse ziehen:

Erstens: Die deutsche Forschungslandschaft ist nach wie vor leistungsfähig, aber sie wächst nicht schnell genug, um den internationalen Wettbewerb auf Dauer zu bestehen. Das 3,5-Prozent-Ziel ist faktisch gescheitert, und das auf dem Papier beeindruckende Wachstum wird durch Inflation und Sondereffekte bei Großforschungsprojekten überzeichnet.

Zweitens: Der Schlüssel liegt in der Verbindung von öffentlicher Forschung und unternehmerischer Anwendung. Die Tatsache, dass die Fraunhofer- und Leibniz-Institute ihre Budgets steigern, ist positiv – vorausgesetzt, der Transfermechanismus in die industrielle Praxis funktioniert. Formate wie Enterprise Labs, in denen Unternehmen und Forschungsinstitute gemeinsam an konkreten Produktentwicklungen arbeiten, sind ein Modell mit Potenzial.

Drittens: Für den Mittelstand bleibt der Zugang zu systematischer F&E die größte Herausforderung. Die steuerliche Forschungsförderung, die 2020 eingeführt wurde, entfaltet erst langsam Wirkung. Angesichts der Tatsache, dass große Konzerne den Löwenanteil der unternehmerischen F&E-Ausgaben tragen, muss die Frage gestellt werden, wie die Innovationsfähigkeit der breiteren industriellen Basis gestärkt werden kann.

Ausblick

Die 137 Milliarden Euro sind kein Grund zur Klage – aber auch kein Anlass zur Selbstzufriedenheit. Deutschland investiert mehr in Forschung als je zuvor, doch im Verhältnis zu den Herausforderungen – Dekarbonisierung, Digitalisierung, geopolitische Verschiebungen – reicht das Tempo nicht aus. Die eigentliche Kennzahl ist nicht die Summe, sondern das, was daraus an marktfähiger Innovation entsteht. Und hier bleibt die Frage, ob Deutschland seinen technologischen Vorsprung in entscheidenden Feldern halten kann, offen.


Bild: towel.studio / Unsplash

Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.