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Das Rad als Antrieb: Wie ein 227-kg-Roboter einen 24,5-Tonnen-Militärtruck zieht

Das US-Unternehmen Azak hat mit seinem S26-Radmodul einen Roboter gebaut, der das Hundertfache seines Eigengewichts zieht. Was steckt hinter der Technologie?

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
two white and black electronic device with wheels
Foto von Jelleke Vanooteghem auf Unsplash

Ein Roboter, kaum schwerer als ein ausgewachsener Motorradfahrer mit Ausrüstung, zieht einen vollbeladenen Militärtruck über unebenes Gelände. Was wie eine Demonstration für die Galerie klingt, ist ein technischer Beleg für einen Paradigmenwechsel im Fahrzeugbau - und zwar einen, der weit über den Militärbereich hinausweist.

Was genau passierte

Das in Denver, Colorado, ansässige Rüstungsunternehmen Azak ließ in einer Demonstration für die U.S. Army einen unbemannten Roboter mit einem Eigengewicht von rund 226,8 Kilogramm einen militärischen Logistiktruck - ein Wechselladerfahrzeug inklusive Zuladung - mit einem Gesamtgewicht von 24,5 Tonnen ziehen. Das Fahrzeug, ein sogenannter Palletized Load System (PLS) Truck, ist der primäre schwere Logistikträger der US-Armee für Munition und Versorgungsgüter. Der Roboter bewegte das Fahrzeug, das mehr als das Hundertfache seines Eigengewichts auf die Waage bringt, auf unebenem Untergrund - nicht auf einem asphaltierten Testgelände.

Das Besondere liegt nicht in der Zugkraft allein, sondern darin, wie sie erzeugt wird.

A black and white photo of a camera on wheelsPhoto: Kinsey Wang / Unsplash

Das S26-Rad: Fahrzeug im Fahrzeug

Konventionelle Militärroboter folgen einem bekannten Schema: eine Plattform mit Chassis und Achsen, angetrieben von einem zentralen Motor mit Getriebe. Diese Konstruktionen sind aufwendig und lassen sich nur durch Neukonstruktion an veränderte Anforderungen anpassen.

Azak kehrt diese Logik um. Das S26-Radmodul des Unternehmens hat einen Durchmesser von rund 66 Zentimetern, wiegt etwa 39 Kilogramm und integriert Elektromotor, Getriebe, Steuerelektronik und Akku vollständig in das Rad selbst. Das Rad ist kein Bauteil eines Fahrzeugs - es ist das Fahrzeug. Jedes Modul erzeugt dabei rund 200 Newtonmeter Drehmoment, und weil jedes Rad unabhängig angetrieben wird, skaliert die Zugkraft linear mit der Anzahl der verbauten Räder.

Eine Vierrad-Konfiguration liefert konstant 588 lb-ft (rund 796 Newtonmeter) Gesamtdrehmoment; bei sechs Rädern steigt dieser Wert linear auf 882 lb-ft (rund 1.195 Newtonmeter).

Die Schwerpunktlage ist dabei kein Zufall: Alle schweren Antriebskomponenten sitzen unterhalb des Radmittelpunkts. Das hält den Schwerpunkt des gesamten Systems niedrig - unabhängig davon, was oben draufgeschraubt wird.

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Steckverbindung statt Konstruktionsaufwand: Die S26-Räder lassen sich per Quick-Connect-System an nahezu jede Trägerstruktur montieren — laut Azak dauert der Einbau oder Tausch eines Rades nur wenige Sekunden. In einer früheren Demonstration montierte das Unternehmen seine Räder an einen Baumstamm, der anschließend ferngesteuert werden konnte.

Modularität als Systemphilosophie

Was Azaks Ansatz von anderen Antriebskonzepten unterscheidet, ist die konsequente Entkopplung von Mobilität und Fahrzeugstruktur. Das S26-System ist nach IP67 gegen Staub und Wasser geschützt und unterstützt drahtlose, kabelgebundene sowie autonome Steuerungsmodi. Die Reichweite liegt laut Hersteller je nach Einsatzszenario zwischen 32 und 80 Kilometern, bei einer Akkukapazität von rund 1,27 kWh pro Rad und einer Ladezeit von etwa 1,5 Stunden.

16 Patente schützen die AZAK-Technologie. Das Unternehmen versteht sich nach eigener Aussage nicht als UGV-Hersteller im klassischen Sinne, sondern als Anbieter einer Mobilitätstechnologie, die sich in beliebige Plattformen integrieren lässt - von der Trage für Verwundetentransport über Drohnen-Startrampen bis hin zu Kommunikationsrelais.

Azak S26 – Technische Eckdaten
ParameterWert
Raddurchmesserca. 66 cm (26 Zoll)
Radbreiteca. 20 cm (8 Zoll)
Gewicht pro Radca. 39 kg
Drehmoment pro Radca. 200 Nm (147 lb-ft)
Drehmoment (4-Rad-Konfig.)ca. 796 Nm (588 lb-ft)
Nutzlast (4-Rad-Konfig.)ca. 680 kg
SchutzklasseIP67
Reichweite32–80 km (missionabhängig)
Ladezeitca. 1,5 Stunden
Akkukapazitätca. 1,27 kWh pro Rad

Militärische Relevanz: Die "letzte taktische Meile"

Hinter der spektakulären Demonstration steckt ein konkretes operatives Problem, das die US-Armee intern als "Last Tactical Mile" bezeichnet: den letzten, gefährlichsten Abschnitt zwischen Versorgungspunkt und Frontlinie, auf dem feindliche Drohnen und Artillerie jeden Lkw-Einsatz zum Risiko machen.

Azak hat seine Plattform bereits in mehreren Feldszenarien erprobt. Im Oktober 2025 nahm das Unternehmen am xTechOverwatch-Wettbewerb im National Training Center teil. Soldaten nutzten das System für Lasttransport, Geländefahrten und den Einsatz kleinerer Drohnen. Die US-Armee und Spezialkräfte prüfen die Plattform für Aufgaben wie Nachschub, Verwundetentransport (CASEVAC), Drohnenabwehr und mobile Kommunikationsrelais.

Der Ansatz hat eine klare Logik: Wer Versorgungsfahrten automatisiert, hält Personal aus der Schusslinie. Wer dabei auf modulare, leicht reparierbare Systeme setzt, reduziert den Wartungsaufwand im Feld erheblich. Ein beschädigtes Rad lässt sich in Sekunden tauschen - ein beschädigtes Getriebe nicht.

Was das für die Industrie bedeutet

Die eigentliche Nachricht ist nicht, dass ein kleiner Roboter einen schweren Truck ziehen kann. Die eigentliche Nachricht ist das Konstruktionsprinzip dahinter: Antrieb, Energieversorgung und Steuerung vollständig in das Rad zu verlagern, eliminiert das Chassis als zwingendes Strukturelement.

Für die produzierende Industrie - insbesondere für Hersteller von Flurförderfahrzeugen, autonomen Transportplattformen und Spezialfahrzeugen - ist das ein Denkanstoß. Modularität auf Radebene bedeutet, dass ein einziges Antriebsmodul in völlig unterschiedlichen Fahrzeugkonzepten eingesetzt werden kann, ohne dass jeweils eine neue Plattform konstruiert werden muss. Das senkt Entwicklungskosten, vereinfacht die Ersatzteillogistik und verkürzt Produktlebenszyklen.

Azak selbst kündigt für 2026 neue Konfigurationen und Einsatzprofile an. Ob das Konzept den Sprung in die Serienreife schafft, wird sich an den Anforderungen zeigen, die militärische Abnehmer an Zuverlässigkeit, Cybersicherheit und thermisches Management unter Dauerlast stellen. Die Fragen sind bekannt: Wie verhält sich die Wärmeentwicklung in versiegelten Rädern bei Dauerbelastung? Wie robust sind die verteilten Akkus gegen Beschuss oder elektromagnetische Einwirkung?

Dass das Konzept funktioniert, hat die Demonstration gezeigt. Dass es skaliert, muss die Praxis noch beweisen.

help_outlineWas ist das Azak S26-Radmodul?expand_more

Das S26 ist ein selbstständiges Antriebsmodul mit rund 66 cm Durchmesser, das Elektromotor, Getriebe, Steuerelektronik und Akku vollständig im Rad integriert. Es kann per Steckverbindung an nahezu jede Trägerstruktur montiert werden und bildet so die Basis für unbemannte Bodenfahrzeuge ohne klassisches Chassis.

help_outlineWie kann ein 227-kg-Roboter einen 24,5-Tonnen-Truck ziehen?expand_more

Jedes S26-Rad erzeugt rund 200 Nm Drehmoment. In einer Vierrad-Konfiguration summiert sich das auf rund 796 Nm Gesamtdrehmoment. Da jedes Rad unabhängig angetrieben wird und alle Antriebskomponenten tief im Rad sitzen, entsteht ein sehr niedriger Schwerpunkt mit hoher Bodenhaftung — auch auf unebenem Untergrund.

help_outlineWelche zivilen Anwendungen sind denkbar?expand_more

Das Modulprinzip ist grundsätzlich auf autonome Transportplattformen, Flurförderfahrzeuge, Baustellenfahrzeuge und Speziallogistik übertragbar. Überall dort, wo Fahrzeuge flexibel an wechselnde Lasten und Geländebedingungen angepasst werden müssen, bietet ein radbasierter Antrieb konstruktive Vorteile.

help_outlineWelche offenen technischen Fragen bleiben?expand_more

Kritische Punkte sind das Wärmemanagement in versiegelten Rädern bei Dauerbelastung, die Robustheit der verteilten Akkus gegen mechanische und elektromagnetische Einwirkung sowie die Cybersicherheit der Rad-Steuerungssysteme. Diese Fragen werden sich erst unter realen Einsatzbedingungen vollständig beantworten lassen.

Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.