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Chemieagenda 2045: Die Bundesregierung liefert — doch der Branche reicht es nicht

Die Bundesregierung hat die lange erwartete „Chemieagenda 2045" vorgelegt. Das Maßnahmenpaket soll mit niedrigeren Stromkosten, weniger Bürokratie und einer Raffineriestrategie Deutschlands drittgrößte Industriebranche stabilisieren. Doch die Reaktionen aus der Industrie fallen verhalten aus: Vom Verband der Chemischen Industrie bis zum Fuels-Verband en2x fordern alle mehr Tempo und konkretere Umsetzung.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
Jakub Żerdzicki
KI-generiert

Ein Maßnahmenpaket unter Zeitdruck

Am 26. März stellten Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und Bundesumweltminister Carsten Schneider in Berlin gemeinsam mit dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) die Ergebnisse der „Chemieagenda 2045" vor[1]. Das Papier soll einen Auftrag aus dem Koalitionsvertrag einlösen und die seit Jahren kriselnde Chemieindustrie stabilisieren — kurzfristig mit Sofortmaßnahmen, langfristig mit einer Transformationsstrategie bis zur Klimaneutralität 2045.

Die Ausgangslage ist alarmierend. Die deutsche Chemieindustrie verzeichnete 2025 einen Produktionsrückgang von 0,5 Prozent und einen Umsatzrückgang von einem Prozent auf rund 220 Milliarden Euro[2]. Die Kapazitätsauslastung liegt auf einem historischen Tiefstand, jedes zweite Unternehmen kämpft laut VCI-Angaben mit schwerem Auftragsmangel[2]. Der seit Ende Februar 2026 eskalierende Iran-Konflikt hat die Lage weiter verschärft: Der Ölpreis liegt erstmals seit 2022 wieder über 100 Dollar pro Barrel, Gas hat sich in Europa um rund 45 Prozent verteuert[3].

Die vier Handlungsfelder der Agenda

Das Maßnahmenpaket adressiert vier zentrale Handlungsfelder. Im Kern geht es um wettbewerbsfähige Energiepreise, den Abbau regulatorischer Belastungen, die Stärkung von Verbundstrukturen — insbesondere bei Raffinerien — sowie die Förderung von Innovation und Investitionen[1].

Energiekosten: Die Bundesregierung hat einen staatlich subventionierten Industriestrompreis angekündigt. Laut Wirtschaftsministerin Reiche seien die Ressortgespräche dazu abgeschlossen[4]. Geplant ist zudem eine Ausweitung der Strompreiskompensation, die energieintensive Branchen bei den indirekten CO₂-Kosten des Strompreises entlastet. Für die Chemieindustrie, deren Energiekosten im internationalen Vergleich zu den strukturellen Hauptproblemen zählen, ist das der zentrale Punkt.

Regulatorik und Genehmigungsverfahren: Das Papier sieht eine Beschleunigung von Genehmigungsverfahren und eine Reduzierung bürokratischer Belastungen vor. Die Bundesländer mit großen Chemiestandorten hatten in einem gemeinsamen Länderschreiben explizit auf diesen Punkt gedrängt und fordern „eine konsequente Reduzierung regulatorischer Belastungen"[5].

Raffinerien und Verbundstrukturen: Etwa 75 Prozent des Kohlenstoffbedarfs der deutschen Chemieindustrie werden von Raffinerien aus Rohöl gedeckt[6]. Die Chemieagenda sieht daher vor, diese Verbundstrukturen gezielt zu stärken. Eine gemeinsam mit Industrie und Gewerkschaften auszuarbeitende Zukunftsstrategie für Raffinerien ist vorgesehen. Zudem will sich die Bundesregierung für die Neufassung der EU-Energiesteuerrichtlinie einsetzen, um Kraft- und Heizstoffe künftig nach ihrer Klimawirkung besteuern zu können[6].

Forschung und Innovation: Die Agenda enthält Maßnahmen zur Stärkung von Investitionen in Forschung und Entwicklung. Besonders hervorgehoben wird das Potenzial der Verbindung von Biotechnologie und Künstlicher Intelligenz für eine wettbewerbsfähige Chemieindustrie[1]. Darüber hinaus sollen De-Risking-Instrumente für den Markthochlauf kapitalintensiver Technologien geschaffen werden[6].

Reaktionen: Zwischen „wichtigem Startsignal" und Ungeduld

Die Industrieverbände begrüßen die Agenda grundsätzlich — doch die Tonlage ist unmissverständlich: Es muss schneller gehen.

Der VCI Baden-Württemberg reagierte „verhalten optimistisch". VCI-BW-Vorsitzender Thomas Reith mahnte: „Zeit ist jetzt der entscheidende Faktor. Insbesondere in der Chemieindustrie haben viele Unternehmen schlicht keinen Puffer mehr für weiteres Zuwarten. Dafür dauert diese Krise nun schon zu lange"[7]. Die Kritik zielt weniger auf den Inhalt als auf das Umsetzungstempo. Reith verwies darauf, dass in vielen Themenbereichen noch ganz am Anfang einer Umsetzung gestanden werde und schnelle Ergebnisse kaum zu erwarten seien[7].

Der en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie sieht in der Chemieagenda ein „wichtiges industriepolitisches Startsignal", fordert aber eine stärkere Einbindung der Raffinerien. en2x-Hauptgeschäftsführer Prof. Christian Küchen betonte, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts „auch schon kurzfristig dringend gestärkt werden" müsse — etwa durch geringere Energiekosten und weniger Bürokratie[6].

Küchen kritisierte zudem das von der Bundesregierung geplante „Kraftstoffmaßnahmenpaket" als „höchst kontraproduktiv" und wies Vorwürfe der Preistreiberei an die Branche zurück: „Anstatt die Branche mit ungerechtfertigten Vorwürfen der Preistreiberei zu konfrontieren, sollte die Politik strukturelle Probleme angehen"[6].

Bereits am 18. März hatte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup den Ton gesetzt. Der VCI unterstrich seine Forderungen mit einer Lichtinstallation im Berliner Regierungsviertel — laut dem Verband das erste Mal in seiner fast 150-jährigen Geschichte, dass zu einer solchen Maßnahme gegriffen wurde[8]. Der Slogan „Schneckentempo bremst die Wirtschaft aus" zielte direkt auf das politische Umsetzungstempo.

Große Entrup verwies auf die toxische Kombination aus Zollkonflikten, chinesischen Dumpingpreisen und dem Iran-Krieg als „toxischen Beschleuniger auf die strukturellen Probleme am Standort". Seine Forderung: „Wir brauchen jetzt Entlastung, Entlastung, Entlastung"[8].

Der Elefant im Raum: Widersprüche in der Regierungspolitik

Was die Debatte um die Chemieagenda besonders aufschlussreich macht, ist die Gleichzeitigkeit gegenläufiger Signale aus der Bundesregierung. Einerseits legt sie ein branchenpolitisches Rettungspaket vor, das die strategische Bedeutung der Chemie- und Kohlenwasserstoffwirtschaft anerkennt. Andererseits plant sie mit dem Kraftstoffmaßnahmenpaket Markteingriffe, die nach Einschätzung des en2x-Verbands genau jene Standortbedingungen verschlechtern würden, die die Chemieagenda verbessern soll[6].

Auch die Bundesländer sind nur halb zufrieden. In einem gemeinsamen Länderschreiben erwarten sie, dass der Prozess der Chemieagenda 2045 „offengehalten und zügig weiterentwickelt" werde[5]. Das ist diplomatisch für: Das vorliegende Papier ist ein Anfang, aber kein Wurf.

Die IGBCE begrüßt die Agenda „ohne Einschränkungen", setzt aber einen entscheidenden Akzent: „Entscheidend für die fast 600.000 Beschäftigten der Branche und für die Volkswirtschaft insgesamt ist, dass mit der Transformation der Chemie Zukunft verbunden ist und nicht Abriss"[4].

Der industrielle Kontext: Warum die Uhr tickt

Die Dringlichkeit, die aus allen Stellungnahmen spricht, hat einen konkreten Hintergrund. Die deutsche Chemieindustrie — mit rund 2.000 Unternehmen und mehr als 560.000 Beschäftigten Europas größte — hat seit 2018 rund ein Fünftel ihrer Produktionsleistung verloren[9]. Dieser Rückgang ist kein zyklisches Phänomen, sondern Ausdruck struktureller Standortnachteile: hohe Energiekosten, überproportionale Regulierungsdichte und zunehmender Wettbewerb aus Asien und den USA.

Der Iran-Konflikt wirkt dabei als Katalysator. Steigende Energiepreise treffen eine Branche, die ohnehin an der Belastungsgrenze operiert. Die gerade erst abgeschlossene Tarifrunde — in der die Entgelterhöhungen auf 2027 und 2028 verschoben wurden — spiegelt diese Situation[9].

Für die nachgelagerten Wertschöpfungsketten — Kunststoffverarbeiter, Automobilzulieferer, Pharmaunternehmen, Maschinenbauer — ist die Chemieindustrie ein unverzichtbarer Lieferant von Grundstoffen. Ein weiterer Substanzverlust in der Basischemie hätte Kaskadeneffekte quer durch das verarbeitende Gewerbe.

Ausblick: Umsetzung wird zum Lackmustest

Die Chemieagenda 2045 markiert den Beginn einer Umsetzungsphase — nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Industriestrompreis, die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren und die Raffineriestrategie müssen nun in konkreten Maßnahmen münden. Ob der Zeitrahmen dafür ausreicht, hängt entscheidend von der Koordination zwischen den Bundesressorts ab — ein Punkt, den auch en2x ausdrücklich anmahnt[6].

Für die Unternehmen ist der entscheidende Maßstab, ob spürbare Entlastungen an den Werkstoren ankommen — und zwar nicht erst 2045, sondern in den kommenden zwölf bis 24 Monaten. VCI-Hauptgeschäftsführer Große Entrup hatte es Ende März unmissverständlich formuliert: „Mit Visionen für 2045 ist keinem Betrieb geholfen — entscheidend sind die nächsten zwölf Monate"[10].

Die Chemieagenda enthält die richtigen Themen. Die Frage ist, ob die politische Umsetzungsmaschinerie schnell genug arbeitet, um den Substanzverlust zu stoppen, bevor er irreversibel wird. Die Geschichte der deutschen Industriepolitik gibt Anlass zur Skepsis — aber auch die Erkenntnis, dass selten so viel politischer Wille demonstriert wurde wie jetzt. Ob dem Willen Taten in der nötigen Geschwindigkeit folgen, wird sich in den kommenden Quartalen zeigen.


Bild: Jakub Żerdzicki / Unsplash

  1. VCI: Nationale Chemieagenda vorgelegt – Für eine starke und wettbewerbsfähige Chemieindustrie
  2. Chemieindustrie: Ausblick bleibt düster – Auslastung auf historischem Tief
  3. Energiekrise 2026: Wie der Iran-Krieg Deutschland trifft
  4. IGBCE: Bundesregierung legt Chemieagenda 2045 vor
  5. Gemeinsames Länderschreiben zur Chemieagenda 2045
  6. en2x: Regierung sollte Raffinerien stärker einbinden – en2x sieht in Chemieagenda 2045 wichtiges Startsignal
  7. VCI BW: Nationale Chemieagenda – VCI BW wünscht sich weitere Konkretisierung
  8. VCI: Wirtschaftspolitischen Befreiungsschlag – Stärke des Standorts ausspielen
  9. Tagesschau: Mehr Geld für 585.000 Beschäftigte der Chemie- und Pharmakonzerne
  10. VCI: Chemieagenda jetzt starten
Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.