Drei Hebel, ein Ziel
Wer die Konturen der europäischen Industriepolitik im Bereich nachhaltiger Chemikalien verstehen will, muss drei parallel laufende Entwicklungen zusammenlesen. Erstens: Der European Biotech Act, den Kommissar Olivér Várhelyi am 19. März vor den gemeinsam tagenden Ausschüssen SANT und ITRE des Europäischen Parlaments vorgestellt hat 1Highlights - SANT-ITRE joint meeting: Presentation of the European Biotech Act. Zweitens: Von der EU geförderte Forschungsprojekte, die Agrar- und Lebensmittelabfälle zu marktfähigen natürlichen Inhaltsstoffen aufwerten 2Transforming agrifood waste into high-value natural ingredients (EU RTD). Drittens: Das Annual Union Work Programme for European Standardisation (AUWP) 2026, das Normungsaufträge für biobasierte Produkte und Kreislaufwirtschaft verankert 3Annual Union Work Programme for European Standardisation for 2026.
Jede Initiative für sich betrachtet ist ein Baustein. Zusammen ergeben sie ein industriepolitisches Programm, das die Chemieindustrie in den kommenden Jahren strukturell verändern dürfte.
Der Biotech Act: Vom Gesundheitssektor in die Breite
Die Europäische Kommission hat den Vorschlag für den European Biotech Act am 16. Dezember 2025 veröffentlicht 1Highlights - SANT-ITRE joint meeting: Presentation of the European Biotech Act. Erklärtes Ziel ist es, Europa zu einem weltweit wettbewerbsfähigen Standort für Biotechnologie und Biomanufacturing zu machen. Der erste Legislativvorschlag konzentriert sich auf den Gesundheitssektor - Vereinfachung regulatorischer Verfahren, Beschleunigung von Marktzulassungen und Aufbau von Fertigungskapazitäten.
Für die produzierende Industrie jenseits der Pharmabranche wird jedoch der angekündigte zweite Teil entscheidend. Die Kommission hat in ihrem Arbeitsprogramm 2026 einen Biotech Act II angekündigt, der im dritten Quartal 2026 erscheinen und das gesamte Biotech-Ökosystem jenseits des Gesundheitssektors abdecken soll - einschließlich Landwirtschaft, Energie, Verteidigung und industrieller Biotechnologie 4European Biotech Act II – Commission Work Programme 2026. Artikel 114 TFEU soll als Rechtsgrundlage dienen, was auf eine Binnenmarktharmonisierung abzielt.
Für die chemische Industrie ist das ein Signal: Die EU betrachtet Biomanufacturing nicht mehr als Nische, sondern als strategische Technologie zur Defossilisierung der Produktion. Der im November 2025 verabschiedete strategische Rahmen für eine wettbewerbsfähige und nachhaltige EU-Bioökonomie bildet den politischen Überbau, in dem der Biotech Act II verankert wird 5Neue EU-Bioökonomiestrategie (November 2025). Die Kommission will Leitmärkte für biobasierte Materialien schaffen - Bioplastik, nachhaltige Textilien, biobasierte Chemikalien - und hat dafür eine Bio-based Europe Alliance angekündigt, die Unternehmen zur kollektiven Beschaffung biobasierter Lösungen zusammenbringen soll.
Agrar-Reststoffe als Rohstoffbasis
Parallel zur Gesetzgebung fließen EU-Forschungsmittel in die technologische Grundlage. Im Rahmen von Horizon Europe fördert die Kommission Projekte, die landwirtschaftliche Abfälle - Schalen, Fruchtfleisch, Reststoffe der Lebensmittelverarbeitung - zu hochwertigen natürlichen Inhaltsstoffen aufwerten 2Transforming agrifood waste into high-value natural ingredients (EU RTD). Solche Vorhaben adressieren ein Kernproblem der biobasierten Chemie: die Verfügbarkeit und Aufbereitung nachhaltiger Rohstoffe.
Der EU- und US-Markt für biobasierte Chemikalien wurde 2023 auf rund 60 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2032 auf etwa 127 Milliarden US-Dollar wachsen - ein durchschnittliches Wachstum von 8,8 Prozent pro Jahr 6EU & US Bio-based Chemicals Market Size Report 2032. Wer in diesem Markt bestehen will, braucht effiziente Verfahren zur Biomasse-Konversion. Die geförderten Projekte entwickeln genau solche Verfahren - von der Trennung und Reinigung gemischter Bio-Abfälle bis zur skalierbaren Extraktion funktionaler Inhaltsstoffe.
Für die deutsche Prozessindustrie ist das doppelt relevant: als Technologiechance für Anlagenbauer und als Rohstoffoption für Chemieunternehmen, die ihre fossilen Einsatzstoffe diversifizieren wollen.
Normung: Standards für biobasierte Produkte
Das dritte Element ist die Normung. Das AUWP 2026 legt fest, welche europäischen Standards die Kommission bei CEN, CENELEC und ETSI in Auftrag gibt 3Annual Union Work Programme for European Standardisation for 2026. Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Produkte gehören zu den strategischen Prioritäten des Programms. Das europäische Normungskomitee CEN/TC 411 "Bio-based products" entwickelt seit 2011 horizontale Standards für biobasierte Produkte - unter anderem zur Bestimmung des biobasierten Anteils, zur Lebenszyklusanalyse und zur Nachhaltigkeitsbewertung der eingesetzten Biomasse 7CEN/TC 411 Bio-based products – Standardisierungsarbeit.
Die Bedeutung dieser Normungsarbeit wird häufig unterschätzt. Harmonisierte europäische Normen bilden die Grundlage für die Konformitätsvermutung unter EU-Verordnungen. Wer also biobasierte Chemikalien oder Materialien im Binnenmarkt vermarkten will, wird sich an den von CEN/TC 411 und verwandten Gremien entwickelten Standards messen lassen müssen. Der Chemicals Industry Action Plan der Kommission verstärkt diese Dynamik, indem er biobasierte Chemikalien explizit als Hebel für die Dekarbonisierung positioniert 8European Chemicals Industry Action Plan – COM(2025)530.
Was bedeutet das für die Branche?
Die gleichzeitige Aktivität auf drei Ebenen - Gesetzgebung (Biotech Act), Forschungsförderung (Horizon-Europe-Projekte) und Normung (AUWP 2026 / CEN/TC 411) - verdichtet sich zu einem kohärenten Programm. Die EU will den Übergang von fossil- zu biobasierter Chemie nicht dem Markt allein überlassen, sondern durch Regulierung, Finanzierung und Standardisierung aktiv steuern.
Für die deutsche Chemie- und Prozessindustrie ergeben sich daraus konkrete Handlungsfelder. Erstens: Die Konsultationsphase zum Biotech Act II im dritten Quartal 2026 ist die letzte Gelegenheit, industrielle Anforderungen in den Legislativvorschlag einzubringen. Zweitens: Die Beteiligung an Horizon-Europe-Konsortien zur Biomasse-Valorisierung sichert technologischen Vorsprung und Zugang zu Fördermitteln. Drittens: Die aktive Mitarbeit in den europäischen Normungsgremien - insbesondere CEN/TC 411 - bestimmt, welche Messverfahren und Nachhaltigkeitskriterien künftig den Marktzugang definieren.
Die biobasierte Industrie erwirtschaftete in der EU zuletzt eine Wertschöpfung von 583 Milliarden Euro, wobei die Hälfte auf Lebensmittel und Getränke entfiel 9DataM Bioeconomy – European Commission. Der industrielle Anteil - Chemikalien, Materialien, Energie - steht vor einer Wachstumsphase, die politisch gewollt und regulatorisch gerahmt ist. Ob deutsche Unternehmen davon profitieren, hängt weniger von der Technologie ab als von der Geschwindigkeit, mit der sie sich auf den neuen Rahmen einstellen.
Bild: Hans Reniers / Unsplash

