arrow_back

Fensterbau Frontale 2026: Wie die Fensterindustrie Kreislaufwirtschaft und neue Werkstoffe vorantreibt

Auf der Fensterbau Frontale 2026 in Nürnberg zeigt sich, wie weit die Fensterbranche bei Kreislaufwirtschaft und Materialinnovation bereits ist. Glasfaserverstärkte thermoplastische Profile, geschlossene Recyclingkreisläufe und digitale Produktpässe setzen neue Maßstäbe – und nehmen regulatorische Anforderungen der EU vorweg.

Martin Brückner (KI)
Martin Brückner (KI)Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit
Fensterbau Frontale 2026: Wie die Fensterindustrie Kreislaufwirtschaft und neue Werkstoffe vorantreibt
KI-generiert

Fensterindustrie unter Druck und im Umbruch

Der deutsche Fenstermarkt hat schwierige Jahre hinter sich. 2024 ging der Markt um 8,7 Prozent zurück, für 2025 prognostizierte der Verband Fenster + Fassade (VFF) lediglich ein minimales Plus von 0,3 Prozent[1]. Vor diesem Hintergrund eröffnete am 24. März in Nürnberg die Fensterbau Frontale 2026, die bis zum 27. März als Weltleitmesse für Fenster, Türen und Fassaden aktuelle Branchentrends zeigt[2]. Auffällig in diesem Jahr: Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft sind nicht mehr nur Randthemen im Rahmenprogramm, sondern rücken ins Zentrum der Werkstoff- und Produktstrategie der großen Systemhäuser.

Besonders die Frage, wie sich hochleistungsfähige Fensterprofile vollständig in geschlossene Materialkreisläufe einbinden lassen, beschäftigt die Branche. Denn die regulatorischen Anforderungen wachsen: Die novellierte EU-Bauprodukteverordnung (EU 2024/3110) ist seit Januar 2025 in Kraft und gilt seit dem 8. Januar 2026 verbindlich in allen Mitgliedstaaten[3]. Sie bringt unter anderem den Digitalen Produktpass (DPP) für Bauprodukte, der für Fenster und Türen voraussichtlich ab 2028 Pflicht wird[4].

Glasfaser statt Stahl: RAU-INFINIO als Werkstoffinnovation

Einen technisch bemerkenswerten Ansatz präsentierte REHAU Window Solutions mit dem Werkstoff RAU-INFINIO. Dabei handelt es sich um ein langglasfaserverstärktes Profil, das im thermoplastischen Pultrusionsverfahren hergestellt wird. Nahezu endlose Glasfasern werden von Kunststoff umhüllt und in einem patentierten, kontinuierlichen Prozess zu Profilen verarbeitet[5]. Auf das in der Branche übliche Verschweißen der Rahmenecken wird verzichtet – stattdessen kommen Eckverbinder aus Glasfaser-Compound im Spritzgussverfahren zum Einsatz.

Die mechanischen Kennwerte sind beachtlich: Laut Herstellerangaben erreichen die Profile E-Module auf Aluminium-Niveau und übertreffen herkömmliche kurzfaserverstärkte Kunststoffprofile deutlich[5]. Das ermöglicht großformatige Elemente mit über drei Metern Höhe bei schlanken Profilansichten – Anwendungen, die bisher dem Werkstoff Aluminium vorbehalten waren. Die Konstruktionen kommen dabei vollständig ohne Stahlverstärkung aus.

Was diesen Ansatz aus Sicht der Kreislaufwirtschaft relevant macht: RAU-INFINIO basiert auf thermoplastischen Bindemitteln statt auf duroplastischen Harzen. Thermoplaste lassen sich aufschmelzen und erneut verarbeiten – die Profile bleiben damit vollständig recycelbar[6]. Bei herkömmlichen glasfaserverstärkten Verbundwerkstoffen mit duroplastischer Matrix ist ein werkstoffliches Recycling dagegen kaum möglich.

70.000 Tonnen Recyclingkapazität: Geschlossener Kreislauf in der Praxis

REHAU untermauerte seinen Kreislaufansatz auf der Messe mit konkreten Zahlen zur eigenen Recyclinginfrastruktur. Das Unternehmen betreibt drei eigene, zertifizierte Recyclinganlagen mit einer Gesamtkapazität von 70.000 Tonnen pro Jahr[6]. Diese Anlagen verarbeiten Altfenster, Rollläden und Produktionsreste und decken laut Unternehmensangaben bilanziell den gesamten Rezyklatbedarf der eigenen Produktion.

Die Ergebnisse schlagen sich in der Produktpalette nieder: Mehr als 65 Prozent des europäischen Produktionsvolumens von REHAU Window Solutions werden bereits mit Recyclingmaterial hergestellt, mit Rezyklatanteilen zwischen 25 und 80 Prozent je nach Profilausführung[6]. Das Unternehmen beziffert die jährliche CO₂-Einsparung durch den Rezyklateinsatz auf 100.000 Tonnen. Bei der Herstellung von Rezyklaten fielen laut REHAU 88 Prozent weniger CO₂-Emissionen an als bei der Verwendung von Frisch-PVC[6].

Diese Zahlen sind im Branchenkontext einzuordnen: Laut einer Conversio-Studie im Auftrag des Recycling-Dienstleisters Rewindo wurden in Deutschland 2024 insgesamt rund 44.100 Tonnen PVC-Altfenster werkstofflich verwertet – ein Anstieg um 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr[7]. Die Recyclingmenge steigt zwar wieder, bewegt sich aber auf einem Niveau, das angesichts der in den kommenden Jahren aus den 1980er- und 1990er-Jahren zu erwartenden Rücklaufmengen deutlich ausbaufähig ist.

Digitaler Produktpass: Vorbereitung auf regulatorische Pflichten

Ein weiteres zentrales Messethema war die Digitalisierung der Produktdokumentation. REHAU stellte mit der „Window.ID" einen digitalen Fensterausweis vor, der jedem Fenster eine lückenlose Rückverfolgbarkeit über den gesamten Lebenszyklus verleihen soll[6]. Das System greift dem EU-Digitalen Produktpass (DPP) vor, der durch die neue Bauprodukteverordnung schrittweise verpflichtend wird.

Für die Fensterbranche bedeutet der DPP, dass künftig Informationen zu Materialeigenschaften, Umweltauswirkungen, Recyclingfähigkeit und Herkunft digital hinterlegt und über standardisierte Schnittstellen zugänglich sein müssen. Die delegierten Rechtsakte zu Inhalten und Zugriffsrechten stehen allerdings noch aus[4]. Hersteller, die bereits jetzt entsprechende Systeme implementieren, verschaffen sich einen zeitlichen Vorsprung – und können die erfassten Daten auch für ESG-Berichtspflichten und Gebäudezertifizierungen (DGNB, LEED, BREEAM) nutzen.

Die Scope-2-Neutralität will REHAU nach eigenen Angaben bis auf wenige Verwaltungsstandorte mit geringem Verbrauch bereits 2025 erreicht haben – durch Power-Purchase-Agreements, eigene PV-Anlagen und Windenergie[6]. Für Scope-3-Emissionen setzt das Unternehmen auf die Erhöhung der Rezyklatanteile und sortenreine Aufbereitung.

Faserverstärkung als Schlüssel zur Werkstoffsubstitution

Die technologische Entwicklung bei REHAU – mit RAU-FIPRO X als faserverstärkter Kernrezeptur für statisch anspruchsvolle Profile und RAU-INFINIO für den Aluminiumersatz – steht exemplarisch für einen breiteren Trend: Die Fensterindustrie sucht nach Wegen, die mechanischen Grenzen von PVC-Profilen zu überwinden, ohne auf die Recyclingvorteile des Werkstoffs zu verzichten.

Kunststoff hält im deutschen Fenstermarkt einen Anteil von über 50 Prozent[1]. Die Materialklasse dominiert vor allem im Wohnbau, während Aluminium im Objektbau und bei großformatigen Elementen traditionell Vorteile hat. Profile, die Aluminium-Steifigkeit mit Kunststoff-Recycelbarkeit und Wärmedämmung verbinden, könnten diese Grenze verschieben – vorausgesetzt, die Fertigungsprozesse skalieren und die Kosten sind wettbewerbsfähig.

REHAU betont die automatisierte, prozesssichere Fertigung der RAU-INFINIO-Profile[5]. Ob die thermoplastische Pultrusion in der industriellen Breite preislich mit konventioneller PVC-Extrusion und Aluminium-Profilherstellung konkurrieren kann, wird sich allerdings erst in den kommenden Jahren zeigen, wenn erste Serienproduktionen anlaufen.

Der Baustoffsektor als Ganzes: Material-Diversifizierung nimmt zu

Die Entwicklungen auf der Fensterbau Frontale stehen nicht isoliert. Auch in anderen Bereichen des Bauwesens ist eine Diversifizierung der Werkstoffe in Richtung Kreislaufwirtschaft zu beobachten. Im Bereich Bodenbeläge etwa stellte der nordrhein-westfälische Hersteller Parador mit dem Produkt TATERRA Click eine PVC- und weichmacherfreie Alternative vor, die auf Polypropylen-Nutzschichten und überwiegend nachwachsenden Rohstoffen basiert[8]. Der Boden wird am Standort Coesfeld gefertigt, das Unternehmen produziert nach eigenen Angaben seit Ende 2025 an seinen Standorten bilanziell CO₂-neutral[8].

Parallel dazu hat das am 25. März 2026 vom Bundeskabinett beschlossene Klimaschutzprogramm 2026[9] das Thema effizientere Biomassennutzung adressiert. Branchenverbände wie der Verband der Holzwerkstoffindustrie (VHI) und der NABU fordern in diesem Zusammenhang klare Leitplanken, um Holz vorrangig stofflich zu nutzen – etwa im Bau und in der Möbelherstellung – statt es zu verheizen[10]. Die Kaskadennutzung von Holz und die Kreislaufführung synthetischer Baustoffe verfolgen letztlich dasselbe Ziel: maximale Wertschöpfung bei minimaler Ressourcenvernichtung.

Ausblick: Regulatorik als Treiber, Skalierung als Herausforderung

Die Fensterindustrie steht exemplarisch für eine Branche, in der sich technologische Innovation und regulatorischer Druck gegenseitig verstärken. Der Digitale Produktpass, die verschärften Anforderungen der Bauprodukteverordnung und die wachsenden ESG-Berichtspflichten schaffen einen Rahmen, in dem Kreislaufwirtschaft vom optionalen Marketingargument zum wirtschaftlichen Imperativ wird.

Die technischen Voraussetzungen – recycelbare Hochleistungswerkstoffe, eigene Recyclinginfrastruktur, digitale Rückverfolgbarkeit – existieren bereits bei einzelnen Unternehmen. Die Herausforderung liegt in der Skalierung: Die gesamte Branche muss mitziehen, damit geschlossene Kreisläufe nicht an der Sammlung und Sortierung scheitern. Zudem steht die Fensterbranche vor der Aufgabe, in einem schrumpfenden Marktumfeld Investitionen in neue Werkstoffe und Recyclingkapazitäten zu stemmen.

Für produzierende Unternehmen jenseits der Fensterindustrie lassen sich aus den Entwicklungen auf der Fensterbau Frontale drei Erkenntnisse ableiten: Erstens wird der Digitale Produktpass zum branchenübergreifenden Standard – wer jetzt mit der Implementierung beginnt, vermeidet Nachrüstkosten. Zweitens eröffnen thermoplastische Faserverbundwerkstoffe neue Möglichkeiten, mechanische Leistung und Recyclingfähigkeit zu verbinden. Drittens zeigt das Beispiel der Fensterindustrie, dass Kreislaufwirtschaft dann funktioniert, wenn Hersteller die gesamte Kette kontrollieren – von der Materialentwicklung über die Fertigung bis zur Rücknahme und Aufbereitung.


Bild: towel.studio / Unsplash

  1. VFF Wirtschaftsprognosen 2025/2026 – Fenstermarkt Deutschland
  2. FENSTERBAU FRONTALE 2026 – Weltleitmesse Nürnberg
  3. EU-Bauprodukteverordnung (EU 2024/3110) – IHK Potsdam
  4. Digitaler Produktpass für Bauprodukte – ift Rosenheim / metallbau Fachzeitschrift
  5. REHAU Window Solutions – Innovationskraft auf der Fensterbau Frontale 2026
  6. REHAU Window Solutions – Sustainability: Verantwortung gemeinsam umsetzen (Fensterbau Frontale 2026)
  7. Rewindo – Recyclingmengen PVC-Altfenster 2024 (Conversio-Studie)
  8. Parador stellt nachhaltigen Boden TATERRA Click vor
  9. Klimaschutzprogramm 2026 der Bundesregierung – Kabinettsbeschluss 25. März 2026
  10. VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als Rohstoff nutzen statt verheizen
Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.