Die Folgen des Iran-Kriegs und der chinesischen Handelspolitik schlagen nun parallel auf zwei Rohstoffmärkte durch, die für die deutsche Industrie unverzichtbar sind: Helium und Wolfram. Beide Materialien gelten als kritisch, beide sind kaum substituierbar - und bei beiden ist Deutschland nahezu vollständig von Importen abhängig. Für Einkäufer und Produktionsplaner im Mittelstand verschärft sich damit eine Lage, die weit über steigende Energiekosten hinausgeht.
Helium: Wenn das Trägergas fehlt, steht die Qualitätskontrolle still
Pharma Deutschland e.V. warnte am 7. April vor konkreten Auswirkungen der Hormuz-Blockade auf die Arzneimittelproduktion. Das Kernproblem: Helium dient in der Pharmaherstellung als Trägergas für gaschromatographische Qualitätskontrollen, die im Arzneibuch vorgeschrieben sind. Ohne Helium können Chargen nicht geprüft und freigegeben werden - selbst wenn Wirkstoffe und Packmittel vorhanden sind. 1Pharma Deutschland e.V.: Heliumknappheit gefährdet Arzneimittelproduktion
Der Engpass hat eine klare geographische Ursache. Katar steht für rund 40 Prozent des weltweit gehandelten Heliumaufkommens. 2Helium-Schock aus Katar: Risiken für die globale Heliumversorgung Seit einer iranischen Drohnenattacke auf das Ras-Laffan-Terminal Anfang März 2026 ist die dortige Produktion von Flüssigerdgas - und damit auch von Helium als Nebenprodukt - eingestellt. Gleichzeitig ist die Straße von Hormus als Transportkorridor faktisch blockiert: Laut der britischen Außenministerin Yvette Cooper passierten zuletzt nur noch 25 Schiffe pro Tag die Meerenge - statt der üblichen 150. 3tagesschau.de: Rund 40 Länder beraten über Öffnung der Straße von Hormus Rund 2.000 Schiffe warteten auf Durchfahrt.
Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland, brachte das Dilemma auf den Punkt: Die analytischen Methoden ließen sich "nicht von heute auf morgen auf andere Gase oder alternative Methoden umstellen" - neue Methodenentwicklungen, Validierungen und behördliche Genehmigungen kosteten wertvolle Zeit. 1Pharma Deutschland e.V.: Heliumknappheit gefährdet Arzneimittelproduktion Der Verband fordert daher, Helium als strategisch relevantes Gut für das Gesundheitswesen einzustufen und Umstellungsprozesse regulatorisch zu erleichtern.
Betroffen ist jedoch nicht nur die Pharmabranche. Auch die Halbleiterproduktion benötigt hochreines Helium als Kühlmittel und Schutzgas - die Chip-Industrie meldet bereits erste Auswirkungen der Knappheit. 2Helium-Schock aus Katar: Risiken für die globale Heliumversorgung
Wolfram: Doppelter Preisschock durch China und den Iran-Krieg
Parallel zur Heliumkrise hat sich die Wolframversorgung dramatisch verschärft. Wie die Tagesschau berichtet, erreichte der Preis für Ammoniumparawolframat (APT) - das wichtigste Wolfram-Zwischenprodukt - Ende März am Rotterdamer Markt ein Rekordhoch von 3.150 Dollar je metrischer Tonnen-Einheit, ein Anstieg von rund 50 Prozent seit Kriegsbeginn. 4tagesschau.de: Iran-Krieg und China-Knappheit – Warum Wolfram knapp wird Seit Juni 2025 hat sich der Preis mehr als versiebenfacht.
Die Ursachen sind zweischichtig. Erstens: China fördert rund 79 Prozent des weltweiten Wolframs. Seit Februar 2025 gelten dort neue Exportkontrollen, die das chinesische Ausfuhrvolumen um rund 40 Prozent gedrückt haben. 4tagesschau.de: Iran-Krieg und China-Knappheit – Warum Wolfram knapp wird Europäische Abnehmer warten vielfach vergeblich auf Exportgenehmigungen. Zweitens: Der Iran-Krieg treibt die militärische Nachfrage nach oben. Wolfram steckt in panzerbrechender Munition und Raketenkomponenten - und ist dort, anders als in industriellen Anwendungen, nicht recycelbar. 4tagesschau.de: Iran-Krieg und China-Knappheit – Warum Wolfram knapp wird
Für die deutsche Industrie ist das ein doppelter Schlag. Wolfram ist zentral für Hartmetallkomponenten - Bohrer, Fräser, Schneidplatten und andere Präzisionswerkzeuge -, die im Maschinenbau, der Metallverarbeitung und der Fahrzeugfertigung täglich benötigt werden. 4tagesschau.de: Iran-Krieg und China-Knappheit – Warum Wolfram knapp wird Die EU stuft das Metall im Critical Raw Materials Act als strategisch relevant für Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung ein.
Zwei Krisen, ein Muster: Strukturelle Importabhängigkeit
Was Helium und Wolfram verbindet, ist die industriepolitische Lehre. In beiden Fällen hat Deutschland keine nennenswerte eigene Produktion. In beiden Fällen konzentriert sich die globale Förderung auf wenige Länder - Katar und die USA beim Helium, China beim Wolfram. Und in beiden Fällen genügt ein geopolitischer Schock, um innerhalb von Wochen existenzielle Engpässe auszulösen.
Die Hormuz-Krise potenziert dieses Risiko. Rund 40 Länder berieten Anfang April auf Einladung Großbritanniens über Maßnahmen zur Wiederöffnung der Meerenge - die USA nahmen nicht teil. 3tagesschau.de: Rund 40 Länder beraten über Öffnung der Straße von Hormus Frankreichs Präsident Macron nannte ein gewaltsames Vorgehen "unrealistisch" und verwies auf die Notwendigkeit von Verhandlungen nach einer möglichen Waffenruhe. Eine schnelle Lösung ist nicht absehbar.
Entlang der Lieferketten zeigen sich laut Pharma Deutschland bereits jetzt weitere Effekte: steigende Transport- und Energiekosten, fehlende oder teurere Primärpackmittel wie Glasflaschen und Verschlüsse sowie höhere Preise für petrochemische Grundstoffe und Ethanol. 1Pharma Deutschland e.V.: Heliumknappheit gefährdet Arzneimittelproduktion
Was bedeutet das für die Branche?
Die gleichzeitige Verknappung von Helium und Wolfram offenbart eine unbequeme Wahrheit: Selbst Rohstoffe, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommen, können zum Produktionsstopp führen, wenn Lieferketten reißen. Für produzierende Unternehmen ergeben sich drei unmittelbare Handlungsfelder.
Erstens: Bestandsmanagement und Alternativqualifizierung. Wer für gaschromatographische Analysen auf Helium angewiesen ist, sollte bereits jetzt die Umstellung auf Wasserstoff als Trägergas oder alternative Analysemethoden vorbereiten - auch wenn die regulatorische Genehmigung Zeit kostet. Im Wolframbereich lohnt der Blick auf Recyclingquoten und die Nachbearbeitung verschlissener Hartmetallwerkzeuge.
Zweitens: Diversifizierung der Bezugsquellen. Die EU verfolgt mit dem Critical Raw Materials Act das Ziel, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren. Für einzelne Unternehmen bedeutet das: Lieferantenportfolios überprüfen, Lagerhaltung für kritische Materialien aufbauen und Partnerschaften mit Förderländern außerhalb Chinas und des Nahen Ostens evaluieren.
Drittens: Geopolitische Risikobewertung als fester Bestandteil der Beschaffungsstrategie. Die Lehre aus 2026 ist klar: Preis- und Verfügbarkeitsrisiken bei Rohstoffen lassen sich nicht mehr isoliert betrachten. Sie sind direkte Funktionen geopolitischer Konstellationen - und müssen entsprechend in die strategische Planung einfließen.
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