Erzeugerpreise fallen weiter — aber der Effekt ist ungleich verteilt
Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts bestätigen einen Trend, der seit Monaten die Preislandschaft der deutschen Industrie prägt: Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte lagen im Februar 2026 um 3,3 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats — nach einem Rückgang von 3,0 Prozent im Januar1Erzeugerpreise Februar 2026: -3,3 % gegenüber Februar 2025 – Statistisches Bundesamt. Im Monatsvergleich sanken sie um 0,5 Prozent. Das klingt zunächst nach Entlastung für die produzierende Industrie. Doch ein Blick unter die Oberfläche zeigt ein deutlich komplexeres Bild.
Der Gesamtrückgang wird maßgeblich von einem einzigen Faktor getrieben: den Energiepreisen. Energie war im Februar 2026 um 12,5 Prozent günstiger als im Vorjahresmonat, Erdgas über alle Abnehmergruppen sogar um 14,3 Prozent, elektrischer Strom um 13,4 Prozent1Erzeugerpreise Februar 2026: -3,3 % gegenüber Februar 2025 – Statistisches Bundesamt. Rechnet man Energie heraus, ergibt sich ein völlig anderes Bild: Ohne Energie stiegen die Erzeugerpreise im Vorjahresvergleich um 1,0 Prozent1Erzeugerpreise Februar 2026: -3,3 % gegenüber Februar 2025 – Statistisches Bundesamt.
Für Einkäufer und Produktionsplaner bedeutet das: Die Headline-Zahl täuscht. Wer Maschinen bestellt, zahlt 1,7 Prozent mehr als vor einem Jahr. Wer Metalle bezieht, sieht sich mit Preissteigerungen von 6,5 Prozent konfrontiert — bei Edelmetallen sogar mit einem Anstieg von 66,8 Prozent, bei Kupfer von 13,8 Prozent1Erzeugerpreise Februar 2026: -3,3 % gegenüber Februar 2025 – Statistisches Bundesamt. Holz und Holzwaren verteuerten sich um 6,4 Prozent, Glas um 4,3 Prozent. Lediglich Stahl und chemische Grundstoffe waren günstiger als im Vorjahr.
Der Sonderfall Energie: Entlastung mit Ablaufdatum?
Die deutlich gesunkenen Energiepreise sind aus Sicht der Industrie die wichtigste positive Nachricht der vergangenen Monate. Nach den Verwerfungen der Energiekrise seit 2022 normalisieren sich die Strom- und Gaspreise auf einem Niveau, das zwar über den Vorkrisenwerten liegt, aber die extreme Belastung der Jahre 2022 und 2023 spürbar abmildert.
Allerdings enthält der Destatis-Bericht eine bemerkenswerte Fußnote: Die Kriegshandlungen im Iran und dem Nahen Osten seit dem 28. Februar 2026 hatten auf die Februardaten noch keinen Einfluss1Erzeugerpreise Februar 2026: -3,3 % gegenüber Februar 2025 – Statistisches Bundesamt. Die Märzergebnisse dürften anders aussehen. Bereits im Februar stiegen die Preise für Mineralölerzeugnisse gegenüber dem Vormonat um 1,1 Prozent, Kraftstoffe lagen sogar 1,6 Prozent über dem Vorjahr1Erzeugerpreise Februar 2026: -3,3 % gegenüber Februar 2025 – Statistisches Bundesamt. Der geopolitische Kontext macht deutlich, dass die derzeitige Energiepreisentlastung fragil ist.
Kunststofferzeugung: Vom Standortvorteil zum Strukturproblem
Die vielleicht alarmierendste Branchenstatistik kommt von Plastics Europe Deutschland. Die deutsche Kunststofferzeugung verzeichnete 2025 einen Produktionsrückgang von 4,5 Prozent, einen Umsatzeinbruch von 7,6 Prozent auf 24,6 Milliarden Euro und sinkende Exporte um 5,5 Prozent2Kunststofferzeugung sinkt 2025 um 4,5 Prozent / Branche warnt vor Dominoeffekt – PlasticsEurope Deutschland. Das wäre für sich genommen schon besorgniserregend. Im Kontext wird es dramatisch: Seit Beginn der Energiekrise 2022 summiert sich der Produktionsrückgang der Kunststofferzeuger auf mehr als 26 Prozent2Kunststofferzeugung sinkt 2025 um 4,5 Prozent / Branche warnt vor Dominoeffekt – PlasticsEurope Deutschland — und das in einer Zeit, in der die weltweite Kunststoffnachfrage weiter wächst.
Die Ursachen sind struktureller Natur: schwache Inlandskonjunktur, zunehmender Importdruck — insbesondere durch chinesische Produkte, die nach Einführung von US-Zöllen auf den europäischen Markt umgeleitet werden — und nach wie vor hohe Standortkosten im internationalen Vergleich2Kunststofferzeugung sinkt 2025 um 4,5 Prozent / Branche warnt vor Dominoeffekt – PlasticsEurope Deutschland.
Branchenvertreter warnen vor einem Dominoeffekt. Dr. Ralf Düssel, Vorstandsvorsitzender von Plastics Europe Deutschland, formuliert es so: In Chemieparks seien Rohstoffe, Energie, Dampf und Infrastruktur standortübergreifend kalkuliert. Falle ein zentraler Baustein weg, drohe eine Kettenreaktion — zunächst am Standort, dann entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis hin zu Verarbeitern und Maschinenbauern2Kunststofferzeugung sinkt 2025 um 4,5 Prozent / Branche warnt vor Dominoeffekt – PlasticsEurope Deutschland.
Die Warnung ist nicht theoretisch. Im Gesamtjahr 2025 summierten sich die Insolvenzen in der Kunststoffbranche auf 481 Fälle, ein Anstieg von 27 Prozent gegenüber 20243Aktuelle Insolvenzen in der Kunststoffbranche / Kunststoffrecycler in der Krise – K-Zeitung / Sesotec. Betroffen sind zunehmend auch Kunststoffrecycler — ein paradoxer Befund angesichts der politisch gewollten Kreislaufwirtschaft. Die europäische Recyclingbranche warnt vor einem Kollaps: Billige Neuware, hohe Energiekosten und fehlende Nachfrage nach Rezyklaten treiben Betriebe in die Insolvenz3Aktuelle Insolvenzen in der Kunststoffbranche / Kunststoffrecycler in der Krise – K-Zeitung / Sesotec.
Auch die Chemieindustrie kommt nicht aus der Talsohle
Die Kunststoffkrise ist Teil eines größeren Problems. Die deutsche Chemieindustrie verzeichnete 2025 einen Produktionsrückgang von 0,5 Prozent und einen Umsatzrückgang von einem Prozent auf rund 220 Milliarden Euro4Chemieindustrie: Ausblick bleibt düster – Auslastung auf historischem Tief. Die Kapazitätsauslastung liegt auf einem historischen Tiefstand. Jedes zweite Unternehmen kämpft laut Branchenangaben mit schwerem Auftragsmangel4Chemieindustrie: Ausblick bleibt düster – Auslastung auf historischem Tief.
Für die gesamte Vorleistungsgüterkette — von der Basischemie über Kunststoffe bis hin zu Spezialmaterialien — ergibt sich ein konsistentes Bild: Die deutsche Industrie verliert in den energieintensiven Grundstoffsektoren Substanz. Die sinkenden Erzeugerpreise bei chemischen Grundstoffen (minus 3,0 Prozent laut Destatis) signalisieren dabei nicht Effizienzgewinne, sondern Nachfrageschwäche.
Bauwirtschaft bestätigt die Abwärtsspirale
Auch die Daten aus dem Bauhauptgewerbe passen ins Bild. Der reale Auftragseingang im Bauhauptgewerbe sank im Januar 2026 gegenüber dem Vormonat um 5,1 Prozent und gegenüber dem Vorjahr um 4,3 Prozent5Auftragseingang im Bauhauptgewerbe im Januar 2026 – Statistisches Bundesamt. Betroffen waren sowohl Hoch- als auch Tiefbau. Der reale Umsatz lag 7,5 Prozent unter dem Vorjahresmonat5Auftragseingang im Bauhauptgewerbe im Januar 2026 – Statistisches Bundesamt.
Für die zahlreichen Industriezulieferer der Bauwirtschaft — von Stahlproduzenten über Kunststoffverarbeiter bis zu Glasherstellern — ist das ein weiteres Signal fehlender Endnachfrage. Die noch vor einem Jahr gehegte Hoffnung auf eine zyklische Erholung des Bausektors als Nachfragetreiber hat sich bisher nicht materialisiert.
Die Gegenseite: Wo Wachstum stattfindet
Doch die Daten zeigen nicht nur Krise. Der Elektrogroßhändler Sonepar meldete für 2025 einen Rekordumsatz von 33,6 Milliarden Euro — getrieben von Elektrifizierung, Rechenzentrumsausbau und Industrieautomation6Sonepar erzielt Rekordumsatz von 33,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2025. Allein im Segment Rechenzentren erzielte das Unternehmen über 1,5 Milliarden Euro Umsatz6Sonepar erzielt Rekordumsatz von 33,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2025. Die Labortechnik-Branche, die zur Analytica in München zusammenkam, berichtete zwar von einem leichten Rückgang 2025, erwartet aber für 2026 wieder drei bis vier Prozent Wachstum7Analytica 2026: Deutsche Analysen- und Laborindustrie blickt vorsichtig optimistisch – SPECTARIS. Der Branchenumsatz der Analysen-, Bio- und Labortechnik lag 2025 bei 11,2 Milliarden Euro, die Exportquote bei rund 54 Prozent7Analytica 2026: Deutsche Analysen- und Laborindustrie blickt vorsichtig optimistisch – SPECTARIS.
Die Trennlinie verläuft klar: Branchen, die von Megatrends wie Digitalisierung, Elektrifizierung und Automatisierung profitieren, wachsen — selbst in einem schwierigen Gesamtumfeld. Branchen, die auf günstige Energie und stabile Inlandsnachfrage angewiesen sind, verlieren. Die deutsche Industrie durchläuft keinen zyklischen Abschwung, sondern einen strukturellen Umbau, dessen Geschwindigkeit und Richtung politisch kaum gesteuert werden.
Ausblick: Was die Daten für die Branche bedeuten
Die Kombination aus sinkenden Erzeugerpreisen auf der Headline-Ebene und steigenden Kosten bei Vorleistungsgütern schafft ein Umfeld, das Margen in der verarbeitenden Industrie unter Druck setzt. Wer nicht in den wenigen Wachstumssegmenten positioniert ist, steht vor einer schwierigen Gleichung: Die Inputkosten für Metalle, Holz und Investitionsgüter steigen, während die Absatzpreise für Endprodukte stagnieren oder fallen.
Für die Kunststoff- und Chemieindustrie ist das Fenster für eine Stabilisierung ohne politische Intervention klein. Plastics Europe Deutschland fordert spürbare Entlastungen bei Energie- und Strompreisen, weniger nationale Sonderwege bei EU-Vorgaben und einen pragmatischen Rahmen für die Kreislaufwirtschaft2Kunststofferzeugung sinkt 2025 um 4,5 Prozent / Branche warnt vor Dominoeffekt – PlasticsEurope Deutschland. Ob die neue Bundesregierung hier liefert, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Die geopolitische Lage — insbesondere der Iran-Konflikt — bleibt der große Unsicherheitsfaktor für die Energiepreise und damit für die gesamte Kostenkalkulation der Industrie. Die Februar-Daten sind ein Momentaufnahme vor dem Sturm. Entscheider in der produzierenden Industrie tun gut daran, ihre Preis- und Beschaffungsstrategien auf Volatilität auszurichten, nicht auf die trügerische Ruhe sinkender Durchschnittswerte.
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