Eine Abkommenswelle in Rekordtempo
Die Europäische Union hat in den vergangenen zwölf Monaten eine handelspolitische Offensive entfaltet, die in dieser Dichte und Reichweite ohne Vorbild ist. Am 24. März 2026 unterzeichneten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der australische Premierminister Anthony Albanese in Melbourne das EU-Australien-Freihandelsabkommen – nach rund acht Jahren Verhandlungen1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de. Der Deal mit Australien ist dabei nur das jüngste Glied einer Kette: Die EU unterhält mittlerweile über 40 Handelsabkommen mit mehr als 70 Partnerländern1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de.
Die strategische Stoßrichtung ist unverkennbar. Innerhalb weniger Monate schloss Brüssel Abkommen mit Indonesien (September 2025), Indien (Januar 2026) und Australien (März 2026) ab und brachte das über 25 Jahre verhandelte Mercosur-Abkommen in die vorläufige Anwendung. Die Triebkraft hinter dieser Dynamik: die Erkenntnis, dass Europa angesichts der erratischen US-Handelspolitik unter Donald Trump seine Handelsbeziehungen breiter diversifizieren muss.
Rohstoffsicherung als industriepolitisches Leitmotiv
Für die produzierende Industrie in Deutschland ist vor allem ein Aspekt der neuen Abkommen entscheidend: der Zugang zu kritischen Rohstoffen. Das Abkommen mit Australien sichert Europa einen verbesserten Zugang zu Lithium, Kobalt, Nickel, Kupfer und Seltenen Erden2ZVEI: EU-Australien-Abkommen stärkt Rohstoffzugang und Lieferketten. Australien ist einer der weltweit größten Produzenten dieser Rohstoffe, die für Batteriefertigung, E-Mobilität und Halbleiterproduktion unverzichtbar sind.
Laut dem ZVEI stärkt das Abkommen damit „resiliente Lieferketten und den Zugang zu kritischen Rohstoffen – genau das, was Europas Industrie jetzt braucht"2ZVEI: EU-Australien-Abkommen stärkt Rohstoffzugang und Lieferketten. Der BWIHK-Vizepräsident Claus Paal formulierte es ähnlich: Man müsse Abhängigkeiten reduzieren und Lieferketten resilienter aufstellen – und das gelinge nur auf europäischer Ebene3BWIHK: Neue Märkte im Fokus – EU-Australien-Abkommen steht.
Das im September 2025 unterzeichnete Abkommen mit Indonesien verfolgt die gleiche Logik: Indonesien ist der weltweit größte Nickelproduzent, und der gesicherte Zugang zu diesem Rohstoff ist für die europäische Batteriezellindustrie von strategischer Bedeutung1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de. Mit Indien – seit dem 27. Januar 2026 durch ein umfassendes Freihandelsabkommen verbunden4EU-Indien-Freihandelsabkommen: Das sind die Details des Handelsdeals – entsteht nach Angaben der EU-Kommission eine Freihandelszone mit knapp zwei Milliarden Menschen. Das Abkommen sieht den Abbau von Zöllen auf mehr als 90 Prozent der EU-Exporte vor und eröffnet den Zugang zu Indiens Finanz- und Seeverkehrsmarkt4EU-Indien-Freihandelsabkommen: Das sind die Details des Handelsdeals.
Mercosur: Der größte Deal wird konkret
Die wohl größte handelspolitische Tragweite hat das Mercosur-Abkommen. Ab dem 1. Mai 2026 soll es vorläufig angewendet werden, obwohl eine Überprüfung durch den Europäischen Gerichtshof noch aussteht1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de. Damit fallen schrittweise zahlreiche Zölle im Handel mit Brasilien, Argentinien und Uruguay weg. Paraguay hat als letzter beteiligter Staat den Vertrag gebilligt – die offizielle Notifizierung an Brüssel steht noch aus1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de.
Für die deutsche Industrie eröffnet das Abkommen erhebliche Chancen. Europäische Unternehmen werden durch den Zollabbau nach EU-Angaben rund vier Milliarden Euro pro Jahr einsparen5EU-Kommission: Häufig gestellte Fragen zum EU-Mercosur-Handelsabkommen. Besonders große Vorteile sehen Branchenverbände für den Maschinenbau, die Automobilindustrie und die Pharmabranche6BDI zum EU-Mercosur-Handelsabkommen: Wichtiger Erfolg für die deutsche Wirtschaft. Der BDI begrüßte den Beschluss als „wichtigen Erfolg für die deutsche und europäische Wirtschaft" und als Signal, dass die EU ein „relevanter geostrategischer Akteur" sein könne6BDI zum EU-Mercosur-Handelsabkommen: Wichtiger Erfolg für die deutsche Wirtschaft.
Gleichzeitig gibt es berechtigte Vorbehalte. Frankreichs Präsident Macron sprach von einer „bösen Überraschung"1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de. Landwirtschaftsverbände fürchten den Wettbewerbsdruck durch südamerikanische Agrarexporte. Für Industrieunternehmen überwiegen allerdings die Vorteile: Südamerika verfügt über bedeutende Lithium- und Kupfervorkommen und bietet als Absatzmarkt für Investitionsgüter erhebliches Potenzial.
Der Sorgenpunkt: Das ungelöste US-Kapitel
Im scharfen Kontrast zur erfolgreichen Diversifizierungsstrategie steht das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Im Sommer 2025 hatten EU und USA ein Handelsabkommen verhandelt, das die Zölle auf die meisten EU-Importe auf 15 Prozent begrenzen sollte1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de. Im Gegenzug hätte die EU US-Industriegüter zollfrei eingeführt. Doch die Ratifizierung wurde zum Hin und Her.
Nachdem der Oberste Gerichtshof der USA die meisten von Trump verhängten Zölle für unrechtmäßig erklärte, legte das Europäische Parlament den Deal im Februar 2026 auf Eis7IHK Berlin: Neue US-Zölle – Auswirkungen auf deutsche Unternehmen. Am 20. März 2026 stimmte der Handelsausschuss des Europaparlaments unter Vorsitz von Bernd Lange (SPD) dann doch für das Abkommen – allerdings unter strikten Bedingungen1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de: Die US-Seite muss verbindlich zusagen, die Vereinbarungen einzuhalten, und Fortschritte beim Abbau der Extrazölle auf Stahl- und Aluminium-Folgeprodukte vorlegen.
Für deutsche Maschinenbauer und Stahlverarbeiter ist das unmittelbar relevant. Die Zölle auf Stahl und Aluminium betragen aktuell 50 Prozent, auf Autos 15 Prozent und auf Lkw 25 Prozent7IHK Berlin: Neue US-Zölle – Auswirkungen auf deutsche Unternehmen. Solange diese Belastungen bestehen, nutzt ein formelles Handelsabkommen den betroffenen Branchen wenig. Die Lage bleibt volatil: Trump hat nach dem Supreme-Court-Urteil umgehend neue Zölle angekündigt1Mit welchen Ländern die EU Handelsabkommen hat – tagesschau.de.
Branchenreaktionen: Zwischen Aufbruch und Frustration
Die Reaktionen aus der deutschen Industrie auf die Handelsabkommen-Offensive sind gespalten – nicht in der grundsätzlichen Bewertung, sondern in der Frage, ob die politischen Rahmenbedingungen am Standort mithalten.
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) begrüßt die internationale Handelsaktivität, warnt aber vor strukturellen Defiziten. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup betonte vor dem EU-Wettbewerbsgipfel: „Zollkonflikte, chinesische Dumpingpreise und der Krieg im Iran wirken wie ein toxischer Beschleuniger auf die strukturellen Probleme am Standort."8VCI fordert wirtschaftspolitischen Befreiungsschlag Ohne Reformen bei Energiekosten und Bürokratie gingen die neuen Marktchancen an der deutschen Industrie vorbei.
Die Kunststofferzeuger illustrieren das Spannungsfeld besonders deutlich: Seit 2022 ist die Kunststoffproduktion in Deutschland um mehr als 26 Prozent eingebrochen, während die weltweite Nachfrage stieg9Kunststofferzeugung sinkt 2025 um 4,5 Prozent – Branche warnt vor Dominoeffekt. Plastics Europe Deutschland verwies ausdrücklich auf die Umlenkung chinesischer Produkte nach Europa als Folge der US-Zölle – ein klassischer Handelsableitungseffekt, der die europäische Industrie zusätzlich unter Druck setzt9Kunststofferzeugung sinkt 2025 um 4,5 Prozent – Branche warnt vor Dominoeffekt.
Auch die Labortechnikbranche berichtet von gegenläufigen Trends: Während die Exporte in EU-Länder laut SPECTARIS in den ersten drei Quartalen 2025 um mehr als fünf Prozent stiegen, gingen die Ausfuhren in die USA und China um zehn beziehungsweise sechs Prozent zurück10Analytica 2026: Deutsche Analysen- und Laborindustrie blickt vorsichtig optimistisch. Die EU-internen Handelsabkommen stärken den Binnenmarkt – aber sie kompensieren nicht automatisch die Verluste in den größten Einzelmärkten.
Was bedeutet das für die Branche?
Die beispiellose Abkommenswelle der EU markiert einen strategischen Wendepunkt in der europäischen Handelspolitik. Für die deutsche Industrie ergeben sich daraus drei zentrale Implikationen:
Diversifizierung wird konkret. Wer bisher auf die Achse USA-China fokussiert war, bekommt mit Indien, Indonesien, Australien und Südamerika neue Optionen – sowohl beim Absatz als auch bei der Rohstoffbeschaffung. Einkaufsabteilungen sollten die neuen Ursprungsregeln und Zollpräferenzen jetzt analysieren, bevor die Abkommen in Kraft treten.
Rohstoffsicherung wird zum Wettbewerbsfaktor. Die gezielte Verknüpfung von Handelsabkommen mit dem Zugang zu kritischen Rohstoffen ist für Unternehmen in der Batterie-, Halbleiter- und Werkstofftechnik strategisch wichtig. Australiens Lithium, Indonesiens Nickel und Chiles Kupfer werden über die neuen Abkommen leichter und günstiger zugänglich.
Die US-Frage bleibt das größte Risiko. Das bedingte Ja des Handelsausschusses zum EU-US-Abkommen zeigt, wie fragil die transatlantische Handelsbeziehung ist. Unternehmen mit hoher US-Exposition müssen weiterhin mit Unsicherheiten kalkulieren. Die Handelsableitungseffekte – etwa chinesische Produkte, die wegen US-Zöllen nach Europa umgeleitet werden – verstärken den Wettbewerbsdruck auf europäische Hersteller zusätzlich.
Die Qualität der neuen Abkommen wird sich daran messen lassen, ob die deutschen Industrieunternehmen sie tatsächlich nutzen können. Das setzt voraus, dass die Standortbedingungen – Energiepreise, Bürokratie, Regulierungstempo – nicht gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit untergraben, die der Marktzugang erst ermöglichen soll.
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