Boxkämpfe auf dem Laufsteg, Fußball-Turniere im Messegang, Roboter als digitale Kinderbegleiter: Die IFA 2026 in Berlin hat sich zur bisher größten Bühne für humanoide Roboter entwickelt. Wer die Hallen unterm Funkturm durchläuft, könnte meinen, die Maschinen seien reif für den Massenmarkt. Wer genauer hinsieht, erkennt: Zwischen Showeinlage und Serienreife klafft noch eine erhebliche Lücke.
Photo: Maximalfocus / UnsplashMehr Roboter als je zuvor - und fast alle aus China
Die IFA Next 2026 ist nach Angaben der Veranstalter die bisher größte Robotik-Schau in der Geschichte der Messe.[1] IFA Berlin hat seine Innovationszone IFA Next 2026 in die bislang größte Präsentationsfläche für humanoide Roboter verwandelt - vom 4. bis 8. September demonstriert die Messe am Berliner Messegelände, wie Robotikanwendungen der praktischen Nutzung im Alltag, am Arbeitsplatz und in der Industrie näherkommen.
Das Bild auf dem Parkett ist dabei eindeutig: Chinesische Beteiligung hat die IFA seit Jahren geprägt, doch 2026 ist ein Rekord. Von den ausstellenden Unternehmen sind 932 chinesisch - fast die Hälfte der Gesamtaussteller und rund 200 mehr als im Vorjahr. Sie kommen nicht nur zahlreicher zur Elektronikmesse - sie sind oftmals auch innovativer als die bisherigen Platzhirsche aus Japan oder Korea. Galten chinesische Hersteller lange Zeit als billige Nachahmer, geben sie heute etwa in der Robotik den Takt an.
Die Zahlen dahinter sind nüchtern: China produzierte 2025 rund 12.800 humanoide Roboter - etwa 90 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion, eingesetzt hauptsächlich in Ausbildungszentren, Forschungslaboren, Logistik und Fertigung.[1] Das war ein deutlicher Anstieg gegenüber 2024, wurde jedoch von der jährlichen Produktion klassischer Industrieroboter (556.000 Einheiten) in den Schatten gestellt.
Show ist nicht gleich Substanz
Wer die Heise-Einschätzung zur IFA liest, findet eine Formulierung, die den Kern trifft: Die humanoiden Roboter sind auf jeden Fall cool, aber nicht wirklich intelligent. Sie spulen in den meisten Fällen vorprogrammierte Routinen ab - etwa wenn sie tanzen, Kisten heben, durch die Gänge spaziert werden oder in den Boxring steigen.[1]
Das ist kein Randphänomen. Mit "Robots on the Runway" und dem RoboCup erweckt die IFA die Zukunft der Robotik zum Leben: Bei "Robots on the Runway" betreten humanoide Roboter den Laufsteg, um zu zeigen, wie Technologie, Bewegung und Unterhaltung zu einem spektakulären Live-Erlebnis verschmelzen. Teilnehmende Aussteller sind Primebot Robots, EngineAI, Cozio Robotics, Dobot Robot, DEEP Robotics, Agibot, Unitree, ZBy - Mind with Heart, Ollobot, Astrall Dynamics und AIMOGA.
Die Frage, die sich Produktionsplaner und Automatisierungsverantwortliche stellen sollten, ist eine andere: Was davon ist choreografierte Marketingshow, was ist reproduzierbarer Industriebetrieb? Ein Roboter kann einen Backflip auf der Bühne meistern, aber noch mit einem Schnürsenkel kämpfen. Der Backflip folgt einer Bewegung, die die Maschine kontrollieren kann. Ein Schnürsenkel tut das nicht.
Die entscheidende Frage für den Shopfloor: Vorprogrammierte Showroutinen sind kein Beweis für adaptive Intelligenz. Wer Roboter für unstrukturierte Umgebungen evaluiert – Montage, Kommissionierung, Pflege – muss auf reproduzierbare Aufgabenbewältigung unter variablen Bedingungen bestehen, nicht auf Messedemos.
Schwere Lasten, kleine Kinder, große Ambitionen
Jenseits der Laufsteg-Inszenierung gibt es auf der IFA durchaus Ansätze, die über Consumer-Entertainment hinausgehen. Neben dem Heimanwenderbereich expandieren Anbieter verstärkt in den professionellen und industriellen Sektor. Pudu Robotics feierte sein europäisches Debüt mit dem PUDU D7 und verwies auf eine installierte Basis von über 130.000 Robotern weltweit. Für schwere Lasten bietet das Unternehmen den T600 an, der eine Nutzlast von 600 kg bewegen kann.
Im Pflegebereich zeigt Softwarehersteller Tuya, wie digitale Begleiter in der heimischen Versorgung eingesetzt werden könnten: Die mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher ausgestatteten Geräte sollen Kinder begleiten oder pflegerische Aufgaben übernehmen. So können sie beispielsweise agieren, wenn eine Person im Haushalt gestürzt ist und den Notdienst anrufen. Da die Roboter sich selbstständig durch die Wohnung bewegen können, bleibt die Überwachung nicht auf einen Raum begrenzt - zumindest, wenn alle Türen offenstehen. An Kleinigkeiten wie verschlossene Türen oder begrenzte Akkukapazität scheitern die Konzepte zuweilen.[1]
Das ist ehrlich - und aufschlussreich. Gerade diese letzten zwei Sätze beschreiben das grundlegende Problem: Die Systeme funktionieren unter Idealbedingungen. Reale Umgebungen sind selten ideal.
Einen anderen Ansatz verfolgt das Startup Zeroth: Es stellte auf der IFA seinen Humanoiden vor, mit dem Interessierte lernen können, die Roboter zu programmieren.[1] Das ist pragmatisch - und adressiert ein echtes Problem: Wer humanoide Roboter skalieren will, braucht nicht nur Hardware, sondern auch die Fachkräfte, die sie einrichten und betreiben können.
Der europäische Gegenangriff: NEURA Robotics und Physical AI
Inmitten der chinesischen Dominanz liefert die IFA 2026 auch ein europäisches Signal. David Reger, Gründer und CEO von NEURA Robotics, erläuterte in seiner Keynote, wie Physical AI die Evolution der Robotik vorantreibt und warum die Technologie angesichts des demografischen Wandels und des wachsenden Arbeitskräftemangels zunehmend an Bedeutung gewinnt.
NEURA Robotics hat nach eigenen Angaben ein Auftragsvolumen von über einer Milliarde US-Dollar für seine humanoiden Roboter aufgebaut und schloss kurz vor der Messe eine Finanzierungsrunde von bis zu 1,4 Milliarden Dollar ab.[1] Das Unternehmen nutzt die IFA, um seine Vision einer Zukunft zu präsentieren, in der kognitive Roboter nicht nur vorprogrammierten Sequenzen folgen, sondern sehen, hören, lernen und sicher neben Menschen arbeiten können.
Physical AI - also KI, die nicht nur Daten verarbeitet, sondern physisch in der Welt agiert - ist das Schlagwort, das die IFA 2026 prägt. Anstatt nur Informationen zu verarbeiten, ermöglicht KI Maschinen, ihre physische Umgebung wahrzunehmen, auf Veränderungen zu reagieren und Aufgaben autonom auszuführen. Die Lernfähigkeit der Systeme ist dabei entscheidend.
Ob das mehr als ein Versprechen ist, entscheidet sich nicht auf dem Laufsteg.
Was die IFA wirklich zeigt - und was sie verschweigt
Die IFA 2026 vermittelt ein ambivalentes Bild. Einerseits wird deutlich, wie schnell künstliche Intelligenz in Produkte des täglichen Lebens einzieht. Andererseits entscheidet sich ihr tatsächlicher Wert erst im Gebrauch.
Für Automatisierungsverantwortliche in der Industrie lässt sich das auf drei Beobachtungen verdichten:
1. Die Showreife ist real, die Serienreife nicht. Humanoide Roboter können auf der Messe beeindrucken. Im unkontrollierten Umfeld - Montage variabler Bauteile, Kommissionierung unbekannter Objekte, Pflege von Menschen - stoßen sie schnell an Grenzen. Wann ist ein Roboter smart und wann nur eine dumme Maschine? Das ist bei den auf der IFA allgegenwärtigen Robotervarianten nicht immer auszumachen.[1]
2. Die chinesische Dominanz ist strukturell, nicht zufällig. "Fertigungskapazität, hohe Investitionen und eine vollständig integrierte Lieferkette bedeuten, dass Unternehmen sehr schnell iterieren können", sagte IFA-CEO Leif Lindner. "Wenn Design, Engineering, Produktion und Tests alle im selben Ökosystem stattfinden, bewegen sich Ideen natürlich viel schneller vom Prototyp zum Produkt." Das ist kein temporärer Vorsprung.
3. Zertifizierung wird zum Differenziator. AiMOGAs Mornine verfügt über eine vollständige EU-CE-Zertifizierung für Maschinensicherheit, Funkausrüstung und Cybersicherheit, ausgestellt vom deutschen Prüfinstitut TÜV Rheinland. Das macht es zum ersten Humanoiden, der sowohl für Hardware als auch Software nach EU-Vorschriften zugelassen ist, und er ist bereits in Autohäusern in mehr als 30 Ländern im Einsatz. Für europäische Industriekunden ist das ein relevantes Signal: Compliance ist kein Nachgedanke mehr.
Fazit: Nicht der Laufsteg entscheidet
Die IFA 2026 ist ein nützlicher Seismograf für den Stand der Robotik-Branche - aber kein Abnahmeprotokoll. Ein intelligenter Assistent, ein autonomer Roboter oder ein vernetztes Haushaltsgerät ist nicht deshalb innovativ, weil es über KI verfügt. Entscheidend ist, ob die Technologie zuverlässig ein Problem löst, Aufwand reduziert oder neue Möglichkeiten eröffnet. Genau daran dürfte sich in den kommenden Jahren entscheiden, welche der auf Messen präsentierten Ideen den Weg in den Alltag finden.
Für den Shopfloor gilt das erst recht. Boxkämpfe und Laufsteg-Auftritte sind unterhaltsam. Was Produktionsplaner brauchen, sind Systeme, die auch dann funktionieren, wenn die Tür geschlossen ist und der Akku nicht voll geladen wurde.
Nach Bitkom-Daten könnte sich fast jeder zweite Deutsche einen KI-gesteuerten Roboter im eigenen Zuhause vorstellen - die gesellschaftliche Akzeptanz wächst. Die Technologie muss jetzt nachziehen.





