arrow_back

Kreislaufwirtschaft und Elektronik: Neue EU-Förderprogramme und Normungsinitiativen setzen Reparatur und Recycling unter Standardisierungsdruck

Die EU-Kommission treibt 2026 die Normung für zirkuläre Elektronik auf mehreren Ebenen gleichzeitig voran: Ein Horizon-Europe-Projekt entwickelt Pre-Standards für die Reparierbarkeit von Leiterplatten, während das jährliche Normungsprogramm der Union Kreislaufwirtschaft als Querschnittspriorität verankert. Für Elektronikhersteller und Zulieferer verdichtet sich damit der regulatorische Rahmen erheblich.

AKTUELL
Kreislaufwirtschaft und Elektronik: Neue EU-Förderprogramme und Normungsinitiativen setzen Reparatur und Recycling unter StandardisierungsdruckUmberto / Unsplash

Normung als politisches Instrument

Wer die europäische Kreislaufwirtschaft verstehen will, muss die Normungspolitik verstehen. Denn bevor aus politischen Zielen betriebliche Pflichten werden, braucht es technische Standards, die Begriffe definieren, Messverfahren festlegen und Konformitätsvermutungen begründen. Genau hier setzt die EU-Kommission 2026 mit zwei parallelen Initiativen an, die für die Elektronikbranche erhebliche Konsequenzen haben dürften.

Erstens: Das Annual Union Work Programme for European Standardisation (AUWP) 2026 - das jährliche Normungsprogramm, mit dem die Kommission Normungsaufträge an CEN, CENELEC und ETSI formuliert - verankert Kreislaufwirtschaft als strategische Priorität quer über alle Produktkategorien 1Annual Union Work Programme for European Standardisation for 2026. Zweitens: Ein über das Horizon-Europe-Programm gefördertes Projekt entwickelt gezielt Pre-Standards für die Reparierbarkeit und das Recycling von Elektronikbaugruppen, insbesondere für Leiterplattenbestückungen (Printed Board Assemblies) 2Enabling Circular Economy practices through standardisation of repair and recycling for electronics – EU Knowledge Valorisation Platform.

Beide Entwicklungen greifen ineinander - und sie treffen auf eine regulatorische Landschaft, die bereits erheblich in Bewegung ist.

Das AUWP 2026: Kreislaufwirtschaft als Normungsauftrag

Das AUWP ist das zentrale Steuerungsinstrument, mit dem die Kommission gemäß Verordnung (EU) Nr. 1025/2012 europäische Normungsaufträge erteilt. Im Programm für 2026 wird die Kreislaufwirtschaft nicht als isoliertes Thema behandelt, sondern als Querschnittsanforderung, die sich durch die Bereiche Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit, Materialdeklaration und Digitaler Produktpass zieht 1Annual Union Work Programme for European Standardisation for 2026.

Für die Elektronikbranche ist dabei entscheidend, dass die Kommission harmonisierte europäische Normen (hEN) anstrebt, die als Grundlage für die Konformitätsvermutung unter der Ökodesign-Verordnung (ESPR, Verordnung EU 2024/1781) dienen sollen. Konkret: Die ESPR ist seit dem 18. Juli 2024 in Kraft und erweitert den Anwendungsbereich der Ökodesign-Anforderungen auf nahezu alle physischen Produkte im EU-Binnenmarkt - weit über die bisherige Beschränkung auf energieverbrauchsrelevante Produkte hinaus 3Verordnung (EU) 2024/1781 – Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR). Elektronik gehört dabei zu den priorisierten Produktkategorien, für die delegierte Rechtsakte mit konkreten Anforderungen an Reparierbarkeit, Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit erwartet werden.

Parallel dazu arbeitet das 2023 gegründete europäische Normungskomitee CEN/TC 473 "Circular Economy" an horizontalen Standards, die organisationsübergreifende Leitlinien und Anforderungen für den Übergang zur Kreislaufwirtschaft definieren sollen 4CEN/TC 473 – Circular Economy, Europäisches Komitee für Normung. Diese horizontalen Normen werden durch sektorspezifische Standards ergänzt - und genau hier setzt das zweite Signal an.

Pre-Standards für Leiterplatten: Vom Forschungsprojekt zur Norm

Das von der EU geförderte Projekt zur Standardisierung von Reparatur und Recycling in der Elektronik verfolgt einen pragmatischen Ansatz: Es entwickelt Pre-Standards - also normative Vorstufen - für Leiterplattenbestückungen (Printed Board Assemblies), die sowohl die Reparierbarkeit als auch die Recyclingfähigkeit bewertbar machen sollen 2Enabling Circular Economy practices through standardisation of repair and recycling for electronics – EU Knowledge Valorisation Platform. Zudem werden Werkzeuge für künftige Anforderungen wie den Digitalen Produktpass erarbeitet.

Pre-Standards sind im europäischen Normungssystem ein bewährtes Instrument, um Forschungsergebnisse normungsfähig zu machen. Sie haben keinen verbindlichen Charakter, schaffen aber die technische Grundlage, auf der CEN und CENELEC anschließend harmonisierte Normen entwickeln können. Für Elektronikfertiger bedeutet das: Was heute als Forschungsergebnis formuliert wird, kann morgen als harmonisierte Norm Eingang in delegierte Rechtsakte der ESPR finden.

Der Fokus auf Leiterplatten ist dabei kein Zufall. Printed Board Assemblies sind die zentrale Funktionseinheit praktisch aller Elektronikprodukte - und gleichzeitig einer der größten Engpässe für Reparatur und Recycling. Bereits die europäische Norm EN 45554 definiert allgemeine Methoden zur Bewertung der Reparierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und Aufrüstbarkeit energieverbrauchsrelevanter Produkte 5EN 45554:2020 – General methods for the assessment of the ability to repair, reuse and upgrade energy-related products. Die neuen Pre-Standards sollen diese Methodik auf Baugruppenebene konkretisieren - ein Schritt, der bislang fehlte.

Recht auf Reparatur: Der regulatorische Kontext

Die Normungsinitiativen fallen in eine Phase, in der das Thema Reparierbarkeit auch gesetzlich an Verbindlichkeit gewinnt. Die Bundesregierung hat am 25. März 2026 den Kabinettsentwurf zur Umsetzung der EU-Richtlinie 2024/1799 zur Förderung der Reparatur von Waren - das sogenannte "Recht auf Reparatur" - vorgelegt 6Kabinettsentwurf zur Umsetzung der EU-Richtlinie 2024/1799 – Recht auf Reparatur. Die Richtlinie muss bis zum 31. Juli 2026 in deutsches Recht umgesetzt werden 6Kabinettsentwurf zur Umsetzung der EU-Richtlinie 2024/1799 – Recht auf Reparatur.

Für Elektronikhersteller entsteht damit eine Kaskade: Die Reparatur-Richtlinie schafft den rechtlichen Rahmen, die ESPR definiert produktspezifische Anforderungen, und die harmonisierten Normen - auf Basis der jetzt entstehenden Pre-Standards - liefern die technischen Kriterien, anhand derer Konformität bewertet wird. Wer also wissen will, welche Reparierbarkeitsanforderungen in drei Jahren für seine Produkte gelten, muss heute die Normungsarbeit verfolgen.

Der ZVEI hat in seiner Bewertung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie die Stärkung der Normung im Bereich Kreislaufwirtschaft ausdrücklich positiv bewertet 7ZVEI – Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie: Chancen und Herausforderungen. Gleichzeitig mahnt der Verband an, dass die Standards KMU-tauglich, praxisnah und international anschlussfähig sein müssen - eine berechtigte Forderung angesichts der Komplexität globaler Elektroniklieferketten.

Die DIN-Normungsroadmap als deutscher Referenzrahmen

In Deutschland haben DIN, DKE und VDI mit der Normungsroadmap Circular Economy bereits einen strukturierten Rahmen vorgelegt. Über 550 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlicher Hand und Zivilgesellschaft haben darin mehr als 200 konkrete Normungsbedarfe für sieben Schwerpunktthemen identifiziert 8DIN/DKE/VDI – Normungsroadmap Circular Economy. Elektronik und Elektrotechnik zählen dabei zu den Kernbereichen.

Die Roadmap dient als nationale Zuarbeit für die europäische Normung - ein Mechanismus, der häufig unterschätzt wird. Denn wer frühzeitig Normungsbedarfe formuliert und sich in den europäischen Gremien engagiert, prägt die Standards, an denen sich später die gesamte Branche messen lassen muss. Für den deutschen Mittelstand in der Elektronikfertigung - Leiterplattenhersteller, EMS-Dienstleister, Komponentenanbieter - liegt hier eine strategische Chance, die eigenen Produktionsbedingungen in die Normgebung einfließen zu lassen.

Was bedeutet das für die Branche?

Die gleichzeitige Verdichtung auf drei Ebenen - Gesetzgebung (Reparatur-Richtlinie, ESPR), Normung (AUWP 2026, CEN/TC 473) und Forschungsförderung (Pre-Standards für Elektronik) - markiert einen Wendepunkt. Kreislaufwirtschaft in der Elektronik wird von einer abstrakten Zielformulierung zur technisch messbaren Anforderung.

Für Betriebsleiter und Entwicklungsleiter in der Elektronikfertigung ergeben sich drei unmittelbare Handlungsfelder: Erstens die aktive Beteiligung an der Normungsarbeit über DIN, DKE oder die jeweiligen Branchenverbände. Zweitens die Vorbereitung auf Reparierbarkeits- und Recyclingbewertungen auf Baugruppenebene - ein Thema, das Design-for-Repair und Design-for-Recycling von der Kür zur Pflicht macht. Drittens die frühzeitige Implementierung von Datenstrukturen für den Digitalen Produktpass, der auch für Elektronikprodukte kommen wird.

Die regulatorischen Fristen mögen noch komfortabel erscheinen. Doch Normungsprozesse haben eine Vorlaufzeit von zwei bis vier Jahren - und die Ergebnisse der heute gestarteten Projekte werden die Standards von 2028 oder 2029 definieren. Wer erst reagiert, wenn die harmonisierten Normen veröffentlicht sind, hat die Phase der Mitgestaltung bereits verpasst.


Bild: Umberto / Unsplash

Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.