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Mobile Robotik und digitale Zwillinge: Wie die Intralogistik den Technologietransfer aus der Forschung beschleunigt

Mit dem Enterprise Lab von BEUMER Group und Fraunhofer IML sowie der Technologiekooperation zwischen Körber und NVIDIA setzen zwei große Intralogistik-Akteure innerhalb weniger Tage auf strategische Forschungspartnerschaften. Dahinter steht ein Muster: Die Branche professionalisiert ihren Zugang zu Schlüsseltechnologien wie mobiler Robotik und physikalischer KI.

AKTUELL
Mobile Robotik und digitale Zwillinge: Wie die Intralogistik den Technologietransfer aus der Forschung beschleunigt

Zwei Partnerschaften, ein Muster

Mitte März 2026 gaben zwei Unternehmen aus der Intralogistik nahezu zeitgleich strategische Forschungskooperationen bekannt, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben – und bei genauerem Hinsehen denselben Trend abbilden.

Die BEUMER Group hat Ende 2025 gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML ein dreijähriges „Enterprise Lab" für mobile Robotik gestartet. Im Rahmen der Kooperation stellt das Fraunhofer IML fünf Vollzeitstellen bereit, die gemeinsam mit BEUMER-Entwicklern an einer skalierbaren Plattform für mobile Roboter arbeiten1BEUMER Group und Fraunhofer IML starten gemeinsames Enterprise Lab für mobile Robotik. Die Zusammenarbeit findet am Fraunhofer IML in Dortmund statt, in direkter Nachbarschaft zum dortigen BEUMER-Standort.

Ebenfalls am 17. März gab Körber eine Technologiekooperation mit NVIDIA bekannt. Kern der Zusammenarbeit ist die Entwicklung physikgetreuer digitaler Zwillinge von Lagern und Logistikanlagen. Mithilfe von NVIDIA-Omniverse-Bibliotheken will Körber reale Abläufe mit fotorealistischer Präzision simulieren2Körber beschleunigt KI-Innovationen in Logistik und Lieferketten in Zusammenarbeit mit NVIDIA, um Szenariotests, schnelles Prototyping und perspektivisch auch das Training humanoider Robotersysteme in virtuellen Umgebungen zu ermöglichen.

Beide Vorhaben setzen auf die systematische Integration externer Spitzenforschung in die eigene Produktentwicklung. Und beide adressieren eine zentrale Herausforderung der Intralogistik: Die Innovationszyklen bei mobiler Robotik und KI-gestützter Automatisierung sind so kurz geworden, dass klassische interne F&E-Strukturen allein nicht mehr ausreichen.

Das Enterprise-Lab-Modell des Fraunhofer IML

Das Format, das BEUMER nutzt, ist kein Experiment. Das Fraunhofer IML hat bereits mit elf weiteren Unternehmen Enterprise Labs umgesetzt1BEUMER Group und Fraunhofer IML starten gemeinsames Enterprise Lab für mobile Robotik. Das Modell funktioniert als eine Art eingebettete Forschungszelle: Wissenschaftler des Instituts arbeiten über einen definierten Zeitraum direkt an Fragestellungen des Industriepartners, mit Zugang zu dessen Daten und Anforderungen, aber unter Nutzung der Forschungsinfrastruktur des Fraunhofer IML – einschließlich Testflächen und Laboreinrichtungen.

Für BEUMER steht dabei die Entwicklung einer einheitlichen Plattform für mobile Robotik im Vordergrund. Diese Plattform soll standardisierte Onboard-Controller, Sensorik, Lokalisierung und Flottenmanagement bereitstellen – also die technische Basis, auf der verschiedene Anwendungen aufsetzen können: von Sortierrobotern für Paketzentren bis zu Gepäcktransportern für Flughäfen.

„Mobile Robotik ergänzt unser Produkt- und Systemportfolio in unseren Kerngebieten Fördern und Sortieren perfekt", erläuterte Volker Jungbluth, CTO der BEUMER Group1BEUMER Group und Fraunhofer IML starten gemeinsames Enterprise Lab für mobile Robotik. Flexibel skalierbar, flächeneffizient und ausfallsicher – das sind die Attribute, die mobile Roboter gegenüber stationärer Fördertechnik ausspielen können. Allerdings müssen die Plattformen dafür eine Reife erreichen, die den 24/7-Betrieb in industriellen Umgebungen zuverlässig ermöglicht. Genau hier setzt die Forschungskooperation an.

Prof. Alice Kirchheim, Institutsleiterin am Fraunhofer IML, formulierte den Anspruch ambitioniert: Man sei „ambitioniert, in dieser Kooperation die Basis für Sprunginnovationen in der mobilen Robotik zu leisten"1BEUMER Group und Fraunhofer IML starten gemeinsames Enterprise Lab für mobile Robotik. Ob das gelingt, wird sich in drei Jahren zeigen. Entscheidend wird sein, wie schnell Erkenntnisse aus dem Lab in konkrete Pilotprojekte überführt werden.

Körber und NVIDIA: Physikalische KI für die Lagersimulation

Die Körber-NVIDIA-Kooperation verfolgt einen anderen Ansatz, zielt aber auf ein ähnliches Problem. Hier geht es nicht um die Entwicklung neuer Hardware, sondern um die Simulation und Optimierung komplexer Logistiksysteme – bevor diese physisch installiert werden.

Im Mittelpunkt steht das Konzept der „physikalischen KI": KI-Systeme, die die physikalische Welt durch physikbasierte Simulationen verstehen und mit ihr interagieren können2Körber beschleunigt KI-Innovationen in Logistik und Lieferketten in Zusammenarbeit mit NVIDIA. In der Praxis bedeutet das: Körber will komplette Lagerumgebungen als digitale Zwillinge abbilden, in denen sich Spitzenauslastungen, Systemausfälle und Layoutänderungen risikolos durchspielen lassen.

Helena Garriga, Mitglied des Körber-Konzernvorstands und verantwortlich für das Geschäftsfeld Supply Chain, sprach von einer Neudefinition dessen, „was intelligente Logistik leisten kann"2Körber beschleunigt KI-Innovationen in Logistik und Lieferketten in Zusammenarbeit mit NVIDIA. Hinter der Rhetorik steht ein konkreter Nutzen für Kunden aus den Bereichen Pharma, Lebensmittel, KEP-Dienste und E-Commerce: Die Planung und Inbetriebnahme von Automatisierungsprojekten lässt sich durch vorherige Simulation erheblich beschleunigen – und das Risiko von Fehlplanungen reduzieren.

Für Körber ist die Partnerschaft Teil einer breiteren Strategie. Das Unternehmen positioniert KI, Automatisierung und Simulation als konzernweite Querschnittsthemen und will skalierbare digitale Modelle schrittweise in weiteren Geschäftsbereichen einsetzen2Körber beschleunigt KI-Innovationen in Logistik und Lieferketten in Zusammenarbeit mit NVIDIA.

Warum gerade jetzt?

Dass beide Partnerschaften im selben Zeitfenster verkündet wurden, ist kein Zufall. Die Intralogistik befindet sich in einer Phase beschleunigten technologischen Wandels, der durch mehrere Faktoren getrieben wird.

Der VDMA-Fachverband Fördertechnik und Intralogistik hat wiederholt auf die große Nachfrage nach Automatisierungslösungen mit mobiler Robotik hingewiesen3VDMA: Große Nachfrage nach mobiler Robotik in der Intralogistik. Der Markt für mobile Roboter in der Lagerlogistik wächst – getrieben vom E-Commerce-Boom, dem anhaltenden Fachkräftemangel in der manuellen Kommissionierung und steigenden Anforderungen an Liefergeschwindigkeit.

Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb. Chinesische Anbieter wie Geek+ oder Hai Robotics drängen mit skalierbaren und preisaggressiven Lösungen auf den europäischen Markt. Für etablierte Systemintegratoren wie BEUMER oder Körber bedeutet das: Technologievorsprung muss aktiv verteidigt werden – und das erfordert Investitionen in Grundlagentechnologien, die über die typische Produktentwicklung hinausgehen.

Die Partnerschaft mit Forschungsinstituten und Technologiekonzernen ist dabei ein effizienterer Weg als der Aufbau eigener Grundlagenforschung. BEUMER bekommt über das Enterprise Lab Zugang zu den neuesten Erkenntnissen des Fraunhofer IML, ohne ein eigenes Forschungsinstitut betreiben zu müssen. Körber erhält über NVIDIA Zugang zu einer Simulationstechnologie, deren Eigenentwicklung Jahre und dreistellige Millionenbeträge kosten würde.

Was bedeutet das konkret für den Shopfloor?

Für Betreiber von Logistikzentren und Produktionswerken sind beide Entwicklungen relevant – wenn auch mit unterschiedlichem Zeithorizont.

Die digitalen Zwillinge aus der Körber-NVIDIA-Kooperation könnten relativ kurzfristig in Planungs- und Angebotsprozesse einfließen. Wer ein neues Distributionszentrum plant oder ein bestehendes modernisiert, dürfte bald in der Lage sein, verschiedene Automatisierungsszenarien virtuell zu testen – einschließlich der Frage, wie sich ein Systemausfall auf den Gesamtdurchsatz auswirkt oder ob ein zusätzlicher Roboter die Engstelle am Packplatz auflöst.

Die Ergebnisse des BEUMER-Fraunhofer-Labs sind längerfristiger Natur. Eine skalierbare Plattform für mobile Robotik, die den Standards industrieller Dauerbelastung standhält, entsteht nicht in Monaten. Doch wenn BEUMER eine einheitliche technische Basis schafft, auf der verschiedene Robotertypen für unterschiedliche Anwendungen aufsetzen, wäre das ein Differenzierungsmerkmal gegenüber Anbietern, die spezialisierte Einzellösungen vermarkten.

Einordnung: Forschungstransfer als Wettbewerbsstrategie

Beide Kooperationen fügen sich in einen breiteren Trend ein. Die deutschen Forschungsausgaben liegen auf Rekordniveau – 137,1 Milliarden Euro im Jahr 2024, davon 92,5 Milliarden Euro aus der Wirtschaft4Statistisches Bundesamt: 3,8 % mehr Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Jahr 2024. Doch die entscheidende Frage ist nicht, wie viel investiert wird, sondern wie schnell Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte überführt werden.

Die Intralogistik-Branche scheint hier einen pragmatischen Weg gefunden zu haben: Statt auf den Zufall des Technologietransfers zu setzen, binden Unternehmen Forschungspartner vertraglich und räumlich in ihre Entwicklungsprozesse ein. BEUMER formuliert das explizit: „Statt ein isoliertes Insellabor aufzusetzen, nutzen wir mit dem Fraunhofer Enterprise Lab ein bewährtes Format, um externe Spitzenforschung direkt in unsere Produktentwicklung einzubringen"1BEUMER Group und Fraunhofer IML starten gemeinsames Enterprise Lab für mobile Robotik.

Für den Mittelstand, der weder ein Enterprise Lab mit dem Fraunhofer IML noch eine NVIDIA-Kooperation stemmen kann, stellt sich die Frage, welche Formate des Forschungstransfers zugänglich sind. Die Fraunhofer-Gesellschaft bietet mit ihren Innovationsprogrammen auch kleinere Kooperationsmodelle an. Doch die Tendenz ist klar: Wer bei mobiler Robotik und KI-gestützter Logistikplanung mithalten will, braucht systematischen Zugang zu Forschungskapazitäten – ob durch eigene Investition, Partnerschaft oder Konsortium.

Ausblick

Mobile Robotik und digitale Zwillinge werden die Intralogistik in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Die aktuellen Kooperationen von BEUMER und Körber sind Indikatoren dafür, dass die Technologiereife näher rückt als vielen Marktbeobachtern bewusst ist. Die LogiMAT 2026 hat bereits gezeigt, dass mobile Robotik keine Labortechnologie mehr ist, sondern zunehmend in reale Betriebsumgebungen integriert wird.

Für Logistikentscheider bedeutet das: Der Planungshorizont für Automatisierungsinvestitionen sollte mobile Robotik als ernstzunehmende Option einbeziehen – nicht als Zukunftsvision, sondern als mittelfristig verfügbare Technologie. Und wer Simulationstools für die Lagerplanung evaluiert, sollte beobachten, wann die ersten physikbasierten digitalen Zwillinge aus der Körber-NVIDIA-Kooperation verfügbar werden. Der Weg von der Forschungspartnerschaft zum marktfähigen Produkt ist in der Intralogistik oft kürzer als in anderen Industriezweigen.


Bild: CHUTTERSNAP / Unsplash

Claudia Merz (KI)

Claudia Merz (KI)

Ressortleiterin Logistik & Supply Chain

Betriebswirtin mit Spezialisierung auf Supply Chain Management und langjähriger Erfahrung in der Logistikbranche. Berichtet über Lieferketten, Beschaffung, Lagerhaltung und Transportlogistik.