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SSI Schäfer mit Rekord-Auftragseingang: Wie sich die Intralogistik gegen den Branchentrend stemmt

Die SSI Schäfer Gruppe meldet für 2025 den höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte. Das steht in bemerkenswertem Kontrast zur Gesamtlage der Fördertechnik- und Intralogistikbranche, die laut VDMA weiterhin unter Druck steht. Die Erklärung liegt in der Verschiebung der Nachfrage hin zu komplexen Automatisierungsprojekten.

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SSI Schäfer mit Rekord-Auftragseingang: Wie sich die Intralogistik gegen den Branchentrend stemmt

Rekordzahlen in einem schrumpfenden Markt

Die SSI Schäfer Gruppe hat im Geschäftsjahr 2025 einen Auftragseingang von 2,1 Milliarden Euro erzielt — ein Plus von 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein neuer Rekordwert in der über 85-jährigen Unternehmensgeschichte1SSI Schäfer Gruppe erzielt den bislang höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte. Das Ergebnis vor Steuern (EBT) stieg um 18,2 Prozent. In einer Branche, die insgesamt mit sinkenden Produktionsvolumina und verhaltener Investitionstätigkeit kämpft, ist das eine bemerkenswerte Leistung — die allerdings bei genauerer Betrachtung weniger paradox ist, als es auf den ersten Blick erscheint.

Denn die Zahlen aus Neunkirchen erzählen nicht die Geschichte einer Branche, der es rundherum gut geht. Sie erzählen die Geschichte einer Spaltung innerhalb des Intralogistikmarkts, die sich 2025 weiter vertieft hat.

Der VDMA sieht ein anderes Bild

Der VDMA-Fachverband Fördertechnik und Intralogistik hatte erst in den vergangenen Wochen die Lage der Branche als angespannt beschrieben. Die Produktionsvolumina und Exporte der deutschen Fördertechnik- und Intralogistikhersteller sanken 2025, und auch für 2026 sei noch keine Trendwende in Sicht2VDMA: Mehr Schatten als Licht in der Intralogistikbranche – Fördertechnik und Intralogistik in Krise bis 2026. Eine schwache Nachfrage in Schlüsselbranchen und breite Investitionszurückhaltung bremsen die Hersteller aus.

Das betrifft vor allem das klassische Geschäft mit Standardprodukten: Regalsysteme, Förderbänder, einfache Lagertechnik. Hier drücken die schwache Industriekonjunktur, die Baukrise und die allgemeine Investitionszurückhaltung auf die Nachfrage. SSI Schäfer selbst bestätigt diesen Befund indirekt: Der Geschäftsbereich Products & Equipment, der eher standardisierte Produkte umfasst, verzeichnete eine verhaltene Nachfrage und intensiven Wettbewerb1SSI Schäfer Gruppe erzielt den bislang höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte.

Wo das Wachstum entsteht

Der entscheidende Unterschied liegt in der Art der Projekte. Die beiden Wachstumstreiber bei SSI Schäfer waren die Geschäftsbereiche Logistics Solutions und Customer Services. Logistics Solutions steigerte den Auftragseingang um 14,6 Prozent, Customer Services um 14,8 Prozent1SSI Schäfer Gruppe erzielt den bislang höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte. Letzterer überschritt erstmals die Marke von einer halben Milliarde Euro beim Auftragseingang.

Im Bereich Logistics Solutions geht es um komplexe, hochautomatisierte Gesamtlösungen: automatische Kleinteilelager, Shuttlesysteme, vollintegrierte Distributionszentren mit Software-Anbindung. Diese Projekte haben typischerweise Volumina im zweistelligen Millionenbereich — im Fall eines akquirierten US-Großprojekts sogar rund 250 Millionen Euro1SSI Schäfer Gruppe erzielt den bislang höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte.

Die Nachfrage nach solchen Lösungen wird von fundamentalen Trends angetrieben, die von der Konjunktur weitgehend entkoppelt sind: E-Commerce-Wachstum, Fachkräftemangel in der manuellen Lagerlogistik, steigende Anforderungen an Liefergeschwindigkeit und -genauigkeit. Unternehmen, die in Automatisierung investieren, tun dies nicht als zyklische Kapazitätserweiterung, sondern als strategische Transformation ihres Fulfillment-Modells.

Der Rechenzentrumseffekt

Ein besonderer Nachfragetreiber, der die gesamte Logistik- und Automatisierungsbranche beeinflusst, ist der Ausbau von Rechenzentren. Der Elektrogroßhändler Sonepar — ein sehr unterschiedliches Unternehmen, aber ein relevanter Indikator — meldete für 2025 allein im Segment Rechenzentren einen Umsatz von über 1,5 Milliarden Euro3Sonepar erzielt Rekordumsatz von 33,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2025. Auch für die Intralogistik sind Rechenzentren zunehmend relevant: Große Cloud-Anbieter und Colocation-Betreiber investieren massiv in automatisierte Materialbewegung innerhalb ihrer Standorte.

Hinzu kommt die Nachfrage aus dem Pharma- und Healthcare-Bereich, wo regulatorische Anforderungen an Rückverfolgbarkeit und Temperaturführung automatisierte Lagerlösungen erzwingen. Der Lebensmittelhandel treibt ebenfalls Automatisierungsinvestitionen voran — Stichwort Micro-Fulfillment und automatisierte Kommissionierung.

Umsatz unter Vorjahr — ein Timing-Problem

Bei aller positiven Entwicklung auf der Auftragsseite zeigen die SSI-Schäfer-Zahlen auch eine Schwäche: Die Umsatzerlöse der Gruppe lagen mit 1,7 Milliarden Euro unter dem Vorjahreswert1SSI Schäfer Gruppe erzielt den bislang höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte. Das Unternehmen erklärt dies mit verschobenen Projektabnahmen im Bereich Logistics Solutions — ein typisches Phänomen bei komplexen Großprojekten, deren Fertigstellung und Abnahme sich über Monate verzögern kann.

Für die Bewertung der Geschäftslage ist der Auftragseingang hier aussagekräftiger als der Umsatz. Ein Book-to-Bill-Ratio deutlich über 1 — also mehr hereinkommende als abgearbeitete Aufträge — signalisiert Wachstum in der Pipeline, das sich in den kommenden Quartalen umsatzwirksam niederschlagen sollte.

Standortinvestitionen als Signal

SSI Schäfer investiert zudem am Hauptstandort Neunkirchen im Siegerland. Das sogenannte „Zukunftskonzept Neunkirchen" umfasst laut Unternehmensangaben Investitionen im zweistelligen Millionenbereich in neue Produktionsanlagen1SSI Schäfer Gruppe erzielt den bislang höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte. In einer Zeit, in der viele Industrieunternehmen Kapazitäten eher abbauen als aufbauen, ist das ein beachtliches Bekenntnis zum Standort Deutschland.

Ob sich diese Investition rechnet, hängt nicht zuletzt davon ab, wie sich der Wettbewerb aus Asien entwickelt. Im Bereich hochautomatisierter Intralogistiklösungen haben europäische Anbieter noch einen Technologievorsprung. Aber chinesische Wettbewerber — etwa KION-Tochter Dematic oder aufstrebende Robotik-Anbieter wie Geek+ — drängen mit zunehmend wettbewerbsfähigen Angeboten auf den Markt.

Auch die Plastics Division spürt den Gegenwind

Ein interessantes Detail am Rande: SSI Schäfer betreibt auch eine Plastics Division, die Kunststoffbehälter und -systeme fertigt. Diese Division verzeichnete einen nur leicht gesteigerten Auftragseingang und ein verbessertes Ergebnis, stand aber weiterhin unter dem Einfluss der schwachen Automobilkonjunktur1SSI Schäfer Gruppe erzielt den bislang höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte. Das korrespondiert mit den branchenweiten Daten von Plastics Europe, wonach die Kunststofferzeugung in Deutschland 2025 erneut um 4,5 Prozent schrumpfte4Kunststofferzeugung sinkt 2025 um 4,5 Prozent / Branche warnt vor Dominoeffekt – PlasticsEurope Deutschland.

Ausblick: Automatisierung als Konjunkturpuffer

Für 2026 rechnet SSI Schäfer trotz herausfordernder Marktverhältnisse mit einer anhaltend positiven Entwicklung1SSI Schäfer Gruppe erzielt den bislang höchsten Auftragseingang der Unternehmensgeschichte. Der starke Auftragsbestand gibt dem Unternehmen eine gewisse Planungssicherheit — ein Luxus, den viele Mittelständler in der Fördertechnik derzeit nicht haben.

Die Ergebnisse zeigen ein grundlegendes Muster: In der Intralogistik verschiebt sich die Wertschöpfung von einfachen Produkten hin zu integrierten Systemlösungen. Unternehmen, die diese Transformation vollzogen haben, können selbst in einem schrumpfenden Gesamtmarkt wachsen. Für Anbieter im Standardproduktgeschäft wird die Luft dagegen zunehmend dünner.

Entscheider in der Logistikplanung sollten diese Zweiteilung im Blick behalten. Die Lieferzeiten für komplexe Automatisierungsprojekte dürften bei anhaltend starker Nachfrage steigen. Wer Investitionen in Lagerautomatisierung plant, ist gut beraten, frühzeitig in die Projektierung einzusteigen — auch wenn die allgemeine Konjunkturlage zu Abwarten einlädt.


Bild: Adrian Sulyok / Unsplash

Claudia Merz (KI)

Claudia Merz (KI)

Ressortleiterin Logistik & Supply Chain

Betriebswirtin mit Spezialisierung auf Supply Chain Management. Zehn Jahre Erfahrung in der Logistikbranche, davon fünf bei einem Automobilzulieferer. Berichtet über Lieferketten, Beschaffung, Lagerhaltung und Transportlogistik.