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Stofflich oder energetisch? Der wachsende Verteilungskampf um den Rohstoff Holz

Ein branchenübergreifendes Bündnis aus Naturschutz und Holzwirtschaft fordert politische Leitplanken, um Holz vorrangig stofflich zu nutzen. Der Appell trifft auf ein sich verschärfendes Spannungsfeld: Das gerade beschlossene Klimaschutzprogramm 2026 soll den Wärmewandel beschleunigen – und Biomasse spielt dabei eine zentrale Rolle.

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Stofflich oder energetisch? Der wachsende Verteilungskampf um den Rohstoff Holz

Ein ungewöhnliches Bündnis schlägt Alarm

Es kommt selten vor, dass Naturschützer und Industrieverbände gemeinsam das Wort ergreifen. In dieser Woche taten es der Naturschutzbund Deutschland (NABU), der Verband der Holzwerkstoff- und Innentürenindustrie (VHI) und der Bundesverband Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackungen (HPE). In einem gemeinsamen Appell fordern sie klare politische Leitplanken, um Holz künftig vorrangig stofflich einzusetzen – im Bau, in Möbeln, in Verpackungen – statt es direkt zu verbrennen1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen.

Das Timing ist kein Zufall. Am 25. März 2026 hat das Bundeskabinett das Klimaschutzprogramm 2026 beschlossen2Klimaschutzprogramm 2026 der Bundesregierung – Kabinettsbeschluss 25. März 2026, das unter anderem die effizientere Nutzung von Biomasse adressiert und Leitplanken für den Weg zur Klimaneutralität 2045 setzt. Das Programm benennt auch eine Holzbauförderung und einen „Waldumbau-Booster" als Bausteine3Waldumbau-Booster und Holzbauförderung – DeSH zum Klimaschutzprogramm 2026. Doch gleichzeitig treibt die Wärmewende den Bedarf an Biomasse als Brennstoff in die Höhe – und genau hier sehen die Verbände eine gefährliche Fehlentwicklung.

Die Ausgangslage: Hälfte des Holzes wird verbrannt

Die Zahlen sind eindeutig. In Deutschland wird laut den Unterzeichnern des Appells rund die Hälfte des anfallenden Holzes verbrannt – in Heizkraftwerken, industriellen Feuerungsanlagen und privaten Heizungen1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen. Die jüngsten Daten des Statistischen Bundesamts zum Holzeinschlag unterstreichen die Dynamik: 2024 wurden in deutschen Wäldern insgesamt 61,2 Millionen Kubikmeter Holz eingeschlagen, davon 12,5 Millionen Kubikmeter als Energieholz4Statistisches Bundesamt / BMEL – Holzeinschlagsstatistik 2024. Bemerkenswert dabei: Erstmals seit Beginn der Zeitreihe 2006 überstieg das direkt für die energetische Nutzung eingeschlagene Holz die Menge des Industrieholzes (12,2 Millionen Kubikmeter)4Statistisches Bundesamt / BMEL – Holzeinschlagsstatistik 2024.

Dieser Trend dürfte sich verschärfen. Die kommunale Wärmeplanung, die große Städte bis 2026 vorlegen müssen5NABU – Kommunale Wärmepläne: Fristen und Technologien, setzt auf den Ausbau von Wärmenetzen mit erneuerbaren Energien. Die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) unterstützt den Neubau von Netzen, die zu mindestens 75 Prozent mit Erneuerbaren und Abwärme gespeist werden6BAFA – Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW). Biomasse – und damit Holz – gilt dabei als eine der wenigen grundlastfähigen erneuerbaren Wärmequellen, die kurzfristig verfügbar sind. Die Verbände warnen, dass durch „zahlreiche kleine und große neue Anlagen zur Energieerzeugung aus Holz" die Nachfrage weiter steigen werde1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen.

Warum die Kaskadennutzung volkswirtschaftlich überlegen ist

Das Kernargument der Verbände lässt sich in einem Prinzip zusammenfassen: Kaskadennutzung. Holz soll zunächst als Werkstoff genutzt werden – in Gebäuden, Verpackungen, Holzwerkstoffen. Am Ende des Lebenszyklus kann es recycelt und erneut stofflich eingesetzt werden. Erst wenn eine weitere stoffliche Verwertung nicht mehr möglich ist, steht die energetische Nutzung als letzte Stufe an.

Dieses Prinzip hat einen doppelten Vorteil: Zum einen bindet stofflich genutztes Holz den Kohlenstoff über Jahrzehnte, statt ihn bei der Verbrennung sofort in die Atmosphäre zu entlassen. Zum anderen generiert die stoffliche Nutzung deutlich mehr Wertschöpfung und Arbeitsplätze als die energetische. Die deutsche Holzwerkstoffindustrie erwirtschaftete laut VHI im Jahr 2025 einen Umsatz von rund 5 Milliarden Euro1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen – und verarbeitet dabei überwiegend Sägenebenprodukte und Altholz, also Reststoffe, die andernfalls keiner hochwertigen Nutzung zugeführt würden.

Die Holzpackmittelbranche ergänzt dieses Bild. Der HPE betont, dass Paletten, Kisten und Kabeltrommeln aus Holz nicht nur für die Logistik unverzichtbar seien, sondern auch als „mobile Kohlenstoffspeicher" fungierten, die nach Gebrauch in der Kaskade zu Holzwerkstoffen weiterverarbeitet werden können1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen.

Wärmewende gegen Werkstoffversorgung: Ein Zielkonflikt

Der Appell macht einen Zielkonflikt sichtbar, der in der politischen Debatte bisher nur am Rande thematisiert wird. Einerseits soll der Gebäudesektor dekarbonisiert werden – der Austausch von Öl- und Gasheizungen ist politisch gewollt und gesetzlich vorangetrieben. Andererseits reicht die heimische Holzbasis nicht aus, um sowohl den wachsenden Bedarf an Energieholz als auch die stoffliche Versorgung der holzverarbeitenden Industrie abzudecken.

Der Holzeinschlag ist ohnehin rückläufig: 2024 lag er um 13,3 Prozent unter dem Vorjahr, vor allem wegen sinkender Schadholzmengen4Statistisches Bundesamt / BMEL – Holzeinschlagsstatistik 2024. Zwar ist ein Rückgang des Schadholzes ein positives Zeichen für den Waldbestand, doch er verringert das verfügbare Rohholzangebot. Der Waldumbau hin zu klimaresilienteren Mischbeständen, der politisch gewollt und im Klimaschutzprogramm verankert ist, wird in den kommenden Jahrzehnten ebenfalls eher zu einem geringeren Holzangebot führen.

Die holzverarbeitende Industrie steht dabei unter doppeltem Druck: Der Branchenumsatz der Holzindustrie war bis November 2024 um rund acht Prozent gesunken, begleitet von steigenden Insolvenzen und Arbeitsplatzverlusten7HDH/VDM – Wirtschaftsentwicklung der Holzindustrie 2024/2025. Wenn gleichzeitig die Rohstoffkosten durch Nutzungskonkurrenz mit der Energieerzeugung steigen, verschärft sich die Lage weiter.

Was die Verbände konkret fordern

Die drei Organisationen verlangen „klare politische Leitplanken auf nationaler und europäischer Ebene"1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen. Die Entscheidung über Nutzungskonkurrenzen dürfe nicht allein vom Transformationsdruck des Gebäudesektors oder der kommunalen Wärmenetze bestimmt werden. Konkret geht es um die Frage, ob der Gesetzgeber die Kaskadennutzung verbindlich verankert – etwa durch eine Priorisierung der stofflichen Nutzung bei der Vergabe von Förderungen, oder durch Mengenbegrenzungen für frisches Holz in Energieanlagen.

Der NABU unterstreicht, dass eine „kluge Nutzung von Biomasse" dem Klima doppelt helfe: Sie entlaste die Wälder und sorge dafür, dass Kohlenstoff länger gebunden bleibe1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen. Der VHI formuliert es wirtschaftlicher: Die stoffliche Nutzung biete „volkswirtschaftlich aufgrund der damit verbundenen Wertschöpfung und klimapolitisch durch die langfristige Kohlenstoffbindung den größten Nutzen"1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen.

Einordnung: Zwischen Leitprinzip und politischer Realität

Die Forderung nach Kaskadennutzung als politischem Leitprinzip ist nicht neu. Sie findet sich in zahlreichen Strategiepapieren und wird parteiübergreifend rhetorisch unterstützt. Die Umsetzung scheitert bisher jedoch an den politischen Realitäten: Die Wärmewende hat hohe Priorität, kommunale Stadtwerke brauchen kurzfristig verfügbare Brennstoffe für den Aufbau erneuerbarer Wärmenetze, und Biomasseanlagen sind genehmigungsrechtlich einfacher realisierbar als etwa tiefe Geothermie oder großflächige Solarthermie.

Zudem stehen verschiedene Bundesministerien in einem latenten Interessenskonflikt: Das Wirtschaftsministerium treibt die Wärmewende voran, das Landwirtschaftsministerium kümmert sich um die Forst- und Holzwirtschaft, und das Umweltministerium hat den Naturschutz im Blick. Eine kohärente Holznutzungsstrategie, die alle drei Perspektiven integriert, fehlt bislang.

Das Klimaschutzprogramm 2026 erkennt zwar die Notwendigkeit einer „effizienteren Nutzung von Biomasse" an1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen, lässt aber offen, wie konkret die Priorisierung aussehen soll. Die Verbände drängen darauf, dass jetzt „zeitnah konkrete, wirkungsvolle Maßnahmen erarbeitet und konsequent umgesetzt werden"1VHI/HPE/NABU – Gemeinsamer Appell: Holz als wertvollen Rohstoff nutzen statt verheizen.

Ausblick: Was bedeutet das für die produzierende Industrie?

Für Unternehmen der holzverarbeitenden Industrie – aber auch für Betriebe, die Holz als Bau- oder Verpackungsmaterial einsetzen – steht ein Versorgungsrisiko im Raum. Wenn die energetische Nutzung durch politische Förderung weiter an Attraktivität gewinnt, könnten Rohholzpreise steigen und Verfügbarkeiten sinken. Besonders betroffen wären Hersteller von Span- und Faserplatten, die auf Sägenebenprodukte und Altholz angewiesen sind – genau jene Reststoffe, die auch als Brennstoff gefragt sind.

Unternehmen sollten die Entwicklung der kommunalen Wärmeplanung in ihren Regionen aufmerksam verfolgen. Wenn in der Umgebung von Standorten große Biomasse-Heizkraftwerke geplant werden, kann das mittelfristig die lokale Altholz-Versorgungslage verändern. Langfristige Lieferverträge und eine Diversifizierung der Rohstoffbasis – etwa durch den Einsatz recycelter Holzwerkstoffe – gewinnen an Bedeutung.

Die politische Entscheidung, ob und wie die Kaskadennutzung gesetzlich verankert wird, dürfte in den kommenden Monaten konkreter werden. Das Klimaschutzprogramm hat den Rahmen gesetzt. Jetzt kommt es darauf an, welche Maßnahmen die Bundesregierung tatsächlich umsetzt – und ob die stoffliche Holznutzung dabei den Stellenwert bekommt, den Industrie und Naturschutz gemeinsam einfordern.


Bild: towel.studio / Unsplash

Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Zuvor Wirtschaftsredakteur bei einem überregionalen Verlagshaus. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.