Destatis: Industriepreise sinken leicht, aber das Niveau bleibt hoch
Die am 31. März veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum zweiten Halbjahr 2025 zeichnen ein differenziertes Bild. Nicht-Haushalte zahlten für Strom im Durchschnitt 19,22 Cent je Kilowattstunde (ohne Mehrwertsteuer und abzugsfähige Steuern) - das waren 0,6 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2025 und 6,5 Prozent weniger als im zweiten Halbjahr 2024. 1Statistisches Bundesamt: Strompreise für Haushalte im 2. Halbjahr 2025 um 1,6 % gestiegen Auf den ersten Blick eine Entspannung. Doch im längerfristigen Vergleich relativiert sich das: Gegenüber dem zweiten Halbjahr 2021, also vor der Energiekrise, lag der Strompreis für Nicht-Haushalte immer noch 15,4 Prozent höher. 1Statistisches Bundesamt: Strompreise für Haushalte im 2. Halbjahr 2025 um 1,6 % gestiegen
Die Spreizung nach Verbrauchsgruppen ist dabei enorm. Großverbraucher mit mehr als 150.000 Megawattstunden Jahresverbrauch zahlten 13,07 Cent je Kilowattstunde - praktisch auf dem Niveau von 2021 (13,11 Cent). Kleinere Nicht-Haushalte mit unter 20 Megawattstunden zahlten dagegen 32,58 Cent - 28,1 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2021. 1Statistisches Bundesamt: Strompreise für Haushalte im 2. Halbjahr 2025 um 1,6 % gestiegen Diese Schere zeigt, dass die Energiekrise strukturell vor allem den gewerblichen Mittelstand belastet hat, während Großabnehmer mit langfristigen Beschaffungsstrategien und Entlastungsprivilegien besser durchgekommen sind.
Sinkende Beschaffungskosten, steigende regulierte Preisbestandteile
Die Mechanik hinter den Zahlen ist aufschlussreich. Die reinen Beschaffungskosten für Strom gingen für Privathaushalte gegenüber dem Vorjahr um 8,6 Prozent zurück - der Großhandelsmarkt hat sich spürbar normalisiert. Doch gleichzeitig stiegen die regulierten Preisbestandteile: Steuern, Abgaben und Umlagen legten im Vorjahresvergleich um 8,3 Prozent zu, getrieben vor allem durch die erhöhte Offshore-Netzumlage und den gestiegenen Aufschlag für besondere Netznutzung. 1Statistisches Bundesamt: Strompreise für Haushalte im 2. Halbjahr 2025 um 1,6 % gestiegen Beim Erdgas war der Effekt noch deutlicher: Die Netzentgelte für private Gaskunden stiegen im Jahresvergleich um 19,7 Prozent, was die Einsparungen bei den Beschaffungskosten weitgehend kompensierte. 1Statistisches Bundesamt: Strompreise für Haushalte im 2. Halbjahr 2025 um 1,6 % gestiegen
Für die Industrie bedeutet diese Verschiebung der Kostenstruktur eine veränderte Risikobilanz. Der Marktpreis für Energie ist volatil, aber mittelfristig beeinflussbar - über Beschaffungsstrategien, Power Purchase Agreements oder Eigenerzeugung. Die regulierten Kostenbestandteile hingegen sind für Unternehmen kaum steuerbar und steigen tendentiell, weil der Netzausbau für die Energiewende massive Investitionen erfordert.
Bundeszuschuss und Stromsteuersenkung als Gegenmaßnahmen
Die Bundesregierung hat dieses Problem erkannt und zwei zentrale Entlastungsinstrumente geschaffen. Seit Dezember 2025 ist das Gesetz über einen Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzkosten in Kraft, das den vier Übertragungsnetzbetreibern für 2026 insgesamt 6,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellt. 2Deutscher Bundestag – Zuschuss zu den Übertragungsnetzkosten 2026 Dieser Zuschuss soll die Netzentgelte auf Übertragungs- und Umspannebene deutlich senken. Parallel dazu wurde die Stromsteuer für rund 600.000 produzierende Unternehmen und land- und forstwirtschaftliche Betriebe dauerhaft auf das EU-Minimum gesenkt - eine Regelung, die ohne Gesetzesänderung Anfang 2026 ausgelaufen wäre 3Bundesregierung: Niedrigere Netzentgelte für 2026 / Stromsteuersenkung verstetigt.
Beide Maßnahmen setzen am richtigen Hebel an. Doch sie ändern nichts an der fundamentalen Dynamik: Die Kosten für den Netzausbau - allein das Wasserstoff-Kernnetz, die Offshore-Anbindungen und die Nord-Süd-Trassen summieren sich auf dreistellige Milliardenbeträge - werden langfristig über Netzentgelte und Umlagen auf die Verbraucher umgelegt. Der Bundeszuschuss verschiebt diese Last in den Bundeshaushalt, finanziert sie aber nicht weg.
EU-Investitionspaket: 4,6 Milliarden Euro mit Energiebezug
Ein zusätzliches Element kommt aus Brüssel. Die Europäische Kommission hat Ende März Deutschlands dritte Zahlung unter dem NextGenerationEU-Programm in Höhe von 4,6 Milliarden Euro genehmigt. 4European Commission: Commission approves €4.6 billion NextGenerationEU payment to Germany Die Mittel sind an die Erfüllung von 22 Meilensteinen und Zielen gebunden, die Reformen und Investitionen in den Bereichen grüne Transformation, Verkehr, Gebäudeeffizienz und Digitalisierung umfassen 5Positive preliminary assessment of the satisfactory fulfilment of milestones and targets – Germany fourth instalment. Im Energiebereich unterstützt das Programm unter anderem den Ausbau von Ladeinfrastruktur und Wasserstoffforschung.
Für die Industrie ist die Relevanz dieser Mittel weniger direkt als bei den Netzentgelt-Zuschüssen, aber nicht zu unterschätzen. Die NextGenerationEU-Gelder beschleunigen den Aufbau von Infrastruktur, die mittelfristig die Energiekosten beeinflussen kann - von der Ladeinfrastruktur für Elektro-Fuhrparks bis zur Gebäudeenergieeffizienz in Produktionsstätten. Zudem sind die Milestones an konkrete Reformverpflichtungen gebunden, was den Druck auf die Bundesregierung erhöht, energiepolitische Vorhaben tatsächlich umzusetzen.
Was bedeutet das für die Branche?
Die aktuelle Datenlage zeigt eine Industrie, die bei den Energiekosten in einer Übergangsphase steckt. Die akute Krise der Jahre 2022/23 ist überwunden - die Beschaffungspreise nähern sich wieder dem Vorkrisenniveau. Doch die regulierten Kostenbestandteile steigen strukturell, und die staatlichen Kompensationsmechanismen - Bundeszuschuss, Stromsteuersenkung, perspektivisch ein Industriestrompreis - sind politisch fragil und haushaltsabhängig.
Für Produktionsplaner und Einkäufer ergibt sich daraus eine klare Handlungsempfehlung: Die Gesamtkostenstruktur des Strombezugs muss regelmäßig überprüft werden, weil sich das Verhältnis zwischen Marktpreis und regulierten Bestandteilen verschiebt. Unternehmen, die ausschließlich auf den Börsenstrompreis schauen, unterschätzen das Risiko steigender Umlagen und Netzentgelte.
Der Bundeszuschuss von 6,5 Milliarden Euro für 2026 verschafft eine Atempause. Ob er in den Folgejahren in gleicher Höhe fortgeführt wird, ist angesichts der angespannten Haushaltslage ungewiss. Die 4,6 Milliarden Euro aus Brüssel sind willkommen, aber an strikte Fristen gebunden - das NextGenerationEU-Programm läuft aus. Die strukturelle Frage bleibt: Wie soll der Netzausbau für die Energiewende finanziert werden, ohne die industrielle Wettbewerbsfähigkeit weiter zu belasten? Eine überzeugende Antwort darauf steht weiterhin aus.
Bild: Nikola Johnny Mirkovic / Unsplash

