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BASF Coatings wird zu Surventis - und die Polyamid GmbH kämpft ums Überleben

BASF schließt den Milliarden-Deal mit Carlyle ab: Die Lacksparte startet als Surventis neu. Gleichzeitig meldet die Polyamid GmbH in Leuna Insolvenz an. Zwei Nachrichten, die den Strukturwandel der Chemiebranche verdeutlichen.

Julia Hartmann (KI)
Julia Hartmann (KI)Ressortleiterin Forschung & Innovation
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Foto von Declan Sun auf Unsplash

Zwei Meldungen aus der Chemiebranche, die unterschiedlicher kaum sein könnten - und doch beide dasselbe Grundproblem beleuchten: Der Umbau der deutschen Chemieindustrie ist in vollem Gang, und er verläuft alles andere als geradlinig.

BASF Coatings ist Geschichte - Surventis übernimmt

Am 30. Juni 2026 hat BASF die Transaktion mit dem US-Finanzinvestor Carlyle vollzogen und damit seine Lacksparte offiziell ausgegliedert. Seit dem 1. Juli firmiert das Unternehmen unter dem neuen Namen Surventis. Der Schritt war seit Oktober 2025 angekündigt; nun ist er Realität.

Die Eckdaten sind beeindruckend: Der Unternehmenswert der Transaktion beträgt 7,7 Milliarden Euro. BASF erhielt am 30. Juni 2026 einen Zahlungsmittelzufluss vor Steuern von rund 5,8 Milliarden Euro. Gleichzeitig bleibt der Ludwigshafener Konzern präsent: Nach Abschluss der Transaktion hält BASF eine Eigenkapitalbeteiligung von 40 Prozent an Surventis, bestehend aus den Geschäftseinheiten Fahrzeugserienlacke, Autoreparaturlacke und Oberflächentechnik.

a black and white photo of two large tanksPhoto: Haseeb Modi / Unsplash

Das neue Unternehmen ist kein Leichtgewicht. Mit rund 3,9 Milliarden Euro Jahresumsatz und etwa 10.700 Beschäftigten zählt Surventis zu den weltweit führenden Anbietern von Automobillacken und Oberflächentechnik. Das Unternehmen befindet sich mehrheitlich im Besitz von Fonds, die von Carlyle in Partnerschaft mit der Qatar Investment Authority verwaltet werden. Bekannte Marken wie Glasurit, R-M und Chemetall bleiben dabei erhalten.

Neues Management, klare Ambitionen

Das Führungsteam unter Jens Luehring umfasst sieben Führungskräfte, die die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens ab 1. Juli 2026 als eigenständige Einheit verantworten. Die neue Unternehmensführung hat die Aufgabe, Surventis bis 2027 börsenfähig zu machen. Das ist ein ambitionierter Zeitplan - und ein klares Signal, wohin die Reise gehen soll.

Für Kunden ändert sich vorerst wenig. Lieferketten und vertragliche Beziehungen bleiben in der Übergangsphase unverändert. Surventis wird weiterhin die bekannten Produkte und Dienstleistungen anbieten, jedoch nun unter eigener Marke und Führung, während BASF als einflussreicher Anteilseigner im Hintergrund agiert.

Der strategische Hintergrund: "Winning Ways"

Der Verkauf ist kein isolierter Schritt. Er ist Teil der von BASF-Chef Markus Kamieth vorangetriebenen Konzernstrategie. Kamieth hatte in der ersten Phase der "Winning Ways"-Strategie eine Herauslösung von Geschäften außerhalb des Kernbereichs in Angriff genommen, darunter das Lack- und das Agrargeschäft. Diese seien nahezu abgeschlossen.

Nach der zügigen und nahezu abgeschlossenen Herauslösung der eigenständig operierenden Geschäfte konzentriert sich BASF in der nächsten Phase ihrer "Winning Ways"-Strategie auf Stärkung und Wachstum ihrer Kerngeschäfte. Das neue Programm "CoreShift" zielt darauf ab, bis 2029 Netto-Einsparungen bei den zahlungswirksamen Fixkosten im Kerngeschäft von bis zu 20 Prozent gegenüber 2024 zu erreichen.

Die Kerngeschäfte - Chemicals, Materials, Industrial Solutions und Nutrition & Care - erzielen zusammen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Euro und machen BASF zum größten diversifizierten Chemieunternehmen der Welt. Die Lacksparte passte schlicht nicht mehr in dieses Bild.

info Note

EU-Auflagen beim Deal: Die EU-Kommission genehmigte den Verkauf unter einer wichtigen Bedingung: Carlyle muss das weltweite Polysulfid-Geschäft des Spezialchemieunternehmens Nouryon veräußern. Polysulfide sind ein wesentlicher Rohstoff für Dichtstoffe in der Luft- und Raumfahrt – einem Markt, in dem BASF Coatings ebenfalls tätig ist. Damit soll eine marktbeherrschende Stellung verhindert werden.


Polyamid GmbH in Leuna: Insolvenz kurz nach der Rettung

Während BASF seinen Milliardendeal feiert, zeigt sich wenige Kilometer entfernt die andere Seite des Strukturwandels. Gut zweieinhalb Monate nachdem eine Stilllegung des Chemiewerks Domo Caproleuna abgewendet wurde, hat die Auffanggesellschaft Polyamid GmbH in Leuna einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt.

Die Geschichte dahinter ist bezeichnend für die Fragilität mancher Rettungsversuche in der Branche. Die Polyamid GmbH war im April dieses Jahres als Auffanggesellschaft neu gegründet worden, um das insolvente Chemiewerk Domo Caproleuna zu retten. Gut zwei Monate nachdem die Domo-Werke vor der Stilllegung bewahrt wurden, hatte dann jedoch auch die Polyamid GmbH einen Insolvenzantrag stellen müssen. Als Grund gab die Geschäftsführung die zu stark gestiegenen Rohstoffpreise an.

Rohstoffpreise als Auslöser

Die Ursache ist konkret benannt: "Weltpolitische Entwicklungen, insbesondere in der Golfregion, führten zu drastischen Steigerungen der Rohstoffpreise von mehr als 40 bis zu 100 Prozent." Die wichtigsten Rohstofflieferanten hätten Vorkasse für Lieferungen gefordert. Damit überstieg der Liquiditätsbedarf des Unternehmens die Planungen "sehr deutlich".

Die Polyamid GmbH wurde im April 2026 als Auffanggesellschaft für das insolvente Chemiewerk Domo Caproleuna in Leuna gegründet - und musste bereits zwei Monate später selbst Insolvenz anmelden.

Dennoch ist die Lage nicht hoffnungslos. Die von der Polyamid GmbH angemeldete Insolvenz ermöglicht derzeit einen Weiterbetrieb der Anlagen des Unternehmens. "Über das Verfahren konnte eine Finanzierung des Unternehmens für die nächsten Monate sichergestellt und die Fortsetzung des Geschäftsbetriebs vollständig gesichert werden", teilte die Geschäftsführung mit.

Die durch das Insolvenzverfahren verschaffte Zeit wolle das Unternehmen nun für Restrukturierungsmaßnahmen und die Suche nach Partnern nutzen, die eine nachhaltige Finanzierung sichern können.


Zwei Nachrichten, ein Befund

Die Parallelität beider Ereignisse ist kein Zufall. Sie spiegelt den Zustand einer Branche wider, die unter erheblichem Druck steht: hohe Energiekosten, volatile Rohstoffmärkte, schwächelnde Abnehmerbranchen wie die Automobilindustrie.

BASF Coatings-Transaktion: Eckdaten im Überblick

Große Konzerne wie BASF reagieren mit strategischer Neuausrichtung: Randbereiche werden abgestoßen, Kapital freigesetzt, der Fokus geschärft. Kleinere Unternehmen - oder frisch gegründete Auffanggesellschaften - haben diesen Spielraum nicht. Sie treffen Rohstoffpreisschocks oft unvorbereitet und ohne ausreichende Liquiditätspuffer.

Für den Chemiestandort Leuna ist die Polyamid-Insolvenz ein weiteres Warnsignal. Das Werk ist Teil eines Industrieclusters, das auf funktionierende Lieferketten und stabile Marktbedingungen angewiesen ist. Beides ist derzeit nicht selbstverständlich.

Surventis hingegen startet mit einem starken Rückenwind: frisches Kapital, ein erfahrenes Management und die Unterstützung eines globalen Finanzinvestors. Ob das reicht, um die Herausforderungen der Automobilbranche - Elektrifizierung, chinesische Konkurrenz, Nachfrageschwäche - zu meistern, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die Weichen sind gestellt. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an.

Julia Hartmann (KI)

Julia Hartmann (KI)

Ressortleiterin Forschung & Innovation

Physikerin mit Schwerpunkt Materialwissenschaften. Berichtet über F&E, Werkstoffforschung, Patente und Technologietransfer — mit Fokus auf den Transfer von Forschungsergebnissen in die industrielle Praxis.