Zwei Milliarden Euro, zwei Kontinente, ein Grundstoff: Covestro hat ein strategisches Investitionsprogramm für Methylendiphenyldiisocyanat (MDI) angekündigt, das die Kräfteverhältnisse im globalen Polyurethan-Markt verschieben könnte. Im Zentrum steht eine neue World-Scale-Anlage in Shanghai - und die Frage, ob Deutschland dabei noch eine Rolle spielt.
660.000 Tonnen: Die Dimensionen der Shanghai-Anlage
Das Investitionsprogramm umfasst die Vorbereitungen für den Bau einer neuen MDI-Produktionsanlage mit einer Jahreskapazität von 660 Kilotonnen am integrierten Standort in Shanghai; die Inbetriebnahme ist für das Ende dieses Jahrzehnts vorgesehen. Zum Vergleich: Der globale MDI-Markt hatte 2025 ein Gesamtvolumen von rund 8,6 Millionen Tonnen - die neue Covestro-Anlage würde allein knapp acht Prozent der heutigen Weltjahresproduktion abdecken.
Die Kosten für das Shanghai-Projekt werden auf 1,5 bis 2 Milliarden Euro geschätzt. Konzernchef Markus Steilemann nannte gegenüber der Financial Times sogar ein Gesamtinvestitionsvolumen von bis zu vier Milliarden Euro - bezogen auf beide zur Debatte stehenden Projekte in China und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Was ist MDI? Methylendiphenyldiisocyanat ist ein Vorprodukt für Polyurethan-Hartschaum. Der Stoff steckt in Schuhsohlen, Matratzen, Kühlschränken und Fahrradsätteln — unverzichtbar ist er aber vor allem im Bau: Dort dient der Schaum als Dämmstoff und macht energieeffizientes Bauen und Sanieren erst möglich.
Das Vorhaben umfasst neben der eigentlichen MDI-Produktion auch zusätzliche Anlagen und Infrastruktur für wichtige Vorprodukte. Zum Einsatz kommt die firmeneigene AdiP-Technologie, die den Energiebedarf der Produktion deutlich senken soll. Die neue Anlage sei darauf ausgelegt, operativ klimaneutral (Scope 1 und 2) betrieben zu werden.
Technologievorstand Dr. Thorsten Dreier begründet die Standortwahl knapp: "Unser integrierter Standort in Shanghai vereint hohe Zuverlässigkeit mit erwiesener Kompetenz bei der Umsetzung komplexer Projekte. Die neue MDI-Anlage wird die Gesamteffizienz unserer Produktion verbessern und unterstreicht unseren Anspruch, operative Klimaneutralität zu erreichen. Dies wird auch durch unsere eigene AdiP-Technologie ermöglicht, die bereits erfolgreich im industriellen Maßstab in Deutschland erprobt wurde."
Machbarkeitsstudie VAE: Al Ruwais als zweite Front
Parallel zu Shanghai läuft eine Machbarkeitsstudie für einen zweiten Standort. Im Rahmen dieser Studie prüft Covestro den Bau einer neuen MDI-Anlage in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Studie baut auf der bereits angekündigten Partnerschaft mit TA'ZIZ und Fertiglobe auf und wird Synergien innerhalb des entstehenden Industrieclusters in Al Ruwais Industrial City untersuchen.
Die Studie wird den Zugang zu erneuerbaren Energiequellen sowie die integrierte Industrieplattform des TA'ZIZ-Chemiestandorts berücksichtigen - einschließlich der zuverlässigen lokalen Versorgung mit wichtigen Rohstoffen wie Chlor und Ammoniak. Auch für das VAE-Projekt ist eine Kapazität von rund 660.000 Jahrestonnen im Gespräch.
Photo: Barnaby / UnsplashMarktlogik: Warum Asien, warum jetzt?
Die Investitionsentscheidung folgt einer klaren Nachfragelogik. Wachstumstreiber sind insbesondere energieeffizientes Bauen und Sanieren, moderne Haushaltsgeräte sowie zahlreiche Anwendungen im Freizeit- und Konsumgüterbereich. Besonders dynamisch entwickeln sich die Märkte in Asien und im Nahen Osten. Dabei dürfte das Nachfragewachstum den Ausbau der Produktionskapazitäten übertreffen.
Asien-Pazifik hielt 2025 rund 46,8 Prozent des globalen MDI-Marktvolumens und soll bis 2031 mit einem CAGR von knapp 6 Prozent wachsen. Covestro selbst bezeichnet China als "weltweit größten MDI-Markt und wichtigsten Treiber des zukünftigen Nachfragewachstums" - und betont, dass in Europa der Markt und die Wachstumsraten vergleichsweise klein seien.
Entscheidend für die Standortwahl Shanghai ist laut Wirtschaftsmedien weniger der Energiepreis - die Kosten für Strom und Gas liegen in China kaum unter den europäischen - sondern das Tempo: Entscheidender scheint ein anderer Faktor zu sein: das Tempo. Covestro könnte in Shanghai laut Unternehmensangaben in kürzester Zeit bauen und zugleich den angestrebten klimaneutralen Betrieb der neuen MDI-Anlage sicherstellen.
Wettbewerbsdimension: Angriff auf BASF, Abstand zu Wanhua
Die Kapazitätserweiterung hat eine klare strategische Stoßrichtung. Nach Fertigstellung beider Projekte könnte Covestro den Wettbewerber BASF in der MDI-Produktion überholen und auf Platz zwei hinter dem chinesischen Marktführer Wanhua Chemical vorrücken.
Der weltweit größte MDI-Hersteller ist der chinesische Produzent Wanhua Chemical. Das Unternehmen weitet seine Kapazitäten seit vielen Jahren konsequent aus. Auch in diesem Jahr steht eine Kapazitätserweiterung auf dem Plan: von derzeit 3,8 Millionen Tonnen pro Jahr auf 4,5 Millionen Tonnen. Der Abstand zu Wanhua bleibt damit gewaltig - aber Covestro kämpft um den zweiten Platz.
BASF hält derzeit rund 15 bis 17 Prozent des globalen MDI-Marktvolumens. Auch BASF investiert: Im März eröffnete der Chemiekonzern einen neuen Standort im südchinesischen Zhanjiang - Kostenpunkt 8,7 Milliarden Euro. China wird damit zum Hauptschauplatz des globalen Kapazitätswettbewerbs in der Isocyanat-Chemie.
XRG als Enabler: Adnoc-Kapital trifft Covestro-Technologie
Die Investitionsoffensive wäre ohne den neuen Eigentümer kaum denkbar. Der operative Gewinn (EBITDA) des ehemaligen DAX-Konzerns fiel 2025 um knapp 31 Prozent auf 740 Millionen Euro. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte Covestro einen Umsatz von 12,9 Milliarden Euro und produzierte an 46 Standorten weltweit mit rund 17.600 Mitarbeitenden.
Die Abu Dhabi National Oil Company (Adnoc) legte über ihre Investmentplattform XRG rund 14,7 Milliarden Euro hin, um den deutschen Kunststoffhersteller Covestro zu übernehmen. Die Übernahme von Covestro gilt als bislang wichtigstes Projekt dieser Strategie. Mit solchen Investitionen positioniert sich Adnoc zunehmend als globaler Industrie- und Chemiekonzern - weit über die Rolle eines traditionellen Ölproduzenten hinaus.
Für die MDI-Projekte ist die Eigentümerstruktur ein direkter Hebel: Das langfristige Engagement von XRG schafft die richtige Grundlage für die Umsetzung dieser Projekte und ermöglicht es, integrierte Wertschöpfungsketten zu nutzen, die Versorgungssicherheit zu stärken und im globalen Wettbewerb erfolgreich zu sein.
Was bedeutet das für Deutschland?
Die Frage stellt sich offen. Konzernchef Markus Steilemann erklärt, warum die Anlagen nicht in Deutschland entstehen. Entscheidend sind laut Steilemann vor allem Wettbewerbsfaktoren wie Energiepreise, Rohstoffnähe und integrierte Infrastruktur. Die Strategie kann sich auch auf deutsche Standorte auswirken - besonders dort, wo Investitionen politisch und energieintensiv sind.
Covestro selbst betont, die Entscheidung sei "keine Entscheidung gegen Deutschland oder Europa". Trotzdem: Kommen die Projekte wie geplant, dürfte es sich um die größten Ausbau-Investitionen des Konzerns in den kommenden Jahren handeln. Für die deutschen Standorte - Leverkusen, Dormagen, Krefeld - bleibt die Frage, welche Rolle sie in einer Konzernstruktur spielen, die ihre Wachstumswetten konsequent nach Asien und in die Golfregion setzt.
Was ist MDI und wofür wird es verwendet?
Methylendiphenyldiisocyanat (MDI) ist ein chemisches Vorprodukt für Polyurethan-Hartschaum. Es wird in der Gebäudedämmung, in Kühlgeräten, Automobilkomponenten, Schuhsohlen und Matratzen eingesetzt. Besonders in der Baubranche ist MDI unverzichtbar, da Polyurethan-Schaum eine der effizientesten Dämmlösungen darstellt.
Wann soll die neue Anlage in Shanghai in Betrieb gehen?
Covestro plant die Inbetriebnahme der neuen MDI-Anlage in Shanghai zum Ende dieses Jahrzehnts, also frühestens 2029/2030. Die Vorbereitungen für den Bau laufen bereits.
Was ist der Status des VAE-Projekts?
Für die Vereinigten Arabischen Emirate läuft derzeit eine Machbarkeitsstudie. Eine finale Investitionsentscheidung steht noch aus. Die Studie untersucht Synergien im Industriecluster Al Ruwais Industrial City in Zusammenarbeit mit den Partnern TA'ZIZ und Fertiglobe.
Welche Technologie setzt Covestro in den neuen Anlagen ein?
Covestro setzt die firmeneigene AdiP-Technologie ein, die den Energiebedarf der MDI-Produktion deutlich senkt. Beide geplanten Anlagen sollen operativ klimaneutral betrieben werden (Scope 1 und 2). Die Technologie wurde bereits im industriellen Maßstab in Deutschland erprobt.
Wer ist der neue Eigentümer von Covestro?
Seit Ende 2025 gehört Covestro mehrheitlich zur XRG-Gruppe, der Investmentplattform des arabischen Staatskonzerns Adnoc (Abu Dhabi National Oil Company). XRG hält rund 95 Prozent der Anteile. Es handelt sich um die bislang größte Übernahme eines deutschen Konzerns durch ein arabisches Staatsunternehmen.





