Die Zahl klingt zunächst nach einer Erfolgsmeldung: 8,1 Milliarden Euro Produktionswert, plus 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr - die deutsche Batterieproduktion hat 2025 ein Allzeithoch erreicht. Doch wer die Daten des ZVEI genauer liest, erkennt dahinter ein strukturelles Spannungsfeld, das Einkäufer und Produktionsplaner in der Industrie unmittelbar betrifft. Denn parallel zum Produktionsrekord ist auch die Import-Abhängigkeit von China auf ein neues Höchstniveau gestiegen - und das mit deutlich höherem Tempo.
Die Zahlen im Überblick: Produktion wächst, Importe wachsen schneller
Die Herstellung von Batterien in Deutschland kletterte 2025 um 11 Prozent auf den Höchststand von 8,1 Milliarden Euro, wie der Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) in Frankfurt mitteilte. Der technologische Treiber dahinter ist eindeutig: Vor allem die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien wuchs kräftig um gut ein Viertel - plus 28 Prozent - auf 4,6 Milliarden Euro.
Das Wachstum der deutschen Batterieindustrie wird primär von zwei industriellen Megatrends gestützt: dem anhaltenden Hochlauf der Elektromobilität sowie einer massiven Nachfrage nach stationären Speichersystemen. Letzteres spiegelt sich auch in den Installationszahlen wider: 2025 wurden in Deutschland knapp 600.000 neue stationäre Batteriespeicher mit einer Kapazität von rund 6,5 Gigawattstunden installiert - ein Plus von rund fünf Prozent gegenüber 2024.
Soweit die gute Nachricht. Die andere Seite der Bilanz sieht deutlich unkomfortabler aus.
Das eigentliche Problem: China-Importe übersteigen die Eigenproduktion
Hier liegt der Kern des Problems, den Einkaufsabteilungen nicht ignorieren können. Deutschland importierte 2025 Batterien im Wert von rund 22 Milliarden Euro - ein Anstieg um vier Prozent. China blieb mit einem Volumen von rund elf Milliarden Euro (plus 25 Prozent) der mit Abstand wichtigste Lieferant.
Das chinesische Importvolumen von rund 11 Milliarden Euro lag damit deutlich über dem gesamten Produktionswert der deutschen Batterieindustrie von 8,1 Milliarden Euro. Anders formuliert: Deutschland produziert zwar auf Rekordniveau, kauft aber mehr als das Eineinhalbfache dieser Menge allein aus China zu.
Während Europa bei Bleibatterien gut dastehe, sei vor allem bei Lithium-Ionen-Batterien die Abhängigkeit von Asien hoch. Genau das ist die Kategorie, die für E-Mobilität und Energiespeicher strategisch entscheidend ist. Die Importe aus anderen europäischen Ländern gingen gleichzeitig um elf Prozent zurück. Größter europäischer Lieferant war Ungarn mit 3,5 Milliarden Euro.
Für den Einkauf relevant: Das China-Importvolumen bei Batterien wächst mit +25 % fast doppelt so schnell wie die heimische Produktion (+11 %). Wer seine Lieferkette nicht aktiv diversifiziert, erhöht Jahr für Jahr seine Abhängigkeit von einem einzigen Lieferland.
Was der ZVEI konkret warnt - und warum das keine abstrakte Gefahr ist
Gunther Kellermann, Geschäftsführer des ZVEI-Fachverbands Batterien, bringt die Risikodimension auf den Punkt: "Wenn diese unterbrochen werden oder einzelne Regionen ihre Exporte kurzfristig komplett einstellen, wird klar, wie verletzlich wir sind, insbesondere in kritischen Sektoren wie der Verteidigung oder bei Rechenzentren."
Das ist keine theoretische Warnung. Wer in der Beschaffung von Batteriezellen oder Lithium-Ionen-Systemen tätig ist, kennt die Nervosität, die bereits bei kleineren Lieferengpässen entsteht - sei es durch Hafenstreiks, Logistikprobleme oder politische Spannungen. Eine Konzentration auf einen einzigen Lieferanten in einem einzigen Land ist aus Sicht des Risikomanagements schlicht nicht vertretbar, wenn die Komponente systemkritisch ist.
Die Versorgung mit Batterien ist aktuell nicht gefährdet, wohl aber die Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz des Batterieökosystems in Deutschland und Europa, so Dr. Christian Rosenkranz, Vorsitzender des ZVEI-Fachverbands Batterien. Der Unterschied zwischen "aktuell nicht gefährdet" und "resilient" ist genau die Lücke, die Einkäufer und Produktionsplaner schließen müssen - und zwar bevor ein Störereignis eintritt, nicht danach.
Was das für Produktionsplaner und Einkäufer bedeutet
Aus der Lieferkettenperspektive lassen sich aus den ZVEI-Daten drei konkrete Handlungsfelder ableiten:
1. Lieferantenbasis aktiv diversifizieren Die Konzentration auf China bei Lithium-Ionen-Zellen ist strukturell gewachsen - nicht durch eine bewusste Entscheidung, sondern durch Preisdruck und Verfügbarkeit. Wer jetzt nicht gegensteuert, wird in zwei bis drei Jahren noch tiefer in dieser Abhängigkeit stecken. Alternativen aus Europa - Ungarn, Polen, Schweden (Northvolt) - sind vorhanden, aber kapazitätsseitig noch begrenzt.
2. Dual-Sourcing-Strategien für Batteriezellen prüfen Für viele Produktionsplaner war Dual Sourcing bei Batteriezellen bislang kaum umsetzbar, weil die Preisdifferenz zu chinesischen Anbietern zu groß war. Diese Kalkulation verändert sich, wenn man Lieferkettenrisiken, Strafzölle und potenzielle Exportbeschränkungen einpreist. Eine Total-Cost-of-Ownership-Betrachtung kommt heute zu anderen Ergebnissen als noch vor drei Jahren.
3. Politische Rahmenbedingungen als Planungsgröße ernst nehmen Statt punktueller Kaufprämien für E-Autos brauche man niedrigere Strompreise für alle und einen besseren Schutz vor unfairen Handels- und Subventionspraktiken, fordert Kellermann. Das sind keine abstrakten politischen Forderungen - sie beschreiben direkt, welche Kostenstrukturen europäische Batterieproduktion wettbewerbsfähig machen oder eben nicht.
Der europäische Rahmen: 40-Prozent-Ziel bis 2030
Die Branche unterstützt das europäische Ziel, bis 2030 mindestens 40 Prozent des jährlichen Bedarfs an Batteriezellen aus Eigenproduktion zu decken. Das ist ambitioniert - und angesichts der aktuellen Zahlen auch dringend notwendig. Heute liegt die Eigenproduktion gemessen am Gesamtmarktvolumen von 22,4 Milliarden Euro bei rund 36 Prozent. Die Lücke ist kleiner als man denkt, aber die Qualität der Eigenproduktion - insbesondere bei Hochleistungszellen - muss noch deutlich wachsen.
Photo: Homa Appliances / UnsplashFür Einkäufer bedeutet das 40-Prozent-Ziel konkret: Europäische Lieferanten werden in den nächsten Jahren Kapazitäten aufbauen - aber nicht ohne langfristige Abnahmeverträge. Wer jetzt Gespräche führt und Partnerschaften aufbaut, sichert sich Zugang zu Kapazitäten, die in drei Jahren heiß umkämpft sein werden.
Fazit: Rekord mit Warnsignal
Die 8,1 Milliarden Euro Produktionswert sind eine echte Leistung der deutschen Batterieindustrie. Aber sie dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Chinas Batterie-Exporte nach Deutschland mit rund 11 Milliarden Euro die gesamte deutsche Eigenproduktion übersteigen - und dieser Abstand wächst. Für Einkaufsverantwortliche und Produktionsplaner ist das kein Anlass zur Panik, aber ein klares Signal: Lieferkettenresilienz bei Batterien ist keine strategische Kür, sondern operative Pflicht.
Die gute Nachricht: Die Trendwende ist politisch gewollt, industriell möglich und wirtschaftlich zunehmend attraktiv. Wer jetzt handelt, gestaltet - wer wartet, reagiert.
Warum ist die Import-Abhängigkeit bei Lithium-Ionen-Batterien besonders kritisch?
Lithium-Ionen-Batterien sind die Schlüsseltechnologie für E-Mobilität und stationäre Energiespeicher – also für zwei der wichtigsten Wachstumsmärkte der nächsten Dekade. Gleichzeitig ist die Produktion dieser Zellen hochgradig auf China konzentriert. Eine Unterbrechung dieser Lieferkette würde nicht nur die Automobilindustrie treffen, sondern auch Rechenzentren, Verteidigungsanwendungen und die Energiewende insgesamt.
Welche europäischen Alternativen zu chinesischen Batterielieferanten gibt es?
Ungarn ist mit 3,5 Milliarden Euro der größte europäische Lieferant – dort produzieren unter anderem Samsung SDI und SK On. Schweden (Northvolt), Polen und Deutschland selbst bauen Kapazitäten aus. Die Verfügbarkeit ist jedoch noch begrenzt, weshalb langfristige Abnahmeverträge entscheidend sind, um Zugang zu sichern.
Was bedeutet das europäische 40-Prozent-Ziel für die Beschaffungsstrategie?
Das Ziel, bis 2030 mindestens 40 Prozent des Batteriezellen-Bedarfs aus europäischer Eigenproduktion zu decken, schafft einen politischen Rückenwind für europäische Hersteller. Für Einkäufer bedeutet das: Europäische Lieferanten werden Kapazitäten aufbauen – aber bevorzugt für Partner, die frühzeitig Abnahmemengen zusagen. Wer jetzt Gespräche führt, hat einen strategischen Vorteil.
Wie sollten Unternehmen ihre Lieferkette bei Batterien resilienter gestalten?
Drei Maßnahmen sind besonders wirksam: Erstens, die Lieferantenbasis geografisch diversifizieren (nicht nur China). Zweitens, Dual-Sourcing-Strategien unter Einbeziehung der Total-Cost-of-Ownership prüfen – Risikopuffer und potenzielle Strafzölle eingerechnet. Drittens, langfristige Lieferverträge mit europäischen Produzenten abschließen, um Kapazitätszugang zu sichern, bevor der Wettbewerb darum zunimmt.





