Die Baustoffindustrie hatte gehofft, 2026 werde ein Jahr der Erholung. Stattdessen verdüstern sich die Aussichten von Monat zu Monat - und die jüngsten Daten des ifo Instituts zeigen, dass sich die Krise inzwischen von der Baustelle bis in die Produktionshalle durchzieht.
Geschäftsklima bricht ein - auf breiter Front
Das ifo-Geschäftsklima für Hersteller von Glas, Keramik sowie Steinen und Erden sank im März 2026 auf -23,5 Punkte, nach -17,9 Punkten im Februar. Das ist ein Rückgang um fast sechs Punkte innerhalb eines einzigen Monats - und ein deutliches Signal dafür, dass die zaghafte Erholung, die die Branche zu Jahresbeginn noch verzeichnet hatte, vorerst gestoppt ist. Treiber der schlechten Stimmung sind laut [1] vor allem die deutlich pessimistischeren Geschäftserwartungen - aber auch die Bewertung der aktuellen Lage hat sich verschlechtert.
Der Hauptschuldige ist schnell benannt. "Die hohen Energiepreise drücken die Stimmung bei den Herstellern für Baumaterialien. Die Branche hat in der Industrie einen der höchsten Anteile der Energiekosten am Produktionswert", sagt ifo-Branchenexperte Nicolas Bunde - zitiert nach [2]. Glas, Keramik und mineralische Baustoffe sind energieintensive Produkte. Wenn die Energiekosten steigen, trifft das diese Hersteller überproportional.
Preiserhöhungen angekündigt - die Bauwirtschaft wird es spüren
Die Reaktion der Unternehmen auf die gestiegenen Kosten ist absehbar: Der ifo-Preiserhöhungsindikator für Baustoffhersteller stieg im März auf 22,2 Punkte, nach 8,4 Punkten im Februar. Das ist mehr als eine Verdoppelung innerhalb eines Monats. Gleichzeitig nahm der Anteil der Betriebe zu, die ihre Produktion zurückfahren wollen - [1].
Bunde macht keinen Hehl aus den Folgen: "Höhere Preise für Baumaterialien dürften sich mittelfristig in der Bauwirtschaft niederschlagen", erklärt er laut [3]. Für Bauunternehmen, die ohnehin unter Kostendruck stehen, ist das eine weitere Belastung - und für Bauherren bedeutet es: Wer jetzt kalkuliert, sollte Puffer einplanen.
Ein kleiner Lichtblick: Den eigenen Auftragsbestand bewerteten die Baustoffhersteller im März 2026 mit -43,5 Punkten - spürbar günstiger als noch vor einem Jahr, als der Wert bei -63,7 Punkten lag. Die Talsohle beim Auftragseingang scheint also durchschritten. Doch die Energiekosten drohen, diesen Fortschritt zunichte zu machen.
Wohnungsbau: Vom Hoffnungsschimmer zum Einbruch
Noch dramatischer ist die Lage im Wohnungsbau selbst. Nachdem sich das ifo-Geschäftsklima dort im Februar auf -17,6 Punkte verbessert hatte, folgte im März bereits wieder eine Verschlechterung auf -19,5 Punkte - getrieben von pessimistischeren Erwartungen rund um steigende Zinsen. Im April dann der nächste Schock: Das Geschäftsklima im Wohnungsbau fiel von -19,3 auf -28,4 Punkte - der stärkste Rückgang seit April 2022.
"Die geopolitische Unsicherheit belastet inzwischen auch den Wohnungsbau in Deutschland", sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Umfragen, laut [4]. "Mit fragilen Lieferketten und steigenden Finanzierungskosten kommen mehrere Risiken gleichzeitig auf den Bau zu." Besonders alarmierend: Im April berichteten 9,2 Prozent der Wohnungsbauunternehmen von Einschränkungen bei der Materialversorgung - zuvor hatte dieser Wert über zwei Jahre bei rund einem Prozent gelegen.
Drei Risiken treffen gleichzeitig auf den Bau: steigende Energiepreise verteuern Baumaterialien, höhere Zinsen belasten Baufinanzierungen, und fragile Lieferketten gefährden die Materialversorgung. Unternehmen sollten Kalkulationen und Beschaffungsstrategien jetzt überprüfen.
Das makroökonomische Umfeld macht es nicht besser
Die Lage der Baustoffhersteller ist kein isoliertes Branchenproblem - sie spiegelt eine gesamtwirtschaftliche Belastung wider. Die EU-Kommission hat ihre Wachstumsprognose für Deutschland für 2026 auf nur noch 0,6 Prozent BIP-Wachstum halbiert. Als Hauptursache gilt ein massiver Energiepreisschock infolge der geopolitischen Lage im Nahen Osten, wie [5] berichtet.
Die Bauzinsen sind in diesem Umfeld auf einem erhöhten Niveau geblieben. [6] zufolge liegen die Bauzinsen Anfang Juni 2026 meist zwischen 3,7 und 4,2 Prozent pro Jahr - und die weitere Entwicklung bleibt unsicher. Die meisten Experten rechnen inzwischen mit einem weiteren Zinserhöhungsschritt der EZB. Für Bauherren und Projektentwickler bedeutet das: Die Finanzierungskosten bleiben hoch, und eine rasche Entlastung ist nicht in Sicht.
Hinzu kommen strukturelle Probleme, die unabhängig vom aktuellen Zinsumfeld bestehen. 2025 wurden in Deutschland mehr als 45.000 Wohnungen weniger fertiggestellt als im Vorjahr - der niedrigste Stand seit 2012. Der Rückstand beim Wohnungsbau wächst, während die Nachfrage nach Wohnraum ungebrochen hoch bleibt.
Branche arbeitet sich aus der Krise - wird aber zurückgeworfen
Die Formulierung von ifo-Experte Bunde trifft es präzise: Die Baustoffindustrie "arbeitet sich langsam aus der Krise, wird durch die Folgen der Konfliktsituation im Nahen Osten jedoch zurückgeworfen", wie [7] berichtet. Das ist das Kernproblem: Es gibt durchaus positive Signale - der Auftragsbestand hat sich gegenüber dem Vorjahr verbessert, und im ersten Quartal 2026 wurden deutschlandweit rund 63.500 Wohnungen genehmigt, darunter im März ein Plus von über elf Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie [8] meldet. Doch externe Schocks überlagern diese Erholungsansätze immer wieder.

Was Unternehmen jetzt beachten sollten
Für Akteure entlang der Wertschöpfungskette - von Baustoffherstellern über Bauunternehmen bis zu Projektentwicklern - ergeben sich aus der aktuellen Lage konkrete Handlungsfelder:
- Energiekosten absichern: Baustoffhersteller mit hohem Energieanteil am Produktionswert sollten Preisabsicherungsstrategien prüfen und Energieverträge neu bewerten.
- Kalkulationen anpassen: Da mehr Hersteller Preiserhöhungen planen, sollten Bauunternehmen ihre Materialkosten in laufenden und neuen Projekten neu kalkulieren.
- Lieferketten diversifizieren: Der sprunghafte Anstieg der Unternehmen mit Materialversorgungsproblemen (von ~1 % auf 9,2 %) zeigt, wie schnell Engpässe entstehen können. Mehrlieferantenstrategien gewinnen an Bedeutung.
- Finanzierungsstruktur überprüfen: Bei einem Bauzinsniveau von 3,7 bis 4,2 Prozent und möglichen weiteren EZB-Erhöhungen lohnt es sich, bestehende Finanzierungen und Projektrenditen neu zu bewerten.
Die Stimmungsdaten des ifo Instituts sind Frühindikatoren - sie zeigen, wohin die Reise geht, bevor die harten Zahlen folgen. Wer jetzt handelt, ist besser vorbereitet.
Warum sind Baustoffhersteller besonders stark von Energiepreisen betroffen?
Die Herstellung von Glas, Keramik sowie Steinen und Erden erfordert sehr hohe Temperaturen und damit einen überdurchschnittlich hohen Energieeinsatz. Laut ifo-Experte Nicolas Bunde hat die Branche einen der höchsten Anteile der Energiekosten am Produktionswert in der gesamten Industrie. Steigen die Energiepreise, schlägt das direkt auf die Produktionskosten durch.
Was bedeutet ein ifo-Geschäftsklimawert von −23,5 Punkten?
Der ifo-Geschäftsklimaindex ist ein Saldowert: Er ergibt sich aus der Differenz der Anteile positiver und negativer Einschätzungen zur aktuellen Lage und zu den Erwartungen. Ein Wert von −23,5 bedeutet, dass deutlich mehr Unternehmen die Lage negativ als positiv einschätzen. Je tiefer der Wert, desto pessimistischer die Branche.
Wann ist mit einer Erholung im Wohnungsbau zu rechnen?
Eine belastbare Prognose ist derzeit schwierig. Positive Signale wie steigende Baugenehmigungen im ersten Quartal 2026 werden durch externe Schocks — steigende Energiepreise, geopolitische Unsicherheit, fragile Lieferketten — immer wieder überlagert. Solange das Zinsniveau hoch bleibt und die Energiepreise nicht sinken, dürfte eine nachhaltige Erholung auf sich warten lassen.
Wie wirken sich steigende Baustoffpreise auf Bauprojekte aus?
Steigende Materialpreise erhöhen die Gesamtbaukosten und können Projekte unwirtschaftlich machen — besonders wenn Festpreisverträge bereits abgeschlossen wurden. Bauunternehmen und Projektentwickler sollten Kalkulationen regelmäßig aktualisieren und Preisgleitklauseln in neuen Verträgen prüfen.
- ifo.de — Hersteller von baumaterialien erwarten schlechtere geschaefte
- handelsblatt.com
- bau.bi — Energiepreise baustoff hersteller erwarten schlechtere geschaefte b21501
- ifo.de — Geschaeftsklima im wohnungsbau bricht ein
- boerse-express.com — Mietrecht baukosten zinswende der deutsche wohnungsmarkt steckt in der krise 907834
- finanztip.de — Hypothekenzinsen
- onvista.de — 04 13 ifo hersteller von baumaterialien erwarten schlechtere geschaefte 0 20 26499707
- immobilienscout24.de





