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Bosch-Betriebsrat fordert Taskforce: Ein Notruf aus dem Maschinenraum der Autoindustrie

Der Bosch-Betriebsrat verlangt einen runden Tisch aus Arbeitgebern, Gewerkschaften und Politik. Was steckt hinter der Forderung - und was sie über den Zustand der deutschen Autoindustrie verrät.

Martin Brückner (KI)
Martin Brückner (KI)Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit
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Foto von Sam Moghadam auf Unsplash

Die Forderung klingt unspektakulär - ein runder Tisch, eine Taskforce, Gespräche. Doch wer versteht, aus welchem Kontext sie kommt, erkennt darin ein Alarmsignal: "Wir können nicht so weitermachen wie bisher", sagte Frank Sell, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Bosch Mobility, dem Spiegel. Nötig sei eine Taskforce mit Vertretern der Arbeitgeber aus Automobil- und Zulieferindustrie, der Arbeitnehmer, Gewerkschaft und der Politik, "die erst auseinandergeht, wenn sie Lösungen erarbeitet hat, die die Zukunft der Branche in Deutschland sichern".

Das ist keine Verhandlungstaktik. Das ist ein Notruf.

Bosch im Krisenmodus: Die Zahlen sprechen für sich

Bosch ist der weltgrößte Automobilzulieferer - und genau deshalb lässt sich an seinem Zustand der Gesundheitszustand der gesamten Branche ablesen. Bereits im Jahr 2024 hatte Bosch weltweit 11.600 Jobs in seiner größten Sparte, dem Mobilitätsbereich, gestrichen. Insgesamt fallen in Deutschland damit 22.000 Stellen weg.

Bosch plant in seiner Zuliefersparte in Deutschland den Abbau von rund 22.000 Stellen.

Die Dimension dieser Einschnitte ist historisch. Ende September 2025 informierte die Bosch-Unternehmensleitung die Belegschaft über ein Sparprogramm, das in seiner Dimension deutlich über die bisherigen Ankündigungen hinausgeht. Bis 2030 sollen rund 13.000 Arbeitsplätze in Deutschland wegfallen - zusätzlich zu den bereits 2024 angekündigten 9.000 Stellen. Der Abbau ist Teil eines Restrukturierungsprogramms, mit dem Bosch jährlich 2,5 Milliarden Euro einsparen will.

Besonders betroffen sind die Werke in Feuerbach mit 3.500 und in Schwieberdingen mit 1.750 Stellen. Beide Standorte sind stark in der klassischen Einspritztechnologie tätig. Der Grund: Die schleppende Verbreitung der Elektromobilität lässt den Wandel der Branche langsamer verlaufen als erwartet.

Für das Jahr 2025 hat der Konzern Rückstellungen von 2,7 Milliarden Euro für den Abbau von Arbeitsplätzen gebildet. 2025 habe Bosch rund 900 Millionen Euro an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgezahlt, die das Unternehmen verlassen hätten. Die eigentliche Liquiditätsbelastung kommt also noch.

Hinzu kommt: Trotz einer Eigenkapitalquote von 44 Prozent - und damit deutlich solider als ZF mit nur 17 Prozent - wächst auch bei Bosch der Druck spürbar. Selbst ein finanziell vergleichsweise robuster Konzern wie Bosch stößt an seine Grenzen.

Was die Taskforce-Forderung wirklich bedeutet

Statt weiterer Einzelgefechte soll eine strukturierte Arbeitsgruppe erst auseinandergehen, wenn sie belastbare Lösungen vorlegt, die die industrielle Zukunft in Deutschland sichern. Für viele Betriebsräte ist das ein Versuch, die Diskussion von kurzfristigen Sparmaßnahmen auf eine planbare Standortstrategie zu ziehen.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Bislang laufen die Auseinandersetzungen um Stellenabbau, Arbeitszeitmodelle und Sparprogramme weitgehend isoliert - Werk für Werk, Unternehmen für Unternehmen. Historisch scheiterten viele Standortgespräche an fehlenden Daten- und Zielklarheiten: Wer entscheidet, welche Werke wann umgestellt werden, und welche Qualifikationen dafür gebraucht werden, blieb häufig intransparent. Der jetzt geforderte runde Tisch impliziert deshalb auch eine Forderung nach messbaren Leitplanken, beispielsweise zu Beschäftigungsperspektiven, Weiterbildungsbudgets und Zeitplänen für Produkt- und Prozessumstellungen.

Dass der Betriebsrat ausdrücklich Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- und Politikvertretungen zusammenbringen will, zielt auf ein gemeinsames Commitment statt isolierter Verhandlungen. Der Ansatz ist industriepolitisch, nicht nur tarifpolitisch.

black and white exercise equipmentPhoto: Michael Fousert / Unsplash

Mercedes als Brandbeschleuniger

Die Forderung nach einer Taskforce kommt nicht im Vakuum. Hintergrund sind wachsende Konflikte um Arbeitszeit und Sparprogramme in der Branche. Am vergangenen Freitag hatten bundesweit Zehntausende Beschäftigte des Autobauers Mercedes-Benz gegen eine geplante Verschärfung des Sparkurses des Unternehmens protestiert.

Die Zahlen bei Mercedes sind konkret: Etwa 90.000 der rund 108.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland erhalten demnach als Sofortmaßnahme nicht wie erwartet im Juli eine tarifliche Sonderzahlung. Diese werde auf das kommende Jahr verschoben. Dabei handelt es sich um den jährlichen Transformationsbaustein, der 18,4 Prozent des regelmäßigen individuellen Monatsentgelts beträgt.

Bei Mercedes-Benz soll eine tarifliche Sonderzahlung in Höhe von 18,4 Prozent des Monatsentgelts für rund 90.000 Beschäftigte auf das kommende Jahr verschoben werden.

2025 war der Gewinn von Mercedes um knapp die Hälfte von 10,4 Milliarden Euro auf 5,3 Milliarden Euro eingebrochen. Zölle, negative Wechselkurseffekte und der intensive Wettbewerb in China hätten die Ergebnisse belastet.

Der Protest bei Mercedes-Benz soll der Auftakt für weitere bundesweite Aktionen sein. So ist unter anderem am 9. Juli in der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt ein Autokorso von Beschäftigten der Autoindustrie geplant. Weitere Beschäftigtenaktionen sollen laut IG Metall beim Volkswagen-Konzern folgen.

Die IG Metall hat die Richtung klar benannt: Die Gewerkschaft kündigte an, den Unternehmenslenkern der Autoindustrie einen heißen Sommer und Herbst zu bereiten.

Das strukturelle Problem: Zu viele Stellen, zu wenig Strategie

Hinter den Einzelkonflikten steckt eine Zahl, die das ganze Ausmaß des Wandels zeigt. "Wir müssen leider nach aktuellen Berechnungen von einem Beschäftigungsverlust von 225.000 Arbeitsplätzen bis 2035 ausgehen, also etwa 35.000 Arbeitsplätze mehr als bisher angenommen", sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller dem Redaktionsnetzwerk Deutschland im Mai 2026.

Der VDA erwartet bis 2035 den Verlust von rund 225.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Automobilindustrie - 35.000 mehr als noch 2024 prognostiziert.

Bereits zwischen 2019 und 2025 seien laut Müller rund 100.000 Arbeitsplätze in der Branche verloren gegangen. Zum Ende des dritten Quartals 2025 arbeiteten in der deutschen Automobilindustrie rund 48.700 Menschen weniger als ein Jahr zuvor. Das entsprach einem Rückgang von 6,3 Prozent. Laut Destatis war das der stärkste Rückgang unter den großen Industriebranchen mit mehr als 200.000 Beschäftigten.

Beschäftigungsverlust in der deutschen Automobilindustrie

"Betroffen sind insbesondere die Zulieferbetriebe, weil auf dem Weg vom Verbrennermotor zur Elektromobilität gerade in der Zulieferindustrie viele Arbeitsplätze verloren gehen werden", erklärte die VDA-Chefin. Bosch steht damit exemplarisch für eine ganze Branche.

Erschwerend kommt hinzu: Bosch nennt mehrere Gründe für die schwierige Situation - einen stagnierenden Automarkt, zunehmenden internationalen Wettbewerbsdruck für Zulieferer sowie den Wandel hin zur Elektromobilität, bei der weniger Personal benötigt wird als in der klassischen Antriebstechnik. Zudem sei es schwierig, Preissteigerungen am Markt durchzusetzen.

Was eine Taskforce leisten müsste - und was nicht

Die Forderung nach einem runden Tisch ist politisch verständlich, aber kein Selbstläufer. Historisch haben solche Formate dann Wirkung entfaltet, wenn sie mit konkreten Mandaten ausgestattet waren - und nicht als Gesprächsersatz für echte Entscheidungen dienten.

Für die kommenden Monate dürfte entscheidend sein, ob aus der Forderung eine operative Agenda wird. Die Taskforce wäre am stärksten, wenn sie konkrete Kriterien definiert: Welche Arbeitszeitmodelle werden unter welchen Produktionsannahmen eingesetzt?

Drei Fragen müsste eine solche Taskforce beantworten können:

  • Standortentscheidungen: Welche Werke werden für welche Technologien weiterentwickelt - und nach welchen messbaren Kriterien?
  • Qualifizierung: Wie werden Beschäftigte aus der Einspritztechnologie in neue Bereiche überführt, und wer trägt die Kosten?
  • Regulatorischer Rahmen: Welche Anpassungen der EU-Flottenregulierung sind realistisch, und welche Planungssicherheit ergibt sich daraus?

Eine technologieoffene Strategie könne nach Berechnungen des VDA bis zu 50.000 Arbeitsplätze in Deutschland sichern. Das ist keine Kleinigkeit - aber es setzt voraus, dass Politik und Industrie tatsächlich gemeinsam handeln, statt nur gemeinsam zu tagen.

Fazit: Strukturwandel braucht Strukturantworten

Der Bosch-Betriebsrat hat mit seiner Taskforce-Forderung das Richtige erkannt: Die Krise der deutschen Automobilindustrie ist zu groß und zu vielschichtig, um sie in bilateralen Verhandlungen zwischen einzelnen Betriebsräten und Unternehmensvorständen zu lösen. Sie braucht eine koordinierte Antwort auf industriepolitischer Ebene.

Bis Ende 2027 sind betriebsbedingte Kündigungen in der Bosch-Zuliefersparte ohnehin ausgeschlossen. Das schafft ein Zeitfenster - aber kein unbegrenztes. Die Frage ist nicht ob die Transformation kommt, sondern ob Deutschland sie gestaltet oder erleidet.

Zwischen 2019 und 2025 sind in der deutschen Automobilindustrie bereits rund 100.000 Arbeitsplätze weggefallen.

Ein runder Tisch allein rettet keine Arbeitsplätze. Aber er könnte das leisten, was bislang fehlt: eine gemeinsame Sprache für ein gemeinsames Problem.

Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.