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Energiepreise und CO₂-Kosten: Wie der Markt und innovative Energiesysteme Unternehmen fordern

Der nationale CO₂-Preis hat 2026 mit dem neuen Preiskorridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne eine neue Phase erreicht, während dezentrale Schwarmspeicher erstmals am börslichen Stromhandel teilnehmen. Ein aktuelles US-Patent für prädiktive Energiesystem-Steuerung zeigt, wohin die Reise bei der industriellen Kostenoptimierung geht.

AKTUELL
Energiepreise und CO₂-Kosten: Wie der Markt und innovative Energiesysteme Unternehmen fordern

Nationaler CO₂-Preis: Preiskorridor statt Festpreis

Mit dem Jahr 2026 hat die CO₂-Bepreisung in Deutschland eine neue Stufe erreicht. Erstmals wird kein fester Preis mehr durch die Bundesregierung vorgegeben. Stattdessen werden nationale Emissionshandelszertifikate (nEHS) in einem Preiskorridor versteigert. Der Mindestpreis liegt bei 55 Euro, der Höchstpreis bei 65 Euro pro Tonne CO₂ - in einer Nachkaufphase können bis zu 70 Euro pro Tonne fällig werden. 1Brillant Energie erläutert den Einfluss des CO2-Preises auf Kosten von Strom und Gas 2DEHSt – nEHS Verkauf und Versteigerung: Preiskorridor 2026 Das Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) bildet dafür die Rechtsgrundlage.

Für Erdgas ergibt sich daraus laut Brillant Energie ein Aufschlag von 0,997 bis 1,179 Cent pro Kilowattstunde auf den Arbeitspreis 1Brillant Energie erläutert den Einfluss des CO2-Preises auf Kosten von Strom und Gas. Im Stromsektor wirkt der nationale CO₂-Preis ergänzend zum europäischen Emissionshandel (EU-ETS), unter den große Kraftwerke fallen. Kleinere Anlagen werden über das nationale System erfasst. Die Einnahmen fließen in den Klima- und Transformationsfonds (KTF), der unter anderem die Abschaffung der EEG-Umlage mitfinanziert hat.

Für produzierende Unternehmen, die auf Erdgas als Prozessenergie oder zur Raumwärme angewiesen sind, addiert sich dieser Kostenblock zu den bereits erhöhten regulierten Preisbestandteilen - Netzentgelte, Umlagen und Offshore-Zuschläge -, die wir an dieser Stelle bereits analysiert haben. Entscheidend ist: Ab 2027 soll der freie Handel ohne Preiskorridor beginnen, was die Planungsunsicherheit für energieintensive Betriebe erheblich vergrößert. 1Brillant Energie erläutert den Einfluss des CO2-Preises auf Kosten von Strom und Gas 2DEHSt – nEHS Verkauf und Versteigerung: Preiskorridor 2026

Negative Preise, große Spreads: Die Marktlage als Treiber neuer Geschäftsmodelle

Die Kehrseite der steigenden CO₂-Kosten ist ein Strommarkt, dessen Preisstruktur sich fundamental wandelt. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland rund 573 Stunden mit negativen Strompreisen registriert - ein neuer Höchstwert, der den Rekord des Vorjahres (457 Stunden) deutlich übertraf. 3AURIVOLT erreicht Meilenstein: Erste Schwarmspeicher nehmen Handel an deutschen Strombörsen auf 4Negative Strompreise 2025: Rekordwerte in Deutschland (presse.online) Immer mehr Solar- und Windenergie fließt zu Zeiten ins Netz, in denen die Nachfrage das Angebot nicht aufnehmen kann. Die Folge: erhebliche Preisspreads zwischen Tief- und Hochpreisphasen.

Genau diese Volatilität macht Energiespeicher zu einem ökonomisch attraktiven Instrument. Laut AURIVOLT liegen die durchschnittlichen täglichen Preisspreads am Day-Ahead-Markt bei rund 130 Euro pro Megawattstunde 3AURIVOLT erreicht Meilenstein: Erste Schwarmspeicher nehmen Handel an deutschen Strombörsen auf. Wer günstig Strom speichern und in Hochpreiszeiten wieder abgeben kann, erzielt operative Erlöse - eine Logik, die sowohl für Netzbetreiber als auch für Industrieunternehmen mit Eigenspeichern relevant ist.

Schwarmspeicher: Dezentrales Modell geht in den Marktbetrieb

Das Unternehmen AURIVOLT aus Bad Oeynhausen hat nach eigenen Angaben einen Meilenstein erreicht: Seit Anfang April 2026 nehmen die ersten Schwarmspeicher des Unternehmens aktiv am börslichen Stromhandel an deutschen Strombörsen teil. 3AURIVOLT erreicht Meilenstein: Erste Schwarmspeicher nehmen Handel an deutschen Strombörsen auf Das Konzept: Statt einzelner Großspeicher-Projekte, die häufig an langwierigen Netzanschlussverfahren scheitern, bündelt AURIVOLT dezentrale Batterieeinheiten zu einem virtuellen Kraftwerk. Die einzelnen Speichereinheiten verfügen jeweils über eine Leistung von 125 kW und eine Kapazität von 289 kWh. 3AURIVOLT erreicht Meilenstein: Erste Schwarmspeicher nehmen Handel an deutschen Strombörsen auf

Für das laufende Jahr plant das Unternehmen den Ausbau auf mindestens 125 Megawatt Gesamtleistung. Am neuen Standort in Löhne soll eine eigene Schaltschrankproduktion die Skalierung beschleunigen. "Die erwarteten Erlösprofile bestätigen sich in den ersten Handelstagen", so AURIVOLT-CEO Markus Baumann 3AURIVOLT erreicht Meilenstein: Erste Schwarmspeicher nehmen Handel an deutschen Strombörsen auf.

Das dezentrale Modell adressiert ein reales Nadelöhr: Die Genehmigung und der Netzanschluss großer Batteriespeicher dauert in Deutschland oft Jahre. Schwarmspeicher umgehen dieses Problem, indem sie viele kleinere Einheiten parallel aufbauen und softwareseitig vernetzen. Ob das Modell auch bei zunehmender Sättigung des Speichermarkts profitabel bleibt, muss sich noch zeigen - die 130-Euro-Spreads werden nicht dauerhaft Bestand haben, wenn immer mehr Kapazität den Markt betritt.

Patentlandschaft: Prädiktive Steuerung als nächste Stufe

Ein am 10. April 2026 veröffentlichtes US-Patent (US 2026/0100580 A1) beschreibt ein System zur Optimierung von Energiesystemen durch Vorhersage von Verbrauch und Erzeugung 5Energy System Scheduling Using Consumption and Production Prediction (US 2026/0100580 A1). Der Ansatz: Algorithmen prognostizieren den Energiebedarf und die -produktion über definierte Zeitintervalle und steuern darauf basierend die Fahrpläne vernetzter Erzeuger, Verbraucher und Speicher, um die Gesamtkosten zu minimieren.

Für die Industrie ist diese Entwicklung relevant, weil sie den Schritt von reaktiver zu vorausschauender Energiekostensteuerung markiert. Kombiniert mit dezentralen Speichersystemen und volatilen Strommärkten entsteht ein Gesamtbild: Die Fähigkeit, Verbrauchsspitzen zeitlich zu verschieben, Eigenerzeugung optimal einzuspeisen und Speicher marktgerecht zu bewirtschaften, wird zu einem messbaren Wettbewerbsfaktor. Machine-Learning-basierte Scheduling-Systeme sind dabei keine Zukunftsmusik mehr - die Patentaktivität zeigt, dass sie industriell skalierbar werden.

Ausblick: Was bedeutet das für die Branche?

Die drei Signale - steigender nationaler CO₂-Preis mit wachsender Marktdynamik, dezentrale Speicher im Börsenbetrieb und prädiktive Energiesteuerung - fügen sich zu einem klaren Bild: Die Energiekostenstruktur produzierender Unternehmen in Deutschland wird komplexer, aber auch gestaltbarer.

Der Preiskorridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne CO₂ ist für 2026 noch überschaubar. Der Übergang zum freien Handel ab 2027 birgt jedoch erhebliches Preisrisiko - insbesondere für Betriebe, die bisher keine aktive CO₂-Beschaffungsstrategie verfolgen. Gleichzeitig eröffnen die Volatilität am Strommarkt und die technologische Reife dezentraler Speicher neue Optionen: Unternehmen mit Eigenerzeugungs- und Speicherkonzepten können von Preisspreads profitieren, statt nur unter steigenden Kosten zu leiden.

Die Handlungsempfehlung ist nüchtern: Energiekostenpositionen sollten nicht mehr isoliert über den Beschaffungspreis betrachtet werden. CO₂-Aufschläge, Netzentgelte, Umlagen und Marktchancen durch Flexibilität bilden ein Gesamtpaket, das aktiv gesteuert werden muss. Die Technologie dafür ist vorhanden - von Schwarmspeichern bis zu prädiktiven Scheduling-Systemen. Die Frage ist, ob der Mittelstand die nötigen Investitionen und das Know-how aufbringen kann.


Bild: Wim van 't Einde / Unsplash

Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.

science Recherche-Transparenz

11 Recherchen, 3 Überlegungen

Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt. Unten sehen Sie den vollständigen Recherche- und Denkprozess.