Am gestrigen Mittwoch tagte das zweite Entlastungskabinett der Bundesregierung. Das Ergebnis: weitere Maßnahmen im Umfang von rund 600 Millionen Euro jährlicher Entlastung, ein geplantes Berichtsentlastungsgesetz, eine Genehmigungsfiktion nach vier Monaten. Klingt nach Bewegung. Ist es aber nicht genug - zumindest nicht aus Sicht der produzierenden Industrie.
Die Botschaft aus den Verbänden ist unmissverständlich: Es wird entbürokratisiert, aber viel zu zögerlich. Und im Hintergrund läuft die Uhr. Denn während Berlin Prozesse optimiert, verliert die deutsche Industrie Arbeitsplätze in einem Tempo, das keine Geduld mehr erlaubt.
177.000 Jobs weg - und der Abbau geht weiter
Die nüchternste Zahl dieser Woche kommt nicht aus dem Kabinett, sondern aus Nürnberg. Die deutsche Industrie hat im Jahr 2025 rund 177.000 Arbeitsplätze verloren, wie die Bundesagentur für Arbeit bekannt gab. Im Dezember 2025 waren damit noch 6,5 Millionen Menschen im verarbeitenden Gewerbe sozialversicherungspflichtig beschäftigt - fast ein Fünftel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland.
Die Verluste verteilen sich auf die Kernsektoren der deutschen Industriestruktur: Allein in der Autoindustrie und bei ihren Zulieferern verschwanden 52.000 Stellen, im Maschinenbau 28.000, in der übrigen Metallindustrie weitere 24.000. Zuwächse in anderen Branchen konnten das nicht auffangen. Und der Abbau ist noch nicht beendet: Laut Bundesagentur-Chefin Andrea Nahles verschwinden in der Industrie derzeit monatlich rund 15.000 Jobs.
Das ist der Kontext, in dem die Debatte über Bürokratieabbau geführt werden muss. Nicht als abstrakte Verwaltungsreform, sondern als Standortfrage mit direkten Konsequenzen für Beschäftigung und Investition.
Laut einer DIHK-Umfrage sehen 95 Prozent der Unternehmen den Bürokratieabbau als eine der wichtigsten Aufgaben der Bundesregierung. Gleichzeitig beklagen zwei von drei Betrieben, dass mehr Bürokratie hinzukommt als abgebaut wird.
Was das zweite Entlastungskabinett gebracht hat
Die Bundesregierung verweist auf Fortschritte. Seit dem ersten Entlastungskabinett im November 2025 habe man über 40 Maßnahmen umgesetzt, die Wirtschaft und Bürger mit insgesamt rund 10 Milliarden Euro jährlich entlasten. Das zweite Kabinett vom 15. Juli bringt weitere zehn Maßnahmen - darunter Digitalisierungsschritte im Gesundheitswesen und Vereinfachungen im Arbeitsrecht.
Das strukturell Bedeutsamste ist das angekündigte Berichtsentlastungsgesetz. Es soll eine Beweislastumkehr einführen: Künftig müssen nicht mehr Unternehmen darlegen, warum eine Vorschrift obsolet ist - stattdessen ist der Staat in der Pflicht zu begründen, warum Berichts- und Dokumentationspflichten überhaupt noch erhalten bleiben müssen. Zudem soll eine Genehmigungsfiktion greifen: Vollständige Anträge sollen nach vier Monaten automatisch als genehmigt gelten, wenn die zuständige Behörde bis dahin keine Entscheidung getroffen hat.
Das sind konzeptionell richtige Ansätze. Die Industrie erkennt das an - und kritisiert trotzdem.
"Kleinteilig statt Gamechanger"
BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner bringt die Kritik auf den Punkt: Kleinteilige Entlastungen im Verkehrs-, Gesundheits- oder Steuerbereich seien zwar richtig und wichtig, entscheidend sei aber, die großen Gamechanger umzusetzen. Die Messlatte sei klar: wie viel Entlastung tatsächlich im Unternehmensalltag ankomme.
DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov wird noch direkter. Beim Bürokratieabbau sei in der Vergangenheit zu viel versprochen und zu wenig umgesetzt worden. Das Kernproblem: Bei den Unternehmen komme mehr Bürokratie dazu, als abgebaut werde.
Das ist keine Polemik, sondern eine strukturelle Diagnose. Laut IHK München entgehen Deutschland durch das Übermaß an Bürokratie bis zu 146 Milliarden Euro pro Jahr an Wirtschaftsleistung - nahezu drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dem gegenüber stehen bislang beschlossene Entlastungen von 10,4 Milliarden Euro. Die Diskrepanz ist erheblich.
Das Tempo-Problem ist auch ein Struktur-Problem
Dass das Entlastungskabinett erst jetzt zum zweiten Mal tagt, ist symptomatisch. Das erste hatte im November 2025 getagt - mit der Ankündigung, alle drei Monate zusammenzukommen. Seither sind acht Monate vergangen. Sieben von zehn der am Mittwoch beschlossenen Vorhaben sollen noch am Montag davor nicht abgestimmt gewesen sein.
Das liegt nicht nur an fehlendem politischen Willen. Das neu geschaffene Ministerium für Digitales und Staatsmodernisierung ist als Querschnittsressort strukturell auf die Zuarbeit anderer Ministerien angewiesen - und genau dort, in den etablierten Häusern, türmen sich die Paragrafen. Zudem waren im Ministerium noch im Mai über 100 Stellen unbesetzt, davon 20 in der für den Bürokratieabbau zuständigen Abteilung.
Das erklärt das Schneckentempo. Es entschuldigt es nicht.
Was die Industrie konkret fordert
Die Forderungen der Verbände sind nicht neu, aber sie werden lauter. Im Kern geht es um drei Hebel:
- Beweislastumkehr konsequent umsetzen: Das angekündigte Berichtsentlastungsgesetz muss zügig kommen und darf nicht durch Ressortvorbehalte verwässert werden. Laut IW-Köln-Studie sehen rund 90 Prozent der befragten Unternehmen eine systematische Evaluation und Abschaffung wirkungsloser Gesetze als zentralen Ansatz.
- Keine nationale Übererfüllung von EU-Recht: Die Bundesregierung hat angekündigt, EU-Richtlinien künftig eins zu eins in nationales Recht zu überführen - ohne die in Deutschland übliche Überregulierung. Das muss auch rückwirkend für bestehende Gesetze gelten.
- Digitale Verwaltung als Voraussetzung: Rund drei Viertel der Unternehmen sehen eine zentrale Cloud der öffentlichen Verwaltung für Unternehmensdaten als zielführend für den Bürokratieabbau. Ohne Verwaltungsdigitalisierung bleibt jede Vereinfachung auf dem Papier.
Photo: Hyundai Motor Group / UnsplashFazit: Richtung stimmt, Geschwindigkeit nicht
Die Bundesregierung hat mit dem Entlastungskabinett und dem angekündigten Berichtsentlastungsgesetz konzeptionell die richtigen Weichen gestellt. Beweislastumkehr, Genehmigungsfiktion, Abbau nationaler Übererfüllung - das sind keine Symbolmaßnahmen, sondern strukturell wirksame Instrumente, wenn sie konsequent umgesetzt werden.
Das Problem ist das "Wenn". Denn die produzierende Industrie wartet nicht auf Konzepte, sondern auf spürbare Entlastung im Betriebsalltag. Monatlich 15.000 Industriearbeitsplätze weniger sind kein abstraktes Strukturproblem - das ist eine laufende Erosion der wirtschaftlichen Substanz Deutschlands.
Die Bundesregierung wird daran gemessen, wie viel von dem, was sie ankündigt, tatsächlich in den Unternehmen ankommt. Diese Messung hat gerade erst begonnen.





