Zwei Signale, eine Richtung
Am 18. April 2026 hat die Europäische Kommission die öffentliche Konsultation zum Sustainability Impact Assessment (SIA) des geplanten Freihandelsabkommens zwischen der EU und Thailand gestartet. 1EU-Kommission: Stakeholder-Konsultation zum Sustainability Impact Assessment des EU-Thailand FTA Zeitgleich legte Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses (INTA) im Europäischen Parlament, einen Entschließungsantrag zu den Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen EU und Afrika vor. 2Europäisches Parlament INTA: Draft Motion for a Resolution on EU-Africa Trade and Investment Relations (PE786.999v01-00) Beide Vorgänge zielen auf denselben strategischen Imperativ: die Diversifizierung der europäischen Handelsbeziehungen in einer Phase wachsender geopolitischer Risiken.
Thailand: Zweite ASEAN-Volkswirtschaft im Visier
Die Verhandlungen zwischen EU und Thailand wurden 2023 nach zehnjähriger Pause wieder aufgenommen. Acht Verhandlungsrunden sind bisher abgeschlossen. 3IHK Düsseldorf: EU-Thailand FTA – Verhandlungsstand und Rundenberichte bis Runde 8 (Februar 2026) Das SIA, für das nun Stakeholder-Beiträge eingeholt werden, untersucht die wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und menschenrechtlichen Folgen eines künftigen Abkommens. 1EU-Kommission: Stakeholder-Konsultation zum Sustainability Impact Assessment des EU-Thailand FTA
Für die deutsche Industrie ist Thailand kein Nebenthema. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Thailands innerhalb der EU. Das bilaterale Handelsvolumen betrug 2024 rund 10,94 Milliarden US-Dollar. 4GTAI / Wirtschaftsreise Thailand 2026: Bilaterales Handelsvolumen Deutschland-Thailand 2024 Der gesamte EU-Thailand-Warenhandel belief sich 2024 auf rund 42 Milliarden Euro, mit einem Schwerpunkt auf Maschinen, Elektronik, Chemie und Transportausrüstung. 5EU-Kommission: EU trade relations with Thailand – Warenhandel und Dienstleistungen 2024 Thailand ist nach Singapur und Vietnam die drittwichtigste ASEAN-Handelspartnerin der EU.
Besondere Relevanz hat das Abkommen für den Automobilsektor. Thailand fungiert als regionales Produktionszentrum für internationale OEMs, wobei chinesische E-Auto-Hersteller zunehmend Fertigungskapazitäten im Land aufbauen. 6GTAI: Kfz-Industrie Thailand – Ausblick und Investitionstrends 2026 Ein FTA würde den Marktzugang für europäische Investitionsgüter verbessern und Zollbarrieren in einem Markt senken, den andere Handelsblöcke bereits erschließen: Die EFTA-Staaten haben im Januar 2025 ein eigenes Abkommen mit Thailand unterzeichnet. 7EFTA: EFTA-Thailand FTA unterzeichnet am 23. Januar 2025 in Davos
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) mahnt Tempo an. In einem Positionspapier vom März 2026 forderte sie, die EU dürfe in Südostasien nicht länger auf Zeit spielen. 8DIHK-Positionspapier: EU muss in Südostasien Tempo machen (März 2026) Die Botschaft: Während Europa verhandelt, schaffen Wettbewerber Fakten.
Afrika: Vom Rohstofflieferanten zum Investitionspartner?
Der Entschließungsantrag des INTA-Ausschusses zum Stand der EU-Afrika-Handelsbeziehungen setzt einen anderen, aber komplementären Akzent. 2Europäisches Parlament INTA: Draft Motion for a Resolution on EU-Africa Trade and Investment Relations (PE786.999v01-00) Afrika gewinnt für die europäische Industrie an Bedeutung - nicht nur als Absatzmarkt, sondern vor allem als Quelle kritischer Rohstoffe und als Investitionsstandort für Energie- und Infrastrukturprojekte.
Die EU-Mitgliedstaaten investierten zwischen 2019 und 2022 rund 56 Milliarden Euro an Direktinvestitionen in Afrika - mehr als China im gleichen Zeitraum. 9Eurostat / FurtherAfrica: EU-Direktinvestitionen in Afrika 2019–2022 Im Rahmen des Global-Gateway-Programms sollen bis zu 150 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisiert werden, mit Schwerpunkten auf Energiewende, Digitalisierung und nachhaltiger Infrastruktur. 10EU-Kommission: Global Gateway Africa-Europe Investment Package – 150 Mrd. Euro
Für die deutsche Industrie geht es dabei um konkrete Beschaffungsfragen. Bei seltenen Erden decken drei Länder - China (46,8 %), Russland (25,9 %) und Malaysia (23,1 %) - über 95 Prozent der EU-Importe ab. 11Eurostat: EU-Importe seltener Erden 2025 nach Herkunftsländern (via Industrieblatt-Analyse vom 14.04.2026) Afrikanische Vorkommen könnten mittelfristig zur Diversifizierung beitragen, sofern verlässliche Handels- und Investitionsrahmen geschaffen werden. Der EU Critical Raw Materials Act sieht vor, bis 2030 mindestens 10 Prozent des europäischen Bedarfs an strategischen Rohstoffen aus eigener Förderung zu decken - afrikanische Partnerschaften könnten dieses Ziel flankieren.
Kontext: Diversifizierung unter Zeitdruck
Beide Initiativen fallen in eine Phase, in der die Verletzlichkeit europäischer Lieferketten sichtbar wie selten zuvor ist. Die Hormuz-Krise, erneute Houthi-Angriffe und chinesische Exportkontrollen bei kritischen Materialien haben die Kosten einseitiger Abhängigkeiten offengelegt. Die WTO hat ihre Prognose für das globale Warenhandelswachstum 2026 auf nur 0,5 Prozent gesenkt - nach 4,6 Prozent im Vorjahr. 12WTO: Prognose globales Warenhandelswachstum 2026
Gleichzeitig verschärft die EU ihre eigenen Handelsschutzinstrumente: Das neue Stahlschutzregime tritt im Juli in Kraft, der CBAM wird kostenpflichtig. 13Industrieblatt: EU-Stahlschutz 2.0 – Handelsregime, CBAM und Transformationsförderung (16.04.2026) Diese defensiven Maßnahmen brauchen eine offensive Ergänzung - neue Märkte, neue Lieferanten, neue Investitionskorridore. Thailand und Afrika stehen exemplarisch für diese Strategie.
Ausblick: Lange Verhandlungen, begrenztes Zeitfenster
Die Erfahrung zeigt, dass EU-Freihandelsabkommen selten schnell abgeschlossen werden. Das Mercosur-Abkommen brauchte über 20 Jahre; bei Thailand liegen bereits zehn Jahre Verhandlungspause hinter den Parteien. Für die Afrika-Resolution gilt: Eine Entschließung des Parlaments ist kein Handelsabkommen, sondern ein politisches Signal, das Verhandlungsmandate vorbereitet.
Für Entscheider in der produzierenden Industrie bedeutet das zweierlei. Erstens: Die Konsultation zum Thailand-SIA bietet eine konkrete Möglichkeit, industrielle Interessen - von Zollabbau über Investitionsschutz bis zum öffentlichen Beschaffungswesen - in die Folgenabschätzung einzubringen. Zweitens: Die Afrika-Debatte im INTA signalisiert, dass Brüssel die Handelsbeziehungen mit dem Kontinent systematischer gestalten will. Unternehmen, die afrikanische Beschaffungsmärkte oder Investitionsstandorte in Betracht ziehen, sollten die politischen Rahmensetzungen aufmerksam verfolgen.
Die DIHK hat sich explizit für den raschen Abschluss von EU-FTA mit Thailand, Malaysia und den Philippinen ausgesprochen und warnt vor einem Bedeutungsverlust Europas in der ASEAN-Region. 8DIHK-Positionspapier: EU muss in Südostasien Tempo machen (März 2026) Der Wettbewerb um Marktzugänge in wachstumsstarken Volkswirtschaften wartet nicht auf Brüsseler Zeitpläne.
Bild: Antoine Schibler / Unsplash

