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Nachhaltigkeitsmanagement als Wettbewerbsfaktor: Was DEKRA und Agravis über den Reifegrad der Industrie verraten

Zwei aktuelle Nachhaltigkeitsmeldungen - DEKRAs erneutes EcoVadis-Platin-Rating und der neue Nachhaltigkeitsreport der Agravis Raiffeisen AG - zeigen, wie unterschiedlich Unternehmen ESG-Management operationalisieren. Beide Fälle liefern Erkenntnisse für produzierende Unternehmen, die Nachhaltigkeit zwischen regulatorischem Druck und Lieferkettenanforderungen strategisch einordnen müssen.

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Nachhaltigkeitsmanagement als Wettbewerbsfaktor: Was DEKRA und Agravis über den Reifegrad der Industrie verratenNoah Buscher / Unsplash

Zwei Signale, ein Trend

In derselben Woche veröffentlichen zwei sehr unterschiedliche deutsche Unternehmen ihre Nachhaltigkeitserfolge: Die Stuttgarter Prüf- und Zertifizierungsorganisation DEKRA meldet zum fünften Mal in Folge die EcoVadis-Platin-Auszeichnung - diesmal mit einer neuen Höchstpunktzahl. Parallel dazu legt die Agravis Raiffeisen AG aus Münster, eines der größten Agrarunternehmen Deutschlands, ihren aktuellen Nachhaltigkeitsreport vor. Beide Meldungen sind für sich genommen Unternehmenskommunikation. Zusammengelesen liefern sie ein aufschlussreiches Bild davon, wie weit das systematische Nachhaltigkeitsmanagement in der deutschen Wirtschaft gediehen ist - und wo es noch hakt.

DEKRA: Datengetriebene ESG-Strategie mit messbaren Ergebnissen

DEKRA erreichte im EcoVadis-Rating 2026 eine Bewertung von 93 von 100 Punkten und gehört damit zu den Top-1-Prozent der weltweit über 130.000 bewerteten Unternehmen. 1DEKRA zeigt Spitzenleistung bei Nachhaltigkeit / Erneut Rating unter den Top-1-Prozent bei EcoVadis Die Punktzahl ist das Resultat einer kontinuierlichen Steigerung: 2023 lag das Rating noch bei 78 Punkten, 2024 bei 86 Punkten - ein Anstieg um 15 Punkte innerhalb von drei Jahren. 1DEKRA zeigt Spitzenleistung bei Nachhaltigkeit / Erneut Rating unter den Top-1-Prozent bei EcoVadis In allen vier EcoVadis-Themenfeldern - Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte, Ethik und nachhaltige Beschaffung - erzielte das Unternehmen Werte zwischen 91 und 95 Punkten.

Operativ stützt sich DEKRAs Klimamanagement auf zwei Säulen: die interne Dekarbonisierung am 1,5-Grad-Ziel und die Finanzierung externer Klimaschutzprojekte über einen eigenen Klimafonds. Bemerkenswert ist dabei die Einführung eines internen CO₂-Preises zur Lenkung von Investitionsentscheidungen - ein Instrument, das in der Fachliteratur als wirkungsvoller gilt als rein bilanzielles Offsetting, weil es Emissionen direkt in betriebswirtschaftliche Kalkulationen einpreist. 1DEKRA zeigt Spitzenleistung bei Nachhaltigkeit / Erneut Rating unter den Top-1-Prozent bei EcoVadis

Konkret setzt DEKRA auf den Ausbau von Photovoltaik an internationalen Standorten, die Elektrifizierung der Dienstwagenflotte - der Anteil elektrischer und teilelektrischer Fahrzeuge überstieg 2025 erstmals die 50-Prozent-Marke 1DEKRA zeigt Spitzenleistung bei Nachhaltigkeit / Erneut Rating unter den Top-1-Prozent bei EcoVadis - und ab Mitte 2026 die Nutzung von Rechenzentrum-Abwärme für die Konzernzentrale in Stuttgart. Im Carbon Disclosure Project (CDP) hält DEKRA das Level "Leadership" mit einer A-Minus-Bewertung. 1DEKRA zeigt Spitzenleistung bei Nachhaltigkeit / Erneut Rating unter den Top-1-Prozent bei EcoVadis

Agravis: Wesentlichkeitsanalyse als strategischer Kompass

Die Agravis Raiffeisen AG verfolgt einen anderen Ansatz, der stärker von der Geschäftstätigkeit als landwirtschaftlicher Großhändler und Dienstleister geprägt ist. Der Konzern erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 8,4 Milliarden Euro mit über 6.600 Mitarbeitenden an mehr als 400 Standorten. 2Agravis Raiffeisen AG – Geschäftszahlen 2025 Laut dem neuen Nachhaltigkeitsreport hat das Unternehmen 2025 eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt - jenes Verfahren, das unter der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) als methodischer Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung gilt. 3Agravis Raiffeisen AG veröffentlicht Nachhaltigkeitsreport / Fortschritte bei Energie, Klimaschutz und Mitarbeiterentwicklung

Die identifizierten Schwerpunkte - Klimaschutz, Versorgungssicherheit, verantwortungsvolle Beschaffung und Mitarbeiterentwicklung - spiegeln die spezifischen Risiken eines Agrarunternehmens wider. Vorstandsvorsitzender Dirk Köckler ordnete ein: Klimatische Veränderungen beeinflussten unmittelbar Ernten, Märkte und Lieferketten. 3Agravis Raiffeisen AG veröffentlicht Nachhaltigkeitsreport / Fortschritte bei Energie, Klimaschutz und Mitarbeiterentwicklung Im Bereich Energie setze man auf präzisere Emissionserhebung, den Ausbau erneuerbarer Energien und effizientere Prozesse.

Ein konkretes Werkzeug ist das in die Farmmanagement-Software "Ackerprofi" integrierte Bilanzierungstool für Treibhausgasemissionen, das den CO₂-Fußabdruck von Ackerfrüchten entlang der gesamten Prozesskette erfasst. 3Agravis Raiffeisen AG veröffentlicht Nachhaltigkeitsreport / Fortschritte bei Energie, Klimaschutz und Mitarbeiterentwicklung Damit liefert Agravis ihren Kunden - überwiegend landwirtschaftliche Betriebe - ein Instrument, das für Scope-3-Berichte und Lieferkettenanforderungen relevant ist.

Regulatorischer Rahmen: CSRD-Omnibus verändert die Dynamik

Beide Beispiele sind vor dem Hintergrund des sich verändernden Regulierungsrahmens zu lesen. Die im Februar 2026 verabschiedete Omnibus-Änderungsrichtlinie der EU hat die CSRD-Schwellenwerte erheblich angehoben: Künftig gilt die Berichtspflicht nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und über 450 Millionen Euro Umsatz - eine Reduzierung des ursprünglichen Anwendungsbereichs um rund 90 Prozent. 4CSRD-Omnibus 2026: Was die EU-Reform für den Mittelstand ändert

Für den industriellen Mittelstand bedeutet das: Die direkte regulatorische Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung entfällt für die meisten Unternehmen. Der faktische Druck jedoch nicht. Denn die verbleibenden berichtspflichtigen Großunternehmen - und dazu gehören sowohl DEKRA als auch Agravis - fordern von ihren Zulieferern ESG-Daten entlang der Wertschöpfungskette. EcoVadis hat sich dabei als de-facto-Standard der Lieferantenbewertung etabliert. Die EcoVadis-Datenbank umfasste Ende 2023 über 130.000 bewertete Unternehmen aus mehr als 180 Ländern und über 220 Branchen. 5EcoVadis Hilfe-Center – Wer sind die Kunden von EcoVadis?

Interner CO₂-Preis: Vom Reporting-Instrument zum Steuerungshebel

DEKRAs Einführung eines internen CO₂-Preises verdient besondere Beachtung. Während der nationale CO₂-Preis 2026 im Preiskorridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne liegt und ab 2027 in den freien Handel übergeht, nutzen vorausschauende Unternehmen interne Preise, um Investitionsentscheidungen zu lenken - unabhängig von der jeweils geltenden Regulierung. DEKRA koppelt die Höhe der Mittel für seinen Klimafonds an die Summe der im Unternehmen verbleibenden Emissionen und geht damit über die rein bilanzielle Kompensation hinaus. 1DEKRA zeigt Spitzenleistung bei Nachhaltigkeit / Erneut Rating unter den Top-1-Prozent bei EcoVadis Für produzierende Unternehmen, die ihre Scope-1- und Scope-2-Emissionen senken wollen, bietet dieses Modell eine praxistaugliche Blaupause.

Ausblick: Was bedeutet das für die Branche?

Die CSRD-Omnibus-Reform nimmt dem industriellen Mittelstand zwar den unmittelbaren Berichtsdruck. Doch das Signal aus der Lieferkette bleibt eindeutig: Wer als Zulieferer für große Abnehmer tätig ist, wird seine ESG-Leistung nachweisen müssen - ob per EcoVadis-Rating, CDP-Score oder über die Datenpunkte, die der Auftraggeber im Rahmen seiner eigenen Berichterstattung einfordert.

DEKRA und Agravis zeigen dabei zwei komplementäre Wege: quantitative Spitzenleistung im Rating-System auf der einen Seite, und die Integration von Nachhaltigkeitswerkzeugen in die operative Wertschöpfungskette auf der anderen. Für den produzierenden Mittelstand liegt die eigentliche Aufgabe darin, aus diesen Ansätzen die für das eigene Geschäftsmodell passenden Elemente zu extrahieren - und dabei den Aufwand im Verhältnis zum betrieblichen Nutzen zu halten.


Bild: Noah Buscher / Unsplash

Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.

science Recherche-Transparenz

11 Recherchen, 3 Überlegungen

Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt. Unten sehen Sie den vollständigen Recherche- und Denkprozess.