Der Essener Spezialchemiekonzern Evonik setzt einen klaren strategischen Akzent: Mit der Eröffnung des Evonik AEM Center Shanghai hat das Unternehmen sein erstes Anwendungstechnikzentrum für Anionenaustauschmembranen in der Region in Betrieb genommen. Der Schritt ist kein Zufall - er folgt unmittelbar auf den Produktionsstart der Duraion-Membran in einer Pilotanlage in Marl und adressiert den Markt, der für diese Technologie derzeit die größte Dynamik zeigt.
Photo: Trnava University / UnsplashWas in Shanghai entsteht
Die Innovation Factory von Evonik hat in Shanghai ein Technologiezentrum für Anionenaustauschmembranen eröffnet, um ihre Duraion-Membranen unter realen Betriebsbedingungen zu testen. Das Evonik AEM Center Shanghai ist die erste Einrichtung des Unternehmens dieser Art in der Region.
Das Kernziel ist präzise definiert: Die Membranen werden unter realen Betriebsbedingungen getestet und optimiert, um sicherzustellen, dass sie den spezifischen Anforderungen der lokalen Kunden entsprechen. Produziert werden die Membranen weiterhin in Deutschland: Die Duraion-Membranen werden im industriellen Maßstab am Evonik-Standort Marl hergestellt.
Die spezialisierten Labore des AEM-Zentrums verfügen bereits über Testkapazitäten für die Elektrolyse im Demonstrationsmaßstab. Dazu gehören moderne Elektrolyseur-Prüfstände zur Bewertung der Leistung und Langzeitbeständigkeit der Membranen unter realen Betriebsbedingungen. Insgesamt sollen diese Einrichtungen den gesamten Validierungsprozess unterstützen - von Einzelzelltests bis hin zu Systemen im Demonstrationsmaßstab - und letztlich die industrielle Anwendung von Duraion-Membranen in der AEM-Elektrolyse ermöglichen.
Neben der reinen Testfunktion ist das Zentrum als Kooperationsplattform konzipiert. Der Standort soll als kollaborativer Hub dienen, in dem die lokalen Experten der Innovation Factory und regionale Partner gemeinsam an technologischen Herausforderungen entlang der gesamten AEM-Elektrolyse-Wertschöpfungskette arbeiten können.
AEM-Elektrolyse: Wo liegt der wirtschaftliche Vorteil?
Die Technologieentscheidung ist nicht beliebig. Die AEM-Elektrolyse konkurriert mit zwei etablierten Verfahren - der alkalischen Elektrolyse (AEL) und der PEM-Elektrolyse - und positioniert sich dabei explizit über den Kostenhebel.
Die Anionenaustauschmembran-Elektrolyse ist ein Verfahren, mit dem aus Wasser grüner Wasserstoff erzeugt werden kann. Im Vergleich zu anderen Lösungen zur Wasserstoffelektrolyse bietet sie große Flexibilität auch bei schwankender Stromversorgung und hat aufgrund der Verwendung kostengünstigerer Materialien geringere Investitionskosten.
Der entscheidende Unterschied zur PEM-Elektrolyse liegt im Betriebsmilieu: Die AEM-Elektrolyse läuft in basischer Umgebung ab. Das ermöglicht den Einsatz edelmetallfreier und damit kostengünstiger Materialien. Fachstudien sehen ein Einsparpotenzial bei den Investitionskosten von mindestens 25 Prozent.
Ein weiterer Vorteil für die Integration in erneuerbare Energiesysteme: Da die AEM-Elektrolyse Wasserstoff direkt unter Druck produzieren kann, entfallen zusätzliche und kostenintensive Kompressionsschritte. Zudem eignet sie sich wegen ihrer großen Flexibilität für den Betrieb mit schwankend verfügbarem Strom aus Wind und Sonne.
| Merkmal | Alkalische Elektrolyse (AEL) | PEM-Elektrolyse | AEM-Elektrolyse |
|---|---|---|---|
| Betriebsmilieu | Stark alkalisch (KOH) | Sauer | Schwach alkalisch / neutral |
| Katalysatormaterialien | Nickel, Kobalt (günstig) | Platin, Iridium (teuer) | Edelmetallfrei (günstig) |
| Flexibilität bei Laststrom | Gering | Hoch | Hoch |
| Druckproduktion H₂ | Begrenzt | Möglich | Direkt möglich |
| Investitionskosten | Niedrig | Hoch | Bis 25 % unter PEM (laut Fachstudien) |
| Marktreife | Kommerziell etabliert | Kommerziell etabliert | Frühe Kommerzialisierung |
Warum Shanghai?
Die Standortwahl ist strategisch nachvollziehbar. China gilt laut Evonik als einer der weltweit dynamischsten Märkte für klimaneutrale Wasserstoffanwendungen und Wasserelektrolysetechnologien. Die großskalige Anwendung der AEM-Technologie findet insbesondere in China viel Resonanz. Evonik greift das strategisch auf: Parallel zum Produktionsstart in Deutschland nimmt das neue Evonik AEM Center Shanghai in China seine Arbeit auf.
Zum Preiskontext: In China kostet ein Kilogramm Wasserstoff aus Erdgas derzeit etwa 2,8 US-Dollar, aus der Elektrolyse 4,5 US-Dollar. In Europa steht einem Preis von 1,5 Euro für konventionell erzeugten Wasserstoff einer von 6 bis 9 Euro für grünen Wasserstoff gegenüber. Die Kostenlücke ist in beiden Märkten real - aber in China ist der Abstand kleiner, der Markt größer und die Bereitschaft zur Skalierung ausgeprägter.
Jack Zhang, Vice President und General Manager Asia Pacific bei Evonik, bringt die Logik auf den Punkt: "Mit der Gründung des Evonik AEM Center Shanghai stärken wir unsere Fähigkeit, den schnell wachsenden Markt für Wasserstoffanwendungen in China - und darüber hinaus - zu bedienen, erheblich. Die Nähe zu Kunden und Partnern ermöglicht es uns, unsere AEM-Technologie besser auf die Marktbedürfnisse abzustimmen, die Einführung zu beschleunigen und Wasserstofflösungen für die weltweite Kommerzialisierung zu skalieren."
Marl produziert, Shanghai validiert
Das Modell, das Evonik hier verfolgt, ist industriell erprobt: Kernproduktion in Deutschland, marktnahe Applikationsentwicklung vor Ort. Die neue Membranproduktion in Marl ist eine zentrale Voraussetzung für die industrielle Nutzung der AEM-Elektrolyse: Evonik hat damit den Sprung vom Labormaßstab zur kontinuierlichen Produktion geschafft. Die Beschichtungsanlage zählt mit rund 20 Metern Länge zu den weltweit größten dieser Art. Sie stellt die Membran in einer Breite von bis zu einem Meter her und eignet sich somit für großflächige Elektrolyseure.
Erste Hersteller von AEM-Elektrolyseuren verwenden Duraion-Membranen bereits in der Pilotfertigung und in Demonstrationsanlagen. Das Shanghaier Zentrum soll nun sicherstellen, dass diese Membranen auch unter den spezifischen Betriebsbedingungen asiatischer Kunden - anderen Wasserqualitäten, anderen Lastprofilen, anderen Systemintegrationsanforderungen - zuverlässig funktionieren.
Ryan Liu, Forschungsleiter für die Region Greater China, beschreibt den Mehrwert präzise: "Das AEM-Zentrum spielt eine Schlüsselrolle bei der weiteren Entwicklung unserer AEM-Technologie. Es wird schnellere Entwicklungszyklen für Duraion-Membranen ermöglichen und zudem ein tieferes Verständnis von AEM-basierten Elektrolysesystemen als Ganzes vermitteln."
Marktreaktion und Einordnung
Evonik erzielte 2025 einen Umsatz von 14,1 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBITDA von 1,9 Milliarden Euro. Das Advanced-Technologies-Segment, zu dem die Hochleistungspolymere und damit die Duraion-Membran gehören, generierte 2025 einen Umsatz von 5,9 Milliarden Euro mit rund 9.200 Mitarbeitern.
Die Börse bewertet das Engagement bislang zurückhaltend. Trotz der positiven technologischen Meldung bleibt der Aktienmarkt skeptisch. Das Papier von Evonik notierte mit einem Abschlag von rund 2,3 Prozent bei 15,15 Euro. Diese Reaktion spiegelt die aktuelle Herausforderung für viele Chemieunternehmen wider: Während langfristige Innovationen wie die AEM-Membran zukunftsträchtig sind, dominieren kurzfristig oft Sorgen über das konjunkturelle Umfeld, hohe Energiekosten und die zeitintensive Hochlaufphase neuer Geschäftsfelder.
Das ist eine bekannte Spannung in der Industriechemie: Der Zeithorizont für neue Materialien und Verfahren liegt in der Regel bei fünf bis zehn Jahren, Quartalsergebnisse aber werden jetzt gemessen. Für Evonik ist die AEM-Membran kein Nischenprodukt, sondern ein Wachstumsfeld, das strukturell auf die Dekarbonisierung von Industrie und Verkehr ausgerichtet ist.
Technologischer Kontext: Die AEM-Elektrolyse gilt als jüngste der drei kommerziellen Elektrolyseverfahren — und verzeichnet laut Branchenbeobachtern das schnellste Wachstum in frühen Anwendungsphasen. Entscheidend für den industriellen Durchbruch ist die Membranlebensdauer unter realen Betriebsbedingungen — genau das, was das Shanghaier Zentrum systematisch testen soll.
Fazit
Evonik betreibt mit dem AEM Center Shanghai keine Symbolpolitik. Das Zentrum schließt eine konkrete Lücke zwischen Laborentwicklung in Deutschland und industrieller Anwendung in Asien. Die Duraion-Membran ist bereits in Pilotanlagen im Einsatz; jetzt geht es darum, die Technologie unter Marktbedingungen zu validieren und die Entwicklungszyklen zu verkürzen.
Ob die AEM-Elektrolyse den Kostenrückstand gegenüber grauem Wasserstoff tatsächlich schließen kann, hängt von mehreren Faktoren ab: Strompreisen, Membranlebensdauer und der Geschwindigkeit der Skalierung. Shanghai ist der richtige Ort, um diese Fragen zu beantworten - nicht im Labor, sondern im Markt.





