Quantencomputing-Ankündigungen gibt es viele. Funktionsfähige Prototypen, die eine grundlegend neue Hardware-Architektur demonstrieren, sind seltener. Fujitsu hat am 8. September 2026 genau das vorgelegt: den weltweit ersten arbeitsfähigen Prototyp eines Diamant-Spin-Quantencomputers, der Zinn-Fehlstellenzentren (SnV-Zentren) in photonische integrierte Schaltungen integriert[1].
Der Schritt ist technisch bedeutsam - und strategisch einzuordnen. Denn er markiert nicht das Ende eines Entwicklungswegs, sondern einen frühen, aber messbaren Meilenstein auf Fujitsus Roadmap hin zu praktisch nutzbarem Quantencomputing bis 2030.
Was der Prototyp technisch leistet
Der Diamant-Spin-Ansatz nutzt sogenannte Farbzentren in Diamantkristallen als Qubits. Das Verfahren verwendet Gitterdefektstrukturen in Diamantkristallen und erzielt eine hohe Fidelity, weil Diamant inhärente Eigenschaften besitzt, die Quantenzustände stabil halten - und könnte es ermöglichen, logische Qubits aus weniger physikalischen Qubits zu bilden als bei supraleitenden Ansätzen.
Der entscheidende Unterschied zum bisherigen Stand der Technik liegt in der Wahl des Farbzentrums. Üblicherweise setzt der Diamant-Spin-Ansatz auf Stickstoff-Fehlstellenzentren (NV-Zentren). Fujitsu verwendete für diesen Prototyp jedoch Zinn-Fehlstellenzentren (SnV-Zentren), die durch ihre strukturelle Symmetrie weniger anfällig für externe Störungen sind und als attraktive Kandidaten für stabile, hochbrillante Farbzentren gelten.
Der Prototyp kann bei -271,6 °C betrieben werden - einem höheren Temperaturniveau als typische supraleitende Quantencomputer, die bei -273,13 °C arbeiten. Fujitsu hat in einer Testumgebung demonstriert, dass der Prototyp über die Fujitsu Hybrid Quantum Computing Platform genutzt werden kann, ohne dass zusätzliches Spezialwissen erforderlich ist.
Photo: Akhilesh Sharma / UnsplashDie Fertigungstechnik ist dabei ein eigenständiger Beitrag: Der Prototyp integriert nanometergroße Diamantkristalle mit SnV-Zentren in Aluminiumoxid-Lichtwellenleiter - eine Fertigungstechnologie, die die Extraktion einzelner Photonen ermöglicht, die bei der Qubit-Auslesung von den SnV-Zentren emittiert werden.
Modularität als Skalierungsstrategie
Das eigentliche Versprechen des Diamant-Spin-Ansatzes liegt nicht im einzelnen Qubit, sondern in der Architektur. Licht lässt sich einsetzen, um mehrere Quantenmodule flexibel zu verbinden - das ermöglicht den Aufbau von Systemen mit einer modularen Architektur, die effizient skaliert werden kann.
Optische Verbindungen können Elektronen-Spin-Qubits sogar über separate Chips oder Kryostaten hinweg verknüpfen, indem Photonen genutzt werden, um Verschränkung zwischen entfernten Spins zu erzeugen. Ein gemeinsames Forschungsteam der Technischen Universität Delft und Fujitsu hat Verschränkung und Quantengatteroperationen zwischen entfernten NV-Zentren in separaten Kryostaten demonstriert (Nature Communications 17, 4694, 2026).
Das Quantenmodul – die grundlegende Einheit eines Diamant-Spin-Quantencomputers – ist mit zwei Typen von Spin-Qubits ausgestattet: Elektronen-Spin-Qubits und Kernspinqubits aus dem Kohlenstoffisotop ¹³C. Die optische Kopplung zwischen Modulen ist der Schlüssel zur modularen Skalierung.
Diese Entwicklung stellt einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer modularen Architektur dar - einem der vielversprechendsten Ansätze zur Skalierung von Quantencomputern aufgrund der hohen Fidelity und effizienten optischen Konnektivität.
Forschungspartnerschaft seit 2020
Der Prototyp ist kein Einzelprojekt. Er basiert auf den Ergebnissen einer gemeinsamen Forschungsarbeit, die 2020 von Fujitsu, der Technischen Universität Delft und QuTech - einem weltweit führenden Quantentechnologie-Forschungsinstitut und Teil der TU Delft - begonnen wurde.
Das Forschungsprojekt ist eine Zusammenarbeit zwischen QuTech und Fujitsu, mitfinanziert von Holland High Tech im Rahmen eines PPP-Zuschusses für Forschung und Entwicklung im Spitzensektor HTSM sowie eines PPP-Zuschusses für Forschung und Innovation des niederländischen Wirtschaftsministeriums.
Kees Eijkel, Generaldirektor von QuTech an der TU Delft, betonte bei der Ankündigung, dass die Demonstration der erwarteten Skalierbarkeit des Diamant-Spin-Quantencomputings "eine lange und anspruchsvolle Reise" bleibe. Durch die weitere Stärkung der Zusammenarbeit mit Fujitsu sei man entschlossen, diese ambitionierte und bedeutsame Herausforderung anzugehen und die Entwicklung von Quantentechnologien der nächsten Generation anzuführen.
Nüchterne Einordnung: Was der Prototyp (noch) nicht zeigt
Ehrlichkeit ist hier angebracht. Fujitsu hat weder die Qubit-Anzahl noch Algorithmus-Benchmarks oder fehlerkorrigierte logische Qubits offengelegt. Die Pressemitteilung benennt keine Anwendung, die schneller, genauer oder wirtschaftlicher als eine klassische Methode gelöst wurde - und gibt auch keine Angaben zu Schaltungstiefe oder Wiederholbarkeit.
Das schmälert die Bedeutung des Schritts nicht grundsätzlich, ordnet ihn aber ein: Es handelt sich um einen Machbarkeitsnachweis für eine neue Hardware-Klasse, nicht um ein einsatzbereites Produktivsystem. Ein wissenschaftlicher Prototyp verdient mehr Prüfung als ein routinemäßiger Software-Launch - insbesondere wenn "Weltpremiere"-Formulierungen auf einer eng definierten Kombination aus Materialien und Schaltkreisen beruhen.
Die Roadmap: Diamant trifft Supraleitung
Entscheidend ist, wie Fujitsu den Diamant-Spin-Ansatz in seine Gesamtstrategie einbettet. Das Unternehmen verfolgt parallel mehrere Technologiepfade.
Im Rahmen der Roadmap strebt Fujitsu ein System mit 250 logischen Qubits bis zum Geschäftsjahr 2030 und 1.000 logischen Qubits bis zum Geschäftsjahr 2035 an. Parallel dazu wird Fujitsu Technologien entwickeln, um den Diamant-Spin-Ansatz mit dem supraleitenden Ansatz zu integrieren - mit dem Ziel, bis 2030 praktisch nutzbares Quantencomputing zu realisieren.
Bis 2027 plant Fujitsu zudem die Entwicklung eines Prototyps eines Multi-Modul-Diamant-Spin-Quantencomputers. Der heutige Einzelmodul-Prototyp ist damit der erste Schritt in einer explizit modularen Entwicklungsstrategie.
Die Hybridisierung beider Ansätze ist dabei kein Rückzieher, sondern Kalkül: Fujitsu strebt an, die supraleitende Quantencomputertechnologie mit der Diamant-Spin-Technologie zu kombinieren - mit dem Ziel, 250 logische Qubits im Geschäftsjahr 2030 und 1.000 logische Qubits im Geschäftsjahr 2035 zu realisieren.
Was das für die Industrie bedeutet
Für produzierende Unternehmen, die Quantencomputing auf dem Radar haben, liefert die Fujitsu-Ankündigung zwei relevante Datenpunkte.
Erstens: Der Diamant-Spin-Ansatz ist kein akademisches Randthema mehr. Er hat einen funktionsfähigen, plattformintegrierten Prototyp. Das verkürzt den Weg von der Grundlagenforschung zur industriellen Anwendung - auch wenn dieser Weg noch Jahre dauern wird.
Zweitens: Die Plattformintegration ist strategisch bedeutsam. Fujitsu hat demonstriert, dass der Prototyp über die Hybrid Quantum Computing Platform genutzt werden kann, ohne dass Anwender die physikalischen Steuerungsunterschiede selbst managen müssen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Anwendungsentwickler aus der Industrie - in Materialwissenschaft, Logistik oder Finanzmodellierung - überhaupt produktiv mit dem System arbeiten können.
Fujitsus Quantencomputing-Roadmap sieht die Realisierung von 250 logischen Qubits bis zum Geschäftsjahr 2030 und 1.000 logischen Qubits bis zum Geschäftsjahr 2035 vor.
Der Diamant-Spin-Prototyp ist kein Durchbruch im Sinne eines sofort nutzbaren Quantenvorteils. Er ist ein belastbarer Nachweis, dass eine neue Hardware-Architektur funktioniert - und ein Signal, dass Fujitsu seinen Hybridansatz konsequent vorantreibt. Für Unternehmen, die Quantencomputing in ihre mittelfristige Technologieplanung einbeziehen, ist das ein Datenpunkt, den man kennen sollte.





