Die Zahlen klingen vertraut - und sind es auch. Mehr als ein Drittel (35,1 Prozent) aller Beschäftigten im Dienstleistungssektor arbeitete im August 2026 zumindest teilweise im Homeoffice, wie die aktuelle ifo Konjunkturumfrage zeigt[1]. In der Gesamtwirtschaft lag der Homeoffice-Anteil im gleichen Monat bei 24,9 Prozent[1]. Und das Bemerkenswerteste daran: Diese Werte sind seit Jahren nahezu unverändert.
"Seit Jahren sehen wir keine nennenswerten Veränderungen im Homeoffice-Anteil - weder insgesamt noch in den Branchen", sagt ifo-Forscher Jean Victor Alipour[1]. Für Einkäufer und Produktionsplaner ist das keine Randnotiz. Es ist ein strukturelles Datum, das die Zusammenarbeit mit Dienstleistern, Logistikpartnern und IT-Zulieferern dauerhaft prägt.
Photo: Microsoft Copilot / UnsplashDie Schere zwischen Dienstleistung und Industrie ist strukturell - nicht temporär
Wer gehofft hatte, die Rückkehr-ins-Büro-Debatte würde die Zahlen verschieben, wird von den August-Daten eines Besseren belehrt. Homeoffice bleibt in Deutschland trotz der Debatte über strengere Präsenzpflichten weitgehend stabil. Im August 2025 hatte der Dienstleistungssektor bereits auf demselben Niveau gelegen; in der Gesamtwirtschaft lag der Anteil damals bei 24,4 Prozent - nur 0,5 Prozentpunkte unter dem aktuellen Wert.
Die Branchenunterschiede sind dabei erheblich:
Im Großhandel verzeichneten die Unternehmen einen Homeoffice-Anteil von 17,7 Prozent, in der Industrie waren es 16,4 Prozent. Deutlich niedriger waren die Anteile im Einzelhandel und im Baugewerbe: Hier arbeiteten im August 6,2 bzw. 5,1 Prozent der Beschäftigten zumindest teilweise von zu Hause.
Die Erklärung liegt auf der Hand: Die niedrigere Quote in der Industrie erklärt sich vor allem durch die Art vieler industrieller Tätigkeiten. Produktion, Montage, Maschinenbedienung und andere Arbeiten an Anlagen setzen in der Regel Anwesenheit vor Ort voraus. Homeoffice konzentriert sich deshalb stärker auf Verwaltung, Entwicklung, Planung oder andere Bürotätigkeiten innerhalb der Industrie.
Das ist keine Überraschung. Was aber oft übersehen wird: Diese Schere hat handfeste operative Konsequenzen - gerade für die Schnittstellen zwischen Industrie und ihren Dienstleistungspartnern.
Was das für Einkäufer und Produktionsplaner konkret heißt
Wer heute mit einem IT-Dienstleister, einer Unternehmensberatung oder einem Logistikdienstleister zusammenarbeitet, hat es mit Gesprächspartnern zu tun, die zu einem erheblichen Teil remote arbeiten. Schon im Februar 2026 hatte das ifo Institut für den Dienstleistungssektor einen Homeoffice-Anteil von 34,9 Prozent gemessen. Besonders hoch waren die Werte damals bei IT-Dienstleistern mit 76,4 Prozent sowie bei Unternehmensberatungen mit 67,6 Prozent.
Das bedeutet in der Praxis:
- Erreichbarkeit und Reaktionszeiten folgen anderen Mustern als im Shopfloor-Alltag. Wer einen IT-Dienstleister oder Logistik-Softwareanbieter um 7:30 Uhr morgens anruft, erreicht möglicherweise niemanden - weil der Arbeitstag remote anders strukturiert ist.
- Eskalationswege in der Lieferkette müssen digital abgesichert sein. Wenn der Ansprechpartner beim Spediteur im Homeoffice sitzt, braucht es klare digitale Kommunikationskanäle und definierte Reaktionsfenster.
- Projektkollaboration mit externen Dienstleistern erfordert heute standardmäßig hybridfähige Werkzeuge - von der gemeinsamen Dokumentenablage bis zum Videoformat für Lieferantengespräche.
Praxistipp für den Einkauf: Fragen Sie bei neuen Dienstleistern aktiv nach deren Homeoffice-Regelungen und Erreichbarkeitszeiten — und halten Sie diese vertraglich oder per SLA fest. Was im Büro als selbstverständlich galt, muss im hybriden Modell explizit vereinbart werden.
Die Stabilität der Zahlen ist selbst eine Aussage
Dass sich die Homeoffice-Quote seit Jahren kaum bewegt, ist kein Zeichen von Stagnation - es ist ein Zeichen von Reife. Die aktuellen Zahlen des ifo Instituts bestätigen, dass sich das Arbeiten von zu Hause in weiten Teilen der deutschen Wirtschaft eingespielt hat, ohne sich allerdings weiter auszudehnen. Homeoffice ist damit weniger ein vorübergehender Trend als ein stabiler Bestandteil vieler Arbeitsmodelle.
"Unsere Ergebnisse decken sich mit internationalen Auswertungen, wonach sich das Homeoffice in den meisten Industrieländern fest etabliert hat", so Alipour.
Zum Vergleich: 2019, also vor der Corona-Pandemie, arbeiteten lediglich 13 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland zumindest gelegentlich im Homeoffice. Im Jahr 2025 waren es 25 Prozent aller Erwerbstätigen - etwas höher als im Jahr 2024 mit 24 Prozent und im Jahr 2023 mit 23 Prozent. Der Sprung hat sich vollzogen, das neue Gleichgewicht ist gefunden.
Für Industrieunternehmen bedeutet das: Die Zwei-Klassen-Arbeitswelt - hier der Shopfloor mit Präsenzpflicht, dort der Dienstleistungspartner im Homeoffice - ist kein Übergangszustand. Sie ist der Normalzustand.
Fachkräftemangel als Verstärker: Homeoffice wird zum Rekrutierungsargument
Gerade weil die Industrie selbst weniger Homeoffice anbieten kann, gerät sie im Wettbewerb um Büro- und Wissensarbeitskräfte unter Druck. Auf der einen Seite steht eine Arbeitswelt, in der digitale Tools, Fachkräftemangel und Work-Life-Balance mobile Arbeit zu einem Wettbewerbsfaktor machen. Wer diese Option streicht, riskiert, im Kampf um Talente ins Hintertreffen zu geraten.
Hybrides Arbeiten ist längst kein Experiment mehr, sondern Teil der betrieblichen DNA - und zwar quer durch Branchen und Unternehmensgrößen. Selbst im stärker ortsgebundenen Verarbeitenden Gewerbe bietet heute fast jedes zweite Unternehmen mindestens einen Homeoffice-Tag pro Woche an.
Das ist die entscheidende Differenzierung: Nicht die Produktion selbst wird ins Homeoffice verlagert - aber Einkauf, Planung, Entwicklung und Verwaltung können und sollten hybride Optionen bieten. Wer das nicht tut, verliert Bewerber an Dienstleistungsunternehmen, die genau das anbieten.
Was bleibt: Strukturelle Spaltung als Planungsgrundlage
Der deutliche Abstand zwischen Dienstleistungsbranchen und Bereichen wie Einzelhandel, Bau oder Industrie zeigt eine strukturelle Spaltung des Arbeitsmarktes. Tätigkeiten mit hohem Kundenkontakt vor Ort oder körperlicher Arbeit lassen sich nur begrenzt ins Homeoffice verlagern.
Diese Spaltung ist kein Problem, das gelöst werden muss - sie ist eine Realität, die gemanagt werden will. Für Einkäufer und Produktionsplaner heißt das konkret:
- Schnittstellenmanagement überdenken: Kommunikationsroutinen mit Dienstleistern, Spediteuren und IT-Partnern müssen auf hybride Realitäten ausgelegt sein - nicht auf die Annahme, dass alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort verfügbar sind.
- Interne Homeoffice-Potenziale ausschöpfen: Planungs-, Einkaufs- und Verwaltungsfunktionen in Industrieunternehmen sind oft homeoffice-fähig. Wer das nicht anbietet, verschenkt Rekrutierungspotenzial.
- Lieferantenaudits anpassen: Wer Dienstleister bewertet, sollte deren Remote-Fähigkeit und digitale Prozessreife als Qualitätskriterium mitdenken - nicht nur Preis und Lieferzeit.
Die ifo-Daten liefern keine Überraschung. Aber sie erinnern daran, dass die hybride Arbeitswelt kein Übergangsphänomen ist - sie ist die Infrastruktur, auf der Lieferketten und Dienstleistungsbeziehungen heute aufgebaut werden müssen.





