Der Befund ist nüchtern: Der ifo-Geschäftsklimaindex in der Automobilindustrie fiel im Juni 2026 auf -21,4 Punkte, nach -20,7 Punkten im Mai. Eine marginale Verschiebung auf dem Papier - aber dahinter steckt eine deutlich schlechtere Bewertung der aktuellen Geschäftslage gegenüber dem Vormonat. Für eine Branche, die seit Jahren im Negativbereich verharrt, ist das keine Überraschung. Es ist Routine geworden, und genau das ist das Problem.
Kein Ausreißer, sondern ein Muster
Das ifo-Institut erhebt seinen Branchenindex monatlich auf Basis von rund 7.000 Unternehmensmeldungen. Die Befragten bewerten ihre aktuelle Lage und ihre Erwartungen für die nächsten sechs Monate. Der Saldo aus positiven und negativen Antworten ergibt den Indexwert - je tiefer im Minus, desto düsterer die Einschätzung.
Seit Juni 2023 bewegte sich der ifo-Geschäftsklimaindex für die Automobilindustrie durchgehend im negativen Bereich. Was 2023 noch als vorübergehende Delle galt, hat sich zu einem strukturellen Dauerzustand verfestigt. ifo-Branchenexpertin Anita Wölfl bringt es auf den Punkt: "Der Zick-Zack-Kurs, den wir bei der Stimmung in der Automobilbranche über das Jahr 2025 beobachten konnten, hat sich dieses Jahr bislang fortgesetzt."
Das Muster ist tatsächlich auffällig: Auf leichte Erholungen folgen erneute Rückschläge, ohne dass sich ein klarer Aufwärtstrend etabliert. Im April 2026 war der Index noch auf -23,8 Punkte abgerutscht, nachdem er im März bei -19,0 Punkten gelegen hatte - ein Einbruch, der damals vor allem auf einen massiven Anstieg des Materialmangels und neue US-Zollandrohungen zurückzuführen war. Der Juni-Wert von -21,4 liegt dazwischen. Stabilisierung auf niedrigem Niveau, kein Befreiungsschlag.
Drei Lasten, die die Branche drücken
Die Ursachen sind bekannt, aber deswegen nicht weniger wirksam. Sie überlagern sich und verstärken sich gegenseitig.
US-Zölle und handelspolitische Unsicherheit. Die Zollpolitik der Trump-Administration trifft die deutschen Premiumhersteller direkt. Audi etwa wurde 2025 mit 1,2 Milliarden Euro durch die neuen Abgaben belastet - 2026 dürfte die Belastung weiter steigen. VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnte, die Kosten solcher Zölle seien "für die deutsche sowie europäische Automobilindustrie in ohnehin sehr herausfordernden Zeiten enorm."
China als verlorener Markt. Was jahrelang als verlässlicher Wachstumsmotor galt, ist zum Risikofaktor geworden. Deutsche Zulieferer verlieren in China den Anschluss - bei Software, Elektronik und Elektromobilität sind lokale Anbieter technologisch aufgeholt und bieten deutlich günstigere Fahrzeuge an. Ein Comeback der deutschen Hersteller gilt als unwahrscheinlich; die Hoffnung richtet sich allenfalls auf eine Stabilisierung des Absatzes durch neue Modelle.
Strukturelle Standortkosten. Hohe Energie- und Lohnnebenkosten, langsame Genehmigungsverfahren und Bürokratie belasten die Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandorts Deutschland. Diese Faktoren lassen sich nicht durch Quartalsprogramme beheben - sie erfordern politische Weichenstellungen, die bislang ausbleiben.
Der eine Lichtblick: Elektromobilität im Inland
Inmitten der schlechten Nachrichten gibt es eine Kennzahl, die Richtung zeigt. Von Januar bis Mai 2026 wurden in Deutschland knapp 284.000 rein batteriebetriebene Fahrzeuge (BEV) neu zugelassen. Das ifo-Institut nennt die Elektromobilität ausdrücklich als Stütze für das Inlandsgeschäft.
Die Dynamik ist bemerkenswert: Im ersten Quartal 2026 stiegen die BEV-Zulassungen in Deutschland um 41,3 Prozent auf 159.630 Einheiten, der BEV-Anteil kletterte von 17,0 auf 22,8 Prozent. Treiber sind gesunkene Neuwagenpreise, ein breiteres Modellangebot (2026 stehen 155 BEV-Modelle zur Wahl) sowie gestiegene Kraftstoffpreise, die den Kostenvergleich zugunsten des Stromers verschieben. Zum 1. Januar 2026 überschritt die Zahl der in Deutschland zugelassenen Pkw mit reinem Elektroantrieb erstmals die Marke von zwei Millionen Fahrzeugen.
Das ist industriepolitisch relevant: Wer im Inland BEV verkauft, profitiert von einem Markt, der gerade Fahrt aufnimmt. Wer gleichzeitig auf den Export setzt, kämpft gegen Zölle und chinesische Konkurrenz. Die Schere zwischen Inlands- und Auslandsgeschäft wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal.
Photo: Lilian Do Khac / UnsplashErwartungen: Weniger pessimistisch, aber kein Optimismus
Bemerkenswert am Juni-Ergebnis ist die Diskrepanz zwischen Lagebeurteilung und Erwartungen. Die aktuelle Geschäftslage wurde deutlich schlechter bewertet als im Mai - gleichzeitig sehen die Unternehmen den kommenden Monaten deutlich weniger pessimistisch entgegen. Das ist kein Widerspruch, sondern ein bekanntes Muster in Branchen, die sich in einem langwierigen Umbau befinden: Die Gegenwart schmerzt, die Hoffnung richtet sich auf die Zukunft.
Ob diese Hoffnung berechtigt ist, hängt von mehreren Variablen ab, die die Unternehmen nicht selbst kontrollieren können: dem Ausgang der US-Handelspolitik, der Entwicklung der Kraftstoffpreise im Kontext geopolitischer Spannungen und der Geschwindigkeit, mit der die Restrukturierungsprogramme bei VW, Mercedes und Co. Früchte tragen. Die Restrukturierungskosten, die 2025 die Bilanzen belastet haben, dürften 2026 nicht erneut in gleicher Höhe anfallen - das schafft zumindest buchhalterisch etwas Luft.
Was die Zahlen wirklich sagen
Ein ifo-Index von -21,4 Punkten ist kein Alarmsignal im Sinne einer akuten Krise. Die großen Hersteller schreiben weiterhin Gewinne, zahlen Dividenden und investieren in neue Modelle. BMW erzielte zuletzt 7,5 Milliarden Euro Gewinn, der VW-Konzern 6,9 Milliarden Euro, Mercedes 5,3 Milliarden Euro.
Was der Index misst, ist die Stimmung - und Stimmung ist ein Frühindikator für Investitionsentscheidungen, Einstellungsverhalten und Standortfragen. Eine Branche, die dauerhaft im negativen Bereich verharrt, zieht weniger Kapital an, baut eher ab als auf und verlagert Produktion dorthin, wo die Rahmenbedingungen besser sind. Der eigentliche Schaden entsteht nicht in einem Quartal, sondern über Jahre.
Laut einer EY-Analyse erzielen BMW, Mercedes und VW derzeit so wenig Gewinn wie seit 16 Jahren nicht mehr. Kein anderes Autoland schneidet bei der Entwicklung von Umsatz und Gewinn so schwach ab wie Deutschland. Das ist die eigentliche Botschaft hinter dem Indexwert vom Juni.
Die Branche befindet sich in einer permanenten Restrukturierung, die nach Einschätzung von Experten noch bis zum Ende des Jahrzehnts andauern wird. Der Zick-Zack-Kurs beim ifo-Index ist dabei weniger ein Zeichen von Instabilität als ein Abbild dieser Übergangsphase: Weder freier Fall noch Erholung, sondern das mühsame Ringen um eine neue Wettbewerbsposition - mit Elektromobilität als dem einzigen Segment, das derzeit klar nach oben zeigt.





