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Live-Versuche und Generatives Design: So kühlen Profis moderne Elektronik

Wärmemanagement ist längst kein Randthema mehr. Wie Entwickler mit Temperatursimulation, Live-Versuchen und generativem Design moderne Elektronik zuverlässig kühlen.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
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Foto von Sergei A auf Unsplash

Wer Elektronik zuverlässig und langlebig bauen will, kommt an einem Thema nicht vorbei: der Wärme. Nicht als Nebeneffekt, sondern als zentrale Konstruktionsgröße. Auf der Fachkonferenz Power of Electronics in Würzburg zeigt sich, wie ernst die Branche das inzwischen nimmt - und wie weit die Methoden gereift sind.

black flat screen tv on white wooden tablePhoto: Jorge Ramirez / Unsplash

Warum Wärme das eigentliche Designproblem ist

Die Ausgangslage ist eindeutig: Kontinuierlich steigende Integrations- und Leistungsdichten elektronischer Bauelemente sind ein voranschreitender Trend in der Halbleiterindustrie - und das führt zu ansteigenden Bauteiltemperaturen, weshalb thermisches Management ein wichtiges, aber oft unterschätztes Design-Merkmal wird.

Gleichzeitig verändert der Technologiewandel die Rahmenbedingungen grundlegend. Leistungselektronik steht heute im Zentrum zahlreicher technologischer Transformationsprozesse - von der Elektromobilität über die Industrieautomatisierung bis hin zur Energiewende. Leistungshalbleiter wie SiC- und GaN-Bauelemente ermöglichen höhere Schaltfrequenzen, geringere Verluste und kompaktere Designs. Doch die Kehrseite dieser Entwicklung ist eine massiv steigende thermische Belastung.

Das hat unmittelbare betriebswirtschaftliche Konsequenzen. Die Effizienz herkömmlicher Leistungselektronik-Topologien variiert in der Regel zwischen 85 und 95 Prozent - im Schnitt gehen bei jeder Leistungsumwandlung rund zehn Prozent der elektrischen Energie als Wärme verloren. Der Wirkungsgrad wird dabei hauptsächlich von den Merkmalen der Leistungshalbleiter selbst beschränkt. Wer diesen Verlust nicht beherrscht, zahlt ihn doppelt: in Energie und in Ausfällen.

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Kernbefund: Wärmemanagement ist keine Nacharbeit am Ende des Entwicklungsprozesses — es ist eine Grundbedingung für Betriebssicherheit, Lebensdauer und Wirkungsgrad moderner Elektroniksysteme.

Grundlagen live: Was Andreas Griesinger auf dem Prüfstand zeigt

Auf dem Grundlagentag der Power of Electronics setzt Andreas Griesinger von der DHBW Stuttgart auf einen ungewöhnlichen Ansatz: In seinem Vortrag "Anschauliche Versuche zu optimierten Kühlstrategien in der Elektronik" werden die wesentlichen Grundlagen nicht nur theoretisch besprochen, sondern live demonstriert. Die Teilnehmer erleben hautnah, wie bereits kleine Anpassungen im Hardwareaufbau die Bauteiltemperaturen entscheidend senken können.

Auf dem Prüfstand stehen unter anderem optimierte Aufbauvarianten, Geometrien, Oberflächen, thermische Interfacematerialien (TIMs) sowie der Einsatz von Kühlkörpern, Heatpipes und Vapor Chambers. Das ist kein akademisches Programm - es ist angewandtes Ingenieurwissen, das sich direkt in Entwicklungsentscheidungen übersetzen lässt.

Der Grundlagentag Wärmemanagement ist ein wesentlicher Bestandteil der Fachkonferenz "Power of Electronics" und hat sich ursprünglich aus den "Cooling Days" entwickelt. Wer die Veranstaltungsgeschichte kennt, weiß: Das Thema hat sich nicht verändert, aber die Dringlichkeit dahinter hat deutlich zugenommen.

Temperatursimulation als Pflichtprogramm im Entwicklungsprozess

Parallel zu den Live-Versuchen steht ein zweiter Baustein im Mittelpunkt: die entwicklungsbegleitende Simulation. Tobias Best von Alpha Numerics zeigt in seinem Vortrag "Entwicklungsbegleitende Temperatursimulation - Entwicklung eines Entwärmungskonzepts an einem Praxisbeispiel", wie man dieses Wissen systematisch im Entwicklungsprozess anwendet. Die frühzeitige Temperatursimulation ist heute ein zentraler Bestandteil der Elektronikentwicklung, um teure Redesigns zu vermeiden. Best vermittelt dabei ein tiefes Verständnis für die thermischen Zusammenhänge zwischen Elektronikkomponenten, Leiterplatten, Wärmebrücken und dem Gehäusedesign.

Am Grundlagentag werden die physikalischen Grundlagen des Wärmemanagements vertieft, gefolgt von praktischen Methoden zur thermischen Analyse und dem Einsatz spezifischer CFD-Software (Computational Fluid Dynamics) für die Elektronikgeräteentwicklung.

Das ist der entscheidende Punkt: Wer erst beim Prototypentest merkt, dass ein Bauteil zu heiß wird, hat den Entwicklungsprozess falsch strukturiert. Simulation gehört in die frühe Designphase - nicht ans Ende.

Generatives Design: Der Computer entwirft den Kühler

Der methodisch anspruchsvollste Teil des Programms ist der Praxistag. Tobias Best knüpft dort mit einem Vortrag an: "Entwicklung eines effizienten Fluidkühlers auf Basis generativer Designsoftware". Die Entwicklung effizienter Fluidkühler ist hochkomplex - es gilt, den perfekten Kompromiss aus hohem Wärmeübergang und minimalem Druckverlust bei vorgegebener Pumpenleistung zu finden. Best stellt eine innovative Herangehensweise vor, bei der generative Designmethoden leistungsfähige Kühlstrukturen automatisiert entwerfen.

Durch CFD-Simulationen iterativ optimiert, entsteht so ein ganzheitlicher Entwicklungsansatz, der nicht nur die Funktionalität und Effizienz maximiert, sondern auch die reale Herstellbarkeit (Design for Manufacturing) von Anfang an berücksichtigt.

Was steckt dahinter? Generatives Design ist kein Zauberwort, sondern ein algorithmischer Prozess. Die hohe Anzahl an geometrischen Freiheitsgraden macht den Einsatz von Designalgorithmen unumgänglich. Beim generativen Design von multiphysikalisch beanspruchten Bauteilen - etwa Kühlkörpern unter erzwungener Konvektion - wird das geometrische und simulative Modell systematisch entwickelt und zur Leistungssteigerung optimiert.

settings
Randbedingungen definieren
Bauraum, Lastfälle, Fertigungsverfahren und thermische Anforderungen werden als Eingabeparameter festgelegt.
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cpu
Algorithmus generiert Varianten
Die Software erzeugt automatisiert Designvorschläge, die alle Randbedingungen erfüllen — oft mit bionisch wirkenden Geometrien.
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activity
CFD-Simulation und Iteration
Jede Variante wird strömungsmechanisch simuliert und iterativ verbessert, bis Wärmeübergang und Druckverlust optimal ausbalanciert sind.
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tool
Design for Manufacturing
Das finale Design wird auf reale Fertigbarkeit geprüft — ob additiv oder konventionell — bevor es in die Produktion geht.

Topologieoptimierung - ein verwandter Ansatz - kann 30 bis 50 Prozent Materialgewicht einsparen, entfaltet diesen Vorteil aber nur bei additiver Fertigung oder CNC-tauglichen Freiformen. Das schränkt den Einsatzbereich ein, macht die Methode aber für Hochleistungsanwendungen besonders interessant.

Was das für die produzierende Industrie bedeutet

Die Konsequenz für Entwicklungsteams ist klar: Ohne gezieltes thermisches Design sind hohe Wirkungsgrade, Betriebssicherheit und lange Lebensdauer nicht erreichbar. Wärmemanagement ist längst kein Beiwerk mehr, sondern fundamentale Voraussetzung für die Praxistauglichkeit heutiger Elektroniksysteme.

Gleichzeitig wächst der Markt für leistungsfähige Halbleiter weiter. Laut Yole Intelligence wird der SiC-Markt bis 2030 auf über 10 Milliarden US-Dollar anwachsen - getrieben durch E-Mobilität, Ladeinfrastruktur und erneuerbare Energien. GaN wächst parallel in anderen Segmenten: Netzteile, Rechenzentren, Telekommunikation und Industrieautomation. Beide Technologien stellen höhere Anforderungen an das thermische Design als ihre Silizium-Vorgänger.

Statt diskreter Lösungen setzen Hersteller zunehmend auf Power Integrated Modules (PIM), in denen Halbleiter, Gate-Treiber, Sensorik und Wärmemanagement in einem optimierten Gehäuse zusammengeführt sind. Typisch sind Baseplate-less-Designs mit direkter Kühleranbindung, integrierte Temperaturmessung sowie thermisch leitfähige Kunststoffgehäuse mit metallisierten Kontaktflächen. Solche Lösungen erlauben eine kompakte Bauweise, verkürzen Entwicklungszeiten und verbessern gleichzeitig die EMV- und Thermik-Performance.

help_outlineWas ist generatives Design im Kontext der Elektronikkühlung?expand_more

Generatives Design bezeichnet einen algorithmusgestützten Prozess, bei dem Software automatisiert Kühlstrukturen entwirft, die vorgegebene thermische und strömungsmechanische Anforderungen erfüllen. Der Ingenieur definiert Randbedingungen — Bauraum, Wärmelast, Druckverlust, Fertigungsverfahren — und der Algorithmus generiert und optimiert Geometrievarianten iterativ per CFD-Simulation.

help_outlineWann lohnt sich Temperatursimulation in der Entwicklung?expand_more

Immer — und zwar so früh wie möglich. Wer erst beim Prototypentest thermische Probleme entdeckt, riskiert teure Redesigns. Entwicklungsbegleitende Simulation ab der Konzeptphase reduziert dieses Risiko erheblich und erlaubt es, Kühlkonzepte systematisch zu vergleichen, bevor Hardware gebaut wird.

help_outlineWelche Kühlmethoden stehen Entwicklern zur Verfügung?expand_more

Das Spektrum reicht von passiver Kühlung (Kühlkörper, Wärmeleitpads, Heatpipes) über aktive Luftkühlung bis hin zu Flüssigkeitskühlung und Vapor Chambers. Die Wahl hängt von Leistungsdichte, Bauraum, Umgebungsbedingungen und Kostenanforderungen ab. Thermische Interfacematerialien (TIMs) spielen in allen Varianten eine kritische Rolle.

help_outlineWie hängen SiC/GaN-Halbleiter und Wärmemanagement zusammen?expand_more

SiC- und GaN-Bauelemente schalten schneller und verlieren weniger Energie als klassische Siliziumhalbleiter — das reduziert die absolute Verlustleistung. Gleichzeitig ermöglichen sie kompaktere Designs mit höherer Leistungsdichte, was die thermische Belastung pro Fläche erhöht. Effizientes Wärmemanagement bleibt also auch bei Wide-Bandgap-Technologien unverzichtbar.

Fazit: Kühlung ist Konstruktionsaufgabe, nicht Notlösung

Die Botschaft der Power of Electronics ist unmissverständlich: Wärmemanagement ist keine Disziplin für Spezialisten am Rand des Entwicklungsprozesses. Es ist Kernaufgabe jedes Ingenieurs, der leistungsfähige Elektronik entwickelt. Die frühzeitige Temperatursimulation gilt heute als zentraler Bestandteil der Elektronikentwicklung, um teure Redesigns zu vermeiden.

Generatives Design und CFD-gestützte Optimierung sind dabei keine Zukunftsmusik mehr - sie sind verfügbare Werkzeuge, die in der Praxis eingesetzt werden. Additive Fertigung wird industrietauglich, und Cloud-Rechenkapazitäten senken die Einstiegshürden für rechenintensive Optimierungen. Wer diese Methoden noch nicht in seinen Entwicklungsprozess integriert hat, verliert gegenüber Wettbewerbern, die es tun.

Die Frage ist nicht mehr, ob man sich mit thermischem Design beschäftigen muss. Die Frage ist, wie systematisch man es tut.

Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.