Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Rund 110.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zur ILA Berlin 2026 an den Flughafen BER - und das, obwohl Pro-Palästina-Aktivisten am Eröffnungstag die Zufahrtsstraßen blockiert hatten. Die Messe hat sich damit als robustes Branchenforum behauptet, das weit über eine reine Flugzeugschau hinausgeht.
Solides Wachstum gegenüber der Vorausgabe
Vor zwei Jahren kamen 95.000 Gäste zur ILA - das entspricht einem Zuwachs von rund 16 Prozent. Bemerkenswert ist dabei, dass das Wachstum nicht allein auf Fachpublikum zurückzuführen ist: Trotz erhöhtem Ticketkontingent waren die Wochenendtickets frühzeitig ausverkauft. Das Interesse der Öffentlichkeit an Luft- und Raumfahrttechnologien ist offenbar ungebrochen.
765 Aussteller aus 37 Nationen präsentierten auf mehr als 200.000 Quadratmetern Innovationen aus Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung. Hinzu kamen mehr als 400 Speaker auf drei Bühnen sowie 330 Delegationen aus rund 60 Ländern, die die ILA für politischen Austausch und internationale Kooperationsgespräche nutzten. Diese Kennzahlen belegen, dass die Messe ihre Funktion als Plattform für Wirtschaft und Politik konsequent ausgebaut hat.
Merz und die neue Luftfahrtstrategie: Souveränität als Leitbegriff
Den politischen Ton setzte Bundeskanzler Friedrich Merz bereits zur Eröffnung. Das Bundeskabinett hatte kurz zuvor eine neue nationale Luftfahrtstrategie beschlossen, die den Kurs für die nächsten 15 Jahre abstecken soll. Merz bezeichnete die ILA als Messe, die "Zuversicht für einen neuen Aufbruch" wecke.
Die inhaltliche Botschaft war eindeutig: Die Luft- und Raumfahrtindustrie soll künftig zugleich Innovationsmotor, Garant technologischer Souveränität und tragende Säule der europäischen Sicherheitsarchitektur sein. Frühere Konzepte fokussierten vor allem auf die zivile Luftfahrt; die neue Strategie verknüpft erstmals Luftverkehr, Luftfahrtindustrie, Raumfahrt und militärische Luftfahrt zu einem gemeinsamen industriepolitischen Ansatz.
Für die Industrie ist das ein relevantes Signal. Merz kündigte an, dass in den kommenden Jahren für Verteidigungszwecke insgesamt 35 Milliarden Euro vorgesehen seien. Solche Größenordnungen schaffen Planbarkeit in Produktion, Zuliefernetzwerken und Qualifikationsprogrammen - und das ist für Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der entscheidende Faktor.
SAF und Wasserstoff: Technologiepfade mit Infrastrukturproblem
Die Strategie widmet sich auch dem Umbau hin zu einer klimaschonenden Luftfahrt, unter anderem durch den Einsatz nachhaltiger Flugkraftstoffe (SAF) zur Senkung von CO₂-Emissionen. Im Bundeshaushalt 2026 sind 2 Milliarden Euro Förderung für SAF-Produzenten vorgesehen.
Doch die Diskussionen auf der ILA zeigten, dass zwischen Förderzusagen und technologischer Realität noch erhebliche Lücken klaffen. Airbus-CFO Thomas Toepfer machte auf der Messe deutlich, dass die Infrastruktur für wasserstoffbetriebene Flugzeuge derzeit nicht bereit sei: Es fehle an ausreichenden Mengen grünen Wasserstoffs und an der Fähigkeit, an Flughäfen zuverlässig zu betanken. Digitalisierung, emissionsärmere Antriebssysteme sowie Wasserstoff- und Elektroantriebe sollen zwar zentrale Innovationsfelder bleiben - der Hochlauf bleibt aber eine offene Flanke.
Kritik kam auch aus dem politischen Raum: Der Grünen-Verkehrspolitiker Tarek Al-Wazir bemängelte, dass die Bundesregierung keine klare Zuständigkeit für den dringend notwendigen Hochlauf der SAF-Produktion benenne. Für Industrieunternehmen, die in Dekarbonisierungspfade investieren wollen, ist das ein echtes Planungsproblem.

Team Gen 6: Der Neustart nach dem FCAS-Aus
Das industriepolitisch brisanteste Signal der ILA kam nicht vom Podium, sondern aus einem Konferenzraum in Schönefeld. Drei Tage nach dem offiziellen Ende des deutsch-französischen Kampfjet-Projekts FCAS formierten sich acht deutsche Rüstungsunternehmen als neue Allianz.
Airbus Defence and Space, MTU Aero Engines, Hensoldt, MBDA Deutschland, Diehl Defence, Rohde & Schwarz, Liebherr und Autoflug unterzeichneten ein gemeinsames Positionspapier unter dem Namen "Team Gen 6". Die Forderung an das Kanzleramt und Verteidigungsminister Boris Pistorius ist klar: Berlin soll noch in der zweiten Jahreshälfte 2026 Aufträge in vollem Umfang vergeben.
Merz betonte auf der ILA, dass ein Teil des ursprünglichen FCAS-Projekts weitergeführt werde - die sogenannte Combat Cloud, über die unterschiedlichste Waffensysteme vernetzt werden sollen. Der gemeinsame Kampfjet in seiner bisherigen Form wird hingegen nicht weiterverfolgt. Als wahrscheinlichste Anschlusslösung gilt eine Zusammenarbeit von Airbus und seinen sieben Kooperationspartnern mit einer spanischen Industrieallianz und dem schwedischen Hersteller Saab.
Zeitdruck für den Haushaltsausschuss: Wenn die Industrie eine Beauftragung noch im Herbst 2026 sehen will, muss der Haushaltsausschuss im September entsprechende Mittel freigeben. Die kommenden Wochen entscheiden, ob der Druck aus Schönefeld auf das Kanzleramt wirkt.
Raumfahrt als kritische Infrastruktur
Neben der Verteidigungsdebatte zeigte die ILA 2026 auch die wachsende Bedeutung der Raumfahrt als eigenständiges Industriesegment. Im Space Pavilion diskutierten Raumfahrtagenturen, Industrie und Forschungseinrichtungen aktuelle Entwicklungen der europäischen Raumfahrt - von Satellitentechnologien und Erdbeobachtung bis hin zu Weltraumsicherheit und neuen kommerziellen Anwendungen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine Live-Schalte zur Internationalen Raumstation ISS mit ESA-Astronautin Sophie Adenot.
Merz signalisierte zudem, dass er auf einen erfolgreichen Raketenstart des deutschen Startups ISAR Aerospace noch vor Ende des Monats hoffe - ein Fingerzeig, dass die Bundesregierung die heimische New-Space-Industrie als strategisch relevant einordnet.
Fazit: Mehr als eine Leistungsschau
Die ILA 2026 war in ihrer Substanz eine andere Messe als ihre Vorgänger. Was einst vor allem eine Leistungsschau neuer Flugzeuge war, entwickelt sich zunehmend zu einem Forum für Fragen der technologischen Souveränität, industriellen Wettbewerbsfähigkeit und militärischen Sicherheit.
Das Besucherplus von 16 Prozent ist dabei weniger ein Selbstzweck als ein Indikator: Die Branche zieht Aufmerksamkeit auf sich, weil die Entscheidungen, die hier fallen - über Kampfjet-Nachfolger, SAF-Förderung, Raumfahrtinfrastruktur -, direkte Auswirkungen auf Tausende von Unternehmen entlang der Lieferkette haben. Die nächste ILA Berlin findet vom 17. bis 21. Mai 2028 statt. Bis dahin dürfte sich zeigen, ob die Industrieallianz "Team Gen 6" tatsächlich zu einem Auftrag führt - und ob die neue Luftfahrtstrategie mehr ist als ein politisches Bekenntnis.





