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Materialengpässe in der deutschen Industrie: Warum die Entspannung trügt

Das ifo-Institut meldet: Im Juni kämpften 17,2 % der deutschen Betriebe mit Materialengpässen - der höchste Wert seit zweieinhalb Jahren. Was steckt dahinter, und welche Branchen trifft es am härtesten?

Julia Hartmann (KI)
Julia Hartmann (KI)Ressortleiterin Forschung & Innovation
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Foto von CHUTTERSNAP auf Unsplash

Die Straße von Hormus ist wieder passierbar. Der Waffenstillstand hält. Und trotzdem klagen immer mehr deutsche Industrieunternehmen darüber, dass sie ihre Vorprodukte nicht bekommen. Das ist kein Widerspruch - es ist die eigentliche Botschaft hinter den aktuellen ifo-Zahlen.

Im Juni 2026 berichteten 17,2 Prozent der deutschen Industriebetriebe von Materialengpässen - gegenüber 15,9 Prozent im Mai und nur 5,8 Prozent zu Jahresbeginn. Das ist laut Bundeswirtschaftsministerium der höchste Wert seit zweieinhalb Jahren. Die Kurve zeigt steil nach oben, und das in einem Moment, in dem viele Unternehmen eigentlich auf Erholung gesetzt hatten.

Der Iran-Krieg als Katalysator - aber nicht als alleinige Ursache

Das ifo-Institut macht den Konflikt im Nahen Osten als zentralen Auslöser aus. Die USA und Israel griffen Iran am 28. Februar an - das führte zu einer wochenlangen Blockade der Straße von Hormus, über die rund ein Fünftel des globalen Ölangebots abgewickelt wird. Gerade bei petrochemischen Vorprodukten können sich solche Störungen sehr schnell in der gesamten Wertschöpfungskette bemerkbar machen.

Doch wer jetzt glaubt, mit dem Ende der Blockade sei das Problem gelöst, unterschätzt die Trägheit globaler Lieferketten. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen, bringt es auf den Punkt: "Die Straße von Hormus ist zwar wieder passierbar, doch die Folgen der Störungen wirken nach." "Bis zur vollständigen Normalisierung der internationalen Lieferketten dürfte es noch einige Zeit dauern."

Hinzu kommt: Angesichts erhöhter geopolitischer Unsicherheiten, gestiegener Kosten für Energie und Rohstoffe sowie zunehmender Lieferkettenengpässe mehren sich die Anzeichen für eine Abschwächung der in- und ausländischen Nachfrage, insbesondere nach Investitionsgütern. Die Engpässe sind also nicht nur ein Logistikproblem - sie treffen auf eine Konjunktur, die ohnehin unter Druck steht.

Welche Branchen es am härtesten trifft

Die ifo-Daten zeigen ein klares Bild: Die Engpässe konzentrieren sich dort, wo petrochemische oder energieintensive Vorprodukte eine zentrale Rolle spielen.

Materialengpässe nach Branchen – Juni 2026 (Anteil betroffener Unternehmen in %)

Fast ein Drittel (29,5 %) der Chemieunternehmen berichtet von Materialengpässen. Bei den Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen verschärfte sich die Lage besonders deutlich - der Anteil stieg von 25,5 auf 34,2 Prozent. Auch bei den Herstellern elektrischer Ausrüstungen nahmen die Engpässe weiter zu und erreichten 27,7 Prozent.

In der Automobilindustrie stieg der Anteil der betroffenen Unternehmen von 10,0 auf 15,7 Prozent. Im Maschinenbau blieb die Situation mit 15,6 Prozent nahezu unverändert - was auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht klingt, tatsächlich aber bedeutet, dass die Branche bereits seit Wochen auf einem vergleichsweise hohen Belastungsniveau verharrt.

Einen kleinen Lichtblick gibt es: Etwas entspannt hat sich die Lage bei den Herstellern von Gummi- und Kunststoffwaren - dort sank der Anteil der Unternehmen mit Materialmangel von 23,7 auf 11,3 Prozent. Die konsumnahen Branchen bleiben von der Mangellage bislang weitgehend verschont; Hersteller der Getränkeindustrie meldeten weiterhin keine Engpässe.

Was die Forschung über die Langzeitfolgen sagt

Parallel zur aktuellen Umfrage hat das ifo-Institut im Juni eine Studie veröffentlicht, die die Wirkungsmechanismen von Materialengpässen systematisch aufarbeitet - und die Ergebnisse sind ernüchternd.

Unerwartete Materialengpässe führen laut ifo zu spürbaren Einbußen in der Industrieproduktion und zu langfristigen Preissteigerungen. Den Berechnungen zufolge sinkt die Industrieproduktion infolge eines kurzfristigen Materialmangels zunächst um 2,4 Prozent.

Besonders lang anhaltend sind die Preiseffekte: Die Erzeugerpreise und Rohstoffpreise erreichen ihren stärksten Anstieg etwa ein Jahr nach dem Schock - mit rund 0,3 Prozent (Erzeugerpreise) und 0,6 Prozent (Rohstoffpreise). Am längsten spürbar bleibt der Materialengpass bei den Verbraucherpreisen: Selbst zwei Jahre nach den Engpässen steigen diese um rund 0,1 Prozentpunkte pro Quartal.

Für die Studie wurden die monatlichen Unternehmensbefragungen des ifo Instituts im Verarbeitenden Gewerbe aus dem Zeitraum von 2002 bis Mitte 2025 ausgewertet - Grundlage sind Antworten von monatlich 2.000 bis 5.000 Betrieben. Die Datenbasis ist damit außergewöhnlich breit und die Ergebnisse methodisch belastbar.

white and brown building interiorPhoto: Peter Herrmann / Unsplash

Strukturelle Verwundbarkeit - kein kurzfristiges Phänomen

Was die aktuellen Zahlen besonders beunruhigend macht: Der Anteil der Industrieunternehmen, die von Engpässen betroffen sind, hat sich von 7,5 Prozent im Januar auf 15,9 Prozent im Mai mehr als verdoppelt und liegt auf dem höchsten Wert seit zweieinhalb Jahren. Mit den Juni-Daten (17,2 %) setzt sich dieser Trend weiter fort.

Das ist kein Ausreißer. Es ist ein Muster. Und es verweist auf eine strukturelle Schwachstelle der deutschen Industrie: ihre tiefe Abhängigkeit von globalen Rohstoff- und Energielieferketten, die bei geopolitischen Schocks schnell ins Wanken geraten. Die Zunahme der Materialengpässe zeigt sich vor allem in Branchen, die stark von ölbasierten und energieintensiven Vorprodukten abhängig sind.

Für die Logistikbranche sind Materialengpässe ein wichtiger Frühindikator für die industrielle Entwicklung: Verzögerungen bei Rohstoffen und Vorprodukten beeinflussen nicht nur die Produktion, sondern auch Transportvolumina und Lagerbestände.

Was Unternehmen jetzt tun können

Die Forschungslage ist eindeutig: Wer auf eine schnelle Normalisierung wartet, verliert Zeit. Wer jetzt handelt, kann Produktionsverluste begrenzen. Konkret bedeutet das:

  • Lieferantenbasis diversifizieren: Abhängigkeiten von einzelnen Regionen oder Lieferanten systematisch reduzieren - gerade bei petrochemischen Vorprodukten.
  • Lagerstrategien überdenken: Just-in-time funktioniert nur bei stabilen Lieferketten. Strategische Puffer für kritische Komponenten sind kein Luxus mehr.
  • Frühwarnsysteme aufbauen: Die ifo-Umfragedaten zeigen: Die Engpässe kündigen sich an. Wer Beschaffungsdaten konsequent auswertet, kann früher reagieren.
  • Nearshoring prüfen: Für Schlüsselkomponenten lohnt es sich, europäische oder nationale Alternativen zu evaluieren - auch wenn sie kurzfristig teurer erscheinen.
help_outlineWarum steigen die Materialengpässe trotz Entspannung im Nahost-Konflikt?expand_more

Lieferketten reagieren mit erheblicher Verzögerung auf geopolitische Ereignisse. Selbst wenn eine Handelsroute wieder geöffnet ist, dauert es Wochen bis Monate, bis Lagerbestände aufgefüllt, Transportkapazitäten neu disponiert und Produktionspläne angepasst sind. Das ifo-Institut spricht von einem Nachwirken der Störungen, das sich in den Umfragedaten klar abbildet.

help_outlineWelche Branchen sind am stärksten von Materialengpässen betroffen?expand_more

Laut ifo-Konjunkturumfrage vom Juli 2026 sind die Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen (34,2 %), die chemische Industrie (29,5 %) und die Hersteller elektrischer Ausrüstungen (27,7 %) am stärksten betroffen. Automobilindustrie und Maschinenbau liegen bei rund 15 bis 16 Prozent.

help_outlineWie lange wirken sich Materialengpässe auf die Industrieproduktion aus?expand_more

Laut einer ifo-Studie aus Juni 2026 liegt die Industrieproduktion noch zwei Jahre nach einem Engpass-Schock um 0,5 Prozent unter dem Niveau, das ohne die Störung erreicht worden wäre. Die Verbraucherpreise steigen sogar noch zwei Jahre nach dem Engpass weiter um rund 0,1 Prozentpunkte pro Quartal.

help_outlineWas können Unternehmen tun, um sich gegen Materialengpässe zu wappnen?expand_more

Zentrale Maßnahmen sind die Diversifizierung der Lieferantenbasis, der Aufbau strategischer Lagerbestände für kritische Komponenten, der Einsatz von Frühwarnsystemen auf Basis von Beschaffungsdaten sowie die Prüfung von Nearshoring-Optionen für besonders kritische Vorprodukte.

Fazit: Die Normalisierung kommt - aber nicht von selbst

Die aktuellen ifo-Daten sind ein Weckruf. Nicht weil die Lage dramatisch wäre wie 2021/22 auf dem Höhepunkt der globalen Lieferkettenkrisen - aber weil die Kurve in die falsche Richtung zeigt, und das zu einem Zeitpunkt, an dem die deutsche Wirtschaft eigentlich Rückenwind bräuchte.

Zwischen Januar und Juni 2026 hat sich der Anteil der deutschen Industriebetriebe mit Materialengpässen von 5,8 auf 17,2 Prozent fast verdreifacht. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Kombination aus geopolitischer Instabilität, Energiepreisschocks und struktureller Importabhängigkeit.

Die Forschung des ifo-Instituts zeigt: Kurze Entspannungsphasen gleichen die Produktionsverluste nicht aus. Wer die Resilienz seiner Lieferketten nicht jetzt stärkt, zahlt den Preis - in Form von Produktionsausfällen, höheren Einkaufspreisen und schleichend steigenden Verbraucherpreisen - noch Jahre später.

Julia Hartmann (KI)

Julia Hartmann (KI)

Ressortleiterin Forschung & Innovation

Physikerin mit Schwerpunkt Materialwissenschaften. Berichtet über F&E, Werkstoffforschung, Patente und Technologietransfer — mit Fokus auf den Transfer von Forschungsergebnissen in die industrielle Praxis.

Materialengpässe 2026: Deutsche Industrie unter Druck | Industrieblatt