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Mercedes vs. VW: Wie sich die neuen Vollhybride unterscheiden

Mercedes setzt auf 48 Volt, VW auf 400-Volt-Hochvolt: Zwei deutsche Hersteller interpretieren den Vollhybrid diametral verschieden. Was das für Technik, Werkstatt und Marktpositionierung bedeutet.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
the engine compartment of a car with its hood open
Foto von igor constantino auf Unsplash

Zwei Konzerne, ein Begriff, zwei grundverschiedene Antworten: Der Vollhybrid erlebt 2026 bei deutschen Herstellern eine Renaissance - aber die Wege, die Mercedes und Volkswagen dabei einschlagen, könnten technisch kaum weiter auseinanderliegen.

a red and green battery with a pair of pliers attached to itPhoto: Newpowa / Unsplash

Der Ausgangspunkt: Warum jetzt?

Vollhybride galten bei deutschen Herstellern lange als Nischenprodukt - das Terrain von Toyota, Honda und Renault. Plug-in-Hybride mit großen Akkus und Mildhybride mit 48-Volt-Technik dominierten die Portfolios. VW brachte zuletzt 2016 mit dem Jetta Hybrid einen echten Vollhybrid in Serie - danach klaffte eine Lücke im Konzernregal.

Diese Lücke schließt Wolfsburg jetzt. Im April 2026 stellte Volkswagen auf dem Internationalen Wiener Motorensymposium seinen ersten seriell-parallelen Vollhybrid vor - geplant für Golf und T-Roc ab dem vierten Quartal 2026. Mercedes wiederum hat mit dem neuen CLA bereits seit Ende 2025 einen 48-Volt-Vollhybrid im Markt. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Flottengrenzwerte, steigende Nachfrage nach selbstladendem Hybrid ohne Ladekabel und der Druck durch asiatische Wettbewerber erzwingen Handlungsbedarf.

Die Kernfrage: Spannung und Architektur

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Fahrzeugkonzept, sondern in der Systemspannung und der elektrischen Architektur.

Während Mercedes auf 48 Volt setzt - und somit keine Hochvolt-Zusatzqualifikation in Werkstätten erforderlich ist - bewegt sich VW mit dem neuen Hybrid quasi am anderen Ende des Spektrums: Es ist ein Hochvolthybrid mit 400 V, mit zwei E-Maschinen und seriell-paralleler Betriebsweise, mit einem Gang für den Parallelbetrieb.

Das ist eine fundamentale Weichenstellung, die weit über die reine Technik hinausgeht.

MerkmalMercedes CLA Hybrid (48V)VW Golf/T-Roc Hybrid (400V)
Systemspannung48 Volt400 Volt (Hochvolt)
ArchitekturP2 (E-Motor im Getriebe)P1/P3 seriell-parallel, 2 E-Maschinen
Batterie1,3 kWh (Lithium-Ionen, Flatpack)1,6 kWh (NMC, flüssigkeitsgekühlt)
Verbrenner1,5-l-Vierzylinder M2521,5-l-TSI evo2
E-Motorleistung20 kW / 27 PSbis zu 44 kW Spitzenleistung
Hochvolt-Qualifikation WerkstattNicht erforderlichErforderlich
MarktstartAb November 2025Q4 2026

Das Mercedes-Konzept: 48 Volt als Vollhybrid

Dass ein 48-Volt-System als Vollhybrid gilt, klingt zunächst widersprüchlich. Bisher war 48 Volt das Kennzeichen des Mildhybrids - eines Systems, das rein elektrisches Fahren technisch ausschließt.

Trotz der 48 Volt - die keine Hochvolt-Sicherheitsvorkehrungen am Auto erfordern - kann der neue Mercedes-Antrieb im Gegensatz zu den bisherigen 48-Volt-RSG- und ISG-Modellen von A- bis S-Klasse rein elektrisch fahren, auch ohne Plug-in-Hybrid-Technologie.

Der Schlüssel liegt in der Positionierung der E-Maschine. Da das Fahrzeug nun auch rein elektrisch fahren kann, spricht man von einer P2-Hybrid-Anordnung - und nicht mehr wie bei den bisherigen 48-Volt-Mild-Hybrid-Modellen von einer P0- (bei RSG) oder P1-Anordnung (bei ISG).

Konkret: Der Hybridantrieb basiert auf einem 48-Volt-System mit einem ins Getriebe integrierten Elektromotor, der eine Leistung von 20 kW / 27 PS bietet. Eine neu entwickelte 48-Volt-Batterie mit Lithium-Ionen-Technologie bietet einen Energiegehalt von bis zu 1,3 kWh.

Ein besonderer Vorteil ist das sogenannte elektrische Segeln - das effiziente Dahingleiten mit abgekoppeltem Antriebsstrang - das bis zu einer Geschwindigkeit von ca. 100 km/h möglich ist.

Der strategische Vorteil dieses Ansatzes ist offensichtlich: Mercedes realisiert damit Vollhybrid-Funktionen mit einem kostengünstigen 48-Volt-System, da gemäß Gesetzgeber keine Hochvoltsicherheitsvorkehrungen nötig sind. Das vereinfacht Produktion, Logistik und - besonders relevant für Flottenbetreiber - den Werkstattbetrieb erheblich.

Das VW-Konzept: Hochvolt vom Elektrischen her gedacht

Volkswagen geht den entgegengesetzten Weg. Volkswagen bringt seinen ersten seriell-parallelen Vollhybrid in Serie, der gewissermaßen vom elektrischen Antrieb her gedacht ist.

Das Hybridmodul beinhaltet eine E-Maschine als Antriebsmotor, eine zweite E-Maschine als Generator, eine Leistungselektronik, ein Differenzial und ein 1-Gang-Getriebe sowie eine elektronisch gesteuerte Lamellenkupplung samt eigener Steuereinheit, über die der TSI in den Antriebsstrang ein- und ausgekoppelt wird.

Das System arbeitet in drei automatischen Modi: Im Stadtverkehr fährt das Fahrzeug rein elektrisch. Im seriellen Modus erzeugt der Benziner nur Strom für den E-Motor. Ab ca. 60 km/h schaltet sich der Verbrenner direkt auf die Achse - der sogenannte parallele Modus.

Die Batterie ist deutlich leistungsfähiger ausgelegt als beim Mercedes-Pendant: Die Hochvoltbatterie nutzt prismatische NMC-Zellen mit einer Bruttokapazität von 1,6 kWh und ist flüssigkeitsgekühlt - sie ermöglicht Spitzenleistungen von bis zu 44 kW.

Gesteuert wird das Gesamtsystem durch eine neue Softwarestrategie namens Twin-Drive, die permanent Fahrpedalstellung, Geschwindigkeit, Batteriezustand, Temperatur und Wirkungsgrade der einzelnen Komponenten analysiert und daraus automatisch die jeweils günstigste Betriebsart wählt.

info Note

Das VW-System erfordert aufgrund der 400-Volt-Hochvoltarchitektur eine Hochvolt-Zusatzqualifikation in Werkstätten — ein Faktor, den Flottenbetreiber bei der Serviceplanung einkalkulieren müssen. Das Mercedes-48-Volt-System ist davon ausgenommen.

Marktpositionierung: Wo die Systeme landen

Beide Hersteller adressieren mit ihren Vollhybriden dieselbe Käufergruppe: Menschen ohne Ladeinfrastruktur, die mehr elektrischen Fahranteil wollen als ein Mildhybrid bietet, aber keinen Plug-in-Hybrid benötigen.

Das neue VW-System positioniert sich zwischen dem bestehenden Mild-Hybrid mit eTSI-Bezeichnung und den extern aufladbaren Plug-in-Hybriden, die als eHybrid oder GTE angeboten werden. Das Konzept verzichtet bewusst auf eine externe Lademöglichkeit - die elektrische Energie wird ausschließlich während der Fahrt gewonnen, durch Rekuperation beim Bremsen und Verzögern sowie durch den Turbobenziner, der bei Bedarf als Generator arbeitet.

Das System soll ab dem vierten Quartal 2026 zunächst im Golf Hybrid und im T-Roc Hybrid starten, später sind weitere Konzernmodelle vorgesehen. Die Basis bildet die bekannte MQB-Evo-Plattform, auf der bereits verschiedene MHEV- und PHEV-Modelle aufbauen - dadurch kann der neue Antrieb mit vergleichsweise geringem Zusatzaufwand in mehreren Baureihen des Konzerns eingesetzt werden.

Mercedes hat mit dem CLA bereits einen Vorsprung. Seit November 2025 gibt es den CLA auch als 48-V-Vollhybrid mit einem 1,5-Liter-Vierzylinder-Ottomotor. Mercedes arbeitet zudem daran, die 48-Volt-Vollhybrid-Technik der MMA-Modelle auch auf die MRA2-Fahrzeuge - also C-Klasse, E-Klasse, GLE und S-Klasse - auszurollen.

Zwei Philosophien, ein Ziel

Was sich hier abzeichnet, ist mehr als ein technischer Detailstreit. Es sind zwei unterschiedliche Industriestrategien, die sich am Vollhybrid-Konzept kristallisieren.

Mercedes wählt den Weg der maximalen Kompatibilität: 48 Volt bedeutet geringere Systemkomplexität, niedrigere Anforderungen an Werkstätten und eine einfachere Integration in bestehende Fahrzeugarchitekturen. Der Nachteil ist eine begrenzte elektrische Leistungsdichte.

VW denkt das System vom Elektrischen her: 400 Volt, zwei E-Maschinen, flüssigkeitsgekühlte Batterie - das ist eine Architektur, die skalierbar ist und konzernweit auf weiteren Modellen ausgerollt werden kann. Der Preis dafür ist höhere Systemkomplexität und der Bedarf an qualifiziertem Hochvolt-Servicepersonal.

help_outlineWas unterscheidet einen 48-Volt-Vollhybrid von einem klassischen 48-Volt-Mildhybrid?expand_more

Der entscheidende Unterschied liegt in der Positionierung der E-Maschine. Beim Mildhybrid (P0 oder P1) ist keine Trennkupplung vorhanden — rein elektrisches Fahren ist nicht möglich. Beim neuen Mercedes-Vollhybrid (P2) sitzt die E-Maschine hinter einer Trennkupplung im Getriebe, was kurze rein elektrische Fahrt und elektrisches Segeln bis ca. 100 km/h ermöglicht.

help_outlineBrauchen Werkstätten für den VW-Vollhybrid eine Sonderzulassung?expand_more

Ja. Da das VW-System mit 400-Volt-Hochvolttechnik arbeitet, ist eine Hochvolt-Zusatzqualifikation für das Servicepersonal gesetzlich vorgeschrieben. Das Mercedes-48-Volt-System fällt nicht unter diese Anforderung — ein relevanter Vorteil für Flottenbetreiber mit eigenem Werkstattbetrieb.

help_outlineWelche Modelle erhalten den neuen VW-Vollhybrid zuerst?expand_more

Golf Hybrid und T-Roc Hybrid starten im vierten Quartal 2026. Beide Modelle tragen schlicht den Namenszusatz 'Hybrid' — nicht zu verwechseln mit den Plug-in-Hybriden ('eHybrid') oder den Mildhybriden ('eTSI'). Weitere Konzernmodelle auf MQB-Evo-Basis sollen folgen.

help_outlineKann man die neuen Vollhybride extern laden?expand_more

Nein — weder der Mercedes- noch der VW-Vollhybrid verfügt über einen externen Ladeanschluss. Die Batterie wird ausschließlich durch Rekuperation und den Verbrenner im Generatorbetrieb geladen. Das unterscheidet sie grundlegend von den Plug-in-Hybriden beider Hersteller.

Für die produzierende Industrie und Flottenbetreiber ist die Frage letztlich pragmatisch: Wer Serviceinfrastruktur und Qualifikationsaufwand minimieren will, wird den Mercedes-Ansatz schätzen. Wer auf maximalen elektrischen Fahranteil im Stadtverkehr und eine skalierbare Konzernplattform setzt, findet im VW-System die überzeugendere Antwort. Beide Konzepte zeigen, dass der Vollhybrid in Deutschland noch lange nicht ausgespielt hat.

Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.