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Vom Getriebe zum Gefährt: Renk steigt in den Panzerbau ein

Renk präsentiert auf der Eurosatory 2026 ein eigenes unbemanntes Kettenfahrzeug - und zeigt damit, wie sich ein Zulieferer zum Systemanbieter wandelt. Was steckt dahinter?

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
a large machine in a large building
Foto von Homa Appliances auf Unsplash

Wer bislang an Renk dachte, dachte an Getriebe. Präzise, robust, unverzichtbar - aber eben ein Bauteil, kein Endprodukt. Seit der Eurosatory 2026 in Paris ist das anders. Der Augsburger Konzern hat dort gemeinsam mit dem finnischen Unternehmen Patria ein vollständiges unbemanntes Kettenfahrzeug präsentiert. Kein Konzeptpapier, kein Rendering - ein Demonstrationsmodell in Originalgröße.

Das ist mehr als eine Produktankündigung. Es ist eine strategische Neupositionierung.

Was Renk auf der Eurosatory gezeigt hat

Auf der Eurosatory 2026 in Paris haben Renk und Patria gemeinsam ein Heavy Unmanned Ground Vehicle (UGV) der nächsten Generation vorgestellt. Das Fahrzeug kombiniert die modulare TRACKX-Plattform von Patria mit dem neu entwickelten HSWL 076-Getriebe von Renk sowie einer Drive-by-Wire-Mobilitätsarchitektur - Lenk-, Brems- und Antriebsfunktionen werden dabei vollständig digital gesteuert.

Die technische Basis ist nicht trivial: Die TRACKX-Plattform wiegt bis zu 15,5 Tonnen, erreicht 80 km/h und wurde ursprünglich als besatzter Schützenpanzer für zwölf Soldaten konzipiert. In der unbemannten Variante wurde der Truppentransportraum durch Sensorik, Kommunikationstechnik und autonome Systeme ersetzt - bei identischem Fahrgestell und identischen Mobilitätseigenschaften.

black and brown battle tank toy on green grass fieldPhoto: Sven Mieke / Unsplash

Renk-Chef Alexander Sagel formulierte die Stoßrichtung klar: "Die Zukunft der Landoperationen wird von digital vernetzten und skalierbaren Fahrzeugarchitekturen abhängen", sagte Sagel bei der Vorstellung. Das klingt nach Visionsprosa - ist aber industriepolitisch durchaus ernst gemeint.

Von der Komponente zur Plattform: Was hinter dem Schritt steckt

Renk ist kein Newcomer im Rüstungsgeschäft. Mit einem Jahresumsatz von 1,14 Milliarden Euro im Jahr 2024 und einem Marktanteil von rund 70 Prozent bei Panzergetrieben ist das Unternehmen weltweiter Marktführer in diesem Segment. Anfang Juni 2026 baute Renk am Hauptfertigungsstandort in Augsburg das viertausendste Getriebe für den Kampfpanzer Leopard 2.

Das Kerngeschäft läuft also. Warum dann der Schritt in die Fahrzeugproduktion?

Die Antwort liegt in der Logik des Marktes. Wer nur Komponenten liefert, ist abhängig von den Entscheidungen der Systemintegratoren. Wer selbst Plattformen anbietet, sitzt früher am Tisch - bei Ausschreibungen, bei Budgetgesprächen, bei der Definition künftiger Anforderungen. Renk peilt bis 2030 einen Umsatz von 2,8 bis 3,2 Milliarden Euro an, bei einer bereinigten operativen Umsatzrendite von mehr als 20 Prozent. Dieses Ziel lässt sich mit Getrieben allein kaum erreichen.

Hinzu kommt die Partnerstruktur: Neben Patria kooperiert Renk auch mit dem Münchner Startup ARX Robotics. Im Juli 2025 vereinbarten beide Unternehmen eine Partnerschaft: Renk bringt mechanisches Know-how und industrielle Kapazitäten ein, ARX Robotics liefert Software-Expertise. Fahrzeuge von ARX Robotics sind bereits in der Ukraine im Einsatz - das ist kein Laborprojekt, sondern Felderprobung unter realen Bedingungen.

info Note

Renks Partnerschaftsstrategie im Überblick

  • Patria (Finnland): Liefert die TRACKX-Fahrzeugplattform für das schwere UGV
  • ARX Robotics (München): Liefert Software-Betriebssystem Mithra für autonome Funktionen
  • Eigenbeitrag Renk: HSWL 076-Getriebe, Drive-by-Wire-Architektur, industrielle Fertigungskapazitäten

Der Kontext: Unbemannte Systeme als operative Notwendigkeit

Die Eurosatory 2026 macht deutlich, dass Renk mit diesem Schritt nicht allein ist. Auch KNDS hat in Paris ein neues System präsentiert - allerdings am anderen Ende des Gewichtsspektrums: KNDS hat auf der Eurosatory 2026 den Kampfpanzer Capint vorgestellt, der Frankreichs Leclerc-Panzer ablösen soll, noch bevor das deutsch-französische Panzerprojekt MGCS in die Umsetzung geht.

Der Capint ist technisch bemerkenswert: Er kombiniert ein weiterentwickeltes Leopard-2-A8-Chassis mit einem unbemannten ASCALON-Turm von KNDS France, die dreiköpfige Besatzung sitzt vollständig im Rumpf. Der Hintergrund ist ein handfestes Beschaffungsproblem: Die Leclerc-Panzer der französischen Armee sollen bis 2038 außer Dienst gestellt werden, das gemeinsame Nachfolgeprojekt MGCS liegt laut der französischen Verteidigungsministerin Catherine Vautrin rund zehn Jahre hinter dem Zeitplan.

Zwei Systeme, zwei Gewichtsklassen - aber dieselbe Grundüberzeugung: Unbemannte oder zumindest teilautonome Systeme sind keine Zukunftsmusik mehr. Patria-CEO Panu Routila brachte es auf der Messe auf den Punkt: Der Krieg in der Ukraine zeige, wie moderne Kriegsführung aussieht - unbemannte Systeme seien heute eine operative Notwendigkeit auf dem Gefechtsfeld.

Was das für die Industrie bedeutet

Für Beobachter der deutschen Rüstungsindustrie ist Renks Schritt ein Lehrstück in vertikaler Integration. Ein Zulieferer, der jahrzehntelang Schlüsselkomponenten lieferte, nutzt seine Technologiebasis, um in das Systemgeschäft vorzustoßen. Das ist kein Bruch mit der Vergangenheit - es ist deren konsequente Verlängerung.

Die Frage ist, ob das Modell trägt. Fahrzeugentwicklung ist ein anderes Geschäft als Getriebeproduktion: andere Zertifizierungsanforderungen, andere Kundenbeziehungen, andere Haftungslogiken. Renk setzt deshalb bewusst auf Kooperationen statt auf Eigenentwicklung aus dem Stand. Das reduziert das Risiko - verteilt aber auch die Marge.

Das Fahrzeug soll 2027 produktionsreif sein. Ob dann tatsächlich Serienaufträge folgen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie schnell NATO-Streitkräfte ihre Beschaffungsdoktrinen für unbemannte Systeme formalisieren. Der politische Wille ist erkennbar. Die Bürokratie hält traditionell Schritt - nur etwas langsamer.

help_outlineWas ist ein UGV?expand_more

UGV steht für Unmanned Ground Vehicle – ein unbemanntes Bodenfahrzeug. Im militärischen Kontext bezeichnet es gepanzerte Kettenfahrzeuge, die ferngesteuert oder autonom operieren, ohne Besatzung an Bord.

help_outlineWas ist der Unterschied zwischen dem Renk-UGV und dem KNDS Capint?expand_more

Das Renk-UGV mit Patria ist ein leichtes bis mittelschweres unbemanntes Fahrzeug (bis ca. 15,5 Tonnen), das vollständig ohne Besatzung operieren soll. Der KNDS Capint ist ein schwerer Kampfpanzer (Leopard-2-Klasse) mit dreiköpfiger Besatzung im Rumpf und einem unbemannten Turm – eine sogenannte 'optionally manned'-Architektur.

help_outlineWas ist das MGCS-Projekt?expand_more

Das Main Ground Combat System (MGCS) ist ein deutsch-französisches Rüstungsprojekt, das bis 2040 die Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc durch ein gemeinsames Nachfolgesystem ersetzen soll. Das Projekt gilt als politisch belastet und liegt laut Frankreichs Verteidigungsministerin rund zehn Jahre hinter dem Zeitplan.

help_outlineWann sollen Renks UGV serienreif sein?expand_more

Nach Unternehmensangaben soll das Fahrzeug 2027 produktionsreif sein. Renk-Chef Sagel hatte früher angekündigt, dass UGV-Systeme ab etwa 2030 auf den Markt kommen könnten.

Renk zeigt in Paris, dass der Weg vom Zulieferer zum Systemanbieter möglich ist - wenn man die eigene Technologiebasis konsequent weiterdenkt. Ob das Unternehmen damit langfristig Erfolg hat, wird die Beschaffungspraxis der Streitkräfte entscheiden. Aber die Richtung ist gesetzt.

Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.