Wer schon einmal in einer CNC-Fertigung gestanden hat, kennt das Problem: Hunderte Werkzeugvarianten, tausende individuelle Exemplare, ständig wechselnde Geometriedaten - und irgendwo dazwischen ein Mitarbeiter mit einer Klemmbrett-Liste. Das ist kein Einzelfall, das ist Alltag.
Genau hier setzt Ceratizit jetzt ein Zeichen. Der luxemburgische Schneid- und Fräswerkzeughersteller hat an einem seiner Produktionsstandorte eine durchgängige RFID-Lösung von Turck eingeführt - und damit ein Problem angegangen, das in der Branche gerne kleingeredet wird: die manuelle Werkzeugverwaltung.
Das Problem ist größer als es aussieht
Hunderte Werkzeugvarianten, tausende individuelle Exemplare und sich ständig verändernde Geometriedaten erschweren in der CNC-Fertigung bei Ceratizit eine prozesssichere Verwaltung und Nutzung der Werkzeuge. Das klingt nach einem Organisationsproblem. Es ist aber in Wirklichkeit ein Qualitäts- und Effizienzproblem.
Schneidwerkzeuge werden heute häufiger gewechselt als in der Vergangenheit. Damit gerät die klassische visuelle Identifikation über Seriennummern an ihre Grenzen, ebenso wie die manuelle Datenpflege. Diese ist fehleranfällig, der Werkzeuglebenszyklus ist nur mit viel Aufwand zu verwalten und oftmals sind Werkzeugdaten unübersichtlich.
Die Konsequenz: Falsch eingesetzte Werkzeuge, verpasste Wartungsintervalle, ungeplante Maschinenstillstände. Ein Fertigungsleiter, der weiß, dass ein Fräser in drei Tagen das Ende seiner Standzeit erreicht, kann vorausschauend planen. Das ist der Unterschied zu reaktivem Störungsmanagement.
Was Ceratizit konkret umgesetzt hat
Der Schneid- und Fräswerkzeughersteller begegnet dieser Herausforderung mit einer durchgängigen Digitalisierung auf Basis einer RFID-Lösung von Turck - samt speziell entwickelter Windows-DLL zur Anbindung des RFID-Interfaces TBEN-S-RFID an Wintool.
Das ist technisch relevanter als es auf den ersten Blick erscheint. Die eigens entwickelte DLL ist das Bindeglied zwischen der physischen RFID-Infrastruktur und der Werkzeugverwaltungssoftware Wintool. Ohne diese Integration bliebe das System ein Insellösung - mit ihr wird aus der Identifikation ein durchgängiger Datenstrom.
An einem Ceratizit-Produktionsstandort werden über 700 Varianten und bis zu 8.000 Werkzeuge per RFID identifiziert und ihre Geometriedaten automatisiert an die Maschinensteuerung übertragen.
An einem Ceratizit-Produktionsstandort werden so über 700 Varianten und bis zu 8.000 Werkzeuge identifiziert und ihre Geometriedaten automatisiert an die Maschinensteuerung übertragen. Das ist keine Pilotinstallation mit drei Maschinen - das ist produktiver Betrieb in relevantem Maßstab.
Photo: Sven Daniel / UnsplashWarum die Lesereichweite entscheidend ist
Ein Detail, das in der Praxis oft unterschätzt wird: Zwar werden auch schon funkbasierte RFID-Systeme genutzt, doch in der Praxis fordert die geringe Reichweite der vorhandenen Lösungen zeitraubende Kompromisse.
Turck adressiert das direkt. Dank hoher Schreib-Lese-Reichweite reduziert sich die erforderliche Einlesedauer für einen Werkzeugrevolver von 130 auf 10 Sekunden - und steigert so die Produktionseffizienz des Endkunden deutlich.
Turcks RFID-Lösung reduziert die Einlesedauer für einen CNC-Werkzeugrevolver von 130 auf 10 Sekunden.
Das ist kein Marketingversprechen, das ist eine messbare Größe. 120 Sekunden weniger pro Rüstvorgang - bei mehreren Rüstvorgängen pro Schicht summiert sich das schnell zu einer relevanten Produktivitätsgröße.
Hinzu kommt die Robustheit: Turcks Schreib-Lese-Köpfe haben eine Schutzklasse von IP69K, die RFID-Tags eine Schutzklasse von IP68. Das macht das System resistent gegenüber Feuchtigkeit und Wasser und damit auch für Nassbearbeitungsumgebungen geeignet.
Was Wintool zur Gleichung beiträgt
Die Hardwareseite allein löst das Problem nicht. Erst die Integration in eine leistungsfähige Werkzeugverwaltungssoftware schließt den Kreis. Wintool ist die zentrale Schaltstelle für das digitale Werkzeugmanagement. Die Software ermöglicht eine prozessorientierte Werkzeugverwaltung, um Maschinen, Manpower und Betriebsmittel optimal zu koordinieren.
Mit Wintool erhalten Anwender vollkommene Transparenz, da alle CNC-Daten in einer relationalen Datenbank gespeichert werden. Das ist der Punkt, der für den Shopfloor-Alltag zählt: nicht die Technologie an sich, sondern die Frage, ob die richtigen Daten zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sind.
Die Integrationsfrage ist die eigentliche Hürde. RFID-Hardware ist heute ausgereift und verfügbar. Was Projekte scheitern lässt, ist die fehlende oder fehlerhafte Anbindung an bestehende Softwaresysteme (ERP, MES, CAM). Ceratizits Ansatz — eine eigens entwickelte DLL für die TBEN-S-RFID-zu-Wintool-Verbindung — zeigt, dass dieser Schritt manchmal individuelle Entwicklungsarbeit erfordert.
Was das für andere Fertigungsbetriebe bedeutet
Ceratizit ist kein kleines Unternehmen. Die Ceratizit Group ist ein luxemburgischer Hersteller von Werkzeugmaschinen- und Hartmetallprodukten für Verschleißschutz und Schneidwerkzeuge. Das Unternehmen ist zu 100 % im Besitz der Plansee Group und betreibt 34 Produktionsstätten weltweit. Wenn ein Konzern dieser Größe eine RFID-Lösung für den eigenen Produktionsbetrieb einführt - also nicht als Produkt, sondern als internes Werkzeug -, dann ist das ein Signal.
Mit RFID-Tags, die direkt in den Werkzeughalter integriert sind, lässt sich jedes Werkzeug eindeutig identifizieren. Die CNC-Maschine liest den Tag automatisch, prüft die hinterlegten Parameter und gibt erst frei, wenn alles passt. Das reduziert Rüstzeiten, verhindert Fehler durch falsch eingesetzte Werkzeuge und schafft eine lückenlose Wartungshistorie.
Für mittelständische Zerspanungsbetriebe ist das Modell übertragbar - mit einer wichtigen Einschränkung: Der Nutzen skaliert mit der Komplexität des Werkzeugbestands. Wer 50 Werkzeuge verwaltet, braucht kein RFID-System. Wer 5.000 verwaltet, kann es sich kaum leisten, darauf zu verzichten.
Fazit: Transparenz ist kein Selbstzweck
RFID im Werkzeugmanagement ist keine neue Idee. Was das Ceratizit-Projekt interessant macht, ist die Kombination aus Skalierung (8.000 Werkzeuge, 700+ Varianten), Systemintegration (TBEN-S-RFID plus Wintool-DLL) und dem klaren Fokus auf Prozesssicherheit - nicht nur auf Effizienz.
Die eigentliche Frage für jeden Fertigungsbetrieb lautet nicht: "Können wir RFID einführen?" Sondern: "Welche Entscheidungen treffen wir heute auf Basis von Daten, die wir morgen automatisch hätten?" Wer diese Frage ehrlich beantwortet, findet meistens schnell heraus, wo die größten Hebel liegen.
Transparenz ist kein Selbstzweck. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Shopfloor-Entscheidungen auf Fakten basieren - und nicht auf Erfahrungswerten und Bauchgefühl.





