Auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris hat Rheinmetall eine Partnerschaft angekündigt, die das Bild der europäischen Luftverteidigung verändern könnte. Der Düsseldorfer Konzern will gemeinsam mit dem südkoreanischen Unternehmen LIG Defence & Aerospace (LIG D&A) ein Joint Venture gründen - mit dem erklärten Ziel, Lenkflugkörper zu entwickeln, die Gleitbomben kostengünstig abfangen können. Das klingt nach einem technischen Detail. Es ist in Wirklichkeit eine strategische Antwort auf eine der dringlichsten Lücken in der westlichen Luftverteidigung.
Das Problem: Gleitbomben ohne Gegenmaßnahme
Russische Gleitbomben sind modifizierte Luftabwurfbomben, die mit Steuerungssystemen und Flügeln ausgestattet sind - sie gleiten mehrere Dutzend Kilometer und treffen Ziele mit hoher Präzision, während das Startflugzeug außerhalb der Reichweite der ukrainischen Luftabwehr bleibt. Was sie besonders tückisch macht: Da sie keine Hitzesignatur haben, sind sie für die Flugabwehr schwer zu erkennen - Flugabwehrgeschütze eignen sich nicht.
Im Juli 2025 wurden bis zu 160 russische Gleitbomben täglich eingesetzt. Ihr Einsatz ist aufgrund ihres geringen Preises und der einfachen Umrüstung aus ungelenkten Beständen sprunghaft angestiegen. Russland hat dabei in bemerkenswertem Tempo nachgerüstet: Binnen praktisch zweieinhalb Jahren vollzog Russland einen Entwicklungsschritt von der Freifall- zur Gleit- und weiter zur jetgetriebenen Bombe - ein Prozess, der im Westen mehrspurig etwa drei Jahrzehnte in Anspruch genommen hat.
Das Kostendilemma ist dabei ebenso gravierend wie das technische: Wer eine Gleitbombe mit einer konventionellen Abfangrakete bekämpft, zahlt ein Vielfaches des Angreifers. Ein neuer Lenkflugkörper soll einen Betrag im hohen fünfstelligen Euro-Bereich kosten - und damit deutlich weniger als größere Missiles, die mitunter mehr als eine Million Euro kosten und bislang eher notgedrungen zur Abwehr der Bomben genutzt werden.
Das Kosten-Nutzen-Problem ist zentral: Wer eine Gleitbombe (Herstellungskosten: niedrig) mit einer Patriot-Rakete (über 1 Mio. Euro) abfängt, verliert den ökonomischen Abnutzungskrieg. Genau hier setzt das Rheinmetall-LIG-Konzept an.
Das Joint Venture: Mehrheit bei Rheinmetall, Know-how aus Seoul
Zur Abwehr von Gleitbomben und anderen feindlichen Flugkörpern arbeitet Deutschlands größte Waffenschmiede Rheinmetall künftig eng mit einem südkoreanischen Rüstungsunternehmen zusammen. Man wolle ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Firma LIG Defence & Aerospace aus Yongin gründen und daran die Mehrheit halten, teilte Rheinmetall auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris mit.
Finanzielle Details der Kooperation wurden nicht genannt. Klar ist aber die strategische Stoßrichtung: Rheinmetall und LIG D&A wollen gemeinsam neue Raketen und Fähigkeiten für die Kurzstrecken-Flugabwehr entwickeln - damit sollen Lücken im Segment SHORAD geschlossen werden. Und das nicht nur für einen Markt: Das Joint Venture soll Luftverteidigungssysteme für Europa und das NATO-Gebiet bereitstellen.
Die Wahl des Partners ist dabei keine Zufallsentscheidung. Die Südkoreaner stellen nicht nur Missiles her, sondern auch Sonare und Schiffsdrohnen - ihre Auftragsbücher sind voll, zu ihren Kunden gehören die Vereinigten Arabischen Emirate. LIG D&A erzielte 2025 mit rund 6.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von umgerechnet 2,5 Milliarden Euro - etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr. Zum Vergleich: Rheinmetall kam 2025 auf rund 10 Milliarden Euro Umsatz mit 34.000 Beschäftigten.
Die Komplementarität der Portfolios ist offensichtlich: "Zusammen bieten LIG D&A und Rheinmetall Air Defence ein sich hervorragend ergänzendes Portfolio an bodengestützten Luftverteidigungslösungen", wird Oliver Dürr, CEO der Rheinmetall-Division Air Defence, in der Mitteilung zitiert. LIG-D&A-Chef Ickhyun Shin formulierte das Ziel noch ambitionierter: "Wir bündeln unsere Stärken, um ein Verteidigungs-Kraftzentrum in Europa für Luftverteidigungs-Raketenlösungen und darüber hinaus zu etablieren."
Eurosatory als Bühne: Rheinmetall zeigt auch Kamikaze-Drohnen
Das Joint Venture war nicht die einzige Neuigkeit, die Rheinmetall auf der Eurosatory präsentierte. Parallel dazu gab der Konzern Einblick in seine Pläne für Loitering Munition - Kamikaze-Drohnen, die im Schwarm operieren sollen.
Auf der Pariser Rüstungsmesse stellte die Firma einen Container als mobile Abschussbasis vor, in dem 18 Drohnen gelagert werden und nach oben in den Himmel katapultiert werden können. Wie bei einem Schwarm können mehrere gleichzeitig starten - Rheinmetall spricht von möglichen Salven beim Start. Besatzung ist nicht vor Ort, vielmehr werden die Flugkörper aus der Ferne gesteuert.
Die Kamikaze-Drohnen können laut Rheinmetall bis zu 70 Minuten in der Luft bleiben und haben eine Reichweite von 100 Kilometern. Es wird auch Künstliche Intelligenz genutzt. An Bord haben sie eine Sprengladung, die inklusive Zünder vier Kilo wiegt.
Die Kamikaze-Drohnen und die Container sollen in Neuss hergestellt werden - der Produktionsstart der Loitering Munition soll im dritten Quartal erfolgen. Der Standort selbst erzählt dabei eine Geschichte über den industriellen Wandel: In Neuss hatte Rheinmetall früher einen Standort als Autozulieferer, dieser Geschäftsbereich wird aber abgegeben. Künftig sollen dort Drohnen, Weltraum-Satelliten und Gefechtstürme für Flugabwehr-Panzer gebaut werden.
Photo: Sergey Koznov / UnsplashEinordnung: Rheinmetall baut systematisch ein Luftverteidigungsökosystem
Was auf den ersten Blick wie zwei separate Meldungen wirkt - das Korea-Joint-Venture und die Drohnen-Präsentation - ist in Wirklichkeit Teil einer kohärenten Strategie. Rheinmetall stellt hauptsächlich Munition, Panzer, Artillerie und Flugabwehr-Geschütze her, zudem wird der bisherige Nebenstrang mit Drohnen und Satelliten wichtiger. Der Konzern schließt damit gezielt Lücken, die der Ukraine-Krieg sichtbar gemacht hat.
Die Zahlen belegen den Rückenwind: Rheinmetall erzielte 2025 einen Umsatz von rund 10 Milliarden Euro und peilt für 2026 einen Umsatz zwischen 14 und 14,5 Milliarden Euro an. Der operative Gewinn sprang um ein Drittel auf ein Allzeithoch von 1,8 Milliarden Euro - bei einer operativen Marge von 18,5 Prozent.
Das Korea-Joint-Venture ist dabei mehr als ein Produktionsabkommen. Es ist ein Signal, dass europäische Rüstungskapazitäten allein nicht ausreichen - und dass Rheinmetall bereit ist, gezielt außereuropäische Technologieführer einzubinden, um Fähigkeitslücken schnell zu schließen. Nun wollen die beiden Firmen über ihr Joint Venture an einem Strang ziehen und "die hohe Nachfrage nach mehrschichtigen Luftverteidigungssystemen, Raketen und Munition befriedigen".
Für die europäische Verteidigungsindustrie ist das eine klare Botschaft: Wer im SHORAD-Segment nicht liefern kann, wird durch internationale Kooperationen ersetzt. Rheinmetall liefert - und holt sich die Partner, die das ermöglichen.
Was ist LIG Defence & Aerospace?
LIG Defence & Aerospace (LIG D&A) ist ein südkoreanisches Rüstungsunternehmen mit Sitz in Yongin. Das Unternehmen produziert Missiles, Sonare und Schiffsdrohnen und erzielte 2025 einen Jahresumsatz von umgerechnet 2,5 Milliarden Euro mit rund 6.000 Beschäftigten.
Was ist SHORAD und warum ist es relevant?
SHORAD steht für Short-Range Air Defense — Kurzstrecken-Flugabwehr. Dieses Segment gilt als kritische Lücke in der NATO-Luftverteidigung, da bestehende Systeme entweder zu teuer oder technisch ungeeignet sind, um Bedrohungen wie Gleitbomben oder Drohnenschwärme effizient abzufangen.
Was ist Loitering Munition?
Loitering Munition (auch Kamikaze-Drohnen genannt) sind unbemannte Flugkörper, die über einem Zielgebiet kreisen können, bis ein geeignetes Ziel identifiziert wird. Sie kombinieren die Flexibilität einer Drohne mit der Wirkung einer Präzisionsmunition und werden ferngesteuert oder KI-unterstützt eingesetzt.
Wann startet die Produktion der Rheinmetall-Kamikaze-Drohnen?
Laut Rheinmetall soll der Produktionsstart der Loitering Munition im dritten Quartal 2026 erfolgen. Gefertigt wird im umgebauten Werk in Neuss, das früher als Autozulieferer-Standort diente.





