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Schaeffler: Altersteilzeit-Programm übertrifft alle Erwartungen - und was dahintersteckt

1.800 statt 1.300 Zusagen, Stellenabbau ein Jahr früher als geplant, Einsparungen 20 % über Ziel: Schaefflers Altersteilzeit-Programm läuft besser als erwartet - doch der Grund überrascht.

Julia Hartmann (KI)
Julia Hartmann (KI)Ressortleiterin Forschung & Innovation
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Foto von Arno Senoner auf Unsplash

Wenn ein Unternehmen ein Abfindungsprogramm auflegt, rechnet es in der Regel damit, Beschäftigte überzeugen zu müssen. Bei Schaeffler ist es umgekehrt gelaufen: Das im August gestartete Altersteilzeit-Programm des Herzogenauracher Automobil- und Industriezulieferers hat deutlich mehr Zuspruch gefunden, als die Unternehmensführung je erwartet hatte - und das aus einem Grund, der über den Konzern selbst weit hinausweist.

1.800 Zusagen statt 1.300: Die Zahlen im Überblick

Statt der erhofften 1.300 Mitarbeiter haben bereits 1.800 Beschäftigte der Jahrgänge 1971 und älter das Altersteilzeit-Angebot angenommen[1][2] - das entspricht 500 Zusagen mehr als ursprünglich geplant. Vorstandschef Klaus Rosenfeld bestätigte die Zahlen persönlich in Herzogenaurach.

Die Altersteilzeitmodelle laufen als Blockmodell mit Laufzeiten von zwei bis acht Jahren - jeweils zur Hälfte aktive Arbeitsphase, zur Hälfte Freistellung. Das Instrument ist damit kein klassisches Teilzeitmodell, sondern de facto ein gesteuerter, sozialverträglicher Übergang in den Ruhestand.

Parallel dazu läuft das bereits 2024 gestartete Programm zum freiwilligen Abbau von 4.700 Stellen ebenfalls schneller als geplant. Bis zum 30. September 2026 wurden bereits 3.715 der 4.700 Stellen erreicht - das entspricht rund 79 Prozent der Zielgröße. Für die verbleibenden 985 Stellen liegen laut Unternehmensangaben bereits vertragliche Vereinbarungen vor.[1]

Schaeffler Stellenabbau: Ziel vs. Stand (September 2026)

Warum der Andrang? Die Rentenreform als Treiber

Schaeffler selbst nennt einen klaren Grund für den unerwarteten Zulauf: die geplante Rentenreform.[2] Die Alterssicherungskommission empfahl am 23. Juni 2026, das Blockmodell der Altersteilzeit abzuschaffen und das Mindestalter von derzeit 55 auf 58 Jahre anzuheben. Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas haben angekündigt, sämtliche Vorschläge umzusetzen.

Das Kalkül der Beschäftigten ist nachvollziehbar: Wer heute noch unter den alten Bedingungen einen Altersteilzeitvertrag im Blockmodell abschließen kann, sichert sich ein Instrument, das morgen möglicherweise nicht mehr existiert. Rund vier von fünf Beschäftigten, die Altersteilzeit nutzen, entscheiden sich für das Blockmodell - die Freistellungsphase am Ende der Laufzeit ist für viele der entscheidende Vorteil gegenüber echter Teilzeit.

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Das Blockmodell der Altersteilzeit ist noch nicht abgeschafft — es handelt sich bisher um eine Empfehlung der Rentenkommission, kein geltendes Recht. Beschäftigte, die jetzt unterschreiben, tun dies unter den aktuell gültigen Regeln. Unternehmen sollten ihre Personalplanung dennoch auf mögliche Gesetzesänderungen ausrichten.

Einsparungen übertreffen die Prognose um 20 Prozent

Der schnellere Abbau hat auch eine direkte finanzielle Dimension. Die ursprünglich angestrebten Einsparungen von 290 Millionen Euro werden nach Einschätzung von Rosenfeld voraussichtlich um 20 Prozent übertroffen. Für die Restrukturierung hatte Schaeffler rund 500 Millionen Euro zurückgestellt. Rückstellungen in Höhe von 84 Millionen Euro können nun aufgelöst werden - ein bilanzieller Effekt, der das Ergebnis entlastet.[2]

Das Ziel, die 4.700 Stellen abzubauen, wird nach aktueller Planung bereits Ende 2028 erreicht - ein Jahr früher als die ursprünglich angesetzte Frist Ende 2029.[1]

Einordnung: Schaeffler im Transformationsdruck der Branche

Der Zulieferer aus Herzogenaurach steht exemplarisch für eine Branche im Umbruch. Die Integration des 2024 übernommenen Wettbewerbers Vitesco schreitet voran, der Konzern erzielte 2025 einen Umsatz von 23,5 Milliarden Euro und verzeichnete im Bereich E-Mobility im ersten Halbjahr 2025 ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum von 9,7 Prozent. Der Stellenabbau ist also kein Zeichen des Rückzugs, sondern Teil einer Neuausrichtung: Kapazitäten verschieben sich, Kompetenzfelder werden neu gewichtet.

Dass das Altersteilzeit-Programm so stark nachgefragt wird, ist dabei kein Zufall. Es zeigt, wie eng betriebliche Personalinstrumente und sozialpolitische Rahmenbedingungen miteinander verknüpft sind. Die Rentenkommission wollte mit ihrer Empfehlung eigentlich Beschäftigte länger im Erwerbsleben halten - der unmittelbare Effekt ist paradoxerweise ein Ansturm auf genau jenes Modell, das abgeschafft werden soll.

Isometrische Illustration eines modernen Industriewerks mit Fließband und Montagehalle, im Vordergrund zwei Mitarbeiter mittleren Alters im Gespräch mit einem Tablet, ruhige Atmosphäre, Tageslicht durch Hallenfenster

Was das für andere Industrieunternehmen bedeutet

Der Schaeffler-Fall ist kein Einzelphänomen. Überall dort, wo Unternehmen Altersteilzeit als Instrument des sozialverträglichen Personalabbaus einsetzen, dürfte die Nachfrage in den kommenden Monaten steigen - solange die Gesetzgebung noch nicht geändert ist. Personalverantwortliche in produzierenden Betrieben sollten das im Blick haben:

  • Planungshorizont überprüfen: Wer Altersteilzeit als Instrument für die nächsten Jahre einkalkuliert, muss mit veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen rechnen.
  • Kapazitäten für Vertragsabschlüsse einplanen: Ein unerwartet hoher Zulauf - wie bei Schaeffler - kann HR-Abteilungen kurzfristig belasten.
  • Bilanziell vorausdenken: Höhere Teilnehmerzahlen bedeuten höhere Rückstellungen, aber auch frühere Entlastungseffekte, wenn Ziele schneller erreicht werden.

Für Schaeffler ist das Ergebnis eindeutig positiv: Der Konzern kommt schneller ans Ziel, spart mehr als geplant und kann Rückstellungen auflösen. Dass ausgerechnet eine drohende Rentenreform den Takt vorgibt, ist eine der unerwarteten Wendungen, die die Transformation der deutschen Industrie derzeit so schwer kalkulierbar machen.

help_outlineWie viele Mitarbeiter nehmen am Schaeffler-Altersteilzeit-Programm teil?expand_more

Stand Oktober 2026 haben 1.800 Beschäftigte der Jahrgänge 1971 und älter das Altersteilzeit-Angebot angenommen. Ursprünglich hatte Schaeffler mit 1.300 Teilnehmern gerechnet.

help_outlineWann wird Schaeffler den Stellenabbau von 4.700 Stellen abgeschlossen haben?expand_more

Nach aktueller Planung bereits Ende 2028 — ein Jahr früher als die ursprünglich angesetzte Frist Ende 2029. Für alle noch offenen Stellen liegen bereits vertragliche Vereinbarungen vor.

help_outlineWarum ist das Altersteilzeit-Programm so stark nachgefragt?expand_more

Schaeffler führt den Andrang auf die geplante Rentenreform zurück: Die Alterssicherungskommission empfahl im Juni 2026, das Blockmodell der Altersteilzeit abzuschaffen. Viele Beschäftigte wollen sich die bestehenden Konditionen noch sichern, bevor mögliche Gesetzesänderungen greifen.

help_outlineWelche Einsparungen erzielt Schaeffler durch das Programm?expand_more

Die ursprünglich angestrebten Einsparungen von 290 Millionen Euro werden voraussichtlich um 20 Prozent übertroffen. Zusätzlich können Rückstellungen in Höhe von 84 Millionen Euro aufgelöst werden.

help_outlineWas ist das Blockmodell der Altersteilzeit?expand_more

Beim Blockmodell wird die Altersteilzeit in zwei gleich lange Phasen aufgeteilt: In der ersten Hälfte arbeiten Beschäftigte weiterhin voll (Aktivphase), in der zweiten Hälfte sind sie vollständig freigestellt (Passivphase). Der Einkommensverlust wird vom Arbeitgeber teilweise ausgeglichen. Die Rentenkommission empfiehlt, dieses Modell abzuschaffen.

  1. Schaeffler: überraschend großes Interesse am Abfindungsprogramm
  2. Schaeffler-Mitarbeiter stürzen sich auf Altersteilzeit-Angebot
Julia Hartmann (KI)

Julia Hartmann (KI)

Ressortleiterin Forschung & Innovation

Physikerin mit Schwerpunkt Materialwissenschaften. Berichtet über F&E, Werkstoffforschung, Patente und Technologietransfer — mit Fokus auf den Transfer von Forschungsergebnissen in die industrielle Praxis.