Wer in der Zerspanung wettbewerbsfähig bleiben will, kann nicht mehr nur auf mehr Schichten oder mehr Personal setzen. Die Antwort lautet zunehmend: Die Maschine läuft, auch wenn niemand da ist. Genau diesen Weg geht SLZ-Maschinenbau aus Hanau-Großauheim - und zeigt dabei, wie konsequente Automatisierung in der Praxis aussieht.
Vom Spanner zur Roboterzelle: eine zwanzigjährige Partnerschaft
Die SLZ-Maschinenbau GmbH und Gressel verbindet eine langjährige Partnerschaft. Was vor gut zwanzig Jahren mit 5-Achs-Spannern aus Aadorf begann und sich heute bis zu Werkzeugspannsystemen aus Lauffen erstreckt, hat seinen bislang letzten Evolutionsschritt in der "R-C2"-Automation von Gressel gefunden.
Das ist kein zufälliger Technologiewechsel, sondern eine logische Weiterentwicklung einer gewachsenen Lieferantenbeziehung. SLZ-Maschinenbau ist ein innovatives Unternehmen, das sich auf die Entwicklung und Herstellung von hochwertigen Maschinen und Anlagen spezialisiert hat - mit starkem Fokus auf Präzision und Qualität sowie maßgeschneiderten Lösungen für verschiedene Branchen, darunter Maschinenbau, Automatisierungstechnik und Sondermaschinenbau. Für ein solches Unternehmen ist die Frage nach der Fertigungstiefe und -effizienz keine theoretische Übung, sondern tägliche Realität.
Photo: Simon Kadula / UnsplashWas die R-C2 konkret leistet
Mit der "R-C2"-Automation von Gressel macht SLZ-Maschinenbau den nächsten Schritt: Die neue Roboterzelle ermöglicht hocheffiziente 6-Seiten-Bearbeitung und produktive Geisterschichten am Wochenende.
Das klingt kompakt - ist es aber technisch betrachtet alles andere als trivial. In der 6-Seiten-Station R-C2 erfolgt ein Handshake zwischen dem robotergeführten Zentrischspanner OP10 und dem positionierten Zentrischspanner OP20. Dabei wird das vorbearbeitete Werkstück von der 6-Seiten-Station R-C2 während des Umspannprozesses angedrückt und gespannt. Das Besondere: Der Wechsel der Aufspannung - in der manuellen Fertigung ein kritischer, fehleranfälliger Moment - läuft vollautomatisch ab.
Prozesssicherheit und die parallele Werkstückauflage im Zentrischspanner sind gewährleistet. Messfunktionen zur Prozessüberwachung und eine Ausrichtstation für Rohteile sind integriert.
Für SLZ ist dabei ein weiterer Aspekt entscheidend: SLZ fixiert die Bauteile ausschließlich mit Spanntechnik von Gressel. Verformungen werden beispielsweise bei der Bearbeitung von Karbon mit definiert am "grepos-5X" eingestellten Spannkräften vermieden. Gerade bei anspruchsvollen Werkstoffen wie Karbon ist eine kontrollierte Spannkraft keine Kür, sondern Pflicht.
Geisterschicht als Produktivitätshebel: Die R-C2 ermöglicht es, Maschinen über Nacht und am Wochenende mannlos zu betreiben. Wer ein Rack belädt und entlädt, kann die restliche Schicht für andere Aufgaben nutzen — die Maschinenlaufzeit steigt, ohne dass die Personalkosten proportional wachsen.
Die Mitarbeiterstunden an der Maschine und Automation lassen sich so reduzieren. Weniger Zeit am Spannmittel bedeutet mehr Zeit für andere Aufgaben und damit höhere Produktivität der Mitarbeiter.
Sechs Seiten in einem automatischen Arbeitsgang mannlos zu erledigen, bedeutet schnellere Produktion und mehr Fertigteile. Zu den Vorteilen zählen Vereinfachung der Logistik, weniger Lagerfläche, längere Maschinenlaufzeiten mit gleicher Speichergröße und höhere Flexibilität - das Ergebnis: bessere Rendite und ROI der Anlage.
Skalierbarkeit als Systemvorteil
Ein häufiges Gegenargument gegen Automatisierungsinvestitionen lautet: "Das funktioniert nur für unser Teilespektrum nicht." Die Praxis zeigt das Gegenteil. Ohne Umstellungen beziehungsweise Umbau greift der R-C2 unterschiedliche Produkte und führt diese sicher und schnell der Bearbeitung zu. Keine Umrüstzeiten, keine zusätzlichen Arbeitsschritte.
Dass dieses Konzept nicht nur für einen Anwendungsfall funktioniert, belegt ein weiteres Beispiel aus der Branche: Für die automatisierte, mannlose 6-Seiten-Bearbeitung von Bauteilen arbeitet Falser Maschinenbau mit einem 5-Achs-BAZ HF 5500 von Heller samt Rundspeicher- und Roboterautomation von STS sowie R-C2-Werkstückautomation von Gressel. Das Teilespektrum reicht dabei von kubischen Teilen bis hin zu Platten, und bis zu 100 kg schwere Aluminium- und Stahlteile kommen auf die Anlage. Das ist kein Nischenfall - das ist Serienautomatisierung unter realen Bedingungen.
Das zweite Praxisbeispiel: Kasto und SEW-Eurodrive
Während SLZ die Zerspanung automatisiert, zeigt ein zweites aktuelles Projekt, wie weit das Prinzip der mannlosen Fertigung in der Materialflusslogistik reicht. Das prämierte Werk Halle Nord in Graben-Neudorf von SEW-Eurodrive gilt als eines der fortschrittlichsten Produktionszentren Deutschlands.
Ausschlaggebend für die Auszeichnung des Werks waren unter anderem das innovative Werksdesign, moderne Industrie-4.0-Ansätze sowie die Umsetzung des "Never touch a part"-Prinzips, bei dem Bauteile während der gesamten Fertigung möglichst nicht berührt werden.
Im Zentrum der Anlage stehen ein Kasto-Wabenlagersystem mit 5.140 Plätzen für Kassetten bis drei Tonnen Lagerkapazität und ein Sägezentrum für die Aufnahme von 450 Einzelstangen. Diese versorgen acht vollautomatische Produktionskreissägen mit Roboterhandlingsystemen, einen Hochleistungs-Bandsägeautomat für große Materialquerschnitte und sieben Ausgabestationen zur Materialvereinzelung.
Die Herausforderung: 15 Tonnen Langgutbündel aus Stahl entmagnetisieren, vereinzeln, die drei oder sechs Meter langen Rohre und Stangen mit Durchmessern von 22 bis 260 Millimeter zur Säge transportieren und zuschneiden sowie Segmente für die Fertigung kommissionieren - alles vollautomatisch und quasi mannlos.
Dank des KASTO Warehouse Management Systems (WMS) arbeiten alle Systeme vollständig digital vernetzt. Das ermöglicht eine Bedienung der komplett automatisierten Anlage mit nur bis zu vier Personen.
Über eine Schnittstelle kommuniziert KASTOlogic mit dem SAP-ERP-System, um die Automatisierung zu vervollständigen. Lager, Säge und ERP sprechen also dieselbe Sprache - das ist der eigentliche Kern moderner Smart-Factory-Konzepte.
Was beide Fälle gemeinsam haben
Auf den ersten Blick sind SLZ-Maschinenbau und SEW-Eurodrive kaum vergleichbar - ein mittelständischer Sondermaschinenbauer aus Hanau auf der einen, ein globaler Antriebstechnik-Konzern mit 4,5 Milliarden Euro Umsatz (2023) und 22.000 Mitarbeitern weltweit auf der anderen Seite. Und doch folgen beide Projekte derselben Logik:
- Mannlose Bearbeitung als strategisches Ziel, nicht als Notlösung
- Systemintegration statt Insellösung - Spanntechnik, Robotik, WMS und ERP greifen ineinander
- Skalierbarkeit von Losgröße 1 bis zur Serienfertigung
- Fachkräftemangel als Treiber: Weniger Personal an der Maschine, mehr Wertschöpfung pro Kopf
Maximale Effizienz durch Automatisierung: KASTO und SEW-EURODRIVE entwickelten eine Komplettlösung, bei der Metallsägen und Lagertechnik nahtlos ineinandergreifen und die Fertigung des Antriebstechnik-Spezialisten zentral mit Halbzeugen versorgen. Ob Losgröße 1 oder 10.000 - die weltweit einzigartige Anlage organisiert alle Prozessschritte vollautomatisch.
Genau das ist der Maßstab, an dem sich Automatisierungsprojekte heute messen lassen müssen: nicht die Frage, ob eine Maschine läuft, sondern ob das Gesamtsystem - vom Rohteil bis zum Fertigteil - ohne menschliche Eingriffe auskommt.
Fazit: Geisterschichten sind kein Zukunftsszenario mehr
SLZ-Maschinenbau zeigt, dass der Einstieg in die vollautomatische Fertigung kein Großprojekt erfordert. Eine gewachsene Partnerschaft, die richtige Spanntechnik und eine Roboterzelle, die das Umspannen übernimmt - das reicht, um Wochenenden produktiv zu machen. SEW-Eurodrive demonstriert, wohin diese Reise führt, wenn man das Prinzip konsequent zu Ende denkt: eine Fabrik, in der Material fließt, ohne dass jemand es anfasst.
Für Fertigungsverantwortliche lautet die relevante Frage nicht mehr "Brauchen wir Automatisierung?", sondern: "Welcher Schritt ist für uns der nächste?"
Was ist die Gressel R-C2 und für wen ist sie geeignet?
Die R-C2 ist eine Werkstückautomation von Gressel, die vollautomatische 6-Seiten-Bearbeitung auf CNC-Fräsmaschinen ermöglicht. Sie eignet sich für Betriebe mit variablem Teilespektrum — von kubischen Teilen bis zu Platten — und lässt sich ohne Umrüstzeiten an unterschiedliche Werkstücke anpassen.
Was bedeutet 'Geisterschicht' in der Fertigung?
Als Geisterschicht bezeichnet man Maschinenlaufzeiten ohne anwesendes Personal — typischerweise nachts oder am Wochenende. Voraussetzung ist eine zuverlässige Automation, die Werkstücke selbstständig spannt, bearbeitet und ablegt, ohne dass ein Bediener eingreifen muss.
Was ist das 'Never touch a part'-Prinzip bei SEW-Eurodrive?
Das Prinzip beschreibt eine Fertigungsphilosophie, bei der Bauteile während der gesamten Produktion möglichst nicht manuell berührt werden. Lager, Sägen, Transportsysteme und ERP sind so vernetzt, dass Material automatisch kommissioniert, transportiert und zugeschnitten wird.
Welche Rolle spielt das WMS von Kasto bei SEW-Eurodrive?
Das Kasto Warehouse Management System (KASTOlogic) vernetzt alle Lager- und Sägesysteme digital miteinander und kommuniziert über eine Schnittstelle mit dem SAP-ERP-System von SEW-Eurodrive. So wird die gesamte Materialversorgung der Fertigungshalle vollautomatisch und bedarfsgerecht gesteuert.





