Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands war 2025 ungefähr so hoch wie 2019 - sechs Jahre wirtschaftlicher Stillstand, gemessen an der Gesamtleistung. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Die Stagnation ist nur die Oberfläche. Darunter laufen zwei gegenläufige Trends, die für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit des Landes weit beunruhigender sind als jede Rezessionsquartal-Statistik.
Das hat ifo-Präsident Clemens Fuest in einem Standpunkt vom 25. Juni 2026 klar benannt - und die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.
Die Schere öffnet sich: Staatskonsum gegen Privatinvestitionen
Seit 2015 ist das deutsche BIP inflationsbereinigt um 9 % gestiegen - der Staatskonsum hingegen um 29 %. Gleichzeitig sind die privaten Investitionen, die bis 2019 noch zulegten, seitdem kontinuierlich gesunken und liegen heute wieder auf dem Niveau von 2015. Das ist die Kernbotschaft, die Fuest im Handelsblatt und auf der ifo-Website veröffentlicht hat.
Noch konkreter zeigen die aktuellen Quartalsdaten, wie sich der Trend fortsetzt: Im ersten Quartal 2026 stieg der Staatskonsum um 1,14 % gegenüber dem Vorquartal, während die privaten Investitionen im gleichen Zeitraum um 0,12 % sanken.
Was genau fällt unter den Begriff "Staatskonsum"? Fuest definiert ihn klar: Es handelt sich vor allem um Ausgaben für Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes - einschließlich Bundeswehr und Polizei -, für den Sachaufwand von Behörden sowie soziale Sachtransfers wie Gesundheits- und Pflegeleistungen oder Jugendhilfe. Öffentliche Investitionen und Transferzahlungen wie Renten oder Bürgergeld zählen ausdrücklich nicht dazu.
Warum das kein Konjunkturproblem ist, sondern ein Strukturproblem
Man könnte einwenden, dass staatliche Mehrausgaben in Krisenzeiten sinnvoll sind - etwa während der Corona-Pandemie 2020. Das stimmt. Fuest räumt das selbst ein: Wenn eine Krise endet, sollten die Ausgaben wieder zurückgeführt werden. Genau das ist in Deutschland nicht passiert.
EU-weit ist der Staatskonsum nicht schneller gestiegen als die Wirtschaftsleistung - Deutschland ist damit ein Ausreißer im europäischen Vergleich. Auch das demografische Argument - ältere Bevölkerung braucht mehr Gesundheits- und Pflegeleistungen - greift laut Fuest nur bedingt: Die Alterung zwischen 2015 und 2025 sei nicht so massiv, dass sie den gesamten Anstieg erklären könne.
Das eigentliche Problem ist die Dynamik: Wenn der Staatskonsum dauerhaft schneller wächst als die Wirtschaftsleistung, entstehen Haushaltslücken, die früher oder später durch steigende Steuern und Abgaben geschlossen werden müssen. Und genau das beschleunigt den Rückgang der Privatinvestitionen weiter - ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
Der Mechanismus in drei Schritten: Staatskonsum wächst schneller als das BIP → Haushaltsdefizite entstehen → Steuer- und Abgabenlast steigt → private Investitionen werden unattraktiver → weniger Wachstum → weniger Steuereinnahmen → noch weniger Spielraum für Investitionen.
Was das für die Industrie bedeutet
Für produzierende Unternehmen ist dieser Befund kein abstraktes volkswirtschaftliches Problem. Das industrielle Beschäftigungsniveau liegt laut Fuest aktuell rund sechs bis sieben Prozent unter dem Niveau von 2015 - während der öffentliche Personalbestand gewachsen ist. Fachkräfte wandern in den öffentlichen Dienst, Investitionsanreize fehlen, und die Steuer- und Abgabenlast drückt auf die Margen.
Fuest bringt es auf den Punkt: Weniger private Investitionen bedeuten mittelfristig weniger Wachstum, weniger Steuereinnahmen - und damit paradoxerweise auch weniger Geld für staatliche Leistungen. Die Spirale dreht sich nach unten, nicht nach oben.
Besonders alarmierend ist der Vergleich mit Italien: Fuest hat mehrfach darauf hingewiesen, dass Deutschland in eine Phase dauerhafter Stagnation geraten könnte - ähnlich wie Italien, das über ein Vierteljahrhundert wirtschaftlich kaum vorankam. "Wir können auch ein Vierteljahrhundert stagnieren. Das kann durchaus passieren, wenn wir uns nicht bewegen", warnte Fuest.
Was Fuest fordert - und was das politisch bedeutet
Die Forderungen des ifo-Präsidenten sind konkret: Die Politik muss die staatlichen Konsumausgaben eindämmen und gleichzeitig Reformen umsetzen, die privates Wirtschaftswachstum wieder ermöglichen. Die Schere zwischen expandierendem Staatskonsum und sinkenden Privatinvestitionen müsse dringend geschlossen werden.
Im ersten Quartal 2026 stieg der Staatskonsum erneut - entgegen dem erklärten Ziel von Bundeskanzler Friedrich Merz, die Kurven von Staatskonsum und Privatinvestitionen während seiner Regierungszeit wieder anzunähern.
Konkret schlägt Fuest unter anderem vor:
- Bürokratieabbau bei Dokumentationspflichten (CO₂, Lieferketten, Mindestlohn), die Unternehmen belasten, ohne volkswirtschaftlichen Mehrwert zu erzeugen
- Sozialreformen, die verhindern, dass Sozialbeiträge weiter steigen
- Mehr Offenheit für neue Technologien und bessere Rahmenbedingungen für Innovationen - in Start-ups wie in etablierten Unternehmen
Photo: Alex Simpson / UnsplashEinordnung: Berechtigte Warnung oder einseitige Analyse?
Es gibt Ökonomen, die Fuests Interpretation der Daten in Frage stellen. Das Argument: Der Anstieg der Staatsausgaben habe in den Krisenjahren verhindert, dass die Wirtschaft noch tiefer abgestürzt wäre. Zudem seien Staatskonsum und sinkende Privatinvestitionen nicht zwingend kausal verknüpft - andere Faktoren wie geopolitische Unsicherheiten, Energiepreisschocks und globale Nachfrageschwäche spielten ebenfalls eine Rolle.
Das ist nicht falsch. Aber es ändert nichts an der strukturellen Diagnose: Ein dauerhaftes Auseinanderdriften von staatlichem Konsum und privater Investitionstätigkeit ist langfristig nicht tragfähig - darin sind sich auch Fuests Kritiker einig. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell gegengesteuert wird.
Für die deutsche Industrie läuft die Zeit. Wer auf Investitionsentscheidungen wartet, die von Standortbedingungen abhängen - Energiepreise, Abgabenlast, Bürokratieaufwand -, braucht politische Signale, keine weiteren Analysen. Die Daten liegen auf dem Tisch. Jetzt ist Handeln gefragt.
Quellen: ifo Institut, Standpunkt vom 25. Juni 2026; Handelsblatt, 24. Juni 2026; Hasepost; Berliner Sonntagsblatt; Verkehrsrundschau





