Der Druck auf Entwicklungsteams in der Automobilindustrie wächst unaufhörlich: komplexere E/E-Architekturen, strengere Normen, kürzere Projektlaufzeiten. Genau in dieses Spannungsfeld stoßen der französische Mobilitätstechnologieanbieter Valeo und der japanische EDA-Spezialist Zuken mit einer strategischen Partnerschaft vor, die am 28. Mai 2026 offiziell bekannt gegeben wurde.

Das "Zuken Valeo InnoLab" - Kern der Kooperation
Valeo und Zuken haben eine strategische Partnerschaft für den Bereich Electronic Design Automation (EDA) geschlossen. Kernstück der Kooperation ist das gemeinsame Programm "Zuken Valeo InnoLab". Das erklärte Ziel: die fortschrittlichste und offenste KI-gestützte Plattform für die elektronische Entwicklung in der Automobilindustrie zu schaffen.
Technologisch verbindet die Plattform die Softwarearchitektur von Zuken mit den sogenannten "AI Agents" und dem spezifischen Branchen-Know-how von Valeo. Ziel sei es, Entwicklungswerkzeuge und Ingenieure enger miteinander zu verzahnen und Aufgaben im Engineering stärker durch künstliche Intelligenz zu unterstützen.
Nach Angaben der Unternehmen soll die Plattform dazu beitragen, Entwicklungszeiten in der Fahrzeugelektronik zu verkürzen und zugleich die Robustheit elektronischer Designs zu erhöhen.
Vier Innovationsfelder entlang des Design-Flows
Die Co-Innovation ist nicht abstrakt, sondern entlang des konkreten Entwicklungsprozesses strukturiert. Die Zusammenarbeit umfasst vier Bereiche: generatives Design mit Zukens System Planner, digitale Kontinuität gemäß Automotive SPICE 4.0, KI-gestützte Schaltplanerstellung und Regelprüfung sowie automatisiertes Placement-and-Routing über Zukens Design-Force-Engine.
Offene Architektur als strategischer Differenziator
Ein wesentliches Merkmal der Partnerschaft ist die Offenheit der Plattform. Zuken öffnet sein Software Development Kit für Valeos KI-Agenten und ermöglicht damit das Training auf automobilspezifische Design-Constraints. Valeo kann so Zukens Placement-and-Routing-Algorithmen auf automotive-spezifische Anforderungen trainieren - und sich damit faktisch eine maßgeschneiderte Variante des Toolsets aufbauen.
Ein unterscheidendes Merkmal der Valeo-Zuken-Initiative ist die Kombination einer offenen EDA-Architektur mit herstellerseitig entwickelten KI-Agenten, die auf automotive Engineering-Prozesse trainiert wurden. Große EDA-Anbieter wie Siemens EDA, Cadence Design Systems und Synopsys haben zwar ebenfalls KI-Technologien für Schaltungsdesign, Verifikation sowie Placement und Routing eingeführt - die Tiefe der Integration und die Offenheit des SDK-Ansatzes heben das InnoLab jedoch von klassischen Vendor-Lösungen ab.
Warum dieser Ansatz jetzt kommt
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Mit dem Vormarsch softwaredefinierter Fahrzeuge, Elektrifizierungssystemen und fortschrittlichen Fahrerassistenzfunktionen wächst die Komplexität der Fahrzeugelektronik stetig - Engineering-Teams stehen vor wachsenden Herausforderungen bei der Verwaltung von Hardware-Architekturen, Design-Validierung und Entwicklungs-Traceability.
Zukünftige automatisiert fahrende Fahrzeuge werden laut Brancheneinschätzungen rund 300 bis 500 Millionen Zeilen Software-Code benötigen. Hatte ein Auto im Jahr 2010 noch rund zehn Millionen Zeilen Software-Code, stecken in aktuellen, nicht automatisiert fahrenden Fahrzeugen bereits rund 100 Millionen Codezeilen. Dieser Komplexitätssprung macht manuelle oder nur teilautomatisierte EDA-Prozesse zunehmend unwirtschaftlich.
Kooperationen mit Hyperscalern, Halbleiterherstellern, Softwarehäusern und Open-Source-Initiativen gewinnen an Bedeutung, da kein Unternehmen die steigende Komplexität alleine bewältigen kann. Das InnoLab ist ein konkretes Beispiel für diesen Trend: Statt proprietärer Insellösungen entsteht ein gemeinsames Ökosystem, das Werkzeug und Ingenieur in Echtzeit zusammenbringt.
Die Partner im Profil
Valeo erzielte 2025 einen Umsatz von 20,9 Milliarden Euro, beschäftigt weltweit 100.000 Mitarbeiter und betreibt 149 Produktionswerke sowie 59 F&E-Zentren in 29 Ländern. Das Unternehmen ist in die Divisionen POWER, BRAIN und LIGHT sowie Valeo Service gegliedert.
Zuken wurde 1976 gegründet und hat sich als globaler Softwareanbieter auf elektrische und elektronische Designlösungen spezialisiert. Die Flaggschiff-Produktfamilien CR-8000 für elektronisches Design und E3.series für elektrische Systeme bieten umfassende 2D/3D-Toolsets auf Systemebene, unterstützt durch robuste Design-Daten- und Konfigurationsmanagement-Fähigkeiten. Mit dem strategischen Einstieg in Model-Based Systems Engineering (MBSE) hat Zuken die digitale Transformation vorangetrieben und MBSE-Tools mit etablierten Design-Plattformen integriert.
Stimmen aus den Unternehmen
Christophe Le Ligné, Vice President Research and Development bei Valeo, beschreibt die Partnerschaft als strategische Weichenstellung: "Die Stärke von Zukens KI-Roadmap, kombiniert mit der außergewöhnlichen Offenheit der Architektur, ermöglicht es uns, unsere eigenen KI-Tools mit ihrer Plattform zu verbinden. Diese Win-win-Partnerschaft ist der beste Weg, die Herausforderungen der wachsenden Komplexität in der Automobilindustrie zu bewältigen, indem wir unsere Entwicklungszeiten drastisch verkürzen."
Ryosuke Takagi, Executive Officer und General Manager der F&E-Division bei Zuken, betonte, dass die Partnerschaft die "Autonomous Brain"-KI-Roadmap des Unternehmens stärkt. Die Öffnung von System Planner, Design Gateway und Design Force für Valeos KI-Agenten zeige, wie KI-gestütztes Engineering fortschrittliche Softwarefähigkeiten mit industrieller Expertise verbinden kann, um der wachsenden Komplexität der Automobilindustrie zu begegnen.
Einordnung: Modell mit Signalwirkung
Eine KI-automatisierte Traceability könnte den Compliance-Aufwand für jeden Tier-1-Zulieferer, der unter dem ASPICE-Standard arbeitet, spürbar reduzieren - und macht den InnoLab-Ansatz zu einem Modell mit potenziellem Adoptionspotenzial weit über Valeo hinaus.
Sollte die Zusammenarbeit messbare Reduzierungen der Designzeiten liefern, könnten EDA-Anbieter, die keine vergleichbare Offenheit bieten, unter Druck von Tier-1-Zulieferern mit ähnlichen internen KI-Ambitionen geraten. Die Frage, ob Plattform-Offenheit künftig zum Beschaffungskriterium für EDA-Software wird, stellt sich damit für die gesamte Branche.
Das Zuken Valeo InnoLab wird schrittweise weiterentwickelt. Ob die angekündigten Effekte – kürzere Entwicklungszeiten, höhere Robustheit, ASPICE-4.0-Konformität – in Serienprojekten zuverlässig nachgewiesen werden können, bleibt die entscheidende Bewährungsprobe für das Partnerschaftsmodell.





