Was wie eine Routineaufgabe klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als handfestes Ingenieurproblem: Wie transportiert man hochpräzise Dichtelemente, die im Betrieb Drücken von bis zu 300 bar standhalten müssen, unbeschadet vom Fertigungsstandort bis zum Einbauort? Der Technologiekonzern Hoerbiger hat gemeinsam mit dem Verpackungsspezialisten Antalis eine Antwort gefunden - und die liegt näher am Wellpappenkarton als an der Hightech-Sonderlösung.
Druckpackungen: Kleine Bauteile mit großer Systemrelevanz
Druckpackungen sind zentrale Bauteile in Kolbenkompressoren. Ihre Aufgabe ist so simpel wie kritisch: Sie sorgen dafür, dass Luft, Stickstoff, Wasserstoff oder Methan auch bei hohem Druck im System bleiben.
In Raffinerien, Chemieanlagen und anderen Verarbeitungsbetrieben geht kaum etwas ohne leistungsfähige Kompressoren, die Prozessgase auf hohe Drücke verdichten. Damit diese Gase sicher im System bleiben, kommen in Kolbenkompressoren sogenannte Druckpackungen zum Einsatz - diese Dichtelemente entscheiden häufig über die Anlagenverfügbarkeit.
Die Anforderungen an das Bauteil selbst sind extrem: Die hintereinander angeordneten Packungsringe müssen die Kolbenstange bei bis zu 300 bar und Zylindertemperaturen von -50 bis 300 Grad Celsius zuverlässig abdichten und außerdem Reibungs- und Verdichtungswärme ableiten. Wer solche Bauteile fertigt, weiß: Ein Schaden auf dem Transportweg ist nicht nur ein Logistikproblem - er kann Anlagenstillstände und kostspielige Verzögerungen nach sich ziehen.
Druckpackungen sind keine Massenware. Ihre Funktion — und damit die Verfügbarkeit ganzer Industrieanlagen — hängt davon ab, dass sie unbeschädigt und lagerichtig am Einbauort ankommen.
125 Varianten, ein System
Als Hoerbiger auf der Suche nach einer neuen Transportverpackung an Antalis herantrat, zeigte sich schnell, dass es sich nicht um ein klassisches Verpackungsprojekt handelte. Die Druckpackungen liegen in 125 unterschiedlichen Größen und Varianten vor, mit stark variierenden Längen, Durchmessern und Gewichten von 10 bis 150 Kilogramm.
Das schließt eine maßgeschneiderte Einzellösung pro Variante wirtschaftlich aus. Eine starre, auf einzelne Formteile zugeschnittene Lösung hätte nicht nur hohe Kosten verursacht, sondern auch jede spätere Produktänderung zum Problem gemacht.
Die Anforderungen, die Hoerbiger an Antalis formulierte, gingen über bloßen Schutz hinaus. Das Innenleben der Verpackung sollte als Einstofflösung ausgeführt sein, möglichst ressourcenschonend, leicht zu handhaben, modular aufbaubar und kosteneffizient. Hinzu kam eine weitere Randbedingung: Die neuen Einsätze mussten in zwei vorgegebene Holzkistengrößen passen, die bei Hoerbiger konzernweit im Einsatz sind.
Photo: Giorgio Trovato / UnsplashDie Lösung: Modular, einstoffig, stehend
Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist ein dreiteiliges Wellpapp-System. Es besteht aus einem Unterteil, einem faltbaren Mittelteil und einem Oberteil, das die breitere Seite der Druckpackung abdeckt und diese nach oben hin fixiert. Das System sichert den stehenden Transport von 125 unterschiedlichen Varianten.
Der stehende Transport ist dabei kein ästhetisches Detail, sondern eine funktionale Vorgabe. Druckpackungen sind in ihrer Geometrie asymmetrisch und empfindlich gegenüber Lageabweichungen - ein liegender Transport kann Packungsringe belasten oder verschieben, bevor das Bauteil überhaupt verbaut wurde.
Der modulare Aufbau löst das Variantenproblem elegant: Durch das faltbare Mittelteil lässt sich die Verpackungshöhe an unterschiedliche Baulängen anpassen, ohne dass für jede Variante ein eigenes Formteil entwickelt werden muss. Die Einstofflösung aus Wellpappe vereinfacht zudem die Entsorgung und entspricht dem Anspruch an Ressourcenschonung.
Hoerbiger definiert Rahmenbedingungen: 125 Varianten, Gewichte von 10 bis 150 kg, stehender Transport, Einstofflösung, zwei Holzkistengrößen.
Antalis entwickelt ein dreiteiliges Wellpapp-System mit faltbarem Mittelteil — modular, anpassbar, ohne Einzelformteile pro Variante.
Die Wellpapp-Einsätze werden in die konzernweit einheitlichen Holzkisten eingesetzt — keine Umstellung der Außenverpackung notwendig.
Die Druckpackungen werden stehend und lagegesichert transportiert — unbeschädigt und einbaufertig am Zielort.
Was das Beispiel über industrielle Verpackungslogik aussagt
Der Fall Hoerbiger/Antalis illustriert ein Problem, das in der produzierenden Industrie häufig unterschätzt wird: Die Verpackung ist kein nachgelagertes Thema, sondern Teil der Qualitätskette. Wer hochpräzise Bauteile fertigt, muss sicherstellen, dass diese Präzision auch den Weg zum Einbauort übersteht.
Der Schlüssel zum reibungslosen Betrieb des Kompressors liegt in der richtigen Kombination von Werkstoffauswahl und Design der Packungs- und Zylinderringe, perfekt abgestimmt auf Bauart, Betriebsweise und Einsatzbedingungen des Kompressors. Dieser Grundsatz gilt sinngemäß auch für die Verpackung: Sie muss auf das Bauteil abgestimmt sein - nicht umgekehrt.
Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass Standardisierung und Flexibilität kein Widerspruch sein müssen. Ein modulares System, das konzernweit einheitliche Außenverpackungen nutzt und dennoch 125 Innengeometrien abdeckt, ist wirtschaftlich und logistisch überlegen gegenüber einer Vielzahl von Sonderlösungen.
Durch den Einsatz von Hochleistungskunststoffen lassen sich Reibungsverluste reduzieren und Wartungsintervalle verlängern - das wirkt sich direkt auf die Betriebskosten und die Anlagenverfügbarkeit aus. Was für das Bauteil selbst gilt, gilt für seine Verpackung ebenso: Wer hier spart oder improvisiert, riskiert Folgekosten, die den Verpackungsaufwand um ein Vielfaches übersteigen.
Fazit
Die Lösung, die Hoerbiger und Antalis entwickelt haben, ist technisch unspektakulär - und genau das ist ihre Stärke. Wellpappe, modular konfektioniert, in bestehende Holzkisten integriert: kein Sondermaterial, keine komplexe Logistik, keine Einzelanfertigung pro Variante. Stattdessen ein System, das skaliert, das sich an Produktänderungen anpassen lässt und das die Anforderungen an Ressourcenschonung und Handhabbarkeit erfüllt.
Für Unternehmen, die ähnlich heterogene Bauteilportfolios transportieren, lohnt sich der Blick auf dieses Prinzip: Die Frage ist nicht, welche Verpackung zum Produkt passt - sondern welches System zu allen Produkten passt.
Was ist eine Druckpackung?
Eine Druckpackung ist ein Dichtsystem in Kolbenkompressoren. Sie besteht aus mehreren hintereinander angeordneten Packungsringen, die die Kolbenstange abdichten und verhindern, dass verdichtete Gase wie Luft, Stickstoff, Wasserstoff oder Methan aus dem System entweichen.
Warum ist der stehende Transport von Druckpackungen wichtig?
Druckpackungen sind geometrisch asymmetrisch und empfindlich gegenüber Lageabweichungen. Ein liegender Transport kann die Packungsringe mechanisch belasten oder verschieben, bevor das Bauteil verbaut wird — mit möglichen Folgen für die Dichtleistung im Betrieb.
Warum wurde Wellpappe als Material gewählt?
Wellpappe erfüllt die Anforderung an eine Einstofflösung: Sie ist ressourcenschonend, leicht zu handhaben, modular verarbeitbar und einfach zu entsorgen. Zudem lässt sie sich ohne Sonderformteile an unterschiedliche Bauteilgeometrien anpassen.
Wie deckt ein System 125 Varianten ab?
Das dreiteilige Wellpapp-System von Antalis nutzt ein faltbares Mittelteil, das die Verpackungshöhe flexibel anpasst. Dadurch können unterschiedliche Baulängen und Durchmesser abgedeckt werden, ohne für jede Variante ein eigenes Formteil zu benötigen.





