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VW-Chef Blume: "Intelligentere Lösungen" - aber was steckt dahinter?

VW-Konzernchef Oliver Blume verspricht Alternativen zu Werksschließungen. Doch die Zahlen zeigen: Der Druck auf den Konzern ist strukturell - und wächst.

Martin Brückner (KI)
Martin Brückner (KI)Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit
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Foto von Campaign Creators auf Unsplash

Oliver Blume wählt seine Worte mit Bedacht. "Es gibt intelligentere Lösungen, als Werke zu schließen", sagte der VW-Konzernchef der Bild am Sonntag - wenige Tage nachdem sein Sparpaket im Aufsichtsrat gescheitert war. Der Satz klingt beruhigend. Er ist es nicht.

Denn hinter der diplomatischen Formulierung verbirgt sich eine der schwersten Restrukturierungen in der Geschichte des deutschen Automobilbaus - mit Zahlen, die für sich sprechen.

120.000 Stellen, vier Werke, ein Ultimatum

Laut Medienberichten sieht das interne Konzeptpapier "Zielbild 2030" die Schließung von mindestens vier deutschen VW-Werken vor. Betroffen wären die Standorte Zwickau in Sachsen, Emden in Niedersachsen, das Audi-Werk in Neckarsulm in Baden-Württemberg und das Nutzfahrzeug-Werk in Hannover. In diesen vier Fabriken arbeiten zusammen rund 40.000 Menschen.

Konzernweit geht es laut Berichten um bis zu 120.000 Stellen - doppelt so viele wie der bisher beschlossene Abbau von 50.000 Jobs. Der Abbau von 50.000 Stellen ist bereits beschlossen. Die neue Zahl, die die Bild nennt, würde den Konzern in eine andere Dimension katapultieren.

Das Sparpaket von Vorstandschef Blume fand im Aufsichtsrat keine Mehrheit. Bei der rund vierstündigen Sitzung am Donnerstag stimmten die Vertreter der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen gegen das Paket. Da derzeit ein Sitz der Kapitalseite unbesetzt ist, haben Arbeitnehmer und Niedersachsen zusammen eine Mehrheit von zwölf zu sieben Stimmen im Aufsichtsrat.

Der Plan namens "Group Target Picture" sei an zu vielen Stellen zu unscharf gewesen, hieß es aus Konzernkreisen. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies hatte seine Position bereits im Vorfeld klar gemacht: Das Land werde keiner Entwicklung zustimmen, "die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setzt".

Was Blume wirklich plant

Blume selbst bleibt vage - aber nicht ohne Substanz. Ein Sparprogramm an den deutschen Produktionsstandorten zeige bereits Wirkung: "Unsere Fabrikkosten in Deutschland konnten wir allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich 20 Prozent verbessern. Ein starker Fortschritt."

Gleichzeitig skizziert er eine Neuausrichtung des Produktportfolios: Die Modellpalette werde um bis zu 50 Prozent gestrafft, die Angebotskomplexität um bis zu 75 Prozent reduziert und die Produktionskapazitäten auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr angepasst. Das ist eine massive Schrumpfkur - auch wenn sie ohne Werksschließungen auskommen soll.

Statt Fabriken direkt zu schließen, könnte Volkswagen die Produktion China-fokussierter Modelle in unterausgelastete deutsche Werke wie Zwickau verlagern. Zudem wurde vorgeschlagen, untergenutzte Fabriken künftig von Rüstungsunternehmen nutzen zu lassen, die ihre Kapazitäten ausbauen wollen.

a large machine in a factory with people working on itPhoto: Homa Appliances / Unsplash

Die eigentliche Ursache: Strukturverschiebung, kein Konjunkturtal

Blumes Formulierung "intelligentere Lösungen" klingt nach Pragmatismus. Doch die Zahlen zeigen, dass VW nicht an einem temporären Absatzdip leidet - sondern an einem strukturellen Marktversagen in seinen wichtigsten Wachstumsregionen.

Der Absatz sank im zweiten Quartal weltweit um 8,6 Prozent auf knapp 2,1 Millionen Fahrzeuge. In China brachen die Verkäufe um 36,6 Prozent ein. Im ersten Halbjahr 2026 setzte sich der Trend fort: Der Konzern lieferte in den ersten sechs Monaten des Jahres 4,1 Millionen Autos aus - ein Rückgang von gut sechs Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Der Kern des Problems liegt in China. Volkswagen hat dort insbesondere bei Elektroautos den Anschluss verloren und ist nach jahrelanger Marktdominanz inzwischen nur noch der drittgrößte Autobauer in der Volksrepublik. Chinesische Marken hielten zuletzt bereits 75,5 Prozent des heimischen Pkw-Marktes - für ausländische Verbrenner-Hersteller bleibt kaum noch Raum.

Die Werksauslastung des VW-Konzerns liegt 2026 bei 81 Prozent; für das Werk Zwickau wird bis 2030 ein Einbruch von 88 auf 42 Prozent erwartet. Das ist keine Delle - das ist ein struktureller Kapazitätsüberhang, der sich mit Kostensenkungen allein nicht auflösen lässt.

VW-Konzern: Absatzrückgänge nach Region (2025/2026)

Geopolitik als Verstärker

Blume selbst benennt das Umfeld: "Unser Umfeld war noch nie so anspruchsvoll und risikobehaftet wie heute. Geopolitische Spannungen, Handelsbarrieren, Regulatorik, Marktumbrüche und intensive Konkurrenz."

Das ist keine Übertreibung. In den USA ging der Absatz um 8,2 Prozent zurück. Dabei spielen auch die Zölle von US-Präsident Donald Trump eine Rolle, die Autoimporte verteuern. Volkswagen verfügt zwar über ein Werk in den USA, importiert aber wichtige Modelle wie den Tiguan oder den Golf aus Mexiko und Europa.

Die Profitabilität des Konzerns hat sich zwischen 2021 und 2025 halbiert. Das ist der eigentliche Hintergrund, vor dem Blumes Sparpaket zu verstehen ist - und vor dem seine Aussagen über "intelligentere Lösungen" bewertet werden müssen.

Lichtblick Elektro - aber nur in Europa

Nicht alles zeigt nach unten. Hoffnung mache die neue Elektroflotte, sagte Blume: "Von unserer neuen Einstiegsfamilie um den ID. Polo haben wir über 50.000 Autos in den ersten vier Wochen verkauft."

In Europa wuchsen die E-Auto-Verkäufe im Halbjahr um 8,4 Prozent auf 377.000 Fahrzeuge; für die Electric Urban Car Family liegen bereits 54.000 Bestellungen vor. Das reicht nicht, um die Gesamtbilanz zu drehen, zeigt aber, dass der europäische Heimatmarkt der einzige verlässliche Anker bleibt.

Was jetzt zählt

Die Frage ist nicht, ob VW Kosten senken muss - das ist unbestritten. Die Frage ist, ob die "intelligenten Lösungen", die Blume verspricht, tatsächlich ausreichen, um einen Konzern mit über 600.000 Mitarbeitern wettbewerbsfähig zu halten, während sein wichtigster Auslandsmarkt strukturell wegbricht.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sagte, es gebe ein "gemeinsames Verständnis", dass die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens "nicht gegeben ist und dass man etwas tun muss". Das ist der seltene Moment, in dem Arbeitnehmerseite, Kapitalseite und Politik zumindest in der Diagnose übereinstimmen - auch wenn sie beim Rezept weit auseinanderliegen.

Blume hat angekündigt, die "umfassendste Neuausrichtung der Konzerngeschichte" voranzutreiben. Die nächsten Wochen - nach der Sommerpause, mit den angekündigten Betriebsversammlungen - werden zeigen, ob seine Formulierungen Substanz haben oder nur Aufschub bedeuten.

help_outlineWelche VW-Werke sind von Schließungen bedroht?expand_more

Laut Medienberichten gelten die Standorte Zwickau (Sachsen), Emden (Niedersachsen), Hannover (Niedersachsen) und das Audi-Werk Neckarsulm (Baden-Württemberg) als gefährdet. An diesen vier Standorten arbeiten zusammen rund 40.000 Menschen. Offizielle Bestätigung durch VW steht aus.

help_outlineWarum scheiterte Blumes Sparpaket im Aufsichtsrat?expand_more

Die Vertreter der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen stimmten gemeinsam gegen das Paket — mit einer Mehrheit von 12 zu 7 Stimmen. Aus Konzernkreisen hieß es, der Plan sei an zu vielen Stellen zu unscharf gewesen. Niedersachsen hatte bereits im Vorfeld angekündigt, Werksschließungen nicht zuzustimmen.

help_outlineWas sind die 'intelligenten Lösungen', von denen Blume spricht?expand_more

Konkret nannte Blume eine Reduzierung der Fabrikkosten um 20 Prozent im Vorjahr, eine Straffung der Modellpalette um bis zu 50 Prozent sowie eine Anpassung der Produktionskapazitäten auf neun Millionen Fahrzeuge jährlich. Diskutiert wird auch die Verlagerung von China-Modellen in unterausgelastete deutsche Werke oder die Nutzung freier Kapazitäten durch Rüstungsunternehmen.

help_outlineWie stark ist VW in China unter Druck?expand_more

Sehr stark. Im ersten Halbjahr 2026 brach der VW-Absatz in China um mehr als ein Viertel ein. Chinesische Marken halten inzwischen rund 75 Prozent des heimischen Pkw-Marktes. VW ist von der jahrelangen Marktführerschaft auf Platz drei zurückgefallen.

Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.