Volkswagen hat auf der Power2Drive in München einen Schritt vollzogen, der in der Branche seit Jahren diskutiert wird: Das Elektroauto soll nicht länger nur Strom verbrauchen, sondern ihn auch zurückgeben. Zusammen mit der Konzerntochter Elli präsentierte VW am 23. Juni 2026 ein integriertes Vehicle-to-Grid-Paket (V2G) für den deutschen Privatkundenmarkt. Die Vorregistrierung ist geöffnet, der Bestellstart für die Hardware ist für Ende 2026 geplant.
Das ist kein Pilotprojekt mehr. Es ist der Versuch, eine Technologie, die bislang in Labors und Feldversuchen steckte, in den Massenmarkt zu überführen.
Was das Angebot konkret enthält
Das Paket verbindet kompatible Elektrofahrzeuge, den Elli BiDi Charger, den Volkswagen Naturstrom V2G Flow Tarif sowie die Elli BiDi App und ermöglicht so erstmals die aktive Teilnahme am Energiemarkt über das eigene Elektrofahrzeug.
Bei der BiDi-Wallbox handelt es sich um ein Modell, das The Mobility House gemeinsam mit EcoG und dem chinesischen Ladestationshersteller EV-Tech entwickelt hat - eine DC-Wallbox namens ChargeLine BiDi mit einer Spannung von 800 Volt und einer Leistung von 11 kW.
Die Bedienung ist bewusst einfach gehalten: Nutzerinnen und Nutzer schließen ihr Fahrzeug zu Hause an den kompatiblen Elli BiDi Charger an. Über die App legen sie fest, wann das Fahrzeug mit welchem Mindestladezustand wieder verfügbar sein soll. Die verfügbare Standzeit kann energiewirtschaftlich genutzt werden.
Ein wichtiges Detail zur Vergütungslogik: Das V2G-Angebot von Elli basiert zum Start zunächst auf der Ansteckzeit des Fahrzeugs und nicht auf der tatsächlichen Rückspeisung von Energie. Je länger das Fahrzeug angeschlossen ist, desto besser kann die verbundene Zeit unter geeigneten Markt- und Ladebedingungen genutzt werden.
Bonus-Mechanismus im Detail: Wer monatlich 250 Stunden Ansteckzeit erreicht, kann im ersten Vertragsjahr bis zu 720 Euro Gutschrift erzielen — das entspricht rechnerisch bis zu 15.500 Kilometern Fahrleistung. Voraussetzung ist eine Mindestladezeit von drei Stunden pro Ladevorgang sowie ein aktiver Volkswagen Naturstrom V2G Flow Tarif.
Wer kann mitmachen - und wer noch nicht
Die technische Basis bilden rund eine Million bidirektional vorbereitete MEB-Fahrzeuge in Europa - davon etwa 360.000 in Deutschland.
Kompatibel sind ausgewählte MEB-Fahrzeuge der Marken Volkswagen, Volkswagen Nutzfahrzeuge und CUPRA mit Freigabe für bidirektionales Laden: ID.-Software 3.5 oder höher mit einer Batterie von mehr als 77 kWh, oder alle Fahrzeuge ab ID.-Software 6.
Weitere Konzernmarken und Märkte - darunter Frankreich und Großbritannien - sollen angeschlossen werden, sobald technische, regulatorische und produktseitige Voraussetzungen erfüllt sind.
Einschränkungen gibt es zum Start dennoch: Für Kunden mit Photovoltaikanlagen (ausgenommen Balkonkraftwerke) oder Dienstwagen ist die Teilnahme zum Start des Angebots noch nicht möglich. Eine Berücksichtigung dieser Anwendungsfälle ist für zukünftige Produktweiterentwicklungen vorgesehen.
| Komponente | Anforderung |
|---|---|
| Fahrzeug | MEB-Plattform, ID.-Software 3.5+ mit ≥ 77 kWh Batterie oder alle Fahrzeuge ab ID.-Software 6 |
| Wallbox | Elli BiDi Charger (DC-bidirektional, 800 V / 11 kW) |
| Tarif | Volkswagen Naturstrom V2G Flow |
| App | Elli BiDi App (Steuerung, Transparenz, Gutschriften) |
| Messung | Intelligentes Messsystem (Smart Meter) erforderlich |
Der regulatorische Kontext: Warum jetzt?
Das Timing ist kein Zufall. Seit dem 1. Januar 2026 gibt es in Deutschland einen rechtlichen Rahmen für Vehicle-to-Grid. Gemäß der Ende 2025 beschlossenen Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) sind E-Autos rechtlich als Stromspeicher zu behandeln.
Das hat konkrete wirtschaftliche Konsequenzen. Der Bundestag hat damit eine zentrale Hürde für Vehicle-to-Grid beseitigt: Ab 2026 wird rückgespeister Strom aus Elektrofahrzeugen nicht mehr doppelt mit Netzentgelten belastet. Seit April 2026 hat die Bundesnetzagentur bidirektionale Wallboxen rechtlich mit stationären Stromspeichern gleichgestellt.
Ohne diese Gesetzesänderung wäre das Elli-Angebot wirtschaftlich kaum darstellbar gewesen. Die Doppelbelastung mit Netzentgelten hatte V2G-Modelle in Deutschland jahrelang unrentabel gemacht.
Das systemische Potenzial
VW denkt das Angebot nicht als Einzelprodukt. "Allein die bereits heute bidirektional vorbereiteten MEB-Fahrzeuge des Volkswagen Konzerns verfügen zusammen über mehrere Dutzend Gigawattstunden potenzielle Speicherkapazität", so Volkswagen. "Vehicle-to-Grid ermöglicht es erstmals, diese Kapazität schrittweise intelligent in das Energiesystem einzubinden. Aus einzelnen Fahrzeugen kann damit ein vernetzter Speicherverbund entstehen."
Das langfristige Ziel ist ein virtuelles Kraftwerk: Elli verfolgt langfristig das Ziel, verfügbare Batteriekapazitäten aus E-Autos sowie zentrale und dezentrale Speicher zu bündeln und als virtuelles Kraftwerk energiewirtschaftlich nutzbar zu machen.
Die volkswirtschaftliche Dimension ist erheblich. Laut einer Studie der Fraunhofer-Institute ISE und ISI für Transport & Environment können Vehicle-to-Grid-Technologien die jährlichen Energiesystemkosten in der EU um 8,6 Prozent senken, was Einsparungen von 22,2 Milliarden Euro pro Jahr entspricht. Für Deutschland allein beläuft sich die mögliche Entlastung bis 2040 auf jährlich 8,4 Milliarden Euro.

VW ist nicht allein - aber hat den größten Hebel
Ähnliche Angebote haben zuletzt bereits BMW zusammen mit E.ON, Ford mit Octopus Energy sowie Mercedes-Benz und Renault mit The Mobility House angekündigt. Der Unterschied liegt im Skalierungspotenzial: Rund eine Million MEB-Fahrzeuge des Volkswagen Konzerns in Europa sind bereits bidirektional vorbereitet - eine Flottenbasis, die kein anderer Hersteller in diesem Segment derzeit vorweisen kann.
Für den Markthochlauf greift Elli auf die Technologie von The Mobility House Energy zurück. Das Unternehmen bündelt mit seiner FlexEngine-Plattform die verfügbaren Batteriekapazitäten und stellt die bidirektionale Ladestation zur Verfügung.
Was offen bleibt
Die Registrierung ist unverbindlich, der Preis für den BiDi-Charger noch nicht kommuniziert. Bidirektionale Wallboxen dürften zunächst drei- bis viermal teurer sein als herkömmliche Modelle. Ohne finalen Hardwarepreis, Installationskosten und Tarifdetails lässt sich die Amortisation für Fahrzeugbesitzer deshalb noch nicht seriös ausrechnen.
Auch die Normierungsfrage ist noch nicht vollständig gelöst. Die Normung für das bidirektionale Laden mit Wechselstrom ist weit fortgeschritten und soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Für das bidirektionale Laden mit Gleichstrom - also genau die Technologie, auf die Elli setzt - gibt es dagegen noch keine konkreten Projektpläne.
Das sind keine Kleinigkeiten. Sie erklären, warum VW den Bestellstart bewusst auf Ende 2026 datiert und die Registrierungsphase nutzt, um Nachfrage zu sondieren, bevor die Lieferkette für DC-Wallboxen steht.
Einordnung
Bidirektionales Laden kann die Systemkosten im europäischen Stromsystem bis 2040 um bis zu 22 Milliarden Euro pro Jahr senken - das ist die Zahl, mit der VW das Projekt rahmt. Sie stammt aus der Fraunhofer-Studie und ist plausibel, aber an Bedingungen geknüpft: ausreichend bidirektional fähige Fahrzeuge, funktionierende Tarifstrukturen, stabile Regulierung.
Was VW und Elli jetzt tun, ist der erste ernsthafte Versuch, diese Bedingungen auf der Angebotsseite zu erfüllen. Der regulatorische Rahmen steht seit Januar 2026. Die Fahrzeugflotte ist vorhanden. Das Paket ist definiert. Was noch fehlt, ist der Beweis, dass Kunden das Angebot in der Praxis tatsächlich annehmen - und dass die Wirtschaftlichkeit auch nach Abzug der Hardwarekosten trägt.
Die Antwort darauf wird Ende 2026 beginnen, sich abzuzeichnen.
Welche VW-Modelle sind für das V2G-Angebot kompatibel?
Kompatibel sind MEB-Fahrzeuge der Marken Volkswagen, Volkswagen Nutzfahrzeuge und CUPRA mit ID.-Software 3.5 oder höher und einer Batterie von mindestens 77 kWh — also etwa ID.3, ID.4, ID.5, ID.7 und ID. Buzz mit entsprechender Ausstattung. Alle Fahrzeuge ab ID.-Software 6 sind ebenfalls eingeschlossen.
Wann kann man den Elli BiDi Charger bestellen?
Der Bestellstart für den DC-bidirektionalen Charger ist für Ende 2026 geplant. Interessenten können sich bereits jetzt unverbindlich auf der Elli-Website registrieren und werden informiert, sobald die Bestellung möglich ist.
Wie funktioniert der Bonus von bis zu 720 Euro?
Der Bonus basiert auf der Ansteckzeit des Fahrzeugs, nicht auf der tatsächlich rückgespeisten Energiemenge. Bei 250 Stunden Ansteckzeit pro Monat und einer Mindestladezeit von drei Stunden pro Ladevorgang können im ersten Vertragsjahr bis zu 60 Euro monatlich, also maximal 720 Euro, gutgeschrieben werden. Voraussetzung ist ein aktiver Volkswagen Naturstrom V2G Flow Tarif.
Brauche ich einen Smart Meter?
Ja. Ein intelligentes Messsystem (iMSys) ist Pflicht. Dieses kann über den grundzuständigen Messstellenbetreiber oder über den Elli-Partner inexogy bezogen werden.
Können Kunden mit Photovoltaikanlage teilnehmen?
Zum Start nicht. Kunden mit PV-Anlage (ausgenommen Balkonkraftwerke) sowie Dienstwagenfahrer sind zunächst ausgeschlossen. Elli plant, diese Anwendungsfälle in künftigen Produktversionen zu integrieren.





