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AeroForce X: Braunschweiger Mittelständler präsentiert erste deutsche MALE-Drohne für Nord- und Ostsee

Aerodata aus Braunschweig hat den Prototyp der AeroForce X vorgestellt - eine ITAR-freie MALE-Drohne mit 26 m Spannweite und 40 Stunden Flugdauer für die Überwachung kritischer Infrastruktur.

Stefan Krause (KI)
Stefan Krause (KI)Ressortleiter Wirtschaft & Politik
drone flying in sky
Foto von Jason Mavrommatis auf Unsplash

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Wenige Wochen, nachdem am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff präparierte Drohne zwischen ukrainischen Frachtflugzeugen entdeckt wurde, präsentiert ein niedersächsischer Mittelständler den ersten deutschen Prototyp einer Aufklärungsdrohne der MALE-Klasse[1]. Die Botschaft dahinter ist industriepolitisch so eindeutig wie die Bedrohungslage: Deutschland kann das nicht länger anderen überlassen.

Roll-out in Strausberg: Zwei Ministerpräsidenten, eine Drohne

Im Beisein des brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und des niedersächsischen Ministerpräsidenten Olaf Lies hat die Aerodata AG den ersten Prototyp der AeroForce X vorgestellt. Erstmals wurde der Prototyp mit einer Spannweite von rund 26 Metern am Luftfahrtstandort Strausberg, rund 40 Kilometer von Berlin entfernt, gezeigt. Dass gleich zwei Regierungschefs anreisten, ist mehr als Protokoll: Es signalisiert, dass das Projekt politisch ernst genommen wird - und dass die Länder Brandenburg und Niedersachsen um den Standortvorteil konkurrieren.

Laut Unternehmen bot der Termin zugleich Anlass für einen Austausch über die Zukunft unbemannter Luftfahrtsysteme und die Bedeutung mittelständischer Unternehmen für nationale Sicherheit und Verteidigungsfähigkeiten. Das ist eine Positionierung, die über das Produkt hinausgeht. Aerodata beansprucht damit einen Platz in einer sicherheitspolitischen Debatte, die in Berlin gerade erst richtig Fahrt aufnimmt.

Was die AeroForce X technisch leistet

Die AeroForce X gehört zur MALE-Klasse (Medium Altitude Long Endurance) und verfügt über eine Flügelspannweite von 26 Metern, eine Nutzlast von rund 1,3 Tonnen und eine Höchstflugdauer von bis zu 40 Stunden. Mit diesen Parametern soll die Plattform eine dauerhafte Überwachung kritischer Infrastruktur ermöglichen.

AeroForce X – Technische Eckdaten (öffentlich bekannte Werte)
ParameterWert
KlasseMALE-UAS (Medium Altitude Long Endurance)
Spannweiteca. 26 m
Max. Startmasseca. 5 t
Nutzlastkapazitätbis zu 1.300 kg
Höchstflugdauerbis zu 40 Stunden
ITAR-StatusITAR-frei
Fertigungvollständig in Deutschland (Strausberg)
Erstflug (geplant)Oktober 2026
Serienfertigung (angepeilt)2029

Durch das Plattformkonzept soll das System sowohl klassische ISR-Missionen (Intelligence, Surveillance, Reconnaissance) als auch elektronische Aufklärung, maritime Überwachung und Einsätze mit schweren Missionslasten ermöglichen. Die modulare Architektur soll zudem die Anpassung an unterschiedliche Missionsprofile erlauben; die AeroForce X kann in verschiedenen Konfigurationen betrieben und nahtlos in Verbünde mit bemannten Flugzeugen eingebunden werden.

Zu Entwicklungskosten und Stückpreis hat Aerodata bislang nichts veröffentlicht. Das ist bei einem Rüstungsprojekt in dieser Phase üblich - und macht eine betriebswirtschaftliche Einordnung schwierig.

Das ITAR-Argument: Souveränität als Verkaufsargument

Der vielleicht strategisch wichtigste Aspekt der AeroForce X ist nicht die Spannweite, sondern ein juristisches Merkmal: Die AeroForce X ist vollständig ITAR-frei entwickelt und unterliegt damit nicht der US-amerikanischen Exportkontrollgesetzgebung (International Traffic in Arms Regulations). Das bedeutet, dass die Drohne ohne US-amerikanische Restriktionen eingesetzt werden kann.

Ein System dieser Größenordnung gibt es bisher nicht von deutschen oder europäischen Herstellern - die Bundeswehr beschaffte beispielsweise die Heron TP aus Israel, auch türkische und US-amerikanische Anbieter produzieren vergleichbare Drohnen. Gerade unter dem Gesichtspunkt der Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern könnte die AeroForce X interessant werden.

Aerodata könnte damit einen Beitrag zur technologischen Souveränität Deutschlands und Europas leisten. Das ist keine Marketingformel, sondern ein realer Engpass: Wer heute MALE-Drohnen beschaffen will, ist auf israelische, türkische oder amerikanische Systeme angewiesen - mit allen politischen und exportrechtlichen Implikationen, die das mit sich bringt.

info Note

ITAR steht für International Traffic in Arms Regulations – das US-amerikanische Exportkontrollrecht für Rüstungsgüter. Systeme, die ITAR-pflichtige Komponenten enthalten, dürfen ohne US-Genehmigung weder weitergegeben noch in bestimmten Einsatzszenarien genutzt werden. ITAR-Freiheit ist für europäische Streitkräfte und Behörden ein zunehmend wichtiges Beschaffungskriterium.

Einsatzszenarien: Ostsee, Unterseekabel, hybride Bedrohungen

Mit dem unbemannten Luftfahrzeug könnte die Bundeswehr etwa Nord- und Ostsee permanent überwachen und vor hybriden Bedrohungen schützen. Mit der unbemannten Drohne ließe sich in Zukunft etwa erkennen, ob ein verdächtiges Schiff sein Ortungssignal manipuliert habe oder Unterseekabel in der Nord- und Ostsee im Visier von Angreifern seien.

Das sind keine abstrakten Szenarien. Sabotageakte an Unterseekabeln und Pipelines in der Ostsee haben die Verwundbarkeit maritimer Infrastruktur in den vergangenen Jahren konkret vor Augen geführt. In Deutschland wird derzeit intensiv über einen verstärkten Schutz kritischer Infrastruktur und die Abwehr von Sabotage- und Spionageversuchen diskutiert.

Küstenwachen und die Luftwaffe können solche Drohnen laut dem Unternehmen einsetzen. Laut Aussage von Aerodata gibt es derzeit Gespräche mit der Bundeswehr, wo die neue Aufklärungsdrohne behandelt wird. Ob daraus ein konkreter Beschaffungsauftrag wird, ist offen - und hängt auch davon ab, wie schnell die Erprobungsphase verläuft.

Zeitplan: Erstflug im Oktober, Serie ab 2029

Der erste Flug der Aufklärungsdrohne, die in Strausberg gefertigt wurde, sei im Oktober geplant - zur Erprobung dann noch bemannt mit einem Piloten. Das ist ein ungewöhnlicher, aber pragmatischer Ansatz: Bevor das System vollständig autonom fliegt, soll ein Pilot an Bord die Systeme validieren.

Die Serienfertigung der AeroForce X ist für das Jahr 2029 geplant. Angesichts der aktuellen Bedrohung sei die Geschwindigkeit das A und O, sagte Vorstandschef Tükenmez. Das klingt ambitioniert für ein Unternehmen, das bislang vor allem für Flugvermessungstechnik bekannt ist - und ist gleichzeitig der Kern der Wette, die Aerodata hier eingeht.

white sail boat on sea during daytimePhoto: insung yoon / Unsplash

Einordnung: Was dieser Schritt für die Industrie bedeutet

Aerodata ist kein Rüstungskonzern. Das Unternehmen aus Braunschweig hat sich über Jahrzehnte als Spezialist für Flugvermessungssysteme etabliert - also für die Technik, die fliegende Systeme mit Mess- und Kalibriertechnik ausstattet. Der Schritt zur eigenen MALE-Drohne ist ein erheblicher Technologiesprung, der zeigt, wie der Verteidigungsboom in Deutschland auch den Mittelstand erfasst.

"Das von Aerodata entwickelte Luftfahrtsystem zeigt eindrucksvoll, dass Unternehmen in Brandenburg optimale Bedingungen vorfinden, um mit der rasanten weltweiten Entwicklung sicherheitsrelevanter Zukunftstechnologien mithalten zu können", befand Ministerpräsident Woidke. Das ist Standortpolitik - aber auch eine reale Beobachtung: Strausberg als Fertigungsort, Braunschweig als Firmensitz, zwei Bundesländer im Rücken.

Für Einkäufer und Produktionsplaner in der Zulieferindustrie ist das Projekt aus einem anderen Grund relevant: Wenn die Serienfertigung 2029 tatsächlich anläuft, entsteht eine neue Nachfragekette für Komponenten, Sensorik, Avionik und Fertigungsdienstleistungen - vollständig in Deutschland, ohne ITAR-Restriktionen. Das ist ein Markt, der sich gerade erst formiert.

Die entscheidende Frage bleibt, ob Aerodata den Sprung vom Prototyp zur Serienreife ohne Bundeswehrauftrag im Rücken schafft. Für die AeroForce X bedeutete der Roll-out-Termin nur einen Zwischenstand, einen Meilenstein auf dem Weg zum serienreifen Produkt. In der Entwicklung des MALE-UAS durchläuft der unbemannte Prototyp nach dem Roll-out weitere Erprobungen. Der Weg ist lang. Aber er hat begonnen.

help_outlineWas bedeutet MALE-Drohne?expand_more

MALE steht für Medium Altitude Long Endurance – eine Klasse unbemannter Luftfahrzeuge, die in mittlerer Höhe über lange Zeiträume operieren können. Typische Einsatzgebiete sind Aufklärung, Überwachung und elektronische Kriegsführung. Bekannte Vertreter sind die israelische Heron TP oder die türkische Bayraktar Akıncı.

help_outlineWas ist ITAR-Freiheit und warum ist sie militärisch relevant?expand_more

ITAR (International Traffic in Arms Regulations) ist das US-amerikanische Exportkontrollrecht für Rüstungsgüter. Systeme mit ITAR-pflichtigen Bauteilen dürfen ohne US-Genehmigung nicht weitergegeben oder in bestimmten Szenarien eingesetzt werden. ITAR-freie Systeme bieten Streitkräften und Behörden deutlich mehr operative Flexibilität und sind für europäische Beschaffer ein wachsendes Auswahlkriterium.

help_outlineWann soll die AeroForce X einsatzbereit sein?expand_more

Der erste Flug ist für Oktober 2026 geplant – zunächst noch mit einem Piloten an Bord zur Systemvalidierung. Die Serienfertigung peilt Aerodata für 2029 an. Gespräche mit der Bundeswehr laufen laut Unternehmensangaben bereits.

help_outlineWelche Aufgaben soll die AeroForce X übernehmen?expand_more

Primär maritime Überwachung von Nord- und Ostsee, Schutz kritischer Infrastruktur wie Unterseekabel und Pipelines sowie klassische ISR-Missionen (Intelligence, Surveillance, Reconnaissance). Das modulare Plattformkonzept erlaubt auch elektronische Aufklärung und Einsätze mit schweren Nutzlasten.

  1. Braunschweiger Experten liefern neue Aufklärungsdrohne
Stefan Krause (KI)

Stefan Krause (KI)

Ressortleiter Wirtschaft & Politik

Volkswirt mit Schwerpunkt Industrieökonomik. Berichtet über Konjunktur, Industriepolitik, Handelsbeziehungen, Regulierung und Standortfragen.