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Vorbild Ahornsamen: Wie ein Ingenieur das Rotorblatt neu erfindet

Forscher der Hochschule Rhein-Waal haben ein biomimetisches Rotorblatt entwickelt, das schon unter 5 m/s Windgeschwindigkeit Strom erzeugt - und nebenbei das Recyclingproblem der Branche angeht.

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
Green maple leaves and samaras on a tree branch.
Foto von Esther Heidsiek-Schmitten auf Unsplash

Ein Ahornsamen trudelt vom Baum - und bringt einen Ingenieur auf eine Idee, die die Windkraftbranche interessieren dürfte. Nicht wegen großer Versprechen, sondern wegen einer nüchternen Beobachtung: Wie schafft es ein winziger Samen, so langsam und weit zu gleiten? Und lässt sich dieses Prinzip auf ein Rotorblatt übertragen?

Genau diese Frage haben sich Prof. Dr.-Ing. Joachim Gebel und sein Kollege Sawkat Hossain, M.Sc., an der Hochschule Rhein-Waal gestellt. Das Ergebnis ist ein patentiertes Rotorblattdesign, das in mehrfacher Hinsicht vom Status quo abweicht - aerodynamisch, materialtechnisch und wirtschaftlich.

Der Trick steckt im Wirbel

Beim Fallen erzeugen die Flügel eines Ahornsamen einen Wirbel, der ein langsames und weites Abgleiten ermöglicht. Dieses Prinzip ist keine neue Entdeckung - Leonardo da Vinci hatte es bereits beobachtet und sich davon zu seiner Zeichnung der "Luftschraube" inspirieren lassen. Was neu ist: Gebel und Hossain haben es systematisch auf Rotorblätter übertragen.

Der entscheidende Mechanismus: Ein Wirbel an der Vorderkante des Blatts erzeugt den notwendigen Auftrieb. Dadurch kann Windenergie bereits bei Geschwindigkeiten unter 5 Metern pro Sekunde effizient genutzt werden. Zum Vergleich: Konventionelle Windkraftanlagen benötigen in der Regel deutlich höhere Anlaufwindgeschwindigkeiten, um wirtschaftlich zu arbeiten.

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Das ist kein akademisches Detail. Gerade für Kleinwindanlagen und dezentrale Anwendungen - etwa auf Industriegebäuden oder in windschwachen Binnenlagen - ist die Anlaufwindgeschwindigkeit ein entscheidender Wirtschaftlichkeitsfaktor. Wer früher anfängt, Strom zu produzieren, hat schlicht mehr Betriebsstunden pro Jahr.

Drei Vorteile, die zusammenpassen

Was das Konzept aus Kleve von vielen Hochschulprojekten unterscheidet: Die Forschenden haben nicht nur ein aerodynamisches Problem gelöst, sondern gleich drei Anforderungen in einem Design adressiert.

lightbulb Tip

Die drei Kernziele des biomimetischen Rotorblatts:

  • Höhere Energieausbeute bei niedrigen Windgeschwindigkeiten
  • Geringerer Geräuschpegel gegenüber konventionellen Blättern
  • Niedrigere Herstellungskosten durch bewusst einfache Konstruktion

Die Konstruktion ist laut Hochschule bewusst einfach gehalten, um eine kostengünstige Fertigung zu ermöglichen. Das klingt banal, ist es aber nicht: Viele Innovationen im Rotorblattbereich scheitern nicht an der Physik, sondern an der Skalierbarkeit. Ein Design, das sich mit Standardmaterialien und ohne komplexe Fertigungsprozesse herstellen lässt, hat einen strukturellen Vorteil gegenüber Hochleistungslösungen, die nur in Kleinserie funktionieren.

Das Recyclingproblem - und ein möglicher Ausweg

Wer die Windkraftbranche kennt, weiß: Das eigentliche Sorgenkind sind nicht die Türme oder Generatoren, sondern die Rotorblätter. Rund 90 Prozent der Materialien einer Windkraftanlage - vor allem Beton und Stahl - lassen sich bereits heute gut recyceln. Die größte Herausforderung liegt bei den Rotorblättern aus glasfaser- und karbonfaserverstärkten Kunststoffen.

Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass in diesem Jahrzehnt 20.000 Tonnen Rotorblattmaterial pro Jahr anfallen werden - in den 2030er Jahren schätzungsweise sogar 50.000 Tonnen jährlich. Bestehende Verfahren zur stofflichen Verwertung sind noch nicht weit verbreitet, Standards für Demontage und Aufbereitung fehlen weitgehend.

Hier setzt das Konzept aus Rhein-Waal an einem zweiten Hebel an: Das verwendete Aluminium in den biomimetischen Rotorblättern ist recyclebar - ein entscheidender Vorteil gegenüber Produkten aus Glasfaser oder kohlefaserverstärkten Kunststoffen, die nicht nur schwierig zu recyceln, sondern häufig auch thermisch nicht verwertbar sind.

Das ist kein Nebenpunkt. Wer heute eine Windkraftanlage plant, muss die Entsorgungskosten am Ende des Lebenszyklus mitdenken. Ein Rotorblatt, das sich ohne aufwendige Sonderverfahren in den Materialkreislauf zurückführen lässt, verändert die Gesamtkalkulation.

Vom Labor in die Produktpalette

Das Projekt wurde durchgehend von PROvendis begleitet, dem zentralen Dienstleister des Hochschulverbunds innovation2business.nrw - ein Zeichen dafür, dass der Transfergedanke von Anfang an mitgedacht wurde. Das Ergebnis: Die Hochschule Rhein-Waal hat das biomimetische Rotorblatt patentiert und eine Lizenzvereinbarung mit der Colt International GmbH abgeschlossen.

Colt International aus Kleve ist kein klassischer Windkraftanlagenbauer, sondern ein auf technische Gebäudeausrüstung spezialisiertes Unternehmen mit Fokus auf Brandschutz, Klimatechnik und Sonnenschutz. Das ist kein Zufall: Die biomimetischen Rotorblätter sollen nicht nur in Windkraftanlagen, sondern auch in Ventilatoren und Gebäudelüftungen eingesetzt werden. Der Anwendungsbereich ist breiter als zunächst gedacht.

Für Sawkat Hossain hat die Entwicklung eine konkrete Konsequenz gehabt: Sie brachte ihm eine Stelle bei Colt International in Kleve ein. Ein Beispiel dafür, wie Hochschulforschung und industrielle Verwertung tatsächlich ineinandergreifen können - nicht nur auf dem Papier.

Was das für den Shopfloor bedeutet

Biomimetik ist kein neues Konzept. Haifischhaut-Strukturen für Turbinenschaufeln, Lotuseffekt für Oberflächen, Vogelknochen für Leichtbau - die Liste ist lang. Was an diesem Projekt interessiert, ist die Kombination aus Schwachwindtauglichkeit, einfacher Fertigung und Recyclingfähigkeit in einem einzigen Design.

Für Unternehmen, die dezentrale Windkraft als Teil ihrer Energiestrategie prüfen - etwa zur Eigenversorgung von Produktionsstandorten in windschwachen Regionen - ist das ein relevanter Datenpunkt. Nicht weil die Technologie schon morgen verfügbar ist, sondern weil sie zeigt, in welche Richtung sich das Feld entwickelt: weg von Maximallösungen für Windstarke Küstenlagen, hin zu robusten, wirtschaftlichen Konzepten für breitere Einsatzbedingungen.

Die Natur hat das Problem schon gelöst. Die Ingenieure haben es jetzt nachgebaut.

help_outlineWas sind biomimetische Rotorblätter?expand_more

Biomimetische Rotorblätter ahmen Strukturen und Mechanismen aus der Natur nach. Das Konzept der Hochschule Rhein-Waal orientiert sich am Flügel des Ahornsamen: Beim Fallen erzeugt dieser einen Wirbel an seiner Vorderkante, der langsames Gleiten ermöglicht. Dieses Prinzip wurde auf das Rotorblattdesign übertragen, um Auftrieb auch bei niedrigen Windgeschwindigkeiten zu erzeugen.

help_outlineAb welcher Windgeschwindigkeit funktionieren die neuen Rotorblätter?expand_more

Nach Angaben der Hochschule Rhein-Waal kann das biomimetische Rotorblatt Windenergie bereits bei Geschwindigkeiten unter 5 Metern pro Sekunde effizient nutzen — ein deutlicher Vorteil gegenüber vielen konventionellen Anlagen.

help_outlineWarum ist das Recycling klassischer Rotorblätter so schwierig?expand_more

Herkömmliche Rotorblätter bestehen aus glasfaser- oder kohlefaserverstärkten Kunststoffen. Diese Materialkombination macht sie stabil, erschwert aber die Wiederverwertung erheblich, da die Fasern nur mit aufwendigen Verfahren vom Kunststoff getrennt werden können. Die biomimetischen Rotorblätter aus Aluminium sind dagegen recyclebar.

help_outlineWer hat die Lizenz für die Technologie erworben?expand_more

Die Colt International GmbH aus Kleve hat die Lizenz für die biomimetischen Rotorblätter erworben und plant, die Technologie in ihre Produktpalette zu integrieren — unter anderem für Windkraftanlagen, Ventilatoren und Gebäudelüftungen.

Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.