arrow_back

24 Stunden, 23.000 Kilometer, kein Stopp: Was der Rekordflug des Airbus A350-1000ULR wirklich bedeutet

Ein modifizierter Airbus A350 flog nonstop von Melbourne nach Toulouse - 24 Stunden, 23.000 Kilometer. Was steckt hinter dem Testflug und was kommt danach?

Katrin Schreiber (KI)
Katrin Schreiber (KI)Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung
airplane flying over the city during sunset
Foto von Stefan Fluck auf Unsplash

Ein Flugzeug startet in Melbourne, überquert den Pazifik, streift Los Angeles, durchquert Nordamerika und den Nordatlantik - und landet 24 Stunden später in Toulouse. Kein Zwischenstopp, kein Tanken, keine Ablösung am Boden. Was klingt wie ein Gedankenexperiment, ist seit dem 29. Juli 2026 gelebte Realität.

Der Airbus A350-1000ULR mit der Kennung F-WULR absolvierte den Rückflug von Melbourne nach Toulouse in 24 Stunden und 24 Minuten und legte dabei mehr als 23.000 Kilometer zurück. Damit hat Airbus nebenbei einen 21 Jahre alten Rekord gebrochen, der bislang Boeing gehörte.

Das ist mehr als eine Pressemitteilung wert. Es ist ein Beweis, dass die Ära der echten Ultralangstrecke technisch reif ist.

Was genau geflogen ist - und wie

Der A350-1000ULR ist keine Sonderanfertigung aus dem Nichts, sondern eine konsequente Weiterentwicklung der bewährten A350-Plattform. Das Kürzel ULR steht für Ultra Long Range. Die Maschine basiert auf dem A350-1000, der rund 73,8 Meter lang ist und eine Spannweite von knapp 65 Metern hat. Angetrieben wird sie von zwei Rolls-Royce-Triebwerken vom Typ Trent XWB-97.

Der entscheidende Unterschied steckt im Rumpf: Die ULR-Variante verfügt über einen weiteren Treibstofftank mit einem Fassungsvermögen von knapp 21.000 Litern, der die Reichweite des Flugzeugs um rund 1.000 Seemeilen erhöht und so Flüge von knapp 10.000 Seemeilen Gesamtreichweite ermöglicht.

Der Zusatztank fasst knapp 21.000 Liter Kerosin und erhöht die Reichweite des A350-1000 um rund 1.000 Seemeilen.

Für die Crew bedeutete der Rückflug eine besondere Route: Die Maschine überflog die Cook Inseln und erreichte erst bei Los Angeles wieder Festland. Anschließend flog die A350-1000ULR über die USA und Kanada, überquerte den Nordatlantik und Großbritannien - und war am Dienstagmorgen wieder in französischem Luftraum.

An Bord war eine zehnköpfige Besatzung im Einsatz: drei Piloten von Airbus, fünf Ingenieure des Flugzeugbauers sowie zwei Piloten der australischen Fluggesellschaft Qantas. Keine Passagiere, aber jede Menge Messdaten.

a small boat in a large body of waterPhoto: Eugene Chystiakov / Unsplash

Der Rekord und was er ablöst

Airbus hat mit 23.076 Kilometer Flugstrecke einen neuen Nonstop-Rekord für ein Verkehrsflugzeug aufgestellt - und Boeing abgelöst. Eine 777-200LR hatte am 10. September 2005 mit einem exakt 21.601 Kilometer langen Nonstop-Flug in 22:42 Stunden von Hongkong nach London die bis zuletzt gültige Bestmarke aufgestellt.

Der bisherige Nonstop-Rekord für Verkehrsflugzeuge stammte von einer Boeing 777-200LR aus dem Jahr 2005 und hatte 21 Jahre Bestand.

Das ist kein sportlicher Selbstzweck. Airbus demonstriert mit diesem Testflug, dass die Maschine nicht nur theoretisch die nötigen Reichweiten erreicht, sondern auch unter realen Bedingungen - Wetter, Windverhältnisse, Systembelastung - funktioniert. Auf dem Weg zum Ziel nutzten die mitreisenden Airbus-Ingenieure die reale Testumgebung, um die Systeme des neuen Ultralangstrecken-Airbus unter Praxisbedingungen auf Herz und Nieren zu testen.

Bemerkenswert: Bereits wenige Tage zuvor hatte dieselbe Maschine den Hinflug absolviert. Der erste eigens für die Ultralangstrecke modifizierte Airbus A350-1000ULR startete am 23. Juli um kurz nach 7:30 Uhr Ortszeit vom Airbus-Hauptwerk in Toulouse zu einem Marathon-Testflug. Ziel war die australische Metropole Melbourne. Die Testmaschine benötigte für die Distanz 19 Stunden und 13 Minuten.

Hin und zurück, insgesamt rund 40.000 Kilometer - in weniger als einer Woche.

Project Sunrise: Der kommerzielle Rahmen

Hinter dem Testflug steckt ein konkretes Geschäftsmodell. Das "Project Sunrise", mit dem Qantas die "Tyrannei der Distanz" überwinden und Flüge ohne Zwischenlandung von Sydney nach London und New York aufnehmen möchte, geht in die entscheidende Phase.

Die Fluggesellschaft will ab Oktober 2027 erstmals Nonstop-Flüge von Sydney nach London anbieten, später soll auch New York ohne Zwischenstopp angeflogen werden. Je nach Wetterlage sollen die Maschinen rund 19 bis 21 Stunden unterwegs sein.

Tickets für die Sydney-London-Verbindung sollen ab Februar 2027 in den Verkauf gehen, vorbehaltlich behördlicher Genehmigungen und der Flugzeugzertifizierung. Zwölf Exemplare der A350-1000ULR hat Qantas für ihr "Project Sunrise" bestellt. Die Maschinen kommen mit der niedrigsten Sitzplatzdichte aller A350-1000 und bieten Platz für lediglich 238 Passagiere.

A350-1000ULR: Eckdaten im Überblick
MerkmalWert
Länge73,8 m
Spannweiteca. 65 m
Triebwerke2× Rolls-Royce Trent XWB-97
Zusatztankca. 21.000 Liter
Gesamtreichweiteca. 10.000 Seemeilen
Max. Flugdauer (kommerziell)bis zu 22 Stunden
Passagierkapazität (Qantas-Konfiguration)238 Sitze
Bestellte Maschinen (Qantas)12 Stück
Geplanter BetriebsstartOktober 2027

Die unterschätzte Frage: Was ist mit den Passagieren?

Reichweite ist das eine. Aber 22 Stunden in einem Flugzeug sind für Passagiere eine physiologische Herausforderung - und das weiß Qantas. Die Airline arbeitete mit Industriedesigner David Caon und Forschern des Charles Perkins Centre der Universität Sydney zusammen, um zu untersuchen, wie Beleuchtung, Bewegung, Hydration, Mahlzeitenplanung und Kabinenlayout Jetlag und Ermüdung auf Ultralangstrecken reduzieren können. Die Studien, die während einer Reihe von Testflügen durchgeführt wurden, unterstrichen die Bedeutung von Wellness.

Das Ergebnis ist eine sogenannte "Wellbeing Zone": Ein Bereich zwischen der Premium-Economy- und der Economy-Kabine mit skulptierten Wandpaneelen, montierten Dehnungsgriffen für Übungen sowie Bildschirmen für ein geführtes Bewegungsprogramm und einer Hydrationsstation. Dieser Bereich soll der erste auf einer Airline sein, der ausschließlich dem Wohlbefinden der Passagiere gewidmet ist.

Für die A350-1000ULR hat Qantas eine besonders großzügige Premium-Kabinenkonfiguration mit 238 Passagieren festgelegt. Diese umfasst sechs First-Class-Suiten, 52 Business-Suiten, 40 Premium-Economy-Sitze und 140 Economy-Plätze mit einem großzügigen Sitzabstand von 33 Zoll.

Das ist kein Luxusprojekt für Vielflieger. Es ist ein Ingenieursansatz auf die Frage: Wie macht man einen Flug erträglich, der länger dauert als ein Arbeitstag?

info Note

Zum Vergleich: 1947 brauchte die erste Qantas-Verbindung von Sydney nach London vier Tage Flugzeit und sieben Zwischenstopps – in Darwin, Singapur, Kalkutta, Karatschi, Kairo, Libyen und Rom. Project Sunrise streicht den letzten verbliebenen Stopp.

Was das für die Luftfahrtindustrie bedeutet

Man sollte den Testflug nicht als isoliertes Ereignis lesen. Airbus will den A350-1000ULR künftig regulär anbieten. Qantas will zwölf dieser Langstreckenflugzeuge kaufen, für eine Direktverbindung von Sydney nach London. Das ist der Startschuss für ein neues Marktsegment: die kommerzielle Ultralangstrecke als Standardprodukt, nicht als Nischenexperiment.

Laut einer von Qantas in Auftrag gegebenen Studie steigt das Interesse an Ultralangstreckenflügen: 70 Prozent der befragten Australier gaben an, Nonstop-Langstreckenflüge buchen zu wollen - bei Premium-Reisenden steigt dieser Wert auf 80 Prozent.

Für die Industrie stellt sich damit eine nüchterne Folgefrage: Wenn 22-Stunden-Flüge zur Normalität werden, was bedeutet das für Hubs wie Singapur, Dubai oder Doha, die bislang von Umsteigepassagieren leben? Der A350 wird direktere Routen nach Australien ermöglichen, mit einer deutlich kürzeren Reisezeit - bis zu vier Stunden weniger im Vergleich zu Einzel-Stopp-Verbindungen. Das ist kein marginaler Vorteil. Das ist ein struktureller Eingriff in die Netzwerklogik der globalen Luftfahrt.

Und noch etwas: Der A350-1000ULR ist die vierte Passagiervariante der A350-Familie. Zusammen haben die Varianten neue Standards im Langstreckenflug gesetzt - mit einer Reduzierung des Treibstoffverbrauchs und der CO₂-Emissionen um 25 Prozent gegenüber Vorgängergenerationen.

Fazit: Testflug als Zäsur

Der Flug vom 27. Juli war kein Marketingevent. Er war der letzte große Nachweis vor der Zertifizierung - der Moment, in dem Ingenieure zeigen, dass das, was auf dem Papier steht, auch in der Luft funktioniert. Mit dem Rückflug von Melbourne nach Toulouse stellte Airbus einen neuen Weltrekord für Nonstop-Passagierflüge auf: 23.076 Kilometer in 24 Stunden und 24 Minuten.

Was folgt, ist Bürokratie: Zertifizierung, Behördengenehmigungen, Auslieferung. Das erste Flugzeug - intern "Vega" getauft - soll im April 2027 an Qantas übergeben werden. Ab Oktober 2027 will Qantas täglich Nonstop-Flüge zwischen Sydney und London betreiben, Tickets gehen ab Februar 2027 in den Verkauf.

Die Frage ist nicht mehr, ob diese Flüge kommen. Die Frage ist, was passiert, wenn sie zur Routine werden.

Katrin Schreiber (KI)

Katrin Schreiber (KI)

Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung

Wirtschaftsinformatikerin mit Schwerpunkt Industrie-4.0-Transformationen. Berichtet über Automatisierung, Robotik, KI in der Industrie, IoT und digitale Transformation.