Die Botschaft klingt ermutigend - und ist es auch, bis man den zweiten Satz liest. BASF hat in einem aktuellen Fachbeitrag in der US-Zeitschrift Accounts of Materials Research dargelegt, dass sich technische Kunststoffe bereits heute hochwertig recyceln lassen. Pilotprojekte belegen das. Was fehlt, ist nicht die Technologie. Was fehlt, sind die Strukturen drumherum.
Das ist die eigentliche Nachricht - und sie ist für jeden Produktionsverantwortlichen, der auf Rezyklate setzt oder setzen will, unmittelbar relevant.
Warum technische Kunststoffe ein Sonderfall sind
Nicht alle Kunststoffe sind gleich schwer zu recyceln. Polyolefine für Verpackungen lassen sich häufig mit etablierten mechanischen Verfahren zurückgewinnen - Spezialkunststoffe hingegen benötigen oft Recyclinglösungen, die auf ihre spezifischen Eigenschaften und Anwendungen zugeschnitten sind. Das schreiben BASF-Forscherinnen und -Forscher in ihrem aktuellen Fachbeitrag.
Gemeint sind vor allem Materialien wie Polyamide, Polyurethane oder compoundierte Polyolefine - Werkstoffe, die neben dem Basispolymer noch Additive, Farbstoffe und Füllstoffe enthalten. Sie werden genau deshalb eingesetzt, weil Standardkunststoffe die Anforderungen nicht erfüllen: im Automobilbau, in der Elektrotechnik, in der Medizintechnik. Und genau deshalb sind sie schwieriger zu recyceln.
Rund 200 Kilogramm Kunststoff landen pro Altfahrzeug in der thermischen Verwertung - also in der Verbrennung. Das ist der Status quo, den BASF mit neuen Technologien verändern will.
Photo: Hyundai Motor Group / UnsplashDer Technologiemix: Mechanisch, chemisch, thermochemisch
BASF argumentiert, dass kein einzelnes Verfahren ausreicht. Die Fachpublikation beschreibt drei komplementäre Ansätze:
Mechanisches Recycling bleibt die bevorzugte Lösung, wo es ökologisch vorteilhaft, technisch möglich und wirtschaftlich umsetzbar ist. Im Projekt "SpecReK", gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund 2,2 Millionen Euro, erforscht BASF gemeinsam mit Endress+Hauser, TechnoCompound sowie den Universitäten Bayreuth und Jena, wie spektroskopische Echtzeitanalyse und KI die Materialqualität beim mechanischen Recycling verbessern können. Ziel: die Zusammensetzung von Kunststoffabfällen im laufenden Prozess präzise zu identifizieren - und damit Rezyklate zu erzeugen, die auch für anspruchsvolle Anwendungen taugen.
Chemisches Recycling - insbesondere Depolymerisation und Pyrolyse - greift dort ein, wo mechanische Verfahren an ihre Grenzen stoßen. Mit dem Verfahren "loopamid®" hat BASF eine Depolymerisation für Polyamid 6 entwickelt, die ein zirkuläres Textil-zu-Textil-Recycling ermöglicht; Anfang 2025 nahm BASF die erste kommerzielle loopamid-Produktionsanlage am Standort Caojing in Shanghai in Betrieb.
Thermochemische Verfahren wie Pyrolyse und Gasifizierung erschließen schließlich jene Abfallströme, die so stark gemischt sind, dass sie bislang fast ausschließlich in der Müllverbrennung landen. Bei der Pyrolyse zerfallen die langkettigen Polymere in kurze Kohlenwasserstoffketten, die als Pyrolyseöl wieder als Rohstoff eingesetzt werden können; bei der Gasifizierung entsteht Synthesegas als chemischer Ausgangsstoff. Diese Verfahren sind energieintensiv - sie sind aber oft die einzige Option für komplexe Mischfraktionen.
| Technologie | Geeignet für | Grenzen | BASF-Beispiel |
|---|---|---|---|
| Mechanisches Recycling | Sortenreine, saubere Fraktionen (z. B. Polyolefine) | Qualitätsverlust bei Mischfraktionen, Additiven | SpecReK-Projekt (KI + Spektroskopie) |
| Depolymerisation | Spezifische Polymere (z. B. Polyamid 6) | Materialspezifisch, hoher Aufwand | loopamid® (Textil-zu-Textil) |
| Pyrolyse | Gemischte, verunreinigte Kunststoffe | Hoher Energiebedarf, Pyrolyseöl als Zwischenprodukt | ChemCycling® / Kooperation mit Quantafuel & REMONDIS |
| Gasifizierung | Stark gemischte Abfälle inkl. Biomasse | Hoher Energiebedarf, Skalierung komplex | Pilotprojekt mit BASF, Porsche & BEST (2025) |
Die eigentliche Engstelle: Infrastruktur und Politik
Hier wird es unbequem. BASF formuliert es klar: Für den breiten industriellen Einsatz fehlen geeignete Abfallstrukturen und verlässliche politische Rahmenbedingungen. Das ist keine Randnotiz - das ist die zentrale Einschränkung der gesamten Fachpublikation.
Und sie trifft ins Mark. Denn die technologische Machbarkeit ist in Pilotprojekten längst demonstriert. Was fehlt, ist der systematische Zugang zu sortierten, qualitativ definierten Abfallströmen im industriellen Maßstab. Um Kunststoffe aus heterogenen Abfallströmen im Kreislauf zu halten, sind zwei Voraussetzungen entscheidend: leistungsfähige Sortierverfahren im industriellen Maßstab und ein breites Spektrum an Recyclingtechnologien.
Die Zahlen unterstreichen das Defizit: Im Jahr 2023 wurden in Deutschland knapp 38 Prozent aller gesammelten Kunststoffabfälle werkstofflich und lediglich 0,5 Prozent rohstofflich oder chemisch verwertet. Der Rest landet in der thermischen Verwertung - also in der Verbrennung.
Auf der politischen Seite bewegt sich zwar etwas. Seit Anfang 2025 können Kunststoffrecyclingunternehmen in Deutschland wieder Energiebeihilfen beantragen. Doch die Branche selbst ist skeptisch, ob das reicht: Mangelnde Verfügbarkeit hochwertiger Rezyklate, aufwendige Zulassungsverfahren und wirtschaftliche Unsicherheiten bremsen die Entwicklung weiterhin.
Die technologische Lücke im Kunststoffrecycling ist weitgehend geschlossen. Die strukturelle Lücke — fehlende Erfassungssysteme, unklare regulatorische Zuordnung chemischer Recyclingverfahren, mangelnde Nachfrageanreize für Rezyklate — ist es nicht. Wer auf Rezyklate aus technischen Kunststoffen setzt, muss heute noch mit erheblichen Versorgungsunsicherheiten rechnen.
Was das für den Shopfloor bedeutet
Die BASF-Publikation ist kein Selbstlob. Sie ist eine nüchterne Bestandsaufnahme - und implizit ein Appell an Politik und Industrie, die Infrastruktur nachzuziehen.
Für Unternehmen, die technische Kunststoffe verarbeiten oder in ihren Produkten einsetzen, ergeben sich daraus konkrete Schlussfolgerungen:
- Materialauswahl mit Recyclingpfad denken. Nicht jedes Polymer hat heute einen verlässlichen Recyclingpfad. Wer Spezialkunststoffe einsetzt, sollte prüfen, ob das Material am Lebensende überhaupt erfassbar und sortenrein trennbar ist - oder ob es in der Mischfraktion verschwindet.
- Abfallströme als Rohstoffquelle ernst nehmen. Post-industrielle Abfälle aus der eigenen Produktion sind oft sortenreiner als Post-Consumer-Ströme. Hier liegt ein unterschätztes Potenzial für geschlossene Kreisläufe.
- Regulatorischen Druck antizipieren. Die EU-Altfahrzeugverordnung (ELVR) wird Recyclingquoten für Kunststoffe aus Fahrzeugen verbindlich machen. Wer jetzt Pilotprojekte begleitet oder Lieferantenpartnerschaften aufbaut, ist früher handlungsfähig.
- Technologiemix als Beschaffungsstrategie verstehen. Mechanisches und chemisches Recycling konkurrieren nicht - sie ergänzen sich. Einkaufsstrategien, die nur auf einen Pfad setzen, unterschätzen die Komplexität der Abfallströme.
Die BASF-Fachpublikation liefert den wissenschaftlichen Rahmen. Die Umsetzung liegt bei den Unternehmen - und bei der Politik, die endlich verlässliche Strukturen schaffen muss.
Katrin Schreiber ist Ressortleiterin Automatisierung & Digitalisierung beim Industrieblatt.





