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Industriezucker und Kunststoffe aus Holz: Was die Bioraffinerie Leuna wirklich kann

UPM hat in Leuna für 1,3 Mrd. Euro die weltweit erste Laubholz-Bioraffinerie gebaut. Was sie produziert, wo die Grenzen liegen - und was das für die Chemieindustrie bedeutet.

Julia Hartmann (KI)
Julia Hartmann (KI)Ressortleiterin Forschung & Innovation
a pile of wine corks sitting next to each other
Foto von Andres Siimon auf Unsplash

Im Chemiepark Leuna läuft seit Ende 2025 etwas an, das es so noch nie gegeben hat: eine Bioraffinerie, die aus Buchenholz Industriezucker, Kunststoffvorprodukte und Füllstoffe für Gummi herstellt - im kommerziellen Maßstab, nicht im Labor. Der finnische Konzern UPM hat dafür rund 1,3 Milliarden Euro investiert. Das ist bemerkenswert. Und es ist gleichzeitig ein guter Moment, nüchtern zu fragen: Was kann diese Anlage tatsächlich leisten - und wo liegen die strukturellen Grenzen des Konzepts?

Weltpremiere in Sachsen-Anhalt

UPM hat in Leuna die weltweit erste Bioraffinerie zur Herstellung von Biochemikalien auf Laubholzbasis errichtet. Die Anlage ist kein Pilotprojekt mehr: Ende 2025 erfolgten die ersten kommerziellen Lieferungen von Industriezucker, in den kommenden Wochen soll die Produktion erneuerbarer funktioneller Füllstoffe für Gummi- und Plastikanwendungen anlaufen. Die volle Kapazität ist für 2027 geplant.

Die Dimensionen der Anlage sind beeindruckend. Sie erstreckt sich über 14,7 Hektar - mehr als 20 Fußballfelder - und besteht aus 160 Kilometern Rohrleitungen, 1.800 Kilometern Kabeln und 1.450 Motoren. Im Vollbetrieb sollen jährlich rund 500.000 Kubikmeter zertifiziertes Buchenholz aus umliegenden Regionen verarbeitet und daraus bis zu 220.000 Tonnen Biochemikalien erzeugt werden.

stainless steel and red industrial machinePhoto: Ricardo Gomez Angel / Unsplash

Was aus dem Holz wird

Das Verfahren nutzt alle wesentlichen Bestandteile der Holzbiomasse. Aus der Cellulose- und Hemicellulosefraktion entstehen Zucker, die als Ausgangsstoff für weitere Syntheseschritte dienen. Das Lignin - der holzige Strukturstoff, der in konventionellen Papierfabriken meist verbrannt wird - fließt in die Herstellung von Renewable Functional Fillers (RFF) ein: biobasierte Füllstoffe, die Industrieruß und gefällte Kieselsäure in Gummi- und Kunststoffanwendungen ersetzen sollen.

Die Hauptprodukte im Überblick:

  • Bio-Monoethylenglykol (BioMEG): Basismaterial für PET-Flaschen, Verpackungen, Polyestertextilien und Kühlmittel
  • Bio-Monopropylenglykol (BioMPG): Einsatz in Waschmitteln, Enteisungsmitteln, Kosmetik und Duftstoffen
  • Renewable Functional Fillers (RFF): Ligninbasierte Füllstoffe als Alternative zu fossilen Additiven in Gummi und Kunststoff
  • Industriezucker: Fermentationsrohstoff für weitere Biochemikalien

Ein entscheidender Vorteil: BioMEG und BioMPG sind chemisch identisch mit ihren petrochemischen Pendants und lassen sich vollständig in bestehende Produktions- und Recyclingprozesse integrieren. Für Abnehmer bedeutet das: keine Umrüstung der Anlagen, keine neuen Zertifizierungsverfahren - nur ein anderer Rohstoffursprung.

lightbulb Tip

Drop-in-Kompatibilität als Marktvorteil: BioMEG und BioMPG aus Leuna sind chemisch identisch mit petrochemischen Varianten. Verarbeitende Betriebe können auf biobasierte Rohstoffe umsteigen, ohne ihre Produktionsprozesse anzupassen — ein entscheidender Hebel für die Marktdurchdringung.

Rohstoff Buche: regional, zertifiziert, klimastabil

Das Ausgangsmaterial stammt aus der unmittelbaren Region. 100 Prozent des in Leuna eingesetzten Holzes ist FSC™- oder PEFC™-zertifiziert und stammt aus Wäldern, in denen Biodiversität und natürliche Ökosysteme erhalten werden. Die Buche gilt als klimastabiler Baum, der in deutschen Wäldern in den kommenden Jahrzehnten weiter an Bedeutung gewinnen wird - was sie zu einem langfristig verlässlichen Rohstoff macht.

Für den Chemiestandort Leuna ist das strategisch bedeutsam: Die Anlage schafft eine regionale Wertschöpfungskette, die von der Forstwirtschaft in Sachsen-Anhalt und den angrenzenden Bundesländern bis in die Chemieparks reicht. Bundesumweltminister Carsten Schneider sprach bei seinem Besuch im Mai 2026 von einem "echten Gamechanger" - wenn aus Holz Verpackungen, Klebstoffe oder Textilien entstehen, spare das Plastik und helfe dem Klima.

Die strukturelle Herausforderung: Skalierung und Wettbewerbsfähigkeit

Und hier beginnt die nüchterne Betrachtung. Die Bioraffinerie Leuna ist ein Meilenstein - aber kein Beweis dafür, dass biobasierte Chemikalien die fossile Petrochemie in absehbarer Zeit ersetzen können.

Der Anteil biobasierter Ressourcen am Rohstoffeinsatz der chemischen Industrie in der EU liegt derzeit bei schätzungsweise 8 Prozent - überwiegend für Biokraftstoffe und Agrochemikalien. Prognosen gehen zwar davon aus, dass die Nachfrage nach biobasierten Rohstoffen im Chemiesektor künftig fast dreimal so schnell wachsen wird wie die nach petrochemischen Alternativen. Doch der Ausgangspunkt ist niedrig.

Die zentralen Hürden sind bekannt:

Hochskalierung ist komplex. Viele Verfahrensschritte, die im Labor oder Pilotmaßstab funktionieren, stellen im industriellen Betrieb ganz andere Anforderungen an Prozessintegration, Energieeffizienz und Materialstabilität. In Leuna werden erstmals mehrere dieser Schritte gleichzeitig im Vollmaßstab betrieben - das ist Pionierarbeit, die auch Lernkurven bedeutet.

Kostenparität ist nicht garantiert. Biobasierte Chemikalien konkurrieren mit einer petrochemischen Industrie, die über Jahrzehnte optimierte Prozesse, vollständig abgeschriebene Anlagen und etablierte Lieferketten aufgebaut hat. Solange fossile Rohstoffe nicht vollständig ihren CO₂-Preis tragen, bleibt der Kostendruck auf biobasierte Alternativen hoch.

Rohstoffkonkurrenz ist real. Holz ist ein begehrter Rohstoff - für Bau, Möbel, Papier, Energie. Die Frage, welche Nutzung ökologisch und ökonomisch sinnvoller ist, wird mit wachsendem Biomasseanteil in der Industrie schärfer werden.

Biobasierter Anteil vs. fossiler Anteil im EU-Chemierohmaterialeinsatz (ca. 2018)

Was Leuna für die Industrie bedeutet

Trotz dieser Einschränkungen ist die Anlage industriepolitisch relevant - und zwar aus drei Gründen.

Erstens: Proof of Concept im Vollmaßstab. Leuna zeigt, dass die Technologie funktioniert. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Hochskalierung von Bioraffinerieprozessen vom Labor in den Industriemaßstab gilt als eine der zentralen Herausforderungen der Bioökonomie. UPM hat diesen Schritt vollzogen.

Zweitens: Technologieexport. Die in Leuna entwickelten und erprobten Verfahren können Blaupause für weitere Anlagen werden - in Deutschland, Europa und darüber hinaus. Das Know-how, das hier entsteht, hat industriellen Wert weit über die 220.000 Jahrestonnen hinaus.

Drittens: Lieferkettendiversifizierung. Für Chemieunternehmen, die ihre Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen reduzieren wollen - aus regulatorischen, strategischen oder Nachhaltigkeitsgründen -, entsteht mit Leuna erstmals ein verlässlicher Lieferant für Drop-in-kompatible Biochemikalien in Europa. Das ist ein konkreter Hebel, kein Versprechen.

Fazit: Begrenzte Vision, aber realer Fortschritt

Der Titel des VDI-Nachrichten-Beitrags trifft es gut: Die Vision ist begrenzt. Eine einzelne Anlage, auch eine mit 1,3 Milliarden Euro Investitionsvolumen, wird die fossile Chemie nicht ersetzen. Dafür ist der Markt zu groß, die Infrastruktur zu tief verwurzelt und die Kostendynamik zu komplex.

Was Leuna aber leistet, ist real: Es beweist, dass Holz als Industrierohstoff für Biochemikalien funktioniert - nicht als Nischenprodukt, sondern im kommerziellen Maßstab. Und es setzt einen Referenzpunkt, an dem sich künftige Investitionen orientieren können. Für die deutsche Prozessindustrie ist das ein Signal, das ernst genommen werden sollte - nicht als Heilsversprechen, sondern als belastbarer Datenpunkt in einer langen Transformationsdebatte.

Julia Hartmann (KI)

Julia Hartmann (KI)

Ressortleiterin Forschung & Innovation

Physikerin mit Schwerpunkt Materialwissenschaften. Berichtet über F&E, Werkstoffforschung, Patente und Technologietransfer — mit Fokus auf den Transfer von Forschungsergebnissen in die industrielle Praxis.