Ein Molekül, das wie ein winziger Donut aussieht, könnte eines der hartnäckigsten Probleme des Quantencomputings lösen. Physiker der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) haben mit Computersimulationen nachgewiesen, dass ringförmige Kohlenstoffstrukturen - sogenannte Nanotori - Quantenzustände präzise und verlustfrei steuern können. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift npj Computational Materials erschienen und werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Das klingt zunächst nach reiner Grundlagenforschung. Für die produzierende Industrie, die zunehmend auf Quantentechnologie als Wettbewerbsfaktor setzt, ist es mehr als das.
Das Problem: Kontrolle ohne Störung
Wer Quantencomputer versteht, kennt das Kerndilemma: Qubits sind außerordentlich empfindlich. Bestehende Steuerungsmethoden erfordern magnetische oder elektrische Felder, die im Nanobereich kaum präzise fokussiert werden können. Die Folge: Sie beeinflussen nicht nur das Ziel-Qubit, sondern regen auch benachbarte Teilchen an. Das erzeugt Signalrauschen und treibt den Energieverbrauch in die Höhe.
Bestehende Methoden erfordern magnetische oder elektrische Felder, die im Nanobereich nur schwer zu fokussieren sind. Sie beeinflussen nicht nur den Supraleiter, sondern regen auch benachbarte Teilchen an - mit der Folge von Signalrauschen und hohem Energieverbrauch.
Dieses Problem ist kein akademisches Detail. Es ist einer der zentralen Bremsklötze auf dem Weg zu fehlertoleranten, industriell nutzbaren Quantenprozessoren. Die Diskussion in der Branche verschiebt sich massiv in Richtung Fehlertoleranz, Systemintegration und realer Arbeitslasten.
Die Lösung: Toroidale Momente im Nanobereich
Die MLU-Forscher um Prof. Dr. Jamal Berakdar und Dr. Arkamita Bandyopadhyay setzen auf eine bislang kaum genutzte Klasse elektromagnetischer Dipole: toroidale Momente.
Toroidale Momente gelten als eine dritte Klasse elektromagnetischer Dipole neben elektrischen und magnetischen Dipolen. Während elektrische und magnetische Felder weit verbreitet sind, erzeugen toroidale Momente nach außen praktisch keine elektrischen oder magnetischen Felder. Dadurch könnten sie sich besonders gut eignen, um empfindliche Quantensysteme gezielt zu beeinflussen, ohne ihre Umgebung zu stören.
Das klingt nach dem idealen Steuerungswerkzeug - war aber bislang im Nanobereich nicht realisierbar. Bislang war es kaum möglich, solche Zustände im Nanobereich kontrolliert zu erzeugen. Klassische Konzepte scheiterten daran, dass bei sehr kleinen Strukturen hohe Energieverluste auftreten.

Wie die Nanotori funktionieren
Die Studie, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), nutzte ab-initio-quantenmechanische Simulationen und untersuchte drei spezifische Kohlenstoff-Nanotori - C₁₂₀, C₁₄₄ und C₁₆₈ - geschlossene Ringe aus Kohlenstoffatomen in der Form mikroskopischer Donuts.
Durch Anlegen eines konstanten elektrischen Feldes werden Elektronen in einen dreidimensionalen Wirbel um den Ring gezwungen, was ein stabiles, verlustfreies toroidales Moment erzeugt - und damit die Energiedissipation konventioneller, makroskopischer Toroidspulen überwindet.
Die untersuchten Kohlenstoff-Nanotori C₁₂₀, C₁₄₄ und C₁₆₈ erzeugen unter einem statischen elektrischen Feld stabile toroidale Momente ohne Energieverluste im Nanobereich.
Was das in der Praxis bedeutet, bringt Dr. Bandyopadhyay auf den Punkt: "Dieses Problem lässt sich umgehen, indem man toroidale Momente in Kohlenstoff-Nanotori nutzt, da diese direkt quantenmechanische Phasen verändern können."
Was das Ergebnis für das Quantencomputing bedeutsam macht, ist nicht allein die Verlustfreiheit. Toroidale Steuerung ist in einem präzisen mathematischen Sinne orthogonal zu allen bestehenden Qubit-Kontrollmethoden - ein dritter Kanal, der keine Streufelder erzeugt, die für eines der hartnäckigsten Probleme der Quantenhardware verantwortlich sind.
Drei Eigenschaften machen Kohlenstoff-Nanotori technisch interessant:
- Verlustfreiheit: Kein Energieverlust bei der Erzeugung toroidaler Momente im Nanobereich
- Feldneutralität: Nach außen werden praktisch keine elektrischen oder magnetischen Felder abgestrahlt
- Orthogonalität: Der toroidale Steuerkanal interferiert nicht mit bestehenden Qubit-Kontrollmethoden
Einordnung: Simulation, nicht Prototyp
Nüchtern betrachtet: Die Ergebnisse basieren auf Computersimulationen, nicht auf physisch hergestellten Bauelementen. Der Weg vom Simulationsmodell zum integrierten Quantenbaustein ist lang und mit Fertigungshürden gepflastert. Das schmälert die Bedeutung der Arbeit nicht - es verlangt aber eine realistische Einschätzung des Zeithorizonts.
Quantencomputing steckt noch in der Forschungs- und Proof-of-Concept-Phase. Die bisherigen Anwendungen beschränken sich auf kleine Demonstrationsprobleme, die zwar vielversprechend wirken, aber noch keinen echten Mehrwert im Unternehmensalltag liefern. Bis 2026 dürfte sich der Blick jedoch wandeln: Statt um Qubit-Zahlen und technische Showcases wird es zunehmend um stabile hybride Architekturen und den Weg für fehlertolerante Quantencomputer Anfang der 2030er Jahre gehen.
Genau in diesen Kontext fügt sich die MLU-Forschung ein: Sie liefert einen konzeptionellen Baustein für die Fehlertoleranz der nächsten Generation - nicht für das Gerät von morgen, aber möglicherweise für das übermorgen.
Relevanz für den Industriestandort Deutschland
Laut Quantum Technology Monitor 2025 zählt Deutschland zu den Ländern mit den weltweit höchsten öffentlichen Investitionen in Quantentechnologien. Deutschland zählt gemeinsam mit Japan, dem Vereinigten Königreich, den USA und China zu den Ländern mit den weltweit höchsten öffentlichen Investitionen in Quantentechnologien.
Die Deutsche Quantenstrategie zielt darauf ab, Deutschland als weltweit führende Nation in Quantentechnologien zu etablieren. Dafür wurden Fördergelder von etwa 3 Milliarden Euro freigegeben.
Vor diesem Hintergrund ist die DFG-geförderte Arbeit aus Halle-Wittenberg kein isoliertes Laborergebnis, sondern Teil einer gezielten nationalen Forschungsstrategie. Der Standort Deutschland verfügt über exzellente Forschung, Fachkräfte, industrielle Kernbranchen und hat Europas regulatorische Durchsetzungsfähigkeit an der Seite. Wer diese Grundlagenforschung frühzeitig verfolgt, kann Technologietrends einordnen, bevor sie die Beschaffungs- und Investitionsentscheidungen der nächsten Dekade prägen.
Fazit
Kohlenstoff-Nanotori sind kein Produkt, das morgen in Fertigungslinien einzieht. Aber sie repräsentieren einen konzeptionellen Sprung: Erstmals wurde per Simulation nachgewiesen, dass toroidale Momente im Nanobereich verlustfrei erzeugt, gesteuert, angeregt und geschaltet werden können. Das öffnet einen dritten Steuerkanal für Qubits, der bisherige Interferenzprobleme strukturell umgeht - nicht durch bessere Kalibrierung, sondern durch eine andere Physik.
Für Entscheider in der produzierenden Industrie gilt: Die Grundlagenforschung von heute definiert die Technologieoptionen von übermorgen. Wer den Anschluss nicht verlieren will, muss diese Entwicklungen jetzt einordnen können.





