Ein humanoider Roboter, der unsortierte Fahrzeugkomponenten greift, in einen Sequenzierungswagen einsortiert und damit den Weg zur Montagelinie vorbereitet - was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction klang, ist im BMW-Werk Spartanburg seit dieser Woche Alltag. Der Automobilkonzern hat den Figure 03 von Figure AI offiziell in den regulären Logistikbetrieb überführt. Für Logistik- und Produktionsplaner ist das mehr als eine Pressemitteilung: Es ist ein Praxisnachweis, der die Diskussion über den Einsatz humanoider Roboter in der Intralogistik auf eine neue Grundlage stellt.
Vom Piloten zum Regelbetrieb - die BMW-Lernkurve
BMW setzt in seinem US-Werk in Spartanburg künftig humanoide Figure-03-Roboter in der Logistik ein. Die Roboter ersetzen Figure-02-Roboter, die 2025 im Karosseriebau in einem Pilotprojekt ihren Dienst verrichtet hatten.
Dieser Übergang ist entscheidend: Es geht nicht um einen Neustart, sondern um eine konsequente Weiterentwicklung auf Basis realer Betriebsdaten. Bereits 2025 unterstützte Figure 02 die Produktion von mehr als 30.000 BMW X3 im Werk Spartanburg. Über einen Zeitraum von zehn Monaten positionierte der Roboter im Karosseriebau Blechteile für Schweißprozesse. Über zehn Monate war Figure 02 an der Produktion von mehr als 30.000 BMW X3 beteiligt.
Dabei konnte gezeigt werden, dass humanoide Roboter wiederholbare und präzise Tätigkeiten unter realen Produktionsbedingungen ausführen können. Das ist der Unterschied zu vielen anderen Ankündigungen in der Branche: BMW hat nicht auf dem Messestand demonstriert, sondern im Schichtbetrieb validiert.
Photo: Lenny Kuhne / UnsplashWas Figure 03 konkret tut - und warum gerade Sequenzierung
Der Figure-03-Roboter soll in dem BMW-Werk in Spartanburg in der Logistik in der Sequenzierung eingesetzt werden. Seine Aufgabe besteht darin, unsortiert in größere Behälter ankommende Komponenten auf einem Sequenzierungswagen einzusortieren. Die Arbeit hat eher monotonen Charakter und soll menschliche Mitarbeiter entlasten, so BMW.
Der Wagen wird dann zu einem Sammelpunkt gefahren. Von dort transportiert ihn ein automatisierter Routenzug oder ein Smart Transport Robot zu den Mitarbeitern, die die Teile dann an der Produktionslinie montieren.
Aus Planersicht ist die Wahl des Anwendungsfalls klug: Sequenzierung ist ein klassischer Engpass in der Automobilintralogistik. Die Aufgabe ist repetitiv, ergonomisch belastend und fehleranfällig - gleichzeitig ist sie prozessrelevant, weil ein falsch bestückter Sequenzierungswagen direkt die Montagelinie trifft. Laut BMW handelt es sich um einen häufig vorkommenden Anwendungsfall im Automobilbau, der "Potenzial für Weiterentwicklung und Skalierbarkeit" bietet.
Der Einsatz des Roboters ist Teil der digitalen Transformation der Halle 52 im Werk Spartanburg. Dort werden Antriebsvarianten des BMW X3 und künftig auch der elektrifizierte BMW iX5 gefertigt.
Was Figure 03 technisch anders macht
Der Wechsel von Figure 02 auf Figure 03 ist kein Modellpflege-Update - er verändert die Einsatzlogik grundlegend.
| Merkmal | Figure 02 | Figure 03 |
|---|---|---|
| Einsatzbereich bei BMW | Karosseriebau (Schweißvorbereitung) | Intralogistik (Sequenzierung) |
| Laden | Kabelgebunden | Kabellos induktiv (2 kW) |
| Betriebsdauer pro Ladung | k. A. | ca. 5 Stunden |
| Hände | Standard-Greifer | Taktile Sensoren + Palmkameras |
| Gehäuse | Hartschale | Weiche Textilabdeckung |
| Gewicht | ca. 70 kg | 61 kg (9 % leichter) |
| Sprachkommunikation | Eingeschränkt | Verbessertes Audio-System |
Kabelloses Laden als Verfügbarkeitsgarant
Der Roboter kann nun kabellos geladen werden, wodurch seine Verfügbarkeit ansteigt. Das klingt nach einem Detail, ist aber für den Schichtbetrieb entscheidend. Dank induktivem Laden kann Figure 03 nahezu durchgehend betrieben werden, solange er während des Anwendungsfalls für eine bestimmte Zeit auf eine Ladematte treten kann. Der schnelle kabellose Datenabwurf bedeutet zudem, dass der Roboter während der Schichtpausen nahtlos Daten abladen kann, indem er einfach zur Dockingstation zurückkehrt. Figure 03 lädt kabellos mit 2 kW über Induktionsspulen in den Füßen und erreicht eine Betriebsdauer von rund 5 Stunden pro Ladung.
Sicherheit durch Konstruktion, nicht durch Käfig
Der Körper des 61 kg schweren und 1,73 m großen Roboters ist mit mehr weichen Komponenten ausgestattet. Teile des Kopfes, der Rumpf, Arme und Beine sind nun allesamt mit einem weichen Stoff überzogen. Das soll die Zusammenarbeit mit Menschen sicherer machen, die so bei etwaigen Kollisionen vor Verletzungen besser geschützt sind.
Hände, die greifen wie Hände
Unter anderem wurden die Hände mit taktilen Sensoren und sogar Kameras in den Handflächen ausgerüstet, um sie noch präziser einsetzen zu können. Die hauseigenen Sensoren ermöglichen es dem Humanoiden, bereits 3 Gramm Druck zu erkennen - empfindlich genug, um das Gewicht einer Büroklammer zu registrieren. Die Fingerkuppen-Sensoren des Figure 03 erkennen Kräfte ab 3 Gramm - das entspricht dem Gewicht einer Büroklammer.
Daten als Flottenvorteil
Figure 03 verfügt über eine 10-Gbps-mmWave-Datenübertragungsfähigkeit, die es ermöglicht, beim Stehen an der Ladestation terabytewise Betriebsdaten kabellos zu übertragen. Diese kontinuierliche Datenerfassung fließt in Trainingsmodelle zurück und hilft der gesamten Roboterflotte, sich kollektiv zu verbessern.
Was das für deutsche Produktionsplaner bedeutet
Der BMW-Fall ist kein amerikanisches Sonderprojekt. Nach dem erfolgreichen Abschluss mehrmonatiger Tests in Spartanburg und der Einführung von Physical AI im Werk Leipzig kommt nun Figure 03 und soll in die Fußstapfen seines Vorgängers in Spartanburg treten. BMW rollt die Technologie also auch in Deutschland aus - das macht den Spartanburg-Case zur Blaupause, nicht zur Ausnahme.
Für Einkäufer und Produktionsplaner ergeben sich daraus konkrete Fragen:
- Welche Prozesse in meiner Intralogistik sind sequenzierungsähnlich? Monotone, ergonomisch belastende Sortiertätigkeiten mit klaren Greif- und Ablageregeln sind der natürliche Einstiegspunkt.
- Wie ist meine Infrastruktur auf kabellose Ladesysteme vorbereitet? Die Verfügbarkeit des Roboters hängt direkt an der Ladeinfrastruktur - das ist eine Investitionsentscheidung, die heute getroffen werden muss.
- Welche Sicherheitszertifizierungen gelten in meiner Halle? Figure 03 ist auf Mensch-Roboter-Kollaboration ausgelegt, aber die Integration in bestehende Sicherheitskonzepte erfordert Vorlaufzeit.
- Wie plane ich den Übergang? BMW hat schrittweise eskaliert: Pilotprojekt im Karosseriebau, dann regulärer Betrieb in der Logistik. Dieses Stufenmodell reduziert das Risiko erheblich.
Praxis-Hinweis für Produktionsplaner: Der Einstieg in humanoide Robotik gelingt am zuverlässigsten über klar abgegrenzte, repetitive Prozesse mit stabilen Greifaufgaben – nicht über komplexe Montageschritte. Sequenzierung, Bin-Picking und einfache Kommissionierung sind die richtigen Startpunkte. Erst wenn dort Betriebsstabilität nachgewiesen ist, lohnt die Ausweitung auf variantenreichere Tätigkeiten.
Stimmen aus dem Projekt
Ulrich Wieland, Vice President of Production Control and Logistics bei BMW Manufacturing, kommentiert: "Das Werk Spartanburg ist die Wiege der humanoiden Robotik im operativen Tagesgeschäft der BMW Group. Nachdem wir bereits einen Piloten mit dem Figure 02 in unserem Karosseriebau erfolgreich abgeschlossen haben, freuen wir uns nun darauf, den Figure 03 für einen Sequenzierungs-Anwendungsfall in der Logistik einzusetzen."
Figure-AI-Gründer Brett Adcock ergänzt: "Unser elfmonatiger Einsatz von Figure 02 hat bewiesen, dass Humanoide längst keine Laborexperimente mehr sind - sie können ein wertvoller Bestandteil beim Aufbau einer flexiblen, zuverlässigen Fertigungsbelegschaft sein."
Einordnung: Wo steht die Branche wirklich?
Der BMW-Schritt ist ein Meilenstein - aber er sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die breite Skalierung humanoider Roboter in der deutschen Industrie noch aussteht. Hohe Anschaffungskosten, unklare ROI-Modelle und fehlende Integrationserfahrung bremsen den Rollout in mittelständischen Betrieben. Figure AI's Produktionsstätte BotQ hat eine Kapazität von 12.000 Einheiten pro Jahr, mit Plänen zur Skalierung auf 100.000 Einheiten innerhalb von vier Jahren. Der Roboter wurde von Grund auf für die Hochvolumenfertigung in Figure AIs neuer Produktionsstätte BotQ entwickelt, die nach Unternehmensangaben derzeit bis zu 12.000 Roboter pro Jahr produzieren kann.
Was BMW zeigt: Der Weg führt nicht über den großen Wurf, sondern über den kontrollierten Piloten. Wer heute anfängt, Prozesse zu identifizieren, Infrastruktur zu prüfen und Betriebskonzepte zu entwickeln, wird in zwei bis drei Jahren nicht von vorne beginnen müssen.
Was ist der Unterschied zwischen Figure 02 und Figure 03 im BMW-Einsatz?
Figure 02 wurde 2025 im Karosseriebau eingesetzt und positionierte Blechteile für Schweißprozesse. Figure 03 übernimmt nun Sequenzierungsaufgaben in der Intralogistik – er sortiert unsortiert angelieferte Bauteile in Sequenzierungswagen ein. Technisch bringt Figure 03 kabelloses Laden, weiche Textilabdeckungen für mehr Kollisionssicherheit und deutlich verbesserte Handsensorik mit.
Warum ist Sequenzierung ein geeigneter Einstiegspunkt für humanoide Roboter?
Sequenzierungsaufgaben sind repetitiv, ergonomisch belastend und folgen klaren Regeln – ideale Voraussetzungen für den Robotereinsatz. Gleichzeitig sind sie prozessrelevant genug, um einen messbaren Beitrag zur Linienversorgung zu leisten. BMW bezeichnet diesen Anwendungsfall ausdrücklich als skalierbar.
Wie lange kann Figure 03 ohne Unterbrechung arbeiten?
Figure 03 erreicht eine Betriebsdauer von rund 5 Stunden pro Ladung. Durch das kabellose induktive Ladesystem (2 kW über Spulen in den Füßen) kann der Roboter während Schichtpausen selbstständig nachladen – ohne manuellen Eingriff.
Setzt BMW humanoide Roboter auch in deutschen Werken ein?
Ja. BMW hat Physical AI bereits im Werk Leipzig eingeführt. Spartanburg gilt als Pilotwerk für die gesamte BMW Group – erfolgreiche Anwendungsfälle werden auf weitere Standorte übertragen.





