Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau steckt in einer der schwersten Absatzkrisen seit Jahrzehnten. VDMA-Präsident Bertram Kawlath bilanzierte Ende 2025: Die Produktion schrumpfe seit Anfang 2023 - das vierte Quartal 2025 dürfte das zwölfte Minusquartal in Folge sein. In diesem Umfeld diskutiert die Branche über ein Thema, das auf den ersten Blick technokratisch klingt, wirtschaftlich aber erhebliches Gewicht hat: die Reform der europäischen Normungsverordnung.
VDMA und DIN machen seit Monaten Druck. Ihre Botschaft ist klar: In einem problematischen Umfeld entscheidet nicht nur die technologische Stärke über das Wohl oder Wehe, sondern auch, welche bürokratischen Hürden vor den Unternehmen liegen, welche Mehraufwände Unternehmen betreiben müssen und wie schnell Innovationen in den Markt kommen.
Normen: Stille Infrastruktur des Binnenmarkts
Wer Maschinen in Europa verkaufen will, braucht harmonisierte Normen. Sie sind kein bürokratisches Beiwerk, sondern das operative Fundament des freien Warenverkehrs. Technische Regelwerke sind die Grundlage zur Vermarktung von Produkten des Maschinenbaus. Normen erleichtern die Anwendung der Regelwerke und die wirtschaftliche Zusammenarbeit auf nationaler und internationaler Ebene.
In wohl kaum einem anderen Industriesektor haben Normen eine ähnlich hohe Bedeutung wie im Maschinenbau. Die neue EU-Maschinenverordnung stellt die Normenausschüsse vor die große Aufgabe, die Normen auf ihre Konformität mit der neuen gesetzlichen Grundlage zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Das hohe Sicherheitsbedürfnis der Anwender - in Kombination mit der Vielfalt an Maschinentypen - hat über die Jahre zu der erstaunlich großen Anzahl von mehr als 800 harmonisierten Normen unter der europäischen Maschinenrichtlinie geführt.
Über 800 harmonisierte Normen existieren derzeit unter der europäischen Maschinenrichtlinie.
Diese Zahl ist kein Selbstzweck. Sie spiegelt die Komplexität einer Branche wider, die mit fast 3,1 Millionen Beschäftigten in der EU, davon knapp 1,3 Millionen allein in Deutschland, unter den Investitionsgüterindustrien einer der größten Arbeitgeber ist. Und sie zeigt, wie viel auf dem Spiel steht, wenn das Normungssystem ins Stocken gerät.
Das Problem: Zu langsam, zu intransparent
Die Rahmenbedingungen haben sich verändert: Digitalisierung, neue Technologien und globaler Wettbewerb stellen neue Anforderungen an Geschwindigkeit, Flexibilität und internationale Anschlussfähigkeit der Normung. Die EU-Kommission hat deshalb eine Revision angestoßen, die gleich mehrere Ziele verfolgt: die Normungsprozesse zu beschleunigen, neue Technologien besser abzubilden und den Zugang zu Normen zu erleichtern.
Der VDMA benennt die Schwachstellen konkret. Der Normungsauftrag legt den Grundstein für die Erarbeitung harmonisierter Normen und ebnet so den Weg zur Konformitätsvermutung. Mitunter dauert deren Erarbeitung zu lange und ist intransparent. Hier bedarf es Nachbesserungen.
Aus dem VDMA-Positionspapier zur Konsultation der EU-Normungsverordnung (Verordnung (EU) Nr. 1025/2012) wird deutlich, wo der Schuh drückt: Die Normengremien sind im Prüfprozess mit mangelhafter Transparenz und Unsicherheiten bezüglich der Ergebnisse ihrer Arbeit konfrontiert. Die Entscheidungen der Consultants scheinen in vielen Fällen hochgradig individuell. Das kostet Zeit - und Zeit kostet Geld.
Bürokratie als Kostenfaktor: Laut VDMA-Positionspapier 2026 verursacht Bürokratie im Maschinenbau bis zu 6,3 % des Umsatzes an Kosten. Der jährliche Erfüllungsaufwand ist zwischen 2011 und 2025 um 13,2 Milliarden Euro gestiegen. Verzögerungen im Normungsprozess sind Teil dieses Problems.
Die neue Maschinenverordnung als Stresstest
Ab dem 20. Januar 2027 gilt die neue EU-Maschinenverordnung (EU) 2023/1230 verbindlich - und ersetzt die bisherige Maschinenrichtlinie 2006/42/EG. Vernetzung, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und industrielle Security sind alles Punkte, die in der alten Maschinenrichtlinie kaum oder gar nicht berücksichtigt werden. Die neue Verordnung soll das ändern.
Doch der Übergang ist alles andere als reibungslos. Die Europäische Kommission hat am 20. Januar 2025 den finalen Normungsauftrag veröffentlicht. Dieser an CEN/CENELEC gerichtete Beschluss soll künftige Mandate zur Erstellung harmonisierter Normen nach der Maschinenverordnung abdecken. Übergeordnetes Ziel ist die Anknüpfung an das bisherige Mandat nach der Maschinenrichtlinie - so sollen solche Normen auch nach der Maschinenverordnung ein hohes Schutzniveau für Sicherheit und Gesundheit gewährleisten.
Das klingt planvoll. Die Realität ist komplizierter. Bei der festgelegten Verabschiedung der harmonisierten Normen durch CEN/CENELEC Anfang 2026 würden die Normen voraussichtlich bis Mitte 2026 veröffentlicht werden. Danach verbleiben noch sechs Monate bis zur Veröffentlichung der Normen im EU-Amtsblatt nach Maschinenverordnung, die bis spätestens Ende 2026 vorgesehen ist. Das ist ein extrem enger Zeitplan - und er gilt für über 800 zu überprüfende Normen.
Photo: Rodeo Project Management Software / UnsplashDer EuGH-Faktor: Wenn Rechtsfragen das System erschüttern
Zusätzliche Unsicherheit bringt ein laufendes Gerichtsverfahren. In der sogenannten Malamud-Entscheidung stellte der Europäische Gerichtshof am 5. März 2024 fest, dass ein überwiegendes öffentliches Interesse an der Verbreitung von harmonisierten europäischen Normen bestehen kann. Der EuGH entschied, dass diejenigen harmonisierten technischen Normen, die zwingend zu erfüllen sind, Teil des Unionsrechts sind. Da der Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit einen freien Zugang zum Unionsrecht verlangt, müssen diese Normen frei und kostenlos zugänglich sein.
Im Dezember 2024 leiteten ISO und IEC ein Verfahren gegen die Europäische Kommission vor dem EuGH ein (Aktenzeichen T-631/24). Da viele harmonisierte Europäische Normen teilweise oder vollständig auf IEC- und ISO-Normen beruhen - etwa in den Sektoren EMV, Maschinenbau und elektrische Betriebsmittel -, sind auch die internationalen Normungsorganisationen von der Zugänglichmachung durch die Kommission betroffen.
Die Folgen für die Normungsarbeit sind bereits spürbar. Aktuell wird keine neue ISO/IEC-Norm harmonisiert, da man abwartet, was sich bei der Klage der beiden gegen die Europäische Kommission ergibt. Für Maschinenbauer, die auf aktuelle Sicherheitsnormen angewiesen sind, ist das ein konkretes Praxisproblem - nicht nur eine juristische Fußnote.
Industrieanwalt Thomas Klindt von der Kanzlei Noerr hatte bereits früh gewarnt: "Würde der EuGH dieser Auffassung folgen, wäre das bisherige Normungssystem nicht mehr finanzierbar." Er erinnerte daran, dass sich das arbeitsteilige System der Normung in Europa als äußerst effizient erwiesen habe. Vor dem "New Approach" im Jahr 1985 hätten Unternehmen bei der Produktentwicklung die technischen Vorschriften sämtlicher europäischer Staaten kennen und einhalten müssen. Gerade für mittelständische Unternehmen war der Vertrieb außerhalb des Heimatmarkts damit fast unmöglich.
Was VDMA und DIN fordern
Die Überarbeitung der EU-Normungsverordnung soll Europas Normungssystem fit für die Zukunft machen. DIN und VDMA sehen darin eine Chance, das System weiterzuentwickeln und an neue Anforderungen anzupassen.
Konkret geht es dem VDMA um drei Punkte:
- Schnellere Prozesse: Normungsaufträge müssen effizienter abgearbeitet werden, damit harmonisierte Normen rechtzeitig vor dem Inkrafttreten neuer Rechtsvorschriften vorliegen.
- Mehr Transparenz: Die Entscheidungen der HAS-Consultants - also der Prüfer, die harmonisierte Normen auf ihre Rechtskonformität testen - müssen nachvollziehbarer werden.
- Internationale Anschlussfähigkeit: Der größte Teil in Europa produzierter Maschinen wird weltweit vertrieben. Somit braucht es gleiche Anforderungen in Europa, um keinen Wettbewerbsnachteil durch unterschiedliche Anforderungen zu erzeugen.
Der VDMA setzt sich für optimierte Normungsprozesse ein, um die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu sichern und den modernen Marktanforderungen gerecht zu werden.
Konjunktur und Normung: Kein Zufall, dass beides gleichzeitig brennt
Die wirtschaftliche Lage macht die Debatte dringlicher. Die Lage im Maschinen- und Anlagenbau ist ohnehin angespannt. Nach einem schwachen Jahresstart 2026 mit einem prognostizierten Produktionsplus von nur einem Prozent und anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten bleibt offen, ob sich die Branche schnell erholen wird. Gerade jetzt brauchen exportorientierte Unternehmen, wie sie für Deutschland typisch sind, verlässliche Rahmenbedingungen und Prozesse, die funktionieren.
Die deutschen Maschinenbau-Exporte sanken 2025 auf knapp 200 Milliarden Euro - ein weiterer Rückgang nach mehreren schwachen Jahren.
Normen schaffen Klarheit, sichern den freien Warenverkehr und erleichtern Innovation. Gleichzeitig geben sie Unternehmen eine Orientierung und reduzieren Aufwand. Ihr Nutzen entfaltet sich jedoch nur dann vollständig, wenn sie rechtzeitig verfügbar und verlässlich anwendbar sind. Genau bei diesen Aspekten kommen die aktuellen Herausforderungen ins Spiel.
Das ist keine abstrakte Systemkritik. Für einen mittelständischen Sondermaschinenbauer, der ein Produkt für den europäischen Markt entwickelt und dabei auf harmonisierte Normen angewiesen ist, die noch nicht vorliegen oder deren Status rechtlich ungeklärt ist, bedeutet das: verzögerte Markteinführung, höhere Rechtsberatungskosten, Wettbewerbsnachteile gegenüber Anbietern aus Märkten mit klareren Regelwerken.
Fazit: Normung ist Industriepolitik
Die Reform der EU-Normungsverordnung ist keine technische Detailfrage für Normenausschüsse. Sie ist ein industriepolitisches Instrument - und zwar eines, das direkt auf die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Maschinenbaus einzahlt.
Standardisierung als strategisches Instrument der Unternehmensführung gehört zu den Kernaufgaben des VDMA. Wer das ernst nimmt, muss auch die Rahmenbedingungen ernst nehmen, unter denen Normen entstehen. Ein System, das zu langsam, zu intransparent und durch Rechtsunsicherheiten gelähmt ist, schadet der Branche - gerade dann, wenn sie ohnehin unter Druck steht.
Die EU-Kommission hat die Revision angestoßen. VDMA und DIN haben ihre Positionen eingebracht. Jetzt kommt es darauf an, dass aus dem Reformprozess tatsächlich ein schnelleres, verlässlicheres Normungssystem entsteht - und nicht nur ein überarbeitetes Bürokratiegerüst.
Martin Brückner ist Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit beim Industrieblatt.





