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700 Milliarden Euro für überholte Waffensysteme? Das IfW rechnet mit Pistorius ab

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft kritisiert Verteidigungsminister Pistorius scharf: Milliarden fließen in Panzer und Fregatten, statt in KI, Drohnen und Robotik. Was steckt hinter dem Streit?

Martin Brückner (KI)
Martin Brückner (KI)Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit
A couple of tanks sitting next to each other
Foto von Defrino Maasy auf Unsplash

Bis 2030 stehen der Bundeswehr rund 700 Milliarden Euro für Modernisierung und Aufrüstung zur Verfügung - eine Summe, die in der Geschichte der Bundesrepublik ihresgleichen sucht. Doch wohin fließt das Geld? Genau diese Frage stellt Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), mit wachsender Schärfe. Seine Antwort ist vernichtend.[1]

"Nichts ist teurer als groteske Ineffizienz in der Rüstung"

Statt die 700 Milliarden Euro gezielt in Waffensysteme der Zukunft zu investieren, gebe Pistorius einen Großteil des Geldes weiter für Panzer, Fregatten und andere veraltete Technologien aus, sagte Schularick der Süddeutschen Zeitung. Das weitgehend kreditfinanzierte Milliardenprogramm, mit dem man bei richtiger Verwendung auch das Wirtschaftswachstum ankurbeln könnte, drohe deshalb weitgehend zu verpuffen.

Das ist kein Randkommentar eines Kritikers von außen. Schularick gilt als einer der Architekten des Bundeswehr-Sondervermögens - und rechnet nun mit dessen Umsetzung ab.

"Nichts ist für die Bevölkerung teurer als die groteske Ineffizienz in der Rüstung", sagte Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

Der Haushalt: Rekordausgaben, fragliche Prioritäten

Die Zahlen sind beeindruckend. Deutschlands Verteidigungsausgaben erreichen 2026 mit 108,2 Milliarden Euro einen Höchststand seit Ende des Kalten Krieges - davon 82,69 Milliarden Euro aus dem regulären Wehretat und 25,51 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Am stärksten profitiert die militärische Beschaffung der Bundeswehr mit einem Ausgabenvolumen von insgesamt 47,88 Milliarden Euro.

Möglich werden die gewaltigen Steigerungen der Verteidigungsausgaben im Vergleich zu den Vorjahren nur durch das 2022 vom Bundestag beschlossene Sondervermögen Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro und durch eine Grundgesetzänderung, die die Verteidigungsausgaben von den Beschränkungen der Schuldenbremse befreite.

Das Geld ist also da. Die Frage ist, ob es in die richtigen Systeme fließt.

Deutschlands Verteidigungsausgaben 2022–2026 (in Mrd. Euro)

KI und Drohnen statt Panzer und Fregatten

Schularicks Kernthese ist so einfach wie provokant: Deutschland investiert in die Kriegsführung von gestern. Statt in Panzer, Schiffe und Soldaten müsse mehr Geld in Drohnen, KI und Robotik fließen. "Wir haben viel Kapital, viel industrielles Know-how und in Teilbereichen auch immer noch hochmoderne Technologien", so der IfW-Chef. "Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren möchten. Das heißt: Statt auf mehr Soldaten, mehr bemannte Fahrzeuge und mehr Kasernen müssen wir - wo immer möglich - auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik setzen."

Das ist kein rein akademisches Argument. Der Ukraine-Krieg liefert täglich Belege dafür, wie dramatisch sich das Verhältnis zwischen Systemkosten und Zerstörungspotenzial verschoben hat. "25 Millionen Euro teure Panzer können von einer Drohne kampfunfähig gemacht werden, die vielleicht 50.000 Euro kostet", sagte Schularick. "Und wir haben die geniale Idee, dem Panzer ein zweites bemanntes System an die Seite zu stellen, um den Panzer zu schützen." Sinnvoller sei, gleich in unbemannte Systeme zu investieren - und zwar für weitaus weniger Geld.

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Das Kosten-Nutzen-Verhältnis moderner Drohnen gegenüber klassischen Panzersystemen ist ein zentrales Argument der IfW-Kritik: Eine Drohne für wenige zehntausend Euro kann ein Millionensystem außer Gefecht setzen — ein Missverhältnis, das die Beschaffungsstrategie der Bundeswehr grundlegend in Frage stellt.

Die Gegenseite: Rheinmetall und das Ministerium

Nicht jeder teilt diese Einschätzung. Rheinmetall-Chef Armin Papperger äußerte sich skeptisch über eine kriegsentscheidende Rolle von Drohnen. "Fakt ist aber auch, dass der aktuelle Krieg zeigt, dass Kriege immer noch mit Panzern und Raketen geführt werden. Das wird sich in Zukunft nicht ändern", sagte Papperger. "Aktuell gibt es eine Menge dieser Narrative, wonach der Krieg der Zukunft nur noch mit Drohnen geführt werde. Ich halte das für Unsinn."

Papperger steht damit in einer langen Tradition: Es ist nicht der erste Abgesang auf den Panzer. Von Lenkraketen über Hubschrauber bis zu Atomwaffen sollten verschiedene Technologien bereits ein Ende der Panzertruppe einläuten. Am Ende war die Lösung stets Anpassungen am Gefährt und wie es eingesetzt wurde - aber kein Verschwinden.

Doch die Zahlen aus der Ukraine sind schwer zu ignorieren. Inzwischen gehen über 90 Prozent der Toten und Verletzten auf beiden Seiten auf das Konto von autonomen Systemen. Der ukrainische Präsidentenberater Oleksandr Kamyschin kommentierte die Debatte trocken: "Inzwischen haben unsere LEGO-Drohnen bereits mehr als 11.000 russische Panzer zerstört."

Auch das Verteidigungsministerium selbst reagierte zurückhaltend auf die IfW-Kritik. Das Ministerium erklärte, die Diskussion werde wahrgenommen, gehe aber an der Sachlage vorbei. Die Bundeswehr müsse bis 2029 bereit sein, gegen einen möglichen Angriff zu schützen.

Nicht nur Technologie - auch Struktur

Schularick beschränkt seine Kritik nicht auf die Frage, welche Waffen gekauft werden. Er moniert auch, wie beschafft wird. Der Ökonom fordert zudem einen zentralen Koordinator für die militärische Beschaffung im Kanzleramt.

Ein einzelnes und zudem "sehr langsames" Ministerium sei mit der Neuorganisation der deutschen und europäischen Verteidigungsstrategie überfordert. Stattdessen sei jemand nötig, "der mit politischer Macht ausgestattet ist, Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenbringt, Friktionen ausräumen kann und alles auf ein Ziel konzentriert".

An der Position sehe Schularick "jemand aus der Wirtschaft - jemand, der technologisch auf der Höhe ist, der gut vernetzt ist und weiß, welche Firma was herstellt, wer wie schnell die Produktion hochfahren oder umstellen kann, woher die Rohstoffe kommen". Er könne sich beispielsweise den früheren Telekom-Vorstandschef René Obermann oder Ex-Airbus-Chef Tom Enders als einen solchen Koordinator im Kanzleramt vorstellen.

Fabrik statt Einzelbestellung

Dahinter steckt ein grundlegend anderes Beschaffungsmodell. Statt hochkomplexe, maßgefertigte Panzer in kleiner Stückzahl oder 200 Flugabwehrraketen zu ordern, müsse es darum gehen, Produktionskapazitäten aufzubauen. "Anders ausgedrückt: Wir bestellen nicht mehr das einzelne Gerät, sondern die ganze Fabrik, die dann im Ernstfall sehr rasch 2.000 statt 200 Raketen pro Jahr produzieren kann", sagte Schularick. Weil sich das Vorhalten einer solchen Fabrik in Friedenszeiten für ein Unternehmen nicht rechne, müsse der Staat eine Prämie dafür zahlen.

Das ist industriepolitisch kein unrealistisches Konzept - es entspricht im Kern dem, was Länder wie die USA oder Israel seit Jahrzehnten praktizieren: staatlich subventionierte Produktionsreserven, die im Ernstfall hochskaliert werden können.

Isometric illustration of a modern defense technology lab: engineers working on drone prototypes and AI screens on the left, contrasted with a classic battle tank blueprint on the right, split composition, neutral industrial setting

Was das für die Industrie bedeutet

Für die deutsche Industrie ist die Debatte mehr als ein sicherheitspolitischer Streit. Die deutsche Wirtschaft könnte enorm von dem Sondervermögen profitieren, wenn sie nur auf die richtigen Technologien setzt. Das ist der eigentliche Hebel: Wer die Beschaffungsstrategie in Richtung KI, Drohnen und Robotik dreht, schafft Nachfrage für Segmente, in denen Deutschland - anders als im klassischen Panzerbau - noch echte Chancen hat, Weltmarktführer zu werden.

Schularick meint, dass sowohl die Bundesregierung als auch die Industrie ihre Herangehensweise bei der Rüstungsbeschaffung vollständig umstellen müssen. Das klingt radikal. Angesichts der Haushaltszahlen und der Erkenntnisse aus dem Ukraine-Krieg ist es vor allem eines: überfällig.

help_outlineWie viel Geld steht der Bundeswehr bis 2030 zur Verfügung?expand_more

Laut IfW-Präsident Moritz Schularick stehen bis 2030 rund 700 Milliarden Euro für die Modernisierung der Bundeswehr bereit — finanziert über den regulären Wehretat, das Sondervermögen und eine Grundgesetzänderung, die Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse ausnimmt.

help_outlineWas kritisiert das IfW konkret an der Beschaffungsstrategie?expand_more

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft kritisiert, dass ein Großteil der Mittel in klassische Systeme wie Panzer und Fregatten fließt, statt in KI, Drohnen, Robotik und Satellitentechnik. Zudem fehle ein zentraler Koordinator, der Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenführt.

help_outlineWie reagiert das Verteidigungsministerium auf die Kritik?expand_more

Das Ministerium erklärte, die Diskussion werde wahrgenommen, gehe aber an der Sachlage vorbei. Die Bundeswehr müsse bis 2029 verteidigungsbereit sein — das setze kurzfristig verfügbare Systeme voraus, nicht nur langfristige Technologieprojekte.

help_outlineWas zeigt der Ukraine-Krieg über die Zukunft der Kriegsführung?expand_more

Der Ukraine-Krieg belegt, dass günstige Drohnen teure gepanzerte Systeme effektiv ausschalten können. Über 90 Prozent der Verluste auf beiden Seiten gehen laut Berichten auf autonome Systeme zurück. Ukrainische Drohnen haben nach Angaben des Präsidentenberaters mehr als 11.000 russische Panzer zerstört.

  1. Werden Milliarden für überholte Waffensysteme verschwendet?
Martin Brückner (KI)

Martin Brückner (KI)

Ressortleiter Energie & Nachhaltigkeit

Umweltingenieur und Energieberater mit Schwerpunkt industrieller Energieeffizienz. Berichtet über Energiekosten, Energiewende in der Industrie, CO2-Regulierung, CSRD und nachhaltige Produktion.